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Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Alphabet
   
Schlag­worte: Kündigung: Außerordentlich, Beleidigung, Diskriminierung
   
Gericht: Arbeitsgericht Berlin
Akten­zeichen: 96 Ca 23147/05
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 05.09.2006
   
Leit­sätze:

1. Es ist ei­nem Ar­beit­ge­ber nicht zu­zu­mu­ten, ei­nen Ar­beit­neh­mer zu beschäfti­gen, der ausländer­feind­li­che Ten­den­zen of­fen zur Schau trägt.

2. Ausländer­feind­li­che Äußerun­gen im Rah­men der be­trieb­li­chen Tätig­keit stel­len grundsätz­lich ei­nen wich­ti­gen Grund zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung dar.

3. Ei­ne Ab­mah­nung ist dann nicht er­for­der­lich, wenn der Ar­beit­neh­mer für sein Ver­hal­ten von vorn­her­ein nicht mit der Dul­dung des Ar­beit­ge­bers rech­nen kann. Kein Ar­beit­neh­mer kann er­war­ten, sein Ar­beit­ge­ber wer­de ausländer­feind­li­che Äußerun­gen dul­den und ei­ne Her­ab­set­zung von an­de­ren Mit­ar­bei­tern im Be­trieb oder gar sei­ner ei­ge­nen Per­son hin­neh­men.

4. Im Zu­sam­men­hang mit ausländer­feind­li­chen Her­abwürdi­gun­gen gilt ein be­son­de­rer Sub­stan­ti­ie­rungs­maßstab. Es ist aus­rei­chend, dass der Tat­kom­plex als sol­cher sub­stan­ti­iert dar­ge­legt wird, oh­ne dass je­de Äußerung des Täters ei­nem ent­spre­chen­den Da­tum, be­zie­hungs­wei­se ei­ner ent­spre­chen­den Uhr­zeit zu­ge­ord­net wer­den muss. Die­ser Maßstab gilt je­den­falls bei jah­re­lan­gen na­he­zu täglich Dis­kri­mi­nie­run­gen und ausländer­feind­li­chen Her­abwürdi­gun­gen, so­fern sich zu­min­dest ex­em­pla­risch der ei­ne oder an­de­re Sach­ver­halt kon­kre­ti­sie­ren lässt.

Vor­ins­tan­zen:
   

Ar­beits­ge­richt Ber­lin
Ge­schZ. (bit­te im­mer an­ge­ben)
96 Ca 23147/05



Verkündet

am 05.09.2006

 


als Ur­kunds­be­am­ter/-in
der Geschäfts­stel­le

 

Im Na­men des Vol­kes


Ur­teil

In Sa­chen

pp

hat das Ar­beits­ge­richt Ber­lin, 96. Kam­mer, auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 05.09.2006
durch den Rich­ter am Ar­beits­ge­richt W.-M. als Vor­sit­zen­der
so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Herrn E. und Frau R.
für Recht er­kannt:

I. Die Kla­ge wird ab­ge­wie­sen.

II. Die Kos­ten des Rechts­streits hat der Kläger zu tra­gen.

III. Der Wert des Streit­ge­gen­stan­des wird auf 16.000,-- EUR fest­ge­setzt.

 

 

 

- 3 -


T a t b e s t a n d

Die Par­tei­en strei­ten um ei­ne frist­lo­se und zwei frist­gemäße Kündi­gun­gen we­gen ausländer­feind­li­cher her­abwürdi­gen­der Äußerun­gen des Klägers ge­genüber ei­nem deut­schen Ar­beits­kol­le­gen pol­ni­scher Her­kunft.

Der Kläger ist 47 Jah­re alt, ver­hei­ra­tet und ei­ner 11jähri­gen Toch­ter zum Un­ter­halt ver­pflich­tet. Er ist seit dem 24. Ju­ni 1991 zu­letzt als Spe­zi­al­wa­gen­fah­rer mit 24 an­de­ren Mit­ar­bei­tern in der Ka­nal­be­triebs­stel­le Wed­ding mit ca. 3.200,-- EUR brut­to mo­nat­lich beschäftigt ge­we­sen. Mit Schrei­ben vom 5. Ok­to­ber 2005 (Bl. 11-12 d.A.), dem Kläger zu­ge­gan­gen am 6. Ok­to­ber 2005 kündig­te die Be­klag­te das Ar­beits­verhält­nis frist­los, hilfs­wei­se frist­gemäß zum 30. Ju­ni 2006. Mit ei­nem wei­te­ren Schrei­ben vom 17. Mai 2006 (Bl. 109-111 d.A.), dem Kläger zu­ge­gan­gen am 22. Mai 2006, kündig­te die Be­klag­te das Ar­beits­verhält­nis noch­mals frist­gemäß zum 31. De­zem­ber 2006.

Mit Wir­kung ab 1. Au­gust 2001 ha­ben die Be­klag­te und der bei ihr ge­bil­de­te Ge­samt­per­so­nal­rat ei­ne Dienst­ver­ein­ba­rung über part­ner­schaft­li­ches Ver­hal­ten am Ar­beits­platz ver­ein­bart. Nach § 2 die­ser Dienst­ver­ein­ba­rung sind al­le Beschäftig­ten zur Ein­hal­tung des Ar­beits­frie­dens, zu ei­nem part­ner­schaft­li­chen Ver­hal­ten und zu ei­nem kol­le­gia­len Mit­ein­an­der ver­pflich­tet. Wei­ter heißt es dort, dass das Ach­tung, Re­spekt und Wertschätzung vor der Persönlich­keit und Würde ei­nes je­den Beschäftig­ten be­deu­te. Nach § 3 die­ser Dienst­ver­ein­ba­rung gehören part­ner­schaft­li­ches Ver­hal­ten und kol­le­gia­les Mit­ein­an­der zu den Führungs­auf­ga­ben im Un­ter­neh­men. Al­le Führungs­kräfte hätten hier Vor­bild­funk­ti­on und nähmen auch dies­bezüglich Führungs­auf­ga­ben und Ver­ant­wort­lich­kei­ten wahr. Nach § 6 die­ser Dienst­ver­ein­ba­rung berät ein Ex­per­ten­team über Vorgänge und Verstöße nach Maßga­be der die­ser Dienst­ver­ein­ba­rung.

Der Per­so­nal­rats­vor­sit­zen­de der Säule Ab­was­ser leg­te am 21. Sep­tem­ber 2005 dem Fach­be­reichs­lei­ter Per­so­nal­ser­vice ein Schrei­ben des Ar­beit­neh­mers G. vom 15. Sep­tem­ber 2005 an den Per­so­nal­rat Ab­was­ser vor. In die­sem Schrei­ben hat­te Herr G. aus­geführt:


„… Seit ei­ni­ger Zeit häufen sich ver­ba­le An­grif­fe und Be­lei­di­gun­gen ge­gen mich we­gen mei­ner pol­ni­schen Her­kunft. Nor­ma­ler­wei­se se­he ich darüber hin­weg, viel­leicht soll es auch ei­ne be­son­de­re Art Hu­mor sein, aber jetzt will ich mir das nicht mehr ge­fal­len las­sen. Ich leis­te gu­te Ar­beit und ar­bei­te mit je­dem ger­ne zu­sam­men, dar­um ver­ste­he

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ich nicht, war­um die Kol­le­gen D. R. und J. L. mich so schlecht be­han­deln. Da­mit sie ver­ste­hen was ich mei­ne hier ei­ni­ge Bei­spie­le:

- Po­len­schwein
- dei­nen Na­men hast du so­wie­so von ei­nem Grab­stein
- un­ter pol­ni­scher Führung ar­bei­te ich nicht
- wenn es Hit­ler noch ge­ben würde wärst du über­haupt nicht hier
- heu­te muß ich wie­der mit dem Pol­la­cken zu­sam­men­ar­bei­ten
- als mein Sohn ge­bo­ren war: wie­der ein Po­len­schwein mehr auf der Welt

Natürlich ha­be ich die Kol­le­gen ge­be­ten, das blei­ben zu las­sen. Aber es fängt im­mer wie­der an. Die Kol­le­gen Di. Ra. und A. Rö. ste­hen als Zeu­gen zur Verfügung.

Ich bit­te Sie um ge­eig­ne­te Un­terstützung, da­mit sol­cher Un­fug in Zu­kunft un­ter­bleibt. Mei­nen Chef – Herrn Sch. – ha­be ich bis­her hier­mit nicht belästigt. Über die­ses Schrei­ben je­doch ist er in­for­miert.“

Am 27. Sep­tem­ber 2005 hörte die Be­klag­te die bei­den be­schul­dig­ten Ar­beit­neh­mer so­wie die Zeu­gen Ra. und G. an. Bei die­sem Gespräch war das Per­so­nal­rats­mit­glied J. B. an­we­send. Der Zeu­ge Rö. hat­te im Hin­blick auf sei­ne Ur­laubs­ab­we­sen­heit am 27. Sep­tem­ber 2005 be­reits un­ter dem 22. Sep­tem­ber ei­ne schrift­li­che Stel­lung­nah­me (Bl. 24 d.A.) ab­ge­ge­ben.

Der Kläger be­strei­tet das Vor­lie­gen von Kündi­gungs­gründen und be­strei­tet, dass ei­ne ord­nungs­gemäße Be­tei­li­gung des Per­so­nal­rats er­folgt sei.

Der Kläger be­strei­tet, über die ein­geräum­ten Be­zeich­nun­gen wie „Po­le“ oder „blöder Po­le“ hin­aus Be­lei­di­gun­gen ge­genüber dem Ar­beit­neh­mer G. be­gan­gen zu ha­ben. Die­ser würde von der Mehr­heit der Kol­le­gen „Po­le“ ge­nannt. Der Kläger be­nennt sie­ben an­de­re Ar­beit­neh­mer der Be­klag­ten in der Ka­nal­be­triebs­stel­le Wed­ding (Bo., K., Kö., L.n, Pa., Pr., Ul.), die bestäti­gen würden, dass sie nie­mals gehört oder ge­se­hen hätten, dass der Kläger Herrn G. dis­kri­mi­niert oder an­ge­fein­det hätte.

Der Kläger be­strei­tet, dass Herr G. sich die be­haup­te­ten Äußerun­gen in der Ver­gan­gen­heit ver­be­ten hätte und dass die An­fein­dun­gen be­reits drei Jah­re an­ge­dau­ert hätten. Der Kläger sei erst­mals in der Anhörung am 27. Sep­tem­ber 2005 mit dem Vor­wurf der Dis­kri­mi­nie­rung ge­genüber Herrn G. kon­fron­tiert wor­den.

Herr G. ha­be sich ei­ner­seits nicht um ei­ne an­de­re Dienstein­tei­lung bemüht und sich an­de­rer­seits auch bis zum Be­kannt­wer­den des Schrei­bens in der Kan­ti­ne im­mer ge­mein­sam mit dem Kläger so­wie den Ar­beit­neh­mern Bo., L., Pa. und Ul. an ei­nem Tisch ge­ses­sen. Da­bei sei­en kei­ne Dis­kri­mi­nie­run­gen ge­genüber Herrn G. er­folgt.

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Noch im Sep­tem­ber ha­be Herr G. dem Kläger an­ge­bo­ten, ihm ei­nen Schein­wer­fer für sein Mo­tor­rad güns­tig aus Po­len mit­zu­brin­gen.

Bis zur Wei­ter­lei­tung sei­nes Brie­fes an den Per­so­nal­rat sei Herr G. nicht we­gen Be­schwer­den, die auf phy­si­sche oder psy­chi­sche Be­las­tun­gen zurück­zuführen­den sei­en, ar­beits­unfähig er­krankt.

Der Kläger meint, dass die Per­so­nal­rats­anhörung vor Aus­spruch der Kündi­gung(en) vom 5. Ok­to­ber 2005 feh­ler­haft sei, weil die Un­ter­rich­tung des Per­so­nal­rats durch die Be­klag­te dort am 5. Ok­to­ber 2005 ein­ge­gan­gen sei, die Be­ra­tung und Be­schluss­fas­sung am glei­chen Ta­ge er­folgt sein sol­le und auch das Kündi­gungs­schrei­ben noch vom glei­chen Tag stam­me. Die Per­so­nal­rats­anhörung vor Aus­spruch der Kündi­gung vom 17. Mai 2006 wer­de mit Nicht­wis­sen be­strit­ten.

Das straf­recht­li­che Er­mitt­lungs­ver­fah­ren ge­gen den Kläger sei ein­ge­stellt wor­den.

Der Kläger be­an­tragt,

1.
fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis des Klägers nicht durch die frist­lo­se Kündi­gung der Be­klag­ten vom 05.10.2005 be­en­det wor­den ist;

2.
fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis des Klägers auch nicht durch die hilfs­wei­se frist­gemäß erklärte Kündi­gung der Be­klag­ten vom 05.10.2005 be­en­det wor­den ist;

3.
fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en nicht durch die Kündi­gung der Be­klag­ten vom 17.05.2006, zu­ge­gan­gen am 22.05.2006, be­en­det wer­den wird;

hilfs­wei­se für den Fall des Ob­sie­gens

4.
die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, den Kläger als Spe­zi­al­wa­gen­fah­rer mit ei­ner wöchent­li­chen Ar­beits­zeit von 38,5 St­un­den und ei­nem mo­nat­li­chen Brut­to­ent­gelt in Höhe von 3.175,06 EUR bis zum rechts­kräfti­gen Ab­schluss des vor­lie­gen­den Ver­fah­rens wei­ter zu beschäfti­gen.

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Die Be­klag­te be­an­tragt,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

hilfs­wei­se

das Ar­beits­verhält­nis ge­gen ei­ne Ab­fin­dungs­zah­lung, de­ren Höhe in das Er­mes­sen des Ge­richts ge­setzt wird, zum 30.06.2005 auf­gelöst.

Zur Per­so­nal­rats­anhörung vor Aus­spruch der Kündi­gung vom 5. Ok­to­ber 2005 trägt die Be­klag­te vor, dass der Per­so­nal­rat mit Anhörungs­schrei­ben vom 4. Ok­to­ber 2005 (Bl. 88-89 d.A.), ein­ge­gan­gen am 5. Ok­to­ber 2005, an­gehört wor­den sei. Die­sem Schrei­ben sei­en das Schrei­ben des Ar­beit­neh­mers R. G. vom 15. Ok­to­ber 2005 (Bl. 23 d.A.) so­wie das Schrei­ben des Ar­beit­neh­mers A. Rö. vom 22. Sep­tem­ber 2005 (Bl. 24 d.A.) bei­gefügt ge­we­sen. In dem Anhörungs­schrei­ben sei aus­geführt wor­den, dass Herr G. un­ter an­de­rem dem Kläger ver­ba­le An­grif­fe und Be­lei­di­gun­gen auf­grund sei­ner pol­ni­schen Her­kunft vor­wer­fe. Dem aus­zugs­wei­se bei­gefügten Sit­zungs­pro­to­koll der Per­so­nal­rats­sit­zung vom 5. Ok­to­ber 2005 (Bl. 126-127 d.A.) sei ei­ne zu­sam­men­fas­sen­de Dar­stel­lung des Sach­ver­hal­tes so­wie der Um­stand zu ent­neh­men, dass der Per­so­nal­rat der außer­or­dent­li­chen, hilfs­wei­se frist­gemäßen Kündi­gung des Klägers ein­stim­mig zu­ge­stimmt ha­be.

Das Kündi­gungs­schrei­ben ha­be das Haus der Be­klag­ten erst am 6. Ok­to­ber 2005 ver­las­sen. Zu­vor sei die Be­klag­te über das Er­geb­nis der Per­so­nal­rats­sit­zung un­ter­rich­tet wor­den.

Vor Aus­spruch der Kündi­gung vom 17. Mai 2006 sei der Per­so­nal­rat mit Schrei­ben vom 12. April 2006 un­ter Beifügung des Schrift­sat­zes vom 7. März 2006 aus die­sem Ver­fah­ren in­for­miert wor­den. Nach Be­ra­tung in der am glei­chen Ta­ge statt­fin­den­den Per­so­nal­rats­sit­zung ha­be der Per­so­nal­rat der Kündi­gung zu­ge­stimmt.

Die Kündi­gung sei auch durch das Ver­hal­ten des Klägers ge­recht­fer­tigt. Der Kläger ha­be den Ar­beit­neh­mer G. na­he­zu täglich durch die Ver­wen­dung von Schimpf­wor­ten statt des Na­mens be­lei­digt, in­dem er Wor­te wie Po­len­schwein, Po­len­fot­ze, Po­la­cke be­nutzt ha­be. Er ha­be volks­ver­het­zen­de Äußerun­gen getätigt, als Kol­le­gen anläss­lich der Ge­burt des zwei­ten Soh­nes des Ar­beit­neh­mers für ein Ge­schenk ge­sam­melt hätten und der Kläger geäußert ha­be, das man das Geld lie­ber zu ei­ner Ab­trei­bung

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hätte nut­zen sol­len und jetzt schon wie­der ei­ne Po­len­sau mehr da sei. Auch ei­ne Äußerung im April/Mai 2005 sei her­abwürdi­gend. Denn der Kläger ha­be auf ei­ne An­wei­sung, den Wa­gen zu säubern erklärt: „Kann der Po­la­cke sau­ber ma­chen, dafür ist er da!“. Bei der mor­gend­li­chen Dienstein­tei­lung ha­be der Kläger re­gelmäßig laut­stark geäußert „Ich fahr nicht mit ei­ner Po­len­sau“, wenn er mit dem Kläger auf ein Fahr­zeug ein­ge­teilt wor­den sei. Anläss­lich ei­ner Au­to­pan­ne des Herrn G. auf dem Weg zur Ar­beit ha­be der Kläger geäußert: „Hof­fent­lich hat sich die Po­len­sau tot­ge­fah­ren“.

Be­vor der Ar­beit­neh­mer G. sich an den Per­so­nal­rat ge­wandt ha­be, ha­be er sei­ne Ab­sicht dem Kläger mit­ge­teilt. Dar­auf ha­be die­ser geäußert „Wenn mir was pas­siert, dann weißt du, was das für dich zu be­deu­ten hat“.

Nach­dem der Ar­beit­neh­mer Rö. be­reits am 22. Sep­tem­ber 2005 in sei­ner schrift­li­che Stel­lung­nah­me aus­geführt ha­be, dass er „die Be­schimp­fun­gen ge­gen den Kol­le­gen R. G.“ bestäti­ge, an­ge­ge­ben ha­be, dass un­ter an­de­rem der Kläger den Kol­le­gen G. re­gelmäßig mit den Wor­ten „Du al­te Po­len­fot­ze“ und „Po­len­dreck­sau“ be­ti­teln würde und er auch die Wor­te gehört ha­be: „Wenn Adolf Hit­ler noch le­ben würde, würdest du nicht hier ar­bei­ten.“, könne das Be­strei­ten des Klägers im Rah­men sei­ner Anhörung un­ter Hin­weis dar­auf, höchs­tens mal „Po­le“ oder „blöder Po­le“ ge­sagt zu ha­ben, nur als Schutz­be­haup­tung ge­wer­tet wer­den.

Zum Zeit­punkt der Ge­burt des Soh­nes des Herrn G. am 9. No­vem­ber 2004 sei anläss­lich die­ses Er­eig­nis­ses ei­ne Samm­lung im Kol­le­gen­kreis durch­geführt wor­den. Da­bei ha­be der Kläger geäußert:

• Das Geld hätte bes­ser auch für ei­ne Ab­trei­bung ge­nom­men wer­den können.
• Wie­der so ein Po­len­schwein ge­bo­ren
• Jetzt nimmt uns noch so’n Po­le die Luft zum At­men

Nach die­sen Er­kennt­nis­sen ha­be die Be­klag­te es als kla­res Er­geb­nis an­ge­se­hen, dass der Kläger „die von Herrn G. be­haup­te­ten ver­ba­len Dis­kri­mi­nie­run­gen und Be­lei­di­gun­gen“ auch wirk­lich be­gan­gen ha­be.

Der Kläger meint, dass der Ar­beit­neh­mer G. die an­geb­li­chen Be­lei­di­gun­gen nicht aus ei­ge­nem Er­le­ben, son­dern nur aus Erzählun­gen Drit­ter ken­ne. Be­son­ders ausländer­feind­lich tre­te nicht er, son­dern der Ar­beit­neh­mer Ra. auf. Herr Ra. las­se

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kei­ne Ge­le­gen­heit aus, die­se zu ver­ba­li­sie­ren. Die dem Kläger vor­ge­wor­fe­nen Dis­kri­mi­nie­run­gen würden zum übli­chen Wort­schatz von Herrn Ra. gehören. Da­zu gehörten auch die im Schrei­ben von Herrn G. erwähn­ten Äußerun­gen.

Der Kläger hält die von der Be­klag­ten be­nann­ten Zeu­gen für un­glaubwürdig und be­gründet die­ses da­mit, dass

• die Vorwürfe An­fang Sep­tem­ber 2005 be­gon­nen hätten, als der Ar­beit­neh­mer G. mit dem Ar­beit­neh­mer Ra. ge­mein­sam zum Dienst ein­ge­teilt ge­we­sen sei;
• der Ar­beit­neh­mer Bo. den Kläger am 20. Sep­tem­ber 2005 um 14:50 Uhr an­ge­ru­fen und ihm mit­ge­teilt hätte, dass er im Um­klei­de­raum ein Gespräch zwi­schen dem Ar­beit­neh­mer G. und dem Ar­beit­neh­mer Ra. mit­be­kom­men hätte, in wel­chem Herr Ra. zu Herrn G. ge­sagt hätte: „Schießt Du sie jetzt end­lich ab oder kippst Du um?“ Auf die Ant­wort des Herrn G., dass er das noch nicht wis­se, ha­be Herr Ra. erklärt: „Ich hab’s wie­der gehört;
• der Herr G. dem Kläger am 19. Ok­to­ber 2005 erklärt ha­be, dass er sich durch die Wor­te „Po­le“ oder „blöder Po­le“ nicht be­lei­digt gefühlt ha­be. Da­zu ha­be Herr G. erklärt, dass er aber nicht wis­se, was mor­gen sei, da er im­mer wie­der neue Sa­chen höre;
• der Ar­beit­neh­mer Rö. mor­gens re­gelmäßig mit dem Hit­ler­gruß in die Kan­ti­ne kom­me.

Gem. § 313 Abs. 2 ZPO in Ver­bin­dung mit § 46 Abs. 2 ArbGG wird we­gen des wei­te­ren Vor­brin¬gens der Par­tei­en im Ein­zel­nen auf den In­halt der ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen, die Ge­gen­stand der münd­li­chen Ver­hand­lung wa­ren, so­wie den In­halt der Sit­zungs­nie­der­schrif­ten und die bei­ge­zo­ge­ne aus dem straf­recht­li­chen Er­mitt­lungs­ver­fah­ren ge­gen den Kläger – 121 Pls 723/06 - Be­zug ge­nom­men.

Die Kam­mer hat Be­weis er­ho­ben über die Äußerun­gen des Klägers ge­genüber dem Kläger und über ihn durch Ver­neh­mung des Zeu­gen A. Rö. und Di. Ra.. We­gen des In­halts sei­ner Aus­sa­ge wird auf die Sit­zungs­nie­der­schrift vom 5. Sep­tem­ber 2006 ver­wie­sen.

 

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E n t s c h e i d u n g s g r ü n d e

Die Kla­ge hat kei­nen Er­folg.

Gem. § 313 Abs. 3 ZPO in Ver­bin­dung mit § 46 Abs. 2 ArbGG be­ruht das Ur­teil, kurz zu­sam­men¬ge­fasst, auf fol­gen­den Erwägun­gen:

1.
Die zulässi­ge Kla­ge ist nicht be­gründet. Denn der Be­klag­ten ist es nicht zu­zu­mu­ten, ei­nen Ar­beit­neh­mer zu beschäfti­gen, der ausländer­feind­li­che Ten­den­zen of­fen zur Schau trägt (so auch be­reits BVerfG vom 2. Ja­nu­ar 1995 – 1 BvR 320/94).

1.1
Ein wich­ti­ger Grund im Sin­ne der Ge­ne­ral­klau­sel des § 626 Abs. 1 BGB für ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung liegt dann vor, wenn Tat­sa­chen ge­ge­ben sind, auf­grund de­rer dem Kündi­gen­den un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­fal­les und un­ter Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses bis zum Ab­lauf der Frist für ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung oder bis zum Ab­lauf ei­ner ver­ein­bar­ten Be­fris­tung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht zu­ge­mu­tet wer­den kann. Kündi­gungs­grund im Sin­ne des § 626 Abs. 1 BGB ist des­halb je­der Sach­ver­halt, der ob­jek­tiv das Ar­beits­verhält­nis mit dem Ge­wicht ei­nes wich­ti­gen Grun­des be­las­tet. Be­lei­digt ein Ar­beit­neh­mer sei­nen Ar­beit­ge­ber, sei­nen Ver­tre­ter, ei­nen Vor­ge­setz­ten oder sei­ne Ar­beits­kol­le­gen grob, d. h. wenn die Be­lei­di­gung nach Form und In­halt ei­ne er­heb­li­che Ehr­ver­let­zung für den Be­tref­fen­den be­deu­tet, stellt dies ei­nen er­heb­li­chen Ver­s­toß ge­gen sei­ne Pflich­ten aus dem Ar­beits­verhält­nis dar und kann ei­nen wich­ti­gen Grund für ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung an sich bil­den (BAG vom 10. Ok­to­ber 2002 – 2 AZR 418/01; BAG vom 6. No­vem­ber 2003 – 2 AZR 177/02). Bei ei­ner auf ei­ne Be­lei­di­gung gestütz­ten Kündi­gung kommt es al­ler­dings nicht auf die straf­recht­li­che Wer­tung, son­dern dar­auf an, ob dem Ar­beit­ge­ber des­we­gen nach dem ge­sam­ten Sach­ver­halt die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses noch zu­zu­mu­ten ist (BAG Ur­teil vom 20. Au­gust 1997 - 2 AZR 620/96). Ausländer­feind­li­chen Äußerun­gen sind als wich­ti­ger Grund für ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung ge­eig­net.

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1.2
Nach dem Er­geb­nis der Be­weis­auf­nah­me steht für die Kam­mer fest, dass der Ar­beit­neh­mer G. je­den­falls mor­gens vor Ar­beits­be­ginn und in der Frühstücks­pau­se vom Kläger re­gelmäßig über meh­re­re Jah­re na­he­zu täglich mit dis­kri­mi­nie­ren­den, be­lei­di­gen­den und volks­ver­het­zen­den ausländer­feind­li­chen Äußerun­gen wie Po­len­sau, Po­len­fot­ze, Po­len­schwein oder Po­la­cke her­ab­gewürdigt wor­den ist. Auch bei der Dienstein­tei­lung äußer­te sich der Kläger her­abwürdi­gend und ausländer­feind­lich über den Kläger, wenn er äußer­te, dass er „nicht mit ei­ner Po­len­sau“ fah­re.

So­weit der Kläger sich in Ab­we­sen­heit des Ar­beit­neh­mers G. über die­sen bzw. des­sen Sohn her­abwürdi­gend und ausländer­feind­lich geäußert hat, recht­fer­tigt die­ses eben­falls die frist­lo­se Kündi­gung. Ob der Kläger Herrn G. persönlich ge­genüber her­abwürdi­gen­de, ausländer­feind­li­che Äußerun­gen von sich gibt oder ob er sich in der Dienst­stel­le ge­genüber an­de­ren Ar­beits­kol­le­gen her­abwürdi­gend und ausländer­feind­lich über den Ar­beit­neh­mer G. äußert, macht da­bei kei­nen Un­ter­schied.

1.3
Dass der Kläger die ent­spre­chen­den Äußerun­gen von sich ge­ge­ben hat, ist durch das Er­geb­nis der Be­weis­auf­nah­me durch Ver­neh­mung des Zeu­gen Rö. und Ra. bestätigt. Die Kam­mer hat­te kei­ne Zwei­fel an der Glaubwürdig­keit des Zeu­gen Ra. und nach Ver­neh­mung des Zeu­gen Ra. auch nicht mehr an der Glaubwürdig­keit des Zeu­gen Rö.. Bei­de Zeu­gen ha­ben den Sach­ver­halt flüssig und im sicht­ba­ren Bemühen um Er­in­ne­rung ge­schil­dert. So­weit die Kläger­ver­tre­te­rin in der Aus­ein­an­der­set­zung mit den Zeu­gen­aus­sa­gen bemängelt hat, dass die Zeu­gen sich ex­akt an die glei­chen Sach­ver­hal­te er­in­nert hätten, hat der Be­klag­ten­ver­tre­ter für die Kam­mer nach­voll­zieh­bar ge­schil­dert, dass auf die Auf­la­ge des Ge­richts vom 1. Fe­bru­ar 2006 die Be­klag­te sich mit den Zeu­gen zu­sam­men­ge­setzt ha­be, ob sie sich noch kon­kre­ter Sach­ver­hal­te er­in­nern würden. Da­bei sei­en von den Zeu­gen dem Ar­beit­ge­ber die in die­sem Rechts­streit erörter­ten Sach­ver­hal­te ge­schil­dert wor­den. Im Zu­sam­men­hang mit der Aus­sa­ge bei­der Zeu­gen, dass die Her­abwürdi­gun­gen des Ar­beit­neh­mers G. über meh­re­re Jah­re schon ganz nor­mal ge­we­sen sei­en, ver­wun­dert es nicht, dass die Zeu­gen nur noch Her­abwürdi­gun­gen im Zu­sam­men­hang mit ganz be­son­de­ren Er­eig­nis­sen er­in­ner­ten.

- 11 -


Während der Zeu­ge Rö. bei der Be­weis­auf­nah­me zunächst „sein Pen­sum her­un­ter­spul­te“, was ihm durch die Be­kannt­ga­be der kon­kre­ten Be­weisthe­men in sei­ner La­dung über die ge­bo­te­ne Mit­tei­lung nach § 377 Abs.2 Nr.2 ZPO (Ge­gen­stand der Ver­neh­mung) hin­aus vor­ge­ge­ben war und zwangsläufig zu ei­ner Schwäche der Aus­sa­ge führt (vgl. da­zu Bal­zer, Be­weis­auf­nah­me und Be­weiswürdi­gung im Zi­vil­pro­zess, S. 90) hat er auch zu The­men, die nicht im Be­weis­be­schluss di­rekt ent­hal­ten wa­ren, ei­ne ho­mo­ge­ne Aus­sa­ge ge­macht. So hat er et­wa auf Nach­fra­ge zu dem an­geb­li­chen Be­tre­ten der Kan­ti­ne mit dem Hit­ler­gruß nach­voll­zieh­bar erklärt, dass er den aus der DDR stam­men­den Kol­le­gen Le. mit er­ho­be­ner oder aus­ge­streck­ter Faust und Wor­ten wie „Vorwärts im­mer, rückwärts nim­mer“ oder „So­li­da­rität“ be­grüßt ha­be. Auch die op­ti­sche Un­ter­ma­lung der Aus­sa­ge bezüglich der ausländer­feind­li­chen Her­abwürdi­gun­gen durch Dar­stel­lung der Sitz­ord­nung in der Kan­ti­ne führ­te nach An­sicht der Kam­mer zu ei­ner be­son­de­ren Glaubwürdig­keit, weil der Zeu­ge da­mit die ak­tu­el­le Er­in­ne­rung an die Si­tua­ti­on be­schrieb.

Der Zeu­ge Ra. war für die Kam­mer un­ein­ge­schränkt glaubwürdig. Er schil­der­te De­tails der Her­abwürdi­gun­gen deut­lich über den Be­weis­be­schluss des Ge­richts hin­aus wie et­wa das mor­gend­li­che Tref­fen mit sei­nem da­ma­li­gen Chef Achim Schu­ma­cher. Glaub­haft ver­mit­tel­te der Zeu­ge der Kam­mer sei­ne Be­trof­fen­heit über Aus­sa­gen der Kol­le­gen wie „Zu dem Po­la­cken kanns­te al­les sa­gen, der fin­det so­wie­so kei­nen, der für ihn aus­sagt.“. Glei­ches gilt für die Aus­sa­ge, dass bei Äußerun­gen des Ar­beit­neh­mers G., dass die Her­abwürdi­gun­gen doch un­ter­las­sen wer­den soll­ten der Satz fiel: Ach, jetzt win­selst du schon, Po­le“. Der Hin­weis des Zeu­gen, dass er nach ei­nem Gespräch mit dem Ar­beit­neh­mer G. im Som­mer 2005 zunächst ver­sucht ha­be, in­tern die Her­abwürdi­gun­gen zu be­en­den und erst auf die Re­ak­ti­on ei­nes Kol­le­gen des Klägers, dass er wei­ter­ma­chen wer­de, Zi­vil­cou­ra­ge ge­habt ha­be und be­reit ge­we­sen sei, sich als Zeu­ge zur Verfügung zu stel­len, mach­te die Aus­sa­ge eben­falls un­ein­ge­schränkt glaubwürdig.

1.4
Für die „Ver­schwörungs­theo­rie“ des Klägers fand die Kam­mer kei­ner­lei An­halts­punkt. We­der er­gab sich in der Be­weis­auf­nah­me ir­gend­ei­nen Hin­weis dar­auf noch konn­te der Kläger erläutern mit wel­cher Mo­ti­va­ti­on die Zeu­gen sich ihm ge­genüber hätten ver­schwören sol­len. Auch schil­der­te der Kläger kei­ner­lei kon­kre­ten ge­gen­tei­li­gen Sach­vor­trag über die von der Be­klag­ten dar­ge­leg­ten Gespräche in der Kan­ti­ne oder an an­de­rer Stel­le, son­dern be­schränk­te sich dar­auf, die Be­haup­tun­gen der Be­klag­ten zu

- 12 -

be­strei­ten. Des­halb war ei­ne Ver­neh­mung des Ar­beit­neh­mers G. trotz des im Kam­mer­ter­min am 5.9.2006 von der Kläger­ver­tre­te­rin an­ge­dach­ten er­wei­ter­ten Be­weis­an­tritts zu der Tat­sa­che, dass Herr G. her­abwürdi­gen­de Äußerun­gen nie vom Kläger son­dern im­mer nur von Drit­ter Sei­te gehört ha­be, als Zeu­ge nicht er­for­der­lich.

1.5
Der Hin­weis der Kläger­ver­tre­te­rin, dass das Straf­ver­fah­ren ge­gen den Kläger ein­ge­stellt wor­den sei, ent­las­tet den Kläger auch nicht. Denn ab­ge­se­hen da­von, dass vor dem Ar­beits­ge­richt le­dig­lich ei­ne Ver­trags­pflicht­ver­let­zung und nicht ei­ne straf­recht­li­che Ver­ant­wort­lich­keit ge­prüft wird, ist der Be­klag­ten zu­zu­stim­men, dass im Zu­sam­men­hang mit Dis­kri­mi­nie­rungs- und Mob­bing­vorwürfen in der Recht­spre­chung ein an­de­rer Sub­stan­ti­ie­rungs­maßstab maßgeb­lich ist. Es ist aus­rei­chend, dass der Tat­kom­plex als sol­cher sub­stan­ti­iert dar­ge­legt wird, oh­ne dass je­de Äußerung des Täters ei­nem ent­spre­chen­den Da­tum, be­zie­hungs­wei­se ei­ner ent­spre­chen­den Uhr­zeit zu­ge­ord­net wer­den muss. Un­abhängig da­von, ob die ausländer­feind­li­che Her­abwürdi­gung des Ar­beit­neh­mers G. als Mob­bing zu qua­li­fi­zie­ren ist, gilt die­ser Maßstab je­den­falls auch bei jah­re­lan­gen na­he­zu täglich Dis­kri­mi­nie­run­gen und ausländer­feind­li­chen Her­abwürdi­gun­gen, so­fern sich zu­min­dest ex­em­pla­risch der ei­ne oder an­de­re Sach­ver­halt kon­kre­ti­sie­ren lässt.

Die­ses ist der Be­klag­ten ge­lun­gen, in­dem sie die her­abwürdi­gen­den, ausländer­feind­li­chen Sach­ver­hal­te um die Ge­burt des Soh­nes des Herrn G., die Dienstein­tei­lung und die Au­to­pan­ne des Herrn G. kon­kre­ti­siert hat und die­ses von den Zeu­gen glaubwürdig bestätigt wur­de.

2.
So­weit der Kläger die Per­so­nal­rats­anhörung gerügt hat, war dem nicht (mehr) wei­ter nach­zu­ge­hen, weil Mängel in der Anhörung nicht (mehr) er­sicht­lich sind. Wie das Bun­des­ar­beits­ge­richt zu­letzt mit Ur­teil vom 06.10.2005 - 2 AZR 316/04 noch­mals dar­ge­legt hat, voll­zieht sich die er­for­der­li­che Anhörung des Be­triebs­rats bzw. Per­so­nal­rats bei Kündi­gun­gen in zwei auf­ein­an­der fol­gen­den Ver­fah­rens­ab­schnit­ten. Die­se sind nach ih­rem Zuständig­keits- und Ver­ant­wor­tungs­be­reich von­ein­an­der ab­zu­gren­zen. So hat zunächst der Ar­beit­ge­ber un­ter Be­ach­tung der ge­setz­lich be­schrie­be­nen Er­for­der­nis­se das Anhörungs­ver­fah­ren ein­zu­lei­ten. Im An­schluss dar­an ist es Auf­ga­be des Per­so­nal­rats, sich mit der be­ab­sich­tig­ten Kündi­gung zu be­fas­sen und darüber zu ent­schei­den, ob und wie er Stel­lung neh­men will. Die Tren­nung die­ser bei­den Ver­ant­wor­tungs­be­rei­che ist we­sent­lich für die Ent­schei­dung der Fra­ge, wann

- 13 -

ei­ne Kündi­gung “oh­ne Anhörung des Per­so­nal­rats aus­ge­spro­chen” und des­we­gen un­wirk­sam ist. Da bei der Per­so­nal­rats­anhörung zu Kündi­gun­gen so­wohl dem Ar­beit­ge­ber als auch dem Per­so­nal­rat Feh­ler un­ter­lau­fen können, ermöglicht die­se Ab­gren­zung ei­ne sach­ge­rech­te Ant­wort auf die Fra­ge, wem im Ein­zel­nen ein Feh­ler zu­zu­rech­nen ist. Nur wenn dem Ar­beit­ge­ber bei der ihm ob­lie­gen­den Ein­lei­tung des Anhörungs­ver­fah­rens ein Feh­ler un­terläuft, liegt dar­in ei­ne Ver­let­zung der Be­tei­li­gungs­vor­schrif­ten mit der Fol­ge der Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung. Mängel, die im Ver­ant­wor­tungs­be­reich des Per­so­nal­rats ent­ste­hen, führen grundsätz­lich auch dann nicht zur Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung we­gen feh­ler­haf­ter Anhörung, wenn der Ar­beit­ge­ber im Zeit­punkt der Kündi­gung weiß oder er­ken­nen kann, dass der Per­so­nal­rat die An­ge­le­gen­heit nicht feh­ler­frei be­han­delt hat. Sol­che Feh­ler ge­hen schon des­halb nicht zu Las­ten des Ar­beit­ge­bers, weil der Ar­beit­ge­ber kei­ne wirk­sa­men recht­li­chen Ein­flussmöglich­kei­ten auf die Be­schluss­fas­sung des Per­so­nal­rats hat.

Et­was an­de­res kann aus­nahms­wei­se dann gel­ten, wenn in Wahr­heit kei­ne Stel­lung­nah­me des Gre­mi­ums “Per­so­nal­rat”, son­dern er­kenn­bar z.B. nur ei­ne persönli­che Äußerung des Per­so­nal­rats­vor­sit­zen­den vor­liegt oder der Ar­beit­ge­ber den Feh­ler des Per­so­nal­rats durch un­sach­gemäßes Ver­hal­ten selbst ver­an­lasst hat.

Da die Be­klag­te an­hand von Un­ter­la­gen dar­ge­legt hat, dass der Per­so­nal­rat über den Kündi­gungs­sach­ver­halt hin­rei­chend in­for­miert wor­den ist, der Per­so­nal­rat auch im Rah­men ei­ner Sit­zung über die­sen Sach­ver­halt be­ra­ten und ei­ne Be­schluss­fas­sung her­bei­geführt hat und die Kündi­gung erst nach In­for­ma­ti­on über das Er­geb­nis den Macht­be­reich der Be­klag­ten ver­las­sen hat, ist die Per­so­nal­rats­anhörung nicht zu be­an­stan­den.

3.
Es kann auf sich be­ru­hen, ob die Äußerun­gen des Klägers ge­genüber dem Ar­beit­neh­mer ei­nen Straf­tat­be­stand wie z.B. Volks­ver­het­zung oder Be­lei­di­gung erfüllen. Auf die straf­recht­li­che Be­wer­tung der Hand­lung kommt es für ih­re kündi­gungs­recht­li­che Be­deu­tung nicht ent­schei­dend an. Im kündi­gungs­recht­li­chen Sin­ne be­lei­dig­te der Kläger den Ar­beit­neh­mer G. grob, in­dem er sei­ne Eh­re be­wusst und ge­wollt aus gehässi­gen Mo­ti­ven her­aus kränk­te (sie­he da­zu Krum­mel/Kütt­ner, An­ti­se­mi­tis­mus und Ausländer­feind­lich­keit im Be­trieb, NZA 1996, 67, 74, m.w.N.). Da­mit kann da­hin­ste­hen, ob es in An­be­tracht des am 18. Au­gust 2006 in Kraft ge­tre­te­nen All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes jetzt ei­nen be­son­de­ren Kündi­gungs­grund der "Ausländer­feind­lich­keit" gibt (da­ge­gen nach dem frühe­ren Recht

- 14 -

Ko­rinth, Ar­buR 1993, 105). Denn je­den­falls störte der Kläger die in­ner­be­trieb­li­che Ver­bun­den­heit un­ter den Ar­beit­neh­mern und gefähr­de­te – auch im Zu­sam­men­hang mit der Dienst­ver­ein­ba­rung über part­ner­schaft­li­ches Ver­hal­ten - kon­kret das An­se­hen der Be­klag­ten. Die­se ist - wie je­der Ar­beit­ge­ber - ge­hal­ten, der mit ausländer­feind­li­chen Ver­hal­tens­wei­sen sei­ner Ar­beit­neh­mer ein­her­ge­hen­den Miss­ach­tung en­er­gisch ent­ge­gen­zu­tre­ten, und braucht sie nicht hin­zu­neh­men (vgl. BVerfG Be­schluss vom 2. Fe­bru­ar 1995 - 1 BvR 320/94 und Däubler, Rechts­ex­tre­me im Be­trieb? NJW 2000, 3691, 3692).

Zusätz­lich muss­te die Be­klag­te Herrn G. we­gen der min­des­tens mit­tel­ba­ren Dritt­wir­kung des Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bots des Art. 3 Abs. 3 Satz 1 GG vor ei­ner Be­nach­tei­li­gung auf­grund sei­ner Ab­stam­mung und Hei­mat schützen (so auch ArbG Bre­men Ur­teil vom 29. Ju­ni 1994 - 7 Ca 7160/94).

4.
Ei­ne vor­he­ri­ge Ab­mah­nung war nicht er­for­der­lich, weil der Kläger für sein Ver­hal­ten von vorn­her­ein nicht mit der Dul­dung der Be­klag­ten rech­nen konn­te. Kein Ar­beit­neh­mer kann er­war­ten, sein Ar­beit­ge­ber wer­de ein der­ar­ti­ges Ver­hal­ten dul­den und ei­ne Her­ab­set­zung von an­de­ren Mit­ar­bei­tern im Be­trieb hin­neh­men.

5.
Auch im Rah­men der In­ter­es­sen­abwägung konn­te die außer­or­dent­li­che Kündi­gung nicht als un­wirk­sam an­ge­se­hen wer­den. Ab­ge­se­hen da­von, dass der Kläger mit 47 Jah­ren auf dem all­ge­mei­nen Ar­beits­markt – wenn auch un­ter er­schwer­ten Be­din­gun­gen – noch ei­nen Ar­beits­platz wie­der­er­lan­gen kann, hat er zu sei­nen persönli­chen bzw. fa­mi­liären Verhält­nis­ses kei­ner­lei zu sei­nen Guns­ten zu berück­sich­ti­gen­de Fak­ten vor­ge­tra­gen.

Zwar ist zu­guns­ten des Klägers zu berück­sich­ti­gen, dass je­den­falls nach dem – vom Kläger be­strit­te­nen – Be­klag­ten­vor­trag der zuständi­ge Be­triebs­hof­lei­ter trotz der Dienst­ver­ein­ba­rung über part­ner­schaft­li­ches Ver­hal­ten nicht ein­ge­schrit­ten ist und ganz im Ge­gen­teil dem be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer G. auf des­sen Hin­weis über die Her­abwürdi­gun­gen ge­sagt ha­ben soll, „da hast du wohl die Arsch­kar­te ge­zo­gen“, aber der Kläger hat bis zum Schluss kei­ner­lei Ein­sicht in die Rechts­wid­rig­keit sei­nes Tuns oder auch nur den An­satz von Verständ­nis oder Mit­gefühl für den auf­grund der Vorfälle jetzt seit bei­na­he ei­nem Jahr er­krank­ten Ar­beit­neh­mer G. ge­zeigt.

- 15 -

6.
Gem. § 91 Abs. 1 ZPO in Ver­bin­dung mit § 46 Abs. 2 ArbGG hat der Kläger als die un­ter­le­ge­ne Par­tei die Kos­ten des Rechts­streits zu tra­gen.

Die Ent­schei­dung über den gemäß § 61 Abs. 1 ArbGG im Ur­teil fest­zu­set­zen­den Streit-wert be­ruht auf §§ 46 Abs. 2 ArbGG, § 42 Abs.4 GKG, 3 ZPO. Da­bei wur­de die Kündi­gung vom 5. Ok­to­ber 2005 mit drei Brut­to­mo­nats­gehältern be­wer­tet, die Kündi­gung vom 17.5.2006 so­wie der Wei­ter­beschäfti­gungs­an­trag mit je ei­nem Mo­nats­ein­kom­men.

Rechts­mit­tel­be­leh­rung


Ge­gen die­ses Ur­teil kann von dem Kläger Be­ru­fung ein­ge­legt wer­den.

Die Be­ru­fungs­schrift muss von ei­nem bei ei­nem deut­schen Ge­richt zu­ge­las­se­nen Rechts­an­walt oder ei­nem Ver­tre­ter ei­ner Ge­werk­schaft bzw. ei­ner Ar­beit­ge­ber­ver­ei­ni­gung oder ei­nes Zu­sam­men­schlus­ses sol­cher Verbände ein­ge­reicht wer­den.

Die Be­ru­fungs­schrift muss in­ner­halb


ei­ner Not­frist von ei­nem Mo­nat

bei dem


Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin,
Mag­de­bur­ger Platz 1, 10785 Ber­lin,


ein­ge­gan­gen sein. Die Be­ru­fungs­schrift muss die Be­zeich­nung des Ur­teils, ge­gen das die Be­ru­fung ge­rich­tet wird, so­wie die Erklärung ent­hal­ten, dass Be­ru­fung ge­gen die­ses Ur­teil ein­ge­legt wer­de.

Die Be­ru­fung ist gleich­zei­tig oder in­ner­halb


ei­ner Frist von zwei Mo­na­ten

in glei­cher Form schrift­lich zu be­gründen.

Bei­de Fris­ten be­gin­nen mit der Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­setz­ten Ur­teils, spätes­tens aber mit Ab­lauf von fünf Mo­na­ten nach der Verkündung.

Da­bei ist zu be­ach­ten, dass das Ur­teil mit der Ein­le­gung in den Brief­kas­ten oder ei­ner ähn­li­chen Vor­rich­tung für den Pos­t­emp­fang als zu­ge­stellt gilt. Wird bei der Par­tei ei­ne schrift­li­che Mit­tei­lung ab­ge­ge­ben, dass das Ur­teil auf der Geschäfts­stel­le ei­nes Amts­ge­richts oder ei­ner von der Post be­stimm­ten Stel­le nie­der­ge­legt ist, gilt das Schriftstück mit der Ab­ga­be der schrift­li­chen Mit­tei­lung als zu­ge­stellt, al­so nicht erst mit der Ab­ho­lung der Sen­dung. Das Zu­stel­lungs­da­tum ist auf dem Um­schlag der Sen­dung ver­merkt.

 

 

- 16 -


Für die Be­klag­te ist kei­ne Be­ru­fung ge­ge­ben.

Von der Be­gründungs­schrift wer­den zwei zusätz­li­che Ab­schrif­ten zur Un­ter­rich­tung der eh­ren­amt­li­chen Rich­ter er­be­ten.

Wei­te­re Statt­haf­tig­keits­vor­aus­set­zun­gen er­ge­ben sich aus § 64 Abs.2 ArbGG:
"Die Be­ru­fung kann nur ein­ge­legt wer­den,
a) wenn sie in dem Ur­teil zu­ge­las­sen wor­den ist,
b) wenn der Wert des Be­schwer­de­ge­gen­stan­des 600 Eu­ro über­steigt,
c) in Rechts­strei­tig­kei­ten über das Be­ste­hen, das Nicht­be­ste­hen oder die Kündi­gung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses oder
d) wenn es sich um ein Versäum­nis­ur­teil han­delt, ge­gen das der Ein­spruch an sich nicht statt­haft ist, wenn die Be­ru­fung oder An­schluss­be­ru­fung dar­auf gestützt wird, dass der Fall schuld­haf­ter Versäum­ung nicht vor­ge­le­gen ha­be."

W.M.

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