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Frist zur Er­he­bung ei­ner Kün­di­gungs­schutz­kla­ge

Die Frist zur Er­he­bung ei­ner Kün­di­gungs­schutz­kla­ge läuft auch dann, wenn die Par­tei­en über ei­ne Fort­set­zung des Ar­beits­ver­hält­nis­ses spre­chen: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 02.11.2012, 6 Sa 1754/12

11.01.2013. Wer ei­ne (schrift­li­che) Kün­di­gung vom Ar­beit­ge­ber er­hält, hat ge­mäß § 4 Satz 1 Kün­di­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) drei Wo­chen Zeit, da­ge­gen Kün­di­gungs­schutz­kla­ge zu er­he­ben. Nach Ab­lauf die­ser Kla­ge­frist ist die Kün­di­gung als rechts­wirk­sam an­zu­se­hen, und zwar end­gül­tig (§ 7 KSchG).

Die­se Kla­ge­frist ist kurz, und in vie­len Fäl­len ha­ben Ar­beit­neh­mer ver­ständ­li­che Grün­de da­für, von ei­ner Kla­ge erst ein­mal ab­zu­se­hen. Ein häu­fi­ger Fall sind Ge­sprä­che, die Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer nach Aus­spruch der Kün­di­gung füh­ren und bei de­nen es dar­um geht, ob der Ar­beit­neh­mer ei­ne Ab­fin­dung er­hal­ten soll oder ob es viel­leicht doch ei­ne Mög­lich­keit der wei­te­ren Be­schäf­ti­gung gibt.

Wer als Ar­beit­neh­mer in ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on die drei­wö­chi­ge Kla­ge­frist ver­strei­chen lässt, fühlt sich an der Na­se her­um­ge­führt, wenn der Ar­beit­ge­ber da­nach zu kei­nen Kom­pro­mis­sen mehr be­reit ist. Dann fragt sich, ob man nicht nach­träg­lich Kla­ge er­he­ben könn­te.

Die Mög­lich­keit, ei­ne Kla­ge auch noch nach drei Wo­chen zu­zu­las­sen, be­steht aber ge­mäß § 5 KSchG nur in sel­te­nen Aus­nah­me­fäl­len. Ob da­zu auch der Fall ge­hört, dass die Ar­beits­ver­trags­par­tei­en bis zum letz­ten Tag der Kla­ge­frist über die Kün­di­gung und ih­re Fol­gen ver­han­deln, hat­te vor kur­zem das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg zu ent­schei­den: LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 02.11.2012, 6 Sa 1754/12.

Wann sind Kündigungsschutzklagen nach Ablauf der Klagefrist möglich?

Wie erwähnt kann ei­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge gemäß § 5 KSchG nachträglich zu­ge­las­sen wer­den. Die­ses Schlupf­loch ist aber für ex­trem sel­te­ne Aus­nah­mefälle ge­dacht, z.B. für ei­ne nicht vor­her­seh­ba­re schwe­re Er­kran­kung, die den Ar­beit­neh­mer in den letz­ten Ta­gen vor Frist­ab­lauf zu ei­nem plötz­li­chen Kran­ken­haus­auf­ent­halt zwingt.

Sol­che dra­ma­ti­schen Ent­wick­lun­gen sind sel­ten. Öfter kommt es vor, dass Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer über die Kündi­gung, ei­ne Ab­fin­dung oder ei­ne mögli­che Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses spre­chen, während der letz­te Tag der Kla­ge­frist im­mer näher rückt.

Dann ist der Ar­beit­neh­mer in ei­ner Zwickmühle. Denn wenn er klagt, kann der Ar­beit­ge­ber ver­schnupft re­agie­ren und Ab­fin­dungs­an­ge­bo­te zurück­neh­men, und wenn er nicht klagt, ver­liert er endgültig sei­nen Ar­beits­platz. H

ier fragt sich, ob Ver­hand­lun­gen über Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses, die nach Aus­spruch ei­ner Kündi­gung geführt wer­den, dem Ar­beit­neh­mer viel­leicht ein An­recht auf nachträgli­che Zu­las­sung ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge ge­ben.

Der Fall des LAG: Schwangere Arbeitnehmerin informiert den Arbeitgeber drei Tage vor Ablauf der Klagefrist über die Schwangerschaft - und lässt sich vertrösten

Im Streit­fall hat­te der Ar­beit­ge­ber das Ar­beits­verhält­nis ei­ner Ar­beit­neh­me­rin am Mon­tag, dem 07.11.2011, zu En­de Fe­bru­ar 2012 gekündigt. Mit der Kündi­gung war das An­ge­bot ei­ner Ab­fin­dung von ei­nem Mo­nats­ge­halt ver­bun­den, vor­aus­ge­setzt, die Ar­beit­neh­me­rin würde ge­gen die Kündi­gung bis zum Ab­lauf der Kla­ge­frist kei­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge er­he­ben.

Drei Ta­ge vor Ab­lauf der Kla­ge­frist, am 25.11.2011 (Frei­tag), in­for­mier­te die Ar­beit­neh­me­rin den Geschäftsführer ih­res Ar­beit­ge­bers von ih­rer Schwan­ger­schaft, die am Ta­ge zu­vor erst­mals fest­ge­stellt wor­den war.

Dar­auf­hin sag­te der Geschäftsführer, die Si­tua­ti­on sei nun ei­ne an­de­re und er wer­de sich mit dem Rechts­an­walt der Fir­ma be­spre­chen. Am letz­ten Tag der Kla­ge­frist (am Mon­tag, dem 28.11.2011) teil­te der Geschäftsführer der Ar­beit­neh­me­rin mit, man müsse am nächs­ten Tag mit­ein­an­der über die Kündi­gung re­den. Statt des­sen er­hielt die Ar­beit­neh­me­rin An­fang Ja­nu­ar 2012 ei­ne E-Mail, in der ihr mit­ge­teilt wur­de, dass die Fir­ma an der Wirk­sam­keit der Kündi­gung fest­hal­te. 

Dar­auf­hin reich­te die Ar­beit­neh­me­rin am 16.01.2012 Kündi­gungs­schutz­kla­ge ein und be­an­trag­te die nachträgli­che Zu­las­sung der Kla­ge. Das Ar­beits­ge­richt Ber­lin lehn­te ei­ne nachträgli­che Zu­las­sung ab, wes­halb der Fall beim LAG Ber­lin-Bran­den­burg lan­de­te.

LAG: Wer ohne verbindliche Vereinbarungen von einer fristgemäßen Kündigungsschutzklage absieht, handelt auf eigenes Risiko

Auch das LAG wies den An­trag auf nachträgli­che Kla­ge­zu­las­sung zurück. Zur Be­gründung heißt es:

So­lan­ge der Ar­beit­neh­mer mit sei­nem Ar­beit­ge­ber nach ei­ner schrift­li­chen Kündi­gung kei­ne rechtsgülti­ge Ver­ein­ba­rung über die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses ge­trof­fen we­nigs­tens ei­ne sol­che Zu­sa­ge er­hal­ten hat, han­delt er auf ei­ge­nes Ri­si­ko, wenn er da­von ab­sieht, vor­sorg­lich Kündi­gungs­schutz­kla­ge zu er­he­ben. Die­ses Ri­si­ko war die Kläge­rin hier im Streit­fall ein­ge­gan­gen.

Außer­dem hält der Ar­beit­ge­ber, wenn er dem Ar­beit­neh­mer am letz­ten Tag der Kla­ge­frist ein Gespräch am nächs­ten Tag in Aus­sicht stellt, den Ar­beit­neh­mer nicht "arg­lis­tig" von ei­ner vor­sorg­li­chen Kla­ger­he­bung ab.

Das Ur­teil ist grenz­wer­tig, aber wohl rich­tig. Denn ob­wohl die Kündi­gung ei­ner schwan­ge­ren Ar­beit­neh­me­rin der vor­he­ri­gen Zu­stim­mung der Ar­beits­schutz­behörde be­darf (§ 9 Abs.3 Mut­ter­schutz­ge­setz - MuSchG) und für die­sen Fall die Kla­ge­frist ei­gent­lich erst ab der Be­kannt­ga­be der Ent­schei­dung der Behörde an die Ar­beit­neh­me­rin läuft (§ 4 Satz 4 KSchG), können sich schwan­ge­re Ar­beit­neh­me­rin­nen auf die­se spe­zi­el­le Fris­ten­re­ge­lung nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts nur be­ru­fen, wenn der Ar­beit­ge­ber bei Aus­spruch der Kündi­gung die Sch­an­ger­schaft kann­te (denn nur dann kann die Ar­beit­neh­me­rin da­von aus­ge­hen, dass er ein Zu­stim­mungs­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet hat).

Da­her ha­ben gekündig­te Ar­beit­neh­me­rin­nen, die während der Kla­ge­frist von ih­rer Schwan­ger­schaft er­fah­ren und sie dem Ar­beit­neh­mer post­wen­dend mit­tei­len, zwar den be­son­de­ren Kündi­gungs­schutz gemäß § 9 Abs.1 MuSchG, d.h. die Kündi­gung ist oh­ne Zwei­fel un­wirk­sam. Das müssen die gekündig­ten Ar­beit­neh­me­rin­nen aber in­ner­halb der dreiwöchi­gen Kla­ge­frist gel­tend ma­chen, d.h. sie müssen bin­nen drei Wo­chen nach Zu­gang der Kündi­gung Kündi­gungs­schutz­kla­ge ein­rei­chen.

Die­ser Zeit­druck kann ge­gen En­de der Kla­ge­frist un­fair wer­den, wenn die gekündig­te Ar­beit­neh­me­rin erst we­ni­ge Ta­ge vor Frist­ab­lauf von der Schwan­ger­schaft erfährt, denn da­mit ändert sich ih­re Si­tua­ti­on grund­le­gend. Da­her soll­te man er­war­ten, dass in sol­chen Fällen ei­ne nachträgli­che Kla­ge­zu­las­sung eher als sonst möglich ist. Tatsächlich gibt es zwar ei­ne Son­der­re­ge­lung für gekündig­te schwan­ge­re Ar­beit­neh­me­rin­nen, aber die­se Re­ge­lung gilt nur für den Fall, dass die Be­trof­fe­ne die Schwan­ger­schaft erst nach Ab­lauf der Kla­ge­frist erfährt (§ 5 Abs.1 Satz 2 KSchG). Wer we­ni­ge Ta­ge vor Frist­ab­lauf oder am letz­ten Tag der Frist da­von erfährt, steht sich fris­tenmäßig schlech­ter.

In die­sem ziem­lich spe­zi­el­len Fall (= gekündig­te Ar­beit­neh­me­rin erfährt we­ni­ge Ta­ge vor Ab­lauf der Kla­ge­frist von der Schwan­ger­schaft) schla­gen ei­ni­ge Ge­rich­te vor, der Ar­beit­neh­me­rin min­des­tens drei Werk­ta­ge Über­le­gungs­frist ein­zuräum­en. Denn sonst müss­te ei­ne Schwan­ge­re, die am letz­ten Tag der Kla­ge­frist von der Schwan­ger­schaft erfährt, in wil­dem Ak­tio­nis­mus zum An­walt bzw. zum Ge­richt het­zen.

Aber hier im Streit­fall hat­te die Ar­beit­neh­me­rin die­se drei Werk­ta­ge Über­le­gungs­frist, denn sie konn­te sich am Frei­tag, am Sams­tag und am Mon­tag (28.11.2011) ei­ne Kla­ge über­le­gen.

Fa­zit: Mit ei­ner frist­gemäßen Kündi­gungs­schutz­kla­ge ma­chen Ar­beit­neh­mer in den sel­tens­ten Fällen ei­nen Feh­ler. Nur wenn die Kündi­gung mit ei­nem Ab­fin­dungs­an­ge­bot ver­bun­den wird und die­ses un­ter die Be­din­gung ge­stellt wird, dass der Ar­beit­neh­mer kei­ne Kla­ge er­hebt, kann man sich durch ei­ne Kla­ge ver­schlech­tern. Die­ses Ri­si­ko be­steht aber nur, wenn die Wirk­sam­keit der Kündi­gung un­ge­wis ist. Hier im Streit­fall war aber klar, dass die Kündi­gung in­fol­ge der Schwan­ger­schaft un­wirk­sam war. Da­her war die an­ge­bo­te­ne Ab­fin­dung von ei­nem Mo­nats­ge­halt kein Grund, von ei­ner Kla­ge ab­zu­se­hen.

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Letzte Überarbeitung: 28. Oktober 2016

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