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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Zeugnis: Geheimcode, Zeugnis: Unterschrift
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Hamm
Akten­zeichen: 4 Ta 118/16
Typ: Beschluss
Ent­scheid­ungs­datum: 27.07.2016
   
Leit­sätze: 1. Es ist möglich, in ei­nem Ver­gleich be­stimm­te Vor­ga­ben an ein zu er­tei­len­des Ar­beits­zeug­nis fest­zu­le­gen. Die Erfüllung die­ser Vor­ga­ben kann im We­ge der Zwangs­voll­stre­ckung durch­ge­setzt wer­den. Dies gilt auch dann, wenn die frag­li­che Ver­pflich­tung in an­de­ren Tei­len nicht dem Be­stimmt­heits­er­for­der­nis genügt.

2. Die Er­tei­lung ei­nes Ar­beits­zeug­nis­ses un­ter­liegt der ge­setz­li­chen Schrift­form. Die Un­ter­schrift muss in der Wei­se er­fol­gen, wie der Un­ter­zeich­ner auch sonst wich­ti­ge be­trieb­li­che Do­ku­men­te un­ter­zeich­net. Weicht der Na­mens­zug hier­von ab, liegt le­dig­lich ein Hand­zei­chen vor, das nach § 126 Abs.1 BGB der no­ta­ri­el­len Be­glau­bi­gung oder nach § 129 Abs.2 BGB der no­ta­ri­el­len Be­ur­kun­dung be­darf. Es bleibt of­fen, ob Ar­beits­zeug­nis­se un­ter die­sen Vor­aus­set­zun­gen wirk­sam mit ei­nem Hand­zei­chen un­ter­zeich­net wer­den können.

3. Ei­ne quer zum Zeug­nis­text ver­lau­fen­de Un­ter­schrift be­gründet re­gelmäßig Zwei­fel an des­sen Ernst­haf­tig­keit und verstößt da­mit ge­gen § 109 Abs.2 Satz 2 Ge­wO. Da­bei kommt es nicht auf die sub­jek­ti­ve Zweck­set­zung des Un­ter­zeich­nen­den an.

4. Ei­ne ein­sei­ti­ge Er­le­di­gungs­erklärung ist frei wi­der­ruf­lich, so­lan­ge das Ge­richt noch kei­ne Ent­schei­dung über die Er­le­di­gung in der Haupt­sa­che ge­trof­fen hat.

Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Iserlohn, Beschluss vom 12.02.2016, 5 Ca 1459/15
   

Ak­ten­zei­chen:
4 Ta 118/16
5 Ca 1459/15
ArbG Iser­lohn
Ent­schei­dung vom 27.07.2016

Te­nor:

Die so­for­ti­ge Be­schwer­de der Schuld­ne­rin ge­gen den Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Iser­lohn vom 12.02.2016 – 5 Ca 1459/15 – wird auf ih­re Kos­ten zurück­ge­wie­sen.

Gründe:

I.

Die Schuld­ne­rin wen­det sich ge­gen ei­nen Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Iser­lohn vom 12.02.2016, mit dem ge­gen sie Zwangs­mit­tel fest­ge­setzt wur­den.

Die Kläge­rin war bei der Be­klag­ten seit dem 1.11.1998 als tech­ni­sche und kaufmänni­sche Mit­ar­bei­te­rin beschäftigt und un­mit­tel­bar dem Geschäftsführer der Be­klag­ten un­ter­stellt. Im Rah­men ei­nes Kündi­gungs­schutz­rechts­streits, der vor dem Ar­beits­ge­richt Iser­lohn un­ter dem Ak­ten­zei­chen 5 Ca 2308/14 geführt wur­de, ei­nig­ten sich die Par­tei­en durch ge­richt­li­chen Ver­gleich auf ei­ne Be­en­di­gung ih­res Ar­beits­verhält­nis­ses zum 31.05.2015. Fer­ner ver­pflich­te­te sich die Be­klag­te, der Kläge­rin ein wohl­wol­len­des qua­li­fi­zier­tes Ar­beits­zeug­nis zu er­tei­len.

An­lass für das vor­lie­gen­de Ver­fah­ren war ne­ben ei­nem Streit über Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche der Um­stand, dass die Be­klag­te der Kläge­rin nach­fol­gend zwar ein Ar­beits­zeug­nis er­teil­te, des­sen In­halt zwi­schen den Par­tei­en auch nicht im Streit steht, das je­doch nicht vom Geschäftsführer der Be­klag­ten, son­dern von ih­rem Per­so­nal­re­fe­ren­ten un­ter­zeich­net wur­de.

Im Güte­ter­min am 01.10.2015 schlos­sen die Par­tei­en zur Er­le­di­gung des Rechts­streits ei­nen Ver­gleich, der in Zif­fer 2 fol­gen­de Be­stim­mung enthält:

Die Be­klag­te ver­pflich­tet sich, das der Kläge­rin un­ter dem 31.05.2015 er­teil­te Zeug­nis durch den Geschäftsführer der Be­klag­ten I un­ter­schrei­ben zu las­sen und so­dann der Kläge­rin aus­zuhändi­gen.

Am 19.10.2015 wur­de der Gläubi­ge­rin ei­ne voll­streck­ba­re Aus­fer­ti­gung er­teilt.

Nach Zu­stel­lung des Ver­gleichs stell­te die Gläubi­ge­rin mit Schrift­satz ih­rer Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten vom 10.11.2015 Zwangs­mit­tel­an­trag. Zwi­schen­zeit­lich hat­te die Schuld­ne­rin ihr zwar ein neu­es Ar­beits­zeug­nis über­sandt, das mit dem Nach­na­men ih­res Geschäftsführers ge­zeich­net ist. Der Na­mens­zug ent­spricht aber un­strei­tig nicht des­sen übli­cher Un­ter­schrift, son­dern er­in­nert an ei­ne Art Kin­der­schrift. Die Schuld­ne­rin hat da­zu erklärt, die frag­li­che Un­ter­schrift stam­me von ih­rem Geschäftsführer und se­he nur des­halb et­was an­ders aus, weil die­ser zum Zeit­punkt der Un­ter­zeich­nung ei­nen Schlüssel­bein­bruch er­lit­ten ge­habt ha­be.

Am 12.02.2016, der Schuld­ne­rin zu­ge­stellt am 15.02.2016, er­ließ das Ar­beits­ge­richt Iser­lohn ei­nen Be­schluss mit fol­gen­dem Wort­laut:

Ge­gen die Schuld­ne­rin wird für die in Zif­fer 2 des ge­richt­li­chen Ver­glei­ches vom 01.10.2015 ent­hal­te­ne Ver­pflich­tung zur Un­ter­zeich­nung des der Gläubi­ge­rin un­ter dem 31.05.2015 er­teil­ten Zeug­nis­ses durch den Geschäftsführer der Schuld­ne­rin I und zur Aushändi­gung die­ses Zeug­nis­ses an die Gläubi­ge­rin ein Zwangs­geld in Höhe von 1.000,00 €, er­satz­wei­se für den Fall der Un­ein­bring­lich­keit des Zwangs­gel­des, für je 250,00 € ein Tag Zwangs­haft fest­ge­setzt, zu voll­stre­cken an dem Geschäftsführer der Schuld­ne­rin I.

...

Zur Be­gründung führt das Ar­beits­ge­richt aus, die Schuld­ne­rin könne sich nicht mit Er­folg auf ei­ne et­wai­ge Erfüllung ih­rer Ver­pflich­tung be­ru­fen. Sie sei dar­le­gungs- und be­weis­be­las­tet. Die auf dem Zeug­nis ent­hal­te­ne Un­ter­schrift sei gra­pho­lo­gisch sehr ein­fach. In­wie­weit ein Schlüssel­bein­bruch ei­ne ord­nungs­gemäße Un­ter­schrifts­leis­tung ver­hin­de­re, sei nicht nach­voll­zieh­bar. Selbst wenn es sich um ei­ne Art der Un­ter­schrift des Geschäftsführers der Schuld­ne­rin han­de­le, was nicht plau­si­bel dar­ge­legt und un­ter Be­weis­an­tritt vor­ge­tra­gen sei, läge kei­ne wirk­sa­me Erfüllung vor. Die Ver­pflich­tung aus dem Ver­gleich sei da­hin aus­zu­le­gen, dass der Geschäftsführer der Schuld­ne­rin so un­ter­zeich­nen müsse, wie er im Geschäfts­ver­kehr Do­ku­men­te un­ter­schrei­be. Bei der Höhe des Zwangs­gel­des sei zu berück­sich­ti­gen, dass die Schuld­ne­rin seit über drei Mo­na­ten ih­rer Ver­pflich­tung nicht nach­ge­kom­men sei.

Hier­ge­gen wen­det sich die Schuld­ne­rin mit ih­rer am 25.02.2016 ein­ge­gan­ge­nen so­for­ti­gen Be­schwer­de vom glei­chen Tag, mit der sie im We­sent­li­chen gel­tend macht, ihr Geschäftsführer sei be­reit, ei­des­statt­lich zu ver­si­chern, dass die Un­ter­schrift un­ter dem frag­li­chen Zeug­nis von ihm stam­me. Aus rein öko­no­mi­schen Gründen ha­be sie sich aber ent­schlos­sen, das Zeug­nis neu aus­zu­dru­cken und mit der ak­tu­el­len Un­ter­schrift zu ver­se­hen.

Das Ar­beits­ge­richt Min­den hat der so­for­ti­gen Be­schwer­de der Schuld­ne­rin durch Be­schluss vom 02.03.2016 nicht ab­ge­hol­fen.

Be­reits mit An­schrei­ben vom 26.02.2016 hat­te die Schuld­ne­rin ankündi­gungs­gemäß ein wei­te­res Ar­beits­zeug­nis an die Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten der Gläubi­ge­rin über­sandt. Die­ses trägt auch die übli­che Un­ter­schrift des Geschäftsführers der Schuld­ne­rin. Der Schrift­zug kreuzt aber in ei­nem Win­kel von ca. 30 Grad von links oben nach rechts un­ten den un­ter den Zeug­nis­text ma­schi­nen­schrift­lich ein­ge­setz­ten Fir­men­na­men so­wie nach zwei Leer­zei­len die Na­mens­wie­der­ga­be des Geschäftsführers der Schuld­ne­rin nebst Zu­satz „Geschäftsführung“.

Mit Schrift­satz vom 02.03.2015 hat­ten die Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten der Gläubi­ge­rin zunächst mit­ge­teilt, das Ver­fah­ren ha­be sich nun­mehr er­le­digt, da das Zeug­nis am 01.03.2016 mit der rich­ti­gen Un­ter­schrift ein­ge­gan­gen sei. Mit wei­te­rem Schrift­satz vom 11.03.2016 wur­de die Er­le­di­gungs­erklärung wi­der­ru­fen und gel­tend ge­macht, die Un­ter­schrift sei quer ge­leis­tet wor­den. Dies deu­te dar­auf hin, dass die Schuld­ne­rin mit der Leis­tung der Gläubi­ge­rin nicht zu­frie­den ge­we­sen sei. Die dia­go­nal ab­fal­len­de Un­ter­schrift brin­ge ei­ne deut­li­che Dis­tan­zie­rung zum Aus­druck. Der Geschäftsführer der Schuld­ne­rin müsse ei­ne ho­ri­zon­tal ver­lau­fen­de Un­ter­schrift leis­ten.

Die Schuld­ne­rin hat er­wi­dert, be­reits die ers­te Un­ter­schrift sei „rich­tig“. Ihr Geschäftsführer sei le­dig­lich ver­letzt ge­we­sen. Dies führe nicht zur Nich­terfüllung. Die Echt­heit ei­ner Un­ter­schrift hänge da­von ab, ob der Un­ter­zeich­nen­de die Un­ter­schrift persönlich leis­te. Nun­mehr wer­de que­ru­la­to­risch der Ver­lauf der Un­ter­schrift be­an­stan­det. Wenn die Gläubi­ge­rin die Un­ter­schrift nicht „schön ge­nug“ fin­de, führe dies nicht zu de­ren Un­wirk­sam­keit. Ei­ne Un­zu­frie­den­heit mit ih­ren Leis­tun­gen er­ge­be sich dar­aus nicht, zu­mal sie ein gu­tes Zeug­nis er­hal­ten ha­be.

II.

Die statt­haf­te, ins­be­son­de­re form- und frist­ge­recht ein­ge­leg­te so­for­ti­ge Be­schwer­de der Schuld­ne­rin (§§ 62 Abs. 2, 78 ArbGG, 567, 569, 793, 888 ZPO) ist zulässig, je­doch un­be­gründet.

Zu Recht hat das Ar­beits­ge­richt an­ge­nom­men, dass die Schuld­ne­rin ih­rer Ver­pflich­tung aus dem Ver­gleich vom 1.10.2015 bis­her nicht ord­nungs­gemäß nach­ge­kom­men ist.

Der an­ge­foch­te­ne Zwangs­mit­tel­be­schluss des Ar­beits­ge­richts Iser­lohn vom 12.02.2016 be­ruht auf § 888 Abs. 1 ZPO. Die Schuld­ne­rin war aus Zif­fer 2 des ge­richt­li­chen Ver­gleichs vom 01.10.2015 ver­pflich­tet, der Gläubi­ge­rin ein von ih­rem Geschäftsführer un­ter­schrie­be­nes Zeug­nis aus­zuhändi­gen.

1. Die all­ge­mei­nen Vor­aus­set­zun­gen für die Ein­lei­tung der Zwangs­voll­stre­ckung (Ti­tel, Klau­sel, Zu­stel­lung) sind erfüllt. Die Schuld­ne­rin hat in­so­weit auch kei­ne Einwände vor­ge­bracht.

Die Ver­pflich­tung zur Aushändi­gung ei­nes vom Geschäftsführer der Schuld­ne­rin un­ter­schrie­be­nen Zeug­nis­ses ist hin­rei­chend be­stimmt. Da der Pro­zess­ver­gleich als Voll­stre­ckungs­ti­tel den In­halt und Um­fang der Zwangs­voll­stre­ckung fest­legt und der Schuld­ner staat­li­chen Zwang nur nach sei­ner Maßga­be zu dul­den hat, ist er nur dann voll­stre­ckungsfähig, wenn er den An­spruch des Gläubi­gers aus­weist und In­halt und Um­fang der Leis­tungs­pflicht be­zeich­net. Ob das mit der Voll­stre­ckung des Ver­gleichs be­auf­trag­te Voll­stre­ckungs­or­gan im We­ge der Aus­le­gung ei­nen ent­spre­chen­den In­halt er­mit­teln kann, rich­tet sich nach den für Ti­tel – nicht den für Verträge – gel­ten­den Grundsätzen. Da­nach müssen sich die für die ge­naue Be­stim­mung der Leis­tungs­pflicht maßgeb­li­chen Fak­to­ren aus dem Ti­tel selbst er­ge­ben oder er muss doch je­den­falls sämt­li­che Kri­te­ri­en für sei­ne Be­stimm­bar­keit ein­deu­tig fest­le­gen (Saarländi­sches OLG, Be­schluss vom 13.08.2013 - 5 W 79/15 = MDR 2013, 1311 f.). Bei der Prüfung, wel­che Ver­pflich­tun­gen durch den Voll­stre­ckungs­ti­tel fest­ge­legt wer­den, kann grundsätz­lich nur auf die­sen selbst, nicht da­ge­gen auf an­de­re Schriftstücke zurück­ge­grif­fen wer­den (BAG, Be­schluss vom 15.04.2009 - 3 AZB 93/08 = NZA 2009, 917 ff.). Un­klar­hei­ten über den In­halt der Ver­pflich­tung dürfen nicht aus dem Er­kennt­nis­ver­fah­ren in das Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren ver­la­gert wer­den. Auf­ga­be des Voll­stre­ckungs­ver­fah­rens ist die Klärung der Fra­ge, ob der Schuld­ner ei­ner ti­tu­lier­ten Ver­pflich­tung nach­ge­kom­men ist, nicht aber die Fra­ge, wor­in die­se Ver­pflich­tung be­steht (LAG Hamm, Be­schluss vom 23.03.2011 - 1 Ta 62/11 - ju­ris).

In An­wen­dung die­ser Grundsätze er­gibt sich aus Zif­fer 2 des Ver­gleichs vom 01.10.2015 im We­ge der Aus­le­gung die Ver­pflich­tung der Schuld­ne­rin, der Gläubi­ge­rin ein vom Geschäftsführer der Schuld­ne­rin un­ter­schrie­be­nes Ar­beits­zeug­nis zu er­tei­len und an die­se her­aus­zu­ge­ben. Über den In­halt des Ar­beits­zeug­nis­ses be­steht zwi­schen den Par­tei­en kein Streit, so dass da­hin­ste­hen kann, ob auch die Be­zug­nah­me auf das der Gläubi­ge­rin un­ter dem 31.05.2015 be­reits er­teil­te Ar­beits­zeug­nis für sich ge­nom­men das Be­stimmt­heits­er­for­der­nis erfüllt. Es ist je­den­falls möglich, in ei­nem Ver­gleich be­stimm­te Vor­ga­ben an ein zu er­tei­len­des Ar­beits­zeug­nis fest­zu­le­gen. Die Erfüllung die­ser Vor­ga­ben kann im We­ge der Zwangs­voll­stre­ckung durch­ge­setzt wer­den (vgl. LAG Hamm, Be­schluss vom 04.08.2010 - 1 Ta 196/10 - ju­ris; LAG Schles­wig-Hol­stein, Be­schluss vom 19.09.2013 - 1 Ta 148/13 - ju­ris). Dar­um geht es hier. Die Par­tei­en strei­ten al­lein dar­um, ob der Geschäftsführer der Schuld­ne­rin das Ar­beits­zeug­nis der Gläubi­ge­rin ord­nungs­gemäß un­ter­zeich­net hat. In­so­weit hat Zif­fer 2 des Ver­gleichs vom 01.10.2015 ei­nen be­stimm­ten und da­mit voll­stre­ckungsfähi­gen In­halt.

Auch für die Be­ant­wor­tung der Fra­ge, wel­chen Vor­schrif­ten die Voll­stre­ckung ti­tu­lier­ter Ver­pflich­tun­gen un­ter­liegt, ist der Voll­stre­ckungs­ti­tel aus­zu­le­gen. Er­gibt die Aus­le­gung, dass im Ti­tel ein Her­aus­ga­be­an­spruch mit wei­te­ren sach­be­zo­ge­nen, die her­aus­zu­ge­ben­de Sa­che be­tref­fen­den Hand­lungs­pflich­ten ver­bun­den ist, so kommt - je nach Ge­gen­stand die­ser wei­te­ren Hand­lungs­pflich­ten - ei­ne un­ter­schied­li­che voll­stre­ckungs­recht­li­che Ein­ord­nung in Be­tracht (BGH, Be­schluss vom 07.01.2016 - I ZB 110/14 = NJW 2016, 645 f.). Sol­len et­wa be­reits er­stell­te Ar­beits­pa­pie­re le­dig­lich her­aus­ge­ge­ben wer­den, er­folgt die Zwangs­voll­stre­ckung nach § 883 ZPO. Er­gibt sich aus dem der Zwangs­voll­stre­ckung zu­grun­de lie­gen­den Ti­tel hin­ge­gen, dass auch die Ausfüllung der Ar­beits­pa­pie­re zu er­fol­gen hat, kann der Schuld­ner da­zu durch ei­nen Be­schluss im Sin­ne des § 888 ZPO an­ge­hal­ten wer­den, der zu­gleich dar­auf ge­rich­tet ist, die Her­aus­ga­be durch­zu­set­zen. (LAG Hamm, Be­schluss vom 08.08.2012 - 7 Ta 173/12 - Ju­ris).

Im vor­lie­gen­den Fall geht es um die (ord­nungs­gemäße) Un­ter­schrifts­leis­tung durch den Geschäftsführer der Schuld­ne­rin. Die­se ist nach § 888 Abs. 1 ZPO zu voll­stre­cken, denn bei der Un­ter­schrifts­leis­tung han­delt es sich um ei­ne höchst­persönli­che und da­mit un­ver­tret­ba­re Hand­lung. Dass nach dem In­halt des frag­li­chen Ver­gleichs das un­ter­schrie­be­ne Ar­beits­zeug­nis „so­dann“ an die Gläubi­ge­rin her­aus­zu­ge­ben ist, ver­mag dar­an nichts zu ändern.

2. Die Schuld­ne­rin hat ih­re Ver­pflich­tung aus Zif­fer 2 des Ver­gleichs vom 28.04.2015 bis­her nicht erfüllt.

a) Das ers­te der Gläubi­ge­rin er­teil­te und mit dem Na­mens­zug „I“ ver­se­he­ne Ar­beits­zeug­nis enthält kei­ne Un­ter­schrift des Geschäftsführers der Schuld­ne­rin. Für die zur Wah­rung der ge­setz­li­chen Schrift­form er­for­der­li­che ei­genhändi­ge Un­ter­schrift, wie sie für Ar­beits­zeug­nis­se § 109 Abs.1 Satz 1GewO i.V.m. § 126 Abs.1 BGB vor­schreibt, ist ein die Iden­tität des Un­ter­zeich­nen­den aus­rei­chend kenn­zeich­nen­der Schrift­zug er­for­der­lich, der in­di­vi­du­el­le und ent­spre­chend cha­rak­te­ris­ti­sche Merk­ma­le auf­weist, die ei­ne Nach­ah­mung er­schwe­ren (BAG, Ur­teil vom 06.09.2012 - 2 AZR 585/11 = NJW 2013, 2219 ff.). Die Un­ter­schrift soll die Iden­tität des Aus­stel­lers er­kenn­bar und die Echt­heit der Ur­kun­de gewähr­leis­ten und be­weis­bar ma­chen (Zu­ord­nungs­funk­ti­on) (Stau­din­ger/Her­tel (2012), BGB § 126 Rn. 125; MüKoBGB/Ein­se­le, 7. Aufl. 2015, § 126 BGB Rn. 10). So­bald die Schrift­zei­chen für Drit­te un­be­kannt oder un­verständ­lich sind, ist die Un­ter­schrift als Hand­zei­chen zu wer­ten (So­er­gel/He­f­er­mehl, BGB, 13. Aufl. 1999, § 126 Rn. 16). Ob ein Schrift­zei­chen ei­ne Un­ter­schrift dar­stellt, ist nach dem äußeren Er­schei­nungs­bild zu be­ur­tei­len. Der Wil­le des Un­ter­zeich­nen­den ist nur in­so­weit von Be­deu­tung, als er in dem Schrift­zug sei­nen Aus­druck ge­fun­den hat (BGH, Ur­teil vom 22.10.1993 - V ZR 112/92 = NJW 1994, 55). Die Un­ter­zeich­nung muss in der Wei­se er­fol­gen, wie der Un­ter­zeich­ner im Übri­gen wich­ti­ge be­trieb­li­che Do­ku­men­te un­ter­schreibt; er darf im Zeug­nis kei­ne Un­ter­zeich­nung wählen, die hier­von ab­weicht (Sch­leßmann, Das Ar­beits­zeug­nis, 21. Aufl. 2015, Rn. 483).

Ge­mes­sen dar­an ist das frag­li­che Ar­beits­zeug­nis nicht mit ei­ner Un­ter­schrift des Geschäftsführers der Schuld­ne­rin im Rechts­sin­ne ver­se­hen. Dies gilt auch dann, wenn man den Vor­trag der Schuld­ne­rin zu­grun­de legt und an­nimmt, der Schrift­zug stam­me tatsächlich von ih­rem Geschäftsführer und un­ter­schei­de sich nur des­halb von der sonst übli­chen Un­ter­schrift, weil ihn dar­an zum Zeit­punkt der Auf­brin­gung des Na­mens­zugs ein Schlüssel­bein­bruch ge­hin­dert ha­be. Der Na­mens­zug auf dem Ar­beits­zeug­nis weicht je­den­falls un­strei­tig von der sons­ti­gen Art und Wei­se der Un­ter­schrifts­leis­tung ab. Da­mit lässt sich nicht mehr ein­deu­tig die Iden­tität des Un­ter­zeich­ners fest­stel­len. Die im In­ter­es­se des Schut­zes im Rechts­ver­kehr not­wen­di­ge Echt­heits­ver­mu­tung steht da­mit in Fra­ge. Nach sei­nem äußeren Er­schei­nungs­bild liegt da­her ein sog. Hand­zei­chen vor (zur Ab­gren­zung: OLG Hamm, Be­schluss vom 15.05.2001 - 15 W 21/01 = DB 2001, 2037f.). Es be­darf hier kei­ner Ent­schei­dung, ob und un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen ein Ar­beits­zeug­nis mit ei­nem Hand­zei­chen statt ei­ner Un­ter­schrift ab­ge­schlos­sen wer­den darf. Je­den­falls er­for­dert das Hand­zei­chen nach § 126 Abs. 1 BGB ei­ne no­ta­ri­el­le Be­glau­bi­gung bzw. nach § 129 Abs. 2 BGB ei­ne no­ta­ri­el­le Be­ur­kun­dung, an der es hier fehlt.

b) Auch das zwei­te der Gläubi­ge­rin mit Schrei­ben vom 26.02.2016 über­sand­te Ar­beits­zeug­nis führ­te nicht zur Erfüllung der Ver­pflich­tung der Schuld­ne­rin aus dem Ver­gleich vom 01.10.2015. Zwar ist in­so­weit un­strei­tig, dass die­ses Zeug­nis die Un­ter­schrift des Geschäftsführers der Schuld­ne­rin trägt und die Un­ter­zeich­nung auch mit dem sonst übli­chen Schrift­zug er­folgt ist. Zur Un­wirk­sam­keit der Un­ter­schrift führt aber hier der Um­stand, dass der Schrift­zug nicht par­al­lel zum ma­schi­nen­schrift­li­chen Zeug­nis­text auf das Zeug­nis ge­setzt wur­de, son­dern von links oben nach rechts un­ten ge­kippt wur­de.

Das Zeug­nis darf nach § 109 Abs. 2 Satz 2 Ge­wO kei­ne Merk­ma­le oder For­mu­lie­run­gen ent­hal­ten, die den Zweck ha­ben, ei­ne an­de­re als aus der äußeren Form oder aus dem Wort­laut er­sicht­li­che Aus­sa­ge über den Ar­beit­neh­mer zu tref­fen (vgl. ArbG Kiel, Ur­teil vom 18.04.2013 - 5 Ca 80b/13 = LA­GE § 630 BGB 2002 Nr. 7 zum „Smi­ley“ mit her­un­ter­ge­zo­ge­nem Mund­win­kel). Ei­ne Un­ter­zeich­nung ist da­her un­wirk­sam, wenn sie von der all­ge­mein übli­chen Ge­stal­tung si­gni­fi­kant ab­weicht (Sch­leßmann a.a.O.). Beim Le­ser des Ar­beits­zeug­nis­ses dürfen kei­ne Zwei­fel über die Ernst­haf­tig­keit des Zeug­nis­tex­tes auf­kom­men (LAG Nürn­berg, Be­schluss vom 29.07.2005 - 4 Ta 153/05 = DB 2005, 2476).

Die in­so­weit dar­le­gungs­be­las­te­te Schuld­ne­rin be­haup­tet selbst nicht, dass ihr Geschäftsführer sonst auf Ur­kun­den dia­go­nal un­ter­schreibt. Ei­ne der­ar­ti­ge Form der Un­ter­schrifts­leis­tung ist im Rechts­ver­kehr völlig unüblich. Ein Zeug­nis­le­ser wird dies auf den ers­ten Blick fest­stel­len und sich ver­an­lasst se­hen, sich über den Grund ei­ner der­ar­ti­gen Un­ter­schrifts­leis­tung Ge­dan­ken zu ma­chen. Die von der Gläubi­ge­rin befürch­te­te Möglich­keit, dass dies als ei­ne Dis­tan­zie­rung vom Zeug­nis­text ver­stan­den wird, ist da­bei na­he­lie­gend. Je­den­falls be­gründet die­se Art der Un­ter­schrift er­heb­li­che Zwei­fel an der Ernst­haf­tig­keit des Zeug­nis­tex­tes und ent­wer­tet die­sen vollständig. Die frag­li­che Un­ter­schrift verstößt so­mit ge­gen § 109 Abs. 2 Satz 2 Ge­wO, wo­bei nach Auf­fas­sung der Kam­mer im In­ter­es­se des Rechts­ver­kehrs nicht auf die sub­jek­ti­ve Zweck­set­zung des Un­ter­zeich­ners, son­dern al­lein auf den ob­jek­ti­vier­ten Ein­druck ei­nes durch­schnitt­li­chen Zeug­nis­le­sers ab­ge­stellt wer­den muss. Es ist da­her nicht er­for­der­lich, der Schuld­ne­rin nach­zu­wei­sen, dass sie mit der Art der Un­ter­schrifts­leis­tung tatsächlich den Zweck ver­folgt hat, das der Gläubi­ge­rin er­teil­te Ar­beits­zeug­nis zu ent­wer­ten.

3. Nach al­le­dem hat das Ar­beits­ge­richt zu Recht Zwangs­mit­tel ge­gen die Schuld­ne­rin fest­ge­setzt. Die Höhe der Zwangs­mit­tel wur­de von die­ser nicht ge­son­dert an­ge­grif­fen. Sie be­wegt sich im ge­setz­li­chen Rah­men und hält sich an­ge­sichts der Hartnäckig­keit, mit der sie sich ih­rer Ver­pflich­tung, der Gläubi­ge­rin ein ord­nungs­gemäßes Ar­beits­zeug­nis zu er­tei­len, ent­zieht, im un­ters­ten Be­reich des An­ge­mes­se­nen.

Die so­for­ti­ge Be­schwer­de der Schuld­ne­rin ge­gen den Zwangs­mit­tel­be­schluss des Ar­beits­ge­richts Iser­lohn vom 12.02.2016 war da­her zurück­zu­wei­sen.

Die Kam­mer war an die­ser Ent­schei­dung nicht durch die Er­le­di­gungs­erklärung der Gläubi­ge­rin vom 02.03.2015 ge­hin­dert. So­lan­ge sich die Ge­gen­sei­te der Er­le­di­gungs­erklärung noch nicht an­ge­schlos­sen und das Ge­richt kei­ne Ent­schei­dung über die Er­le­di­gung in der Haupt­sa­che ge­trof­fen hat, ist die (ein­sei­ti­ge) Er­le­di­gungs­erklärung frei wi­der­ruf­lich (BGH, Ur­teil vom 07.06.2001 - 1 ZR 157/98 = NJW 2002, 442 f.). Dies ist hier durch Schrift­satz der Ver­tre­ter der Gläubi­ge­rin vom 11.03.2016 ge­sche­hen.

Die Kos­ten­fol­ge er­gibt sich aus § 891 Satz 3, 97 Abs. 1 ZPO.

An­lass für die Zu­las­sung der Rechts­be­schwer­de be­steht nicht.

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