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Truck­ver­bot bei Star­t­up-Un­ter­neh­men

Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf be­grenzt Be­zah­lung mit Ak­ti­en­op­tio­nen: Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf, Ur­teil vom 30.10.2008, 5 Sa 977/08

28.01.2009. Über­wie­gen­de "Lohn­zah­lung" in Form von Ak­ti­en ei­nes Star­t­up-Un­ter­neh­mens ist ei­ne Form der Be­zah­lung mit Sach­leis­tun­gen.

Ei­ne sol­che Form der Ver­gü­tung ist aber ge­mäß § 107 Abs.2 Ge­wer­be­ord­nung (Ge­wO) nur in Gren­zen recht­lich zu­läs­sig.

Ei­nem Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Düs­sel­dorf zu­fol­ge ist es rechts­wid­rig, wenn ein Star­t­up-Un­ter­neh­men an­stel­le ba­rer Lohn­zah­lung über­wie­gend Be­zugs­rech­te auf stimm­rechts­lo­se Vor­zugs­ak­ti­en ge­währt: LAG Düs­sel­dorf, Ur­teil vom 30.10.2008, 5 Sa 977/08.

Können Startup-Unternehmen ihre Arbeitnehmer mit Aktien oder Bezugsrechten auf Aktien "bezahlen"?

In frühin­dus­tri­el­ler Zeit wur­de Ar­beit häufig noch ge­gen Wa­ren ge­leis­tet.

Die­ses "Truck­sys­tem" (truck = eng­lisch für Tausch­han­del / Na­tu­ral­lohn) war je­doch aus­ge­spro­chen miss­brauchs­anfällig. Ar­beit­ge­ber lie­fer­ten ih­ren Ar­beit­neh­mern über­teu­er­te Wa­ren auf Kre­dit, die Kre­di­te konn­ten nur durch Ar­beit zurück­ge­zahlt wer­den, und so muss­te der lau­fen­de Le­bens­be­darf durch neue Kre­di­te si­cher­ge­stellt wer­den.

Der Ar­beit­ge­ber wälz­te sein Ab­satz­ri­si­ko so zum Teil auf sei­ne Ar­beit­neh­mer ab, und es ent­stan­den ex­trem ge­stei­ger­te Abhängig­kei­ten. Zum Schutz vor dau­er­haf­ter wirt­schaft­li­cher Abhängig­keit eta­blier­ten die In­dus­trie­staa­ten da­her in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts nach und nach erst­mals das so­ge­nann­te Truck­ver­bot.

Vor die­sem his­to­ri­schen Hin­ter­grund wird § 107 Ge­wer­be­ord­nung (Ge­wO) verständ­lich: Da­nach ist das Ar­beits­ent­gelt in Eu­ro zu be­rech­nen und aus­zu­zah­len (Abs. 1).

Nur aus­nahms­wei­se können Sach­bezüge als Teil des Ar­beits­ent­gelts ver­ein­bart wer­den, wenn dies dem In­ter­es­se des Ar­beit­neh­mers oder der Ei­gen­art des Ar­beits­verhält­nis­ses ent­spricht. Die Über­las­sung von Wa­ren auf Kre­dit ist ver­bo­ten, sons­ti­ge Wa­ren­lie­fe­run­gen nur zu den durch­schnitt­li­chen Selbst­kos­ten er­laubt. Der Wert der ver­ein­bar­ten Sach­bezüge oder die An­rech­nung der über­las­se­nen Wa­ren auf das Ar­beits­ent­gelt darf da­bei die Höhe des pfänd­ba­ren Teils des Ar­beits­ent­gelts nicht über­stei­gen, d.h. dem Ar­beit­neh­mer muss im­mer der nicht pfänd­ba­re Teil des Lohns als Bar­lohn ver­blei­ben (Abs. 2).

Klas­si­sche Fälle von Sach­bezügen, die im In­ter­es­se des Ar­beit­neh­mers lie­gen und der Ei­gen­art des Ar­beit­verhält­nis­ses ent­spre­chen, sind Koh­le- und Bier­de­pu­ta­te bei Berg­werks­un­ter­neh­men bzw. Braue­rei­en. Von größerer prak­ti­scher Be­deu­tung ist heu­te die Über­las­sung ei­nes Dienst­wa­gens zum Pri­vat­ge­brauch.

Aber ob­wohl das Truck­sys­tem heu­te kei­ne große Rol­le mehr spielt, kann es Fälle ge­ben, in de­nen Sach­leis­tun­gen recht­lich fragwürdig sind. So muss­te sich das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Düssel­dorf mit der An­wen­dung des Truck­ver­bo­tes auf ein In­ter­net-Star­t­up-Un­ter­neh­men aus­ein­an­der­set­zen (Ur­teil vom 30.10.2008, 5 Sa 977/08).

Der Streitfall: Junges IT-Unternehmen vereinbart Gehalt von 6.480,00 EUR und zahlt nur 1.670,00 EUR aus - der Rest wird "in Aktien" gezahlt

Ein Start-up-Un­ter­neh­men im Soft­ware­be­reich beschäftig­te ei­nen Ar­beit­neh­mer seit En­de No­vem­ber 2007 als We­bre­dak­teur. Für sei­ne Tätig­keit soll­te er als Vergütung 6.480,00 EUR er­hal­ten. Geschäfts­ge­gen­stand der Be­klag­ten ist ei­ne „In­ter­net­platt­form mit neu­ar­ti­ger au­di­tiver Di­men­si­on, die es ermögli­chen soll, nur über ein Head­set mit Funk­ver­bin­dung im In­ter­net zu sur­fen“.

Zwi­schen den Par­tei­en war ver­trag­lich ver­ein­bart, dass das Ge­halt von 6.480 EUR weit über­wie­gend in Be­zugs­rech­ten auf stimm­rechts­lo­se Vor­zugs­ak­ti­en der Ge­sell­schaft und teil­wei­se bar­geld­los ge­zahlt wer­den soll­te. Als die Ak­ti­en der Ge­sell­schaft An­fang 2008 de­potfähig wur­den, soll­te statt mit Be­zugs­rech­ten auf Ak­ti­en mit den Ak­ti­en selbst vergütet wer­den. Der in Eu­ro aus­zu­zah­len­de Be­trag wur­de auf ma­ge­re 1.670 EUR fest­ge­legt.

Be­reits Mit­te Fe­bru­ar 2008 kündig­te der Kläger und er­hob kurz dar­auf Kla­ge vor dem Ar­beits­ge­richt Mönchen­glad­bach: Die Ver­ein­ba­rung über die Ak­ti­en­be­zugs­rech­te sei sit­ten­wid­rig und da­her un­wirk­sam.

Das Ge­richt ers­ter In­stanz hielt die Ver­ein­ba­rung je­doch an­ge­sichts des Fi­xums von rund 10 Eu­ro pro St­un­de und der Chan­ce, am Un­ter­neh­mens­er­folg teil­zu­ha­ben, nicht für sit­ten­wid­rig und wies die Kla­ge ab (Ur­teil vom 29.05.2008, 3 Ca 788/08).

LAG Düsseldorf: Überwiegende "Lohnzahlung" in Form von Aktien eines Startup-Unternehmens ist unzulässig

In zwei­ter In­stanz hat­te der Kläger Er­folg: Das LAG Düssel­dorf gab sei­ner Be­ru­fung statt. Sei­ne Ent­schei­dung stützt das Ge­richt im we­sent­li­chen auf ei­nen Ver­s­toß ge­gen das ge­setz­li­che Ver­bot in § 107 Abs. 2 Satz 1 Ge­wO.

Zu­guns­ten des Un­ter­neh­mens könne zwar da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass Ak­ti­en­be­zugs­rech­te Sach­bezüge im Sin­ne von § 107 Ge­wO sind. Da die Vergütungs­ver­ein­ba­rung aber we­der dem In­ter­es­se des Ar­beit­neh­mers noch der Ei­gen­art sei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses entspräche, sei sie gemäß § 134 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) nich­tig.

Das LAG ver­weist in sei­ner Be­gründung dar­auf, dass mit dem In­ter­es­se des Ar­beit­neh­mers nicht die sub­jek­ti­ve Be­wer­tun­gen des Ein­zel­nen, son­dern sein "wohl­ver­stan­de­nes" In­ter­es­se ge­meint sei. Dies sei im Re­gel­fall bei Sach­bezügen ge­ge­ben, wenn der Ar­beit­neh­mer de­ren Be­zug ver­trag­lich ver­ein­bart ha­be und die Sach­leis­tun­gen selbst nut­zen könne.

Im Ent­schei­dungs­fall, so das Ge­richt, lag es je­doch "mehr oder we­ni­ger in den Ster­nen", ob der Ver­kauf der Be­zugs­rech­te bzw. der da­zu­gehöri­gen Ak­ti­en möglich war. An­ge­sichts die­ser un­si­che­ren Sach­la­ge könne von ei­nem Ei­gen­in­ter­es­se des kla­gen­den Ar­beit­neh­mers nicht mehr aus­ge­gan­gen wer­den.

Außer­dem, so das Ge­richt, ent­spricht die Ver­ga­be von Ak­ti­en / Be­zugs­rech­ten bei ei­nem Un­ter­neh­men im Soft­ware­be­reich auch nicht der "Ei­gen­art des Ar­beits­verhält­nis­ses". Vor al­lem aber stößt sich das LAG an dem ho­hen An­teil des Sach­be­zugs an der Ge­samt­vergütung.

Fa­zit: Die Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf ist im Er­geb­nis rich­tig. Wenn weit mehr als 50 Pro­zent der ver­ein­bar­ten Vergütung mit ei­nem gra­vie­ren­den wirt­schaft­li­chen Un­ter­neh­mer­ri­si­ko be­haf­tet sind, ent­spricht die­se Art der Be­zah­lung nicht dem In­ter­es­se des Ar­beit­neh­mers. Und ein IT-Star­t­up-Un­ter­neh­men hat, was die "Ei­gen­art des Ar­beits­verhält­nis­ses" be­trifft, viel­leicht die recht­li­che Möglich­keit, sei­ne Mit­ar­bei­ter mit Com­pu­tern, Zu­behör oder Soft­ware zu bez­h­ah­len, doch ha­ben Ak­ti­en mit ei­nem IT-Ar­beits­verhält­nis erst ein­mal nichts zu tun.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Vor­gang fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 6. Juli 2016

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