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Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Jahrgang
   
Schlag­worte: Schwerbehinderung, Kündigung: Betriebsbedingt
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Hamm
Akten­zeichen: 2 Sa 49/10
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 30.06.2010
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Iserlohn, Urteil vom 26.11.2009, 4 Ca 2001/09
   

2 Sa 49/10

4 Ca 2001/09 (ArbG Iser­lohn)

 

Verkündet am 30.06.2010

Fou­zai Re­gie­rungs­beschäftig­te als Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le

 

Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm

Im Na­men des Vol­kes

Ur­teil

In dem Ver­fah­ren

hat die 2. Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hamm
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 30.06.2010
durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­tram
so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Gott­schalk und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin
Krau­se

f ü r Recht er­kannt :

 

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Auf die Be­ru­fung des Be­klag­ten wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Iser­lohn vom 26.11.2009 – 4 Ca 2001/09 – ab­geändert.

Die Kla­ge wird ab­ge­wie­sen.

Der Kläger hat die Kos­ten des Rechts­streits zu tra­gen.

Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

Tat­be­stand :

Die Par­tei­en strei­ten um die Wirk­sam­keit der von dem Be­klag­ten auf der Grund­la­ge ei­nes In­ter­es­sen­aus­gleichs mit Na­mens­lis­te aus­ge­spro­che­nen be­triebs­be­ding­ten Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses vom 26.05.2009 zum 30.06.2009. Strei­tig ist ins­be­son­de­re, ob die Kündi­gung gemäß § 85 SGB IX un­wirk­sam ist, weil der Be­klag­te die vor­he­ri­ge Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes nicht ein­ge­holt hat.

Der am 08.07.1956 ge­bo­re­ne, ver­hei­ra­te­te Kläger war bei der G1 S1 GmbH seit dem 01.11.2007 auf­grund ei­nes bis zum 31.10.2009 be­fris­te­ten Ar­beits­verhält­nis als Ma­schi­nen­schlos­ser ge­gen ei­ne Vergütung von 2.300,-- € brut­to mo­nat­lich tätig. Der Kläger ist als schwer­be­hin­der­ter Mensch mit ei­nem Grad der Be­hin­de­rung von 60 an­er­kannt.

Über das Vermögen der G1 S1 GmbH ist am 01.03.2009 das In­sol­venz­ver­fah­ren eröff­net und der Be­klag­te zum In­sol­venz­ver­wal­ter er­nannt wor­den. Die­ser schloss am 20.05.2009 mit dem Be­triebs­rat ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich mit Na­mens­lis­te, auf der sich auch der Na­me des Klägers be­fin­det. Der In­ter­es­sen­aus­gleich verhält sich über die Re­du­zie­rung der Mit­ar­bei­ter­an­zahl von 112 auf 91 Mit­ar­bei­ter.

 

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Um Feh­ler bei der so­zia­len Aus­wahl zu ver­mei­den, hat der Be­klag­te al­len Mit­ar­bei­tern während des In­sol­ven­zeröff­nungs­ver­fah­rens ei­nen Fra­ge­bo­gen zur Ver­vollständi­gung bzw. Über­prüfung der vor­lie­gen­den Da­ten vor­ge­legt. Da­nach wur­de der Fa­mi­li­en­stand, die An­zahl der un­ter­halts­pflich­ti­gen Kin­der und die Schwer­be­hin­de­rung ab­ge­fragt (Bl. 14 GA). Der Kläger hat bei der Fra­ge nach der Schwer­be­hin­de­rung das Feld „nein" an­ge­kreuzt.

Nach Zu­lei­tung ei­ner Ge­samt­per­so­nal­lis­te erörter­ten der Be­klag­te und der Be­triebs­rat am 15.05. und 20.05.2009 die An­zahl der noch für Mai 2009 ge­plan­ten Kündi­gun­gen. Da­bei wur­den die Ver­gleichs­grup­pen, die so­zia­len Da­ten und die Kündi­gungs­gründe erörtert. Nach Dar­stel­lung des Be­klag­ten ist der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de dar­auf hin­ge­wie­sen wor­den, dass mit den Ver­hand­lun­gen zum In­ter­es­sen­aus­gleich zu­gleich das Anhörungs­ver­fah­ren gemäß § 102 Be­trVG ver­bun­den wer­den sol­le. Da­zu heißt es in dem In­ter­es­sen­aus­gleich vom 20.05.2009 un­ter III.:

1. Bei den Ver­hand­lun­gen über den In­ter­es­sen­aus­gleich und der Er­stel­lung der Na­mens­lis­te la­gen dem Be­triebs­rat die So­zi­al­da­ten i. S. des § 1 Abs. 3 KSchG sämt­li­cher Ar­beit­neh­mer vor. Mit der Er­stel­lung der Na­mens­lis­te ist gleich­zei­tig das Anhörungs­ver­fah­ren nach § 102 Be­trVG zur Kündi­gung der in der Na­mens­lis­te ge­nann­ten Ar­beit­neh­mer ein­ge­lei­tet wor­den. Die Erörte­run­gen, die zur Er­stel­lung der Na­mens­lis­te geführt ha­ben, sind gleich­zei­tig die förm­li­chen In­for­ma­tio­nen des Be­triebs­ra­tes über die Kündi­gungs­gründe gem. § 102 Abs. 1 Satz 2 Be­trVG. Dies wur­de dem Be­triebs­rat vor Be­ginn der Ver­hand­lun­gen über den In­ter­es­sen­aus­gleich mit­ge­teilt.

Der Be­triebs­rat hat­te Ge­le­gen­heit, über die be­ab­sich­tig­ten Kündi­gun­gen zu be­ra­ten.

Der Be­triebs­rat gibt fol­gen­de ab­sch­ließen­de Stel­lung­nah­me ab:
Den Kündi­gun­gen stimmt der Be­triebs­rat zu. Der Be­triebs­rat be­trach­tet das Anhörungs­ver­fah­ren da­mit als ab­ge­schlos­sen.

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten wird auf den In­ter­es­sen­aus­gleich vom 20.05.2009 (Bl. 46 - 54 GA) Be­zug ge­nom­men.

 

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Der Kläger hat erst­mals in sei­ner beim Ar­beits­ge­richt am 09.06.2009 ein­ge­gan­ge­nen Kla­ge auf sei­ne Schwer­be­hin­de­rung hin­ge­wie­sen und gel­tend ge­macht, die Kündi­gung sei al­lein des­we­gen un­wirk­sam, weil das In­te­gra­ti­ons­amt die er­for­der­li­che Zu­stim­mung zur Kündi­gung nicht er­teilt ha­be. Er be­strei­te außer­dem die ord­nungs­gemäße Anhörung des Be­triebs­rats.

Der Be­klag­te ver­tritt den Stand­punkt, der Kläger könne sich auf den Schwer­be­hin­der­ten­schutz nicht be­ru­fen, weil er die zu­vor an ihn ge­stell­te Fra­ge un­zu­tref­fend be­ant­wor­tet ha­be. Der Kläger ha­be da­durch über sei­ne Schwer­be­hin­der­ten­ei­gen­schaft getäuscht.

Der Be­klag­te hat nach Kennt­nis von der Schwer­be­hin­de­rung des Klägers die er­for­der­li­che Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes ein­ge­holt und ei­ne wei­te­re vor­sorg­li­che Kündi­gung mit Schrei­ben vom 20.08.2009 zum 30.09.2009 aus­ge­spro­chen.

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stan­des wird auf den Tat­be­stand des erst­in­stanz­li­chen Ur­teils Be­zug ge­nom­men.

Der Kläger hat be­an­tragt,

fest­zu­stel­len, dass das zwi­schen den Par­tei­en be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis nicht durch die Kündi­gung des Be­klag­ten vom 26.05.2009 auf­gelöst wird, son­dern über den 30.06.2009 hin­aus un­gekündigt fort­be­steht.

Der Be­klag­te hat be­an­tragt,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Das Ar­beits­ge­richt hat durch Ur­teil vom 26.11.2009 fest­ge­stellt, dass das Ar­beits­verhält­nis durch die Kündi­gung des Be­klag­ten vom 26.05.2009 nicht auf­gelöst

 

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wur­de. Zur Be­gründung hat es aus­geführt, die Kündi­gung sei gemäß § 134 BGB, 85 SGB IX un­wirk­sam, weil sie oh­ne Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes aus­ge­spro­chen wor­den sei. Dem Kläger sei es trotz Falsch­be­ant­wor­tung des Fra­ge­bo­gens nach Treu und Glau­ben nicht ver­wehrt, sich auf den Son­derkündi­gungs­schutz als Schwer­be­hin­der­ter zu be­ru­fen. Die Fra­ge nach der Schwer­be­hin­de­rung sei grundsätz­lich un­zulässig. In ei­nem be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis sei der Ar­beit­neh­mer nur zur Aus­kunft ver­pflich­tet, wenn ein be­rech­tig­tes, bil­li­gens­wer­tes und schutzwürdi­ges In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers an der Be­ant­wor­tung der Fra­ge be­ste­he. Im vor­lie­gen­den Fall sei ein be­son­de­res be­rech­tig­tes In­ter­es­se des Be­klag­ten an der zu­tref­fen­den Be­ant­wor­tung der Fra­ge nicht er­kenn­bar. Sie grei­fe in das all­ge­mei­ne Persönlich­keits­recht des Klägers ein und be­tref­fe ein Dis­kri­mi­nie­rungs­merk­mal der §§ 1, 2 AGG. Die Fra­ge ste­he in kei­nem Zu­sam­men­hang mit der vom Kläger zu er­brin­gen­den Ar­beits­leis­tung. We­gen der Ein­zel­hei­ten wird auf die Gründe des an­ge­foch­te­nen Ur­teils Be­zug ge­nom­men.

Mit sei­ner Be­ru­fung er­strebt der Be­klag­te die Ab­wei­sung der Kla­ge. Zur Be­gründung sei­nes Rechts­mit­tels trägt er vor, zu­tref­fend sei zwar, dass die Fra­ge nach der Schwer­be­hin­de­rung bei ei­ner Ver­trags­an­bah­nung un­zulässig sei. Die da­zu ent­wi­ckel­ten Grundsätze sei­en aber auf den vor­lie­gen­den Fall nicht über­trag­bar. Der Fra­ge­bo­gen sei im Rah­men ei­nes In­sol­venz­ver­fah­rens über­reicht wor­den. Auf mehr­fa­chen Be­triebs­ver­samm­lun­gen sei den Ar­beit­neh­mern der mögli­che Ab­lauf des In­sol­venz­ver­fah­rens erläutert wor­den. Dem Kläger sei be­kannt ge­we­sen, dass Kündi­gun­gen anstünden. Vor die­sem Hin­ter­grund ha­be die fal­sche Be­ant­wor­tung der Fra­ge dem Kläger da­zu ge­dient, sich be­wusst ei­nen Vor­teil zu ver­schaf­fen. Erst mit Schrei­ben vom 09.06.2009 ha­be der Kläger ihn auf sei­ne Schwer­be­hin­de­rung an­ge­wie­sen. Dies sei auf­grund des falsch be­ant­wor­te­ten Fra­ge­bo­gens zu spät. Er ha­be auf die Rich­tig­keit der An­ga­ben des Klägers ver­traut.

Der Be­klag­te be­an­tragt,

un­ter Auf­he­bung des am 26.11.2009 verkünde­ten und am 17.12.2009 zu­ge­stell­ten Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Iser­lohn – 4 Ca 2001/09 – die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

 

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Der Kläger be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Der Kläger ver­tei­digt das erst­in­stanz­li­che Ur­teil und tritt dem Vor­brin­gen des Be­klag­ten ent­ge­gen.

Ent­schei­dungs­gründe :

Die zulässi­ge Be­ru­fung des Be­klag­ten ist nicht be­gründet. Die Kla­ge ist ab­zu­wei­sen.

I.

Die vom Kläger an­ge­grif­fe­ne Kündi­gung des Be­klag­ten vom 26.05.2009 be­durf­te an sich gemäß § 85 SGB IX der Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes. Ei­ne oh­ne die er­for­der­li­che Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung ist da­her un­wirk­sam. Es han­delt sich um ei­ne öffent­lich-recht­li­che Wirk­sam­keits­vor­aus­set­zung, die die Ausübung des Kündi­gungs­rechts durch den Ar­beit­ge­ber ei­ner vor­he­ri­gen staat­li­chen Kon­trol­le un­ter­wirft (ErfK-Rolfs, 10. Auf­la­ge § 85 SGB IX Rn. 1). Der Ar­beit­neh­mer kann sich auf den Son­derkündi­gungs­schutz für schwer­be­hin­der­te Men­schen auch dann be­ru­fen, wenn der Ar­beit­ge­ber von sei­ner Schwer­be­hin­de­rung nichts weiß. Er muss dann aber die Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung in­ner­halb der Kla­ge­frist des § 4 Satz 1 KSchG ge­richt­lich gel­tend ma­chen (BAG 12.01.2006, 2 AZR 539/05, NZA 2006, 1035; BAG 23.02.2010, 2 AZR 659/08 Ju­ris).

Auf den be­son­de­ren Kündi­gungs­schutz gemäß § 85 SGB IX kann sich der Kläger vor­lie­gend aber nicht be­ru­fen, weil er die zu­vor an ihn ge­rich­te­te Fra­ge nach sei­ner Schwer­be­hin­der­ten­ei­gen­schaft wahr­heits­wid­rig ver­neint hat. Aus dem Ge­sichts­punkt des wi­dersprüchli­chen Ver­hal­tens ist es ihm gemäß § 242 BGB ver­wehrt, sich auf die feh­len­de Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes zu be­ru­fen.

 

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1.Die Fra­ge nach der Schwer­be­hin­der­ten­ei­gen­schaft ist in ei­nem be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis nicht grundsätz­lich un­zulässig. Sie fällt nicht un­ter das Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot gemäß §§ 1, 7 AGG, wenn sie da­zu dient, dem Ar­beit­ge­ber die Prüfung über das Ein­grei­fen kündi­gungs­recht­li­cher Schutz­be­stim­mun­gen zu Guns­ten des schwer­be­hin­der­ten Men­schen zu ermögli­chen. Es stellt kei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen der Be­hin­de­rung dar, wenn der Ar­beit­ge­ber nach der Schwer­be­hin­der­ten­ei­gen­schaft fragt, um vor Aus­spruch ei­ner ge­plan­ten Kündi­gung ge­ge­be­nen­falls die Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes gemäß § 85 SGB IX ein­zu­ho­len. Nach den hier vor­lie­gen­den Umständen dient die Fra­ge al­lein dem Zweck, dem Be­klag­ten zu ermögli­chen, sei­nen Ver­pflich­tun­gen gemäß den § 85 ff SGB IX nach­zu­kom­men.

Wie § 1 Abs. 3 Satz 1 KSchG zeigt, ist es dem Ar­beit­ge­ber nicht ver­wehrt, im Fal­le von be­triebs­be­ding­ten Kündi­gun­gen schwer­be­hin­der­te Ar­beit­neh­mer in den Kreis der ver­gleich­ba­ren Ar­beit­neh­mer ein­zu­be­zie­hen. Die dort ge­nann­ten Kri­te­ri­en der so­zia­len Aus­wahl, zu de­nen auch die Schwer­be­hin­de­rung gehört, können in dem Abwägungs­pro­zess nur berück­sich­tigt wer­den, wenn sie be­kannt sind. Dies gilt ins­be­son­de­re bei ei­nem In­ter­es­sen­aus­gleich mit Na­mens­lis­te gemäß § 125 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 In­sO, weil in die­sem Fall den Be­triebs­par­tei­en die Wahr­neh­mung des in­di­vi­du­el­len Kündi­gungs­schut­zes ob­liegt (vgl. BAG vom 06.09.2007, 2 AZR 715/06, NZA 2008, 633).

a)Ist die Fra­ge nach der Schwer­be­hin­de­rung da­her so­wohl im Hin­blick auf § 1 Abs. 3 Satz 1 KSchG als auch zur Klärung der Not­wen­dig­keit ei­ner vor­he­ri­gen Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes gemäß § 85 SGB IX le­gi­tim, könn­te der Ein­wand des wi­dersprüchli­chen Ver­hal­tens nur aus­geräumt wer­den, wenn der Ar­beit­neh­mer be­son­de­re, nach­voll­zieh­ba­re Gründe ge­habt hätte, die ihm ge­stell­te Fra­ge nicht wahr­heits­gemäß zu be­ant­wor­ten. Der Kläger hat aber sol­che Gründe nicht ge­nannt und auch nicht dar­ge­legt, war­um ihm die wahr­heits­gemäße Be­ant­wor­tung der Fra­ge nicht zu­mut­bar ge­we­sen sei. Er hat durch sei­nen Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten in der Be­ru­fungs­ver­hand­lung vor­tra­gen las­sen, dass er nicht an­ge­ben könne, war­um er die Fra­ge mit „Nein" be­ant­wor­tet ha­be. Al­ler­dings hat der schwer­be­hin­der­te Mensch auch die Frei­heit, auf die In­an­spruch­nah­me des Schwer­be­hin­der­ten­schutz­rechts zu ver­zich­ten. Im vor­lie­gen­den Fall will der Kläger sei­nen Schwer­be­hin­der­ten­schutz

 

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aber ge­ra­de nicht preis­ge­ben, son­dern macht in der Kla­ge­schrift aus­drück­lich die feh­len­de Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes als Un­wirk­sam­keits­grund gel­tend. Da­mit setzt er sich in Wi­der­spruch zu sei­nem Ver­hal­ten bei der Ausfüllung des Fra­ge­bo­gens.

b) Die Kam­mer folgt nicht der Erwägung, ein an­er­ken­nens­wer­tes In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers an der Kennt­nis des Schwer­be­hin­der­ten­sta­tus sei im Hin­blick auf das Ein­grei­fen des Kündi­gungs­schut­zes und der da­mit ver­bun­de­nen Not­wen­dig­keit, die Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes zu ei­ner Kündi­gung ein­zu­ho­len, nicht an­zu­er­ken­nen (so aber Dei­nert/Neu­mann, Re­ha­bi­li­ta­ti­on und Teil­ha­be be­hin­der­ter Men­schen, 2. Aufl., § 17 Rd­nr. 29). Der Ar­beit­ge­ber ist nicht hin­rei­chend da­durch geschützt, dass der Ar­beit­neh­mer ver­pflich­tet ist, spätes­tens mit der Kündi­gungs-schutz­kla­ge auf sei­ne Schwer­be­hin­de­rung hin­zu­wei­sen, um ei­ner Ver­wir­kung des Son­derkündi­gungs­schut­zes für schwer­be­hin­der­te Men­schen zu ver­hin­dern (vgl. BAG 23.02.2010, 2 AZR 659/08 Ju­ris). Dies würde im Er­geb­nis zu ei­nem Hin­auszögern des Kündi­gungs­ter­mins führen, weil der Ar­beit­ge­ber in die­sem Fall so­fort nach Kennt­nis­nah­me von der Schwer­be­hin­der­ten­ei­gen­schaft beim In­te­gra­ti­ons­amt die Zu­stim­mung zu ei­ner er­neu­ten Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses be­an­tra­gen müss­te. Die Ent­schei­dung des In­te­gra­ti­ons­am­tes er­folgt gemäß § 88 Abs. 1 SGB IX im Re­gel­fall in­ner­halb ei­nes Mo­nats nach Ein­gang des An­trags, so­dass ei­ne er­neu­te Kündi­gung un­ter Umständen erst nach Ab­lauf von meh­re­ren Mo­na­ten möglich ist.

2. Es ist wei­ter­hin zu berück­sich­ti­gen, dass das In­te­gra­ti­ons­amt der nach­fol­gen­den Kündi­gung des Be­klag­ten vom 20.08.2009 zu­ge­stimmt hat. Das In­te­gra­ti­ons­amt ent­schei­det über den An­trag des Ar­beit­ge­bers gemäß den § 88, 89 SGB IX nach pflicht­gemäßem Er­mes­sen in Abwägung der In­ter­es­sen des Ar­beit­ge­bers und des Ar­beit­neh­mers. Ent­schei­den­der Be­ur­tei­lungs­maßstab ist da­bei, ob und ggf. in­wie­weit die Kündi­gung durch Be­hin­de­rung be­ein­flusst ist und in wel­chem Maße die Be­hin­de­rung des Ar­beit­neh­mers bei der Su­che nach ei­nem neu­en Ar­beits­platz von Be­deu­tung ist (vgl. VG Müns­ter vom 25.07.2006 – 5 K 1808/05 Ju­ris; Ju­ris PK-SGB IX/Kreit­ner § 85 SGB IX Rn. 26). Die In­ter­es­sen des schwer­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mers ver­lie­ren an Ge­wicht, wenn der Kündi­gungs­grund wie im vor­lie­gen­den Fall mit der Be­hin­de­rung in kei­nem Zu­sam­men­hang steht.

 

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Ist, wie im vor­lie­gen­den Fall, über das Vermögen des Ar­beit­ge­bers das In­sol­venz­ver­fah­ren eröff­net wor­den, soll das In­te­gra­ti­ons­amt gemäß § 89 Abs. 3 SGB IX die Zu­stim­mung er­tei­len, wenn der schwer­be­hin­der­te Mensch in ei­nem In­ter­es­sen­aus­gleich gemäß § 125 In­sO na­ment­lich be­zeich­net wird, die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung beim Zu­stan­de­kom­men des In­ter­es­sen­aus­gleichs be­tei­ligt wor­den ist und der An­teil der von Kündi­gung be­trof­fe­nen schwer­be­hin­der­ten Men­schen im Verhält­nis zu den zu ent­las­sen­den nicht schwer­be­hin­der­ten Men­schen nicht höher ist und die Ge­samt­zahl der ver­blei­ben­den schwer­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mern für die Erfüllung der Beschäfti­gungs­pflicht nach § 71 SGB IX aus­reicht. Wenn das In­te­gra­ti­ons­amt da­her der Kündi­gung des Klägers zu­ge­stimmt hat, ist da­von aus­zu­ge­hen, dass der Son­derkündi­gungs­schutz ge­wahrt, die Kündi­gung nicht durch die Schwer­be­hin­de­rung des Klägers be­ein­flusst wor­den ist und im Übri­gen die ge­setz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Zu­stim­mungs­er­tei­lung gemäß § 89 Abs. 3 SGB IX vor­lie­gen. Der Wi­der­spruch des Klägers hat gemäß § 88 Abs. 4 SGB IX kei­ne auf­schie­ben­de Wir­kung.

Es ist da­her ins­ge­samt ein be­rech­tig­tes In­ter­es­se des Be­klag­ten an der wahr­heits­gemäßen Be­ant­wor­tung der Fra­ge an­zu­er­ken­nen. Ei­ne Be­nach­tei­li­gung des Klägers ist da­mit nicht ver­bun­den. Im Ge­gen­teil: An­dern­falls hätte es der Kläger in der Hand, die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses hin­aus­zu­schie­ben und gemäß §§ 615 BGB, 55 Abs. 1 Nr. 2 In­sO Vergütungs­ansprüche zu Las­ten der Mas­se zu be­gründen. Es ist aber ge­ra­de nicht Sinn und Zweck des Son­derkündi­gungs­schut­zes, für schwer­be­hin­der­te Men­schen ei­ne Verlänge­rung der Kündi­gungs­frist zu er­rei­chen.

II.

1. Die Kündi­gung ist in der Sa­che selbst gemäß § 1 Abs. 2 Satz 1 KSchG aus be­triebs­be­ding­ten Gründen so­zi­al ge­recht­fer­tigt. Die Be­triebs­be­dingt­heit der Kündi­gung ist gemäß § 125 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 In­sO zu ver­mu­ten, denn sie ist auf der Grund­la­ge ei­nes In­ter­es­sen­aus­gleichs mit Na­mens­lis­te, auf der sich der Na­me des Klägers be­fin­det, aus­ge­spro­chen wor­den.

 

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2. Die Anhörung des Be­triebs­rats ist nicht zu be­an­stan­den. Sie ist in zulässi­ger Wei­se mit den Ver­hand­lun­gen über den In­ter­es­sen­aus­gleich mit Na­mens­lis­te ver­bun­den wor­den. Aus dem In­halt des In­ter­es­sen­aus­gleichs und aus dem Schrei­ben des Be­klag­ten vom 18.05.2009 an den Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den (Bl. 55 GA) geht un­zwei­fel­haft her­vor, dass gleich­zei­tig auch das Anhörungs­ver­fah­ren gemäß § 102 Be­trVG ein­ge­lei­tet wer­den soll­te. In­fol­ge der geführ­ten Ver­hand­lun­gen und durch den In­halt des In­ter­es­sen­aus­gleichs verfügte der Be­triebs­rat über die not­wen­di­ge Kennt­nis der Kündi­gungs­gründe gemäß § 102 Abs. 1 Satz 2 Be­trVG. Es ist unschädlich, dass der Be­klag­te dem Be­triebs­rat die Schwer­be­hin­der­ten­ei­gen­schaft des Klägers nicht mit­ge­teilt hat, denn die Un­ter­rich­tungs­pflicht des Ar­beit­ge­bers be­zieht sich nur auf die ihm be­kann­ten so­zia­len Verhält­nis­se. Mit dem Ab­schluss des In­ter­es­sen­aus­gleichs am 20.05.2009 hat der Be­triebs­rat sei­ne ab­sch­ließen­de Stel­lung­nah­me zu den be­ab­sich­tig­ten Kündi­gun­gen ab­ge­ge­ben, so­dass die Kündi­gung wie ge­sche­hen ge­genüber dem Kläger am 26.05.2009 aus­ge­spro­chen wer­den konn­te.

III.

Der Kläger hat gemäß § 91 Abs. 1 ZPO die Kos­ten des Rechts­streits zu tra­gen.

Die Be­ru­fungs­kam­mer hat die Re­vi­si­on zu­ge­las­sen, weil es der Rechts­sa­che gemäß § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG grundsätz­li­che Be­deu­tung bei­misst.

RECH­TSMIT­TEL­BE­LEH­RUNG

Ge­gen die­ses Ur­teil kann von der kla­gen­den Par­tei

RE­VISION

ein­ge­legt wer­den.

Für die be­klag­te Par­tei ist ge­gen die­ses Ur­teil kein Rechts­mit­tel ge­ge­ben.

 

- 11 - 

Die Re­vi­si­on muss in­ner­halb ei­ner Not­frist* von ei­nem Mo­nat schrift­lich beim

Bun­des­ar­beits­ge­richt

Hu­go-Preuß-Platz 1

99084 Er­furt

Fax: 0361 2636 2000

ein­ge­legt wer­den.

Die Not­frist be­ginnt mit der Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­fass­ten Ur­teils, spätes­tens mit Ab­lauf von fünf Mo­na­ten nach der Verkündung.

Die Re­vi­si­ons­schrift muss von ei­nem Be­vollmäch­tig­ten un­ter­zeich­net sein. Als Be­vollmäch­tig­te sind nur zu­ge­las­sen:

1. Rechts­anwälte,
2. Ge­werk­schaf­ten und Ver­ei­ni­gun­gen von Ar­beit­ge­bern so­wie
Zu­sam­men­schlüsse sol­cher Verbände für ih­re Mit­glie­der oder für an­de­re Verbände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der,
3. Ju­ris­ti­sche Per­so­nen, de­ren An­tei­le sämt­lich im wirt­schaft­li­chen Ei­gen­tum ei­ner der in Num­mer 2 be­zeich­ne­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen ste­hen, wenn die ju­ris­ti­sche Per­son aus­sch­ließlich die Rechts­be­ra­tung und Pro­zess­ver­tre­tung die­ser Or­ga­ni­sa­ti­on und ih­rer Mit­glie­der oder an­de­rer Verbände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der ent­spre­chend de­ren Sat­zung durchführt und wenn die Or­ga­ni­sa­ti­on für die Tätig­keit der Be­vollmäch­tig­ten haf­tet.

In den Fällen der Zif­fern 2 und 3 müssen die Per­so­nen, die die Re­vi­si­ons­schrift un­ter­zeich­nen, die Befähi­gung zum Rich­ter­amt ha­ben.

Ei­ne Par­tei, die als Be­vollmäch­tig­ter zu­ge­las­sen ist, kann sich selbst ver­tre­ten.

* ei­ne Not­frist ist un­abänder­lich und kann nicht verlängert wer­den.

 

Ber­tram 

Gott­schalk 

Krau­se
/R/Fou.

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