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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Kündigungsschutzklage, Klagefrist
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 2 AZR 548/08
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 28.05.2009
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Freiburg (Breisgau), 15. Januar 2008, Az: 7 Ca 378/07, Beschluss Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg 10. Kammer, 7. Mai 2008, Az: 10 Sa 26/08, Urteil
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

2 AZR 548/08

10 Sa 26/08

Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am 28. Mai 2009

UR­TEIL

Schmidt, Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Be­klag­te, Be­ru­fungs­be­klag­te und Re­vi­si­onskläge­rin,

pp.

Kläger, Be­ru­fungskläger und Re­vi­si­ons­be­klag­ter,

hat der Zwei­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 28. Mai 2009 durch den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Ey­lert als Vor­sit­zen­den, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Schmitz-Scho­le­mann und Lin­sen­mai­er so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Dr. Sieg und Dr. Grim­berg für Recht er­kannt:


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Auf die Re­vi­si­on der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ba­den-Würt­tem­berg - Kam­mern Frei­burg - vom 7. Mai 2008 - 10 Sa 26/08 - auf­ge­ho­ben.

Die so­for­ti­ge Be­schwer­de des Klägers ge­gen den Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Frei­burg - Kam­mern Vil­lin­gen-Schwen­nin­gen - vom 15. Ja­nu­ar 2008 - 7 Ca 378/07 - wird zurück­ge­wie­sen.

Die Kos­ten­ent­schei­dung - auch über die Kos­ten der Be­ru­fung und der Re­vi­si­on - bleibt dem Schlus­s­ur­teil vor­be­hal­ten.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über die Wirk­sam­keit ei­ner or­dent­li­chen

Kündi­gung, zunächst be­schränkt auf die nachträgli­che Zu­las­sung der vom Kläger ver­spätet er­ho­be­nen Kündi­gungs­schutz­kla­ge.

Der Kläger trat 1991 in die Diens­te der Be­klag­ten. Die Be­klag­te

kündig­te - nach vor­aus­ge­gan­ge­nen Ab­mah­nun­gen - mit Schrei­ben vom 18. Ju­li 2007, zu­ge­gan­gen am 19. Ju­li 2007, das Ar­beits­verhält­nis zum 31. Ja­nu­ar 2008. Der ge­werk­schaft­lich or­ga­ni­sier­te Kläger be­gab sich am 20. Ju­li 2007 mit dem Ziel der Kla­ge­er­he­bung zur Geschäfts­stel­le sei­ner zuständi­gen Ein­zel­ge­werk­schaft, wie tags zu­vor mit dem Geschäftsführer S. der Ge­werk­schaft te­le­fo­nisch be­spro­chen. Da er Herrn S. nicht an­traf, leg­te er der an­we­sen­den Ver­wal­tungs­an­ge­stell­ten F. das Kündi­gungs­schrei­ben vor. Im Zu­sam­men­hang mit Bau­ar­bei­ten wur­den die zur Kla­ge­er­he­bung dien­li­chen Un­ter­la­gen in ei­nen Kel­ler­raum ge­bracht und tauch­ten erst um den 10. Sep­tem­ber 2007 wie­der auf. Die Kla­ge­er­he­bung er­folg­te - durch die DGB Rechts­schutz GmbH - am 13. Sep­tem­ber 2007 und war mit dem An­trag auf nachträgli­che Zu­las­sung der Kündi­gungs­schutz­kla­ge und ei­ner ei­des­statt­li­chen Ver­si­che­rung der Ver­wal­tungs­an­ge­stell­ten F. ver­bun­den.


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Der Kläger hat gel­tend ge­macht, we­der er selbst noch sei­ne Ge­werk

schaft hätten die Frist­versäum­nis ver­schul­det. Zu den Abläufen, die der Kla­ge­er­he­bung vor­aus­gin­gen, hat er mit Ab­wei­chun­gen in den Ein­zel­hei­ten wie folgt vor­ge­tra­gen: Beim Gespräch am 20. Ju­li 2007 sei ein­deu­tig ge­we­sen, dass er ei­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge wünsche. Dies ha­be er in dem Gespräch mit Frau F. klar zum Aus­druck ge­bracht, die die Kündi­gung ko­piert und die not­wen­di­gen Da­ten in den Ar­beits­rechts­bo­gen ein­ge­tra­gen ha­be. Nach sei­ner Er­in­ne­rung ha­be Frau F. zum Schluss sinn­gemäß erklärt, sie wer­de die Un­ter­la­gen Herrn S. ge­ben, der sich dar­um kümme­re, dass die Kla­ge ein­ge­reicht wer­de. Er ha­be aus sei­ner Sicht al­les ge­tan, was zur Er­he­bung ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge not­wen­dig sei. Die Ver­spätung der Kündi­gungs­schutz­kla­ge be­ru­he auf kei­ner struk­tur­be­ding­ten Feh­ler­quel­le, son­dern auf ei­nem Feh­ler ei­ner gut ein­ge­ar­bei­te­ten ver­sier­ten Ver­wal­tungs­an­ge­stell­ten.

Der Kläger hat be­an­tragt,

die Kündi­gungs­schutz­kla­ge nachträglich zu­zu­las­sen.

Die Be­klag­te hat be­an­tragt, den An­trag zurück­zu­wei­sen.

Sie hat auf Wi­dersprüche in den ver­schie­de­nen Dar­stel­lun­gen des

Klägers auf­merk­sam ge­macht und ge­meint, der Kläger ha­be nicht da­von aus­ge­hen können, dass oh­ne sein wei­te­res Zu­tun Kla­ge er­ho­ben wer­de, zu­mal er we­der ei­ne Voll­macht für die DGB Rechts­schutz GmbH un­ter­schrie­ben noch ei­nen Ter­min beim Geschäftsführer er­hal­ten ha­be. Ge­he man da­von aus, dass den Kläger kein ei­ge­nes Ver­schul­den tref­fe, so müsse ihm je­den­falls das Ver­schul­den der Ein­zel­ge­werk­schaft nach § 85 Abs. 2 ZPO zu­ge­rech­net wer­den.

Das Ar­beits­ge­richt hat oh­ne münd­li­che Ver­hand­lung am 15. Ja­nu­ar

2008 den An­trag auf nachträgli­che Zu­las­sung zurück­ge­wie­sen. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat über die so­for­ti­ge Be­schwer­de des Klägers, der das Ar­beits­ge­richt nicht ab­ge­hol­fen hat­te, durch Ur­teil ent­schie­den. Es hat den Be­schluss des Ar­beits­ge­richts als Zwi­schen­ur­teil be­wer­tet, ab­geändert und die Kündi­gungs­schutz­kla­ge nachträglich zu­ge­las­sen. Mit der vom Lan­des­ar­beits-


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ge­richt zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on er­strebt die Be­klag­te die Wie­der­her­stel­lung der ar­beits­ge­richt­li­chen Ent­schei­dung.

Ent­schei­dungs­gründe

Die Re­vi­si­on ist be­gründet. Sie führt in der Sa­che zur Wie­der­her­stel­lung

der ar­beits­ge­richt­li­chen Ent­schei­dung.

A. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat aus­geführt, die Be­schwer­de sei mit
Wir­kung ab 1. April 2008 so zu be­ur­tei­len, als han­de­le es sich bei dem an­ge­grif­fe­nen Be­schluss um ein Zwi­schen­ur­teil und bei dem ein­ge­leg­ten Rechts­mit­tel um ei­ne Be­ru­fung. Dies fol­ge aus der zum 1. April 2008 oh­ne Über­g­angs­vor­schrift in Kraft ge­tre­te­nen Ände­rung von § 5 Abs. 4 KSchG. In der Sa­che hat es dem An­trag statt­ge­ge­ben, da dem Kläger ein Ver­schul­den der An­ge­stell­ten F. in der Ver­wal­tungs­stel­le der Ge­werk­schaft nicht nach § 85 Abs. 2 ZPO zu­ge­rech­net wer­den könne. Die Mit­ar­bei­ter der Ein­zel­ge­werk­schaf­ten sei­en der Funk­ti­on nach nicht Kor­re­spon­denz­anwälten gleich­zu­set­zen. Die Pro­zess­voll­macht sei der DGB Rechts­schutz GmbH er­teilt wor­den, nicht der N. Der DGB Rechts­schutz GmbH sei aber ei­ne di­rek­te Ein­fluss­nah­me auf die Ar­beit und kon­kre­te Pflich­terfüllung der Mit­ar­bei­ter der ju­ris­tisch selbständi­gen Ge­werk­schaf­ten recht­lich nicht möglich. Ob die Or­ga­ni­sa­ti­on der N-Ver­wal­tungs­stel­le man­gel­haft ge­we­sen sei, sei nicht zu über­prüfen. Wie zu ur­tei­len sei, wenn die Feh­ler­quel­le in der Ar­beits­tei­lung zwi­schen Ein­zel­ge­werk­schaft und DGB Rechts­schutz GmbH lie­ge, könne da­hin­ge­stellt blei­ben. Den Kläger tref­fe auch kein Ei­gen­ver­schul­den. Er ha­be sich an die für ihn zuständi­ge Ein­zel­ge­werk­schaft ge­wandt und da­mit das Nöti­ge für die Wahr­neh­mung sei­ner In­ter­es­sen ge­tan. Ei­ne Kon­troll­pflicht, ob die Frist ein­ge­hal­ten wor­den sei, be­ste­he nicht.

B. Dem stimmt der Se­nat nur in Tei­len der Be­gründung zu.

I. Zu Recht hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt § 5 KSchG in der seit dem

1. April 2008 gel­ten­den Fas­sung an­ge­wandt, den ar­beits­ge­richt­li­chen Be­schluss als Zwi­schen­ur­teil be­han­delt und selbst durch Ur­teil ent­schie­den (vgl.

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Se­nat 11. De­zem­ber 2008 - 2 AZR 472/08 - NZA 2009, 692). Das se­hen auch die Par­tei­en so.

II. Mit Ur­teil vom 11. De­zem­ber 2008 hat der Se­nat ent­schie­den, dass der
Ar­beit­neh­mer sich ein Ver­schul­den sei­ner Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten an der Versäum­ung der Kla­ge­frist nach § 85 Abs. 2 ZPO zu­rech­nen las­sen muss (- 2 AZR 472/08 - NZA 2009, 692). Dar­an hält der Se­nat fest.

III. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts kann nichts
an­de­res gel­ten, wenn ei­ne Fach­ge­werk­schaft den Kla­ge­auf­trag ei­nes Mit­glieds empfängt und die Pro­zessführung später an die DGB Rechts­schutz GmbH ab­gibt.

1. Be­vollmäch­tig­ter iSd. § 85 Abs. 2 ZPO ist der­je­ni­ge, dem durch Rechts

geschäft die Be­fug­nis zur ei­gen­ver­ant­wort­li­chen Ver­tre­tung der Par­tei er­teilt wur­de. Vor­aus­set­zung ist al­lein ei­ne Man­da­tie­rung. Es be­darf kei­ner Voll­macht mit dem Um­fang der §§ 81 bis 83 ZPO. Auch wer von der Par­tei nur mit ein­zel­nen Hand­lun­gen be­auf­tragt wur­de, ist in­so­weit Pro­zess­be­vollmäch­tig­ter iSv. § 85 Abs. 2 ZPO (st. Rspr. des BGH, vgl. 10. Ja­nu­ar 2002 - III ZR 62/01 - AP ArbGG 1979 § 11 Pro­zess­ver­tre­ter Nr. 17; Münch­KommZ­PO/v. Met­ten­heim 3. Aufl. § 85 Rn. 15 - 16; Mu­sielak/Weth ZPO 6. Aufl. § 85 Rn. 11). Das gilt auch für die von ei­nem Rechts­schutz su­chen­den Ar­beit­neh­mer be­auf­trag­te Ein­zel­ge­werk­schaft. Die­se wird nicht et­wa nur als - zu über­wa­chen­der - Bo­te tätig. Der Ar­beit­neh­mer will sei­ne An­ge­le­gen­heit viel­mehr mit der Be­auf­tra­gung sei­ner Ein­zel­ge­werk­schaft „in si­che­re Hände“ le­gen und sich um die Kla­ge­er­he­bung nicht mehr kümmern müssen: Er er­wei­tert sei­nen recht­li­chen Wir­kungs­kreis. Das bil­det den ent­schei­den­den Grund für die Ver­schul­dens­zu-rech­nung (BGH 10. Ja­nu­ar 2002 - III ZR 62/01 - AP ArbGG 1979 § 11 Pro­zess­ver­tre­ter Nr. 17; LAG Düssel­dorf 30. Ju­li 2002 - 15 Ta 282/02 - NZA-RR 2003, 80; s. auch Se­nat 11. De­zem­ber 2008 - 2 AZR 472/08 - NZA 2009, 692; APS/Ascheid/Hes­se 3. Aufl. § 5 KSchG Rn. 28a; aA LAG Ba­den-Würt­tem­berg 12. Ju­li 2004 - 12 Ta 10/04 -; dif­fe­ren­zie­rend: v. Ho­y­nin­gen-Hue­ne/Linck KSchG 14. Aufl. § 5 Rn. 28; vgl. auch die Über­sicht über die Recht­spre­chung der Lan­des­ar­beits­ge­rich­te bei KR/Fried­rich 8. Aufl. § 5 KSchG Rn. 69b).


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2. Dies gilt auch dann, wenn die DGB Rechts­schutz GmbH kei­ne Möglich

keit hat, die Tätig­keit der Ein­zel­ge­werk­schaf­ten bei Ent­ge­gen­nah­me der Kla­ge zu über­wa­chen. Die mit den ent­spre­chen­den Be­fug­nis­sen aus­ge­stat­te­ten Mit­ar­bei­ter der Ein­zel­ge­werk­schaft sind selbst Be­vollmäch­tig­te iSd. § 85 Abs. 2 ZPO und müssen Vor­keh­run­gen tref­fen, dass Kla­ge­aufträge an die DGB Rechts­schutz GmbH recht­zei­tig wei­ter­ge­ge­ben wer­den. Ein Grund, für die Rechts­schutz­gewährung durch die im Ar­beits­ge­richts­ver­fah­ren mit ei­ner be­son­de­ren Stel­lung aus­ge­stat­te­ten Verbände ei­ne Aus­nah­me zu ma­chen, ist nicht er­kenn­bar. Die Verbände selbst le­gen großen Wert auf ei­ne dem an­walt­li­chen Rechts­schutz gleich­kom­men­de Qua­lität des ver­band­li­chen Rechts­schut­zes und sind der An­walt­schaft in­zwi­schen auch für das Re­vi­si­ons­recht wei­test­ge­hend gleich­ge­stellt (§ 11 Abs. 2 Satz 2 ArbGG).

IV. Die An­wen­dung die­ser Grundsätze auf den Streit­fall führt zur Zurück-

wei­sung des An­trags auf nachträgli­che Zu­las­sung der ver­späte­ten Kündi­gungs­schutz­kla­ge. Der Kläger hat zwar nicht durch ei­ge­nes Ver­schul­den die Kla­ge­frist versäumt. Ihm ist je­doch das Ver­schul­den sei­ner Ver­tre­ter nach § 85 Abs. 2 ZPO zu­zu­rech­nen.

1. Ein Ei­gen­ver­schul­den des Klägers be­stand nicht. Nach den Fest-

stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts hat der Kläger am 20. Ju­li 2007 das Kündi­gungs­schrei­ben in der Geschäfts­stel­le sei­ner Ge­werk­schaft bei der An­ge­stell­ten F. mit dem Ziel der Kla­ge­er­he­bung ab­ge­ge­ben. Er hat­te da­mit, wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt fest­ge­stellt hat, al­les Nöti­ge zur Wahr­neh­mung sei­ner In­ter­es­sen ge­tan. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Re­vi­si­on muss­te der Kläger nach den nicht mit ei­ner zulässi­gen und be­gründe­ten Ver­fah­rensrüge an­ge­grif­fe­nen Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts nicht da­von aus­ge­hen, er müsse für die Kla­ge­er­he­bung noch ir­gend­et­was ver­an­las­sen. Ei­ne Ver­pflich­tung, sich et­wa durch Nach­fra­ge bei der Ein­zel­ge­werk­schaft oder bei der DGB Rechts­schutz GmbH über die frist­ge­rech­te Kla­ge­er­he­bung zu ver­ge­wis­sern, be­stand nicht. Nach den N-Rechts­schutz-Richt­li­ni­en und der Ar­beits­an­wei­sung zur Be­ar­bei­tung von Rechts­schutzfällen der N be­an­tragt der Ar­beit­neh­mer die Gewährung von Rechts­schutz und die In­an­spruch­nah­me der


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DGB Rechts­schutz GmbH bei der zuständi­gen Ver­wal­tungs­stel­le der N. An die Ent­schei­dung über die Gewährung von Rechts­schutz schließt sich die Be­auf­tra­gung der DGB Rechts­schutz GmbH an. Sie ge­schieht durch die N. Zwi­schen der Ent­schei­dung des Lei­ters der Ver­wal­tungs­stel­le über die Gewährung von Rechts­schutz und der Be­auf­tra­gung der DGB Rechts­schutz GmbH ist ei­ne er­neu­te Ent­schei­dung oder Be­fas­sung des Ar­beit­neh­mers nicht vor­ge­se­hen. Viel­mehr über­gibt die Ver­wal­tungs­stel­le der „DGB-Rechts­stel­le“ das Kos­ten-über­nah­me­for­mu­lar zu­sam­men mit dem Rechts­schutz­fall und die „DGB-Rechts­stel­le“ lei­tet das For­mu­lar mit Kla­ge­ein­rei­chung an das Ge­richt wei­ter. Ei­ne Ob­lie­gen­heit des Ar­beit­neh­mers, sich wie­der selbst um sei­ne An­ge­le­gen­heit zu kümmern, ent­steht erst, wenn die von ihm be­auf­trag­te Ein­zel­ge­werk­schaft die Gewährung von Rechts­schutz ab­lehnt und dies dem Ar­beit­neh­mer mit­teilt.

2. Die Frist­versäum­ung wur­de je­doch durch ein Ver­schul­den der Be­voll-

mäch­tig­ten des Klägers ver­ur­sacht. Die­ses Ver­schul­den muss sich der Kläger gemäß § 85 Abs. 2 ZPO zu­rech­nen las­sen. Er hat ein Man­dats­verhält­nis be­gründet. Da­bei kann da­hin­ste­hen, ob die Ver­wal­tungs­an­ge­stell­te F. selbst Be­vollmäch­tig­te war oder ob sich ei­ne Be­vollmäch­ti­gung al­lein auf den Geschäftsführer der Ge­werk­schaft be­zog.

a) War, was auf­grund des Gesprächs vom 20. Ju­li 2007 sehr na­he­liegt,

der Geschäftsführer be­vollmäch­tigt, so muss er sich das Ver­schul­den der Ver­wal­tungs­an­ge­stell­ten zu­rech­nen las­sen, weil er kei­ner­lei Vor­keh­run­gen ge­trof­fen hat, um Frist­versäum­nis­se bei Kla­gen zu ver­mei­den. Zwar haf­tet der Ar­beit­neh­mer, der sich zur Kla­ge­er­he­bung ei­nes Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten be­dient, nicht für das Ver­schul­den von Hilfs­per­so­nen sei­nes Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten (vgl. Ha­Ko/Gall­ner 3. Aufl. § 5 Rn. 23). In­des gilt dies nur dann, wenn den Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten kein ei­ge­nes Ver­schul­den, et­wa bei der Aus­wahl oder Über­wa­chung der Hilfs­per­son trifft. Im Streit­fall liegt ein Or­ga­ni­sa­ti­ons­ver­schul­den vor.

aa) Auf­grund der ihm ob­lie­gen­den Sorg­falts­pflich­ten muss ein Be­voll-

mäch­tig­ter Vor­keh­run­gen ge­gen Frist­versäum­nis­se tref­fen. Da­zu gehört un-


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ab­ding­bar die Führung ei­nes Fris­ten­ka­len­ders (BAG 31. Ja­nu­ar 2008 - 8 AZR 27/07 - AP BGB § 613a Nr. 340 = EzA BGB 2002 § 613a Nr. 89; 10. Ja­nu­ar 2003 - 1 AZR 70/02 - AP ZPO 1977 § 233 Nr. 80 = EzA ZPO 2002 § 233 Nr. 1; 19. Fe­bru­ar 2002 - 3 AZR 105/00 - EzA ZPO § 233 Nr. 54; BGH 11. Sep­tem­ber 2007 - XII ZB 109/04 - Fam­RZ 2007, 2059). Der Be­vollmäch­tig­te muss Vor­sor­ge tref­fen, dass frist­ge­bun­de­ne An­ge­le­gen­hei­ten nicht, wie hier ge­sche­hen, „spur­los“ ver­schwin­den können. Des­halb genügt ei­ne No­tie­rung der Frist in der Ak­te selbst eben­so we­nig wie die all­ge­mei­ne An­wei­sung, frist­ge­bun­de­ne Tätig­kei­ten so­fort zu er­le­di­gen. Es muss si­cher­ge­stellt wer­den, dass die Sa­che auch dann frist­ge­recht be­ar­bei­tet wird, wenn die Ak­te dem zuständi­gen Be­ar­bei­ter nicht oh­ne­hin vor­liegt oder ihm die Frist ge­ra­de ge­genwärtig ist. Es geht bei dem Er­for­der­nis der Fris­tenüber­wa­chung ge­ra­de dar­um, frist­ge­rech­tes Tätig­wer­den durch ob­jek­ti­ve Ein­rich­tun­gen auch dann zu gewähr­leis­ten, wenn Irrtümer oder Feh­ler vor­kom­men.

bb) Dass hier ent­spre­chen­de or­ga­ni­sa­to­ri­sche Vor­keh­run­gen in der Ge-

schäfts­stel­le der N ge­trof­fen wor­den wären, ist vom Kläger nicht vor­ge­tra­gen wor­den. Die Par­tei, die ei­ne nachträgli­che Zu­las­sung be­gehrt, muss die tatsächli­chen Abläufe verständ­lich und ge­schlos­sen schil­dern, aus de­nen sich er­gibt, auf wel­chen Umständen die Frist­versäum­nis be­ruht. Kann ei­ne Par­tei ei­nen der­ar­ti­gen Sach­ver­halt nicht dar­le­gen, geht dies zu ih­ren Las­ten (BGH 3. Ju­li 2008 - IX ZB 169/07 - NJW 2008, 3501). Dass die Ak­ten in frist­ge­bun­de­nen An­ge­le­gen­hei­ten, wie vom Kläger nachträglich mit­ge­teilt, „al­le ... auf dem Schreib­tisch“ der An­ge­stell­ten lie­gen und ver­wal­tet wer­den, reicht nicht aus. Auch die An­ga­be, die Fris­ten würden von Frau F. „über­wacht“, lässt es an ei­ner Aus­sa­ge zu der ent­schei­den­den Fra­ge feh­len, wie dies ge­schieht.

b) War die Ver­wal­tungs­an­ge­stell­te selbst Be­vollmäch­tig­te iSd. § 85 Abs. 2

ZPO, so liegt auf der Hand, dass sie fahrlässig die Frist­versäum­ung ver­schul­de­te, in­dem sie die Ak­te zu den während des Um­baus aus­ge­la­ger­ten Ak­ten ge­ge­ben hat. Dass die­ser Irr­tum un­ver­meid­bar ge­we­sen wäre, liegt fern und wird auch vom Kläger nicht gel­tend ge­macht.


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3. Zu Un­recht meint der Kläger, we­der er - der al­les zur Kla­ge­er­he­bung

sei­ner­seits Er­for­der­li­che ge­tan ha­be - noch die Ein­zel­ge­werk­schaft sei­en ver­ant­wort­lich für die Frist­versäum­nis. Während bis zur Er­tei­lung des Man­dats der Ar­beit­neh­mer selbst die Ver­ant­wor­tung für die Frist­wah­rung trägt, wie § 5 Abs. 1 KSchG zeigt, muss dies ab dem Zeit­punkt der Man­da­tie­rung für den Be­vollmäch­tig­ten gel­ten. Ei­ne Lücke in dem Sin­ne, dass es nach Zu­gang der Kündi­gung Zei­ten ge­ben könn­te, in der nie­mand für die Frist­wah­rung ver­ant­wort­lich wäre, ent­spricht nicht den ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen in § 5 Abs. 1 KSchG, § 85 Abs. 2 ZPO, die ge­ra­de von ei­ner lücken­lo­sen Ver­ant­wort­lich­keit ent­we­der der Par­tei oder des Be­vollmäch­tig­ten aus­ge­hen. Auch der Ver­gleich mit ei­ner Rechts­schutz­ver­si­che­rung oder ei­ner le­dig­lich zur Er­tei­lung von Rat­schlägen und Auskünf­ten auf­ge­such­ten Stel­le trägt nicht: Die­se Stel­len neh­men ge­ra­de kei­ne Kla­ge­aufträge ent­ge­gen. Sie wer­den auch nicht „be­vollmäch­tigt“. Mit ih­rer Ein­schal­tung er­wei­tert der Rechts­su­chen­de nicht sei­nen Wir­kungs­kreis, son­dern nur sei­ne Kennt­nis­se, und zwar in der Ab­sicht, sei­nen un­veränder­ten Wir­kungs­kreis bes­ser nut­zen zu können.

Ey­lert Schmitz-Scho­le­mann Lin­sen­mai­er

Sieg Grim­berg

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