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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Ausschlussklausel, Ausschlussfrist, AGB, Allgemeine Geschäftsbedingungen
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 8 AZR 280/12
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 20.06.2013
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Köln, Urteil vom 6.10.2010 - 5 Ca 6981/10
Landesarbeitsgericht Köln, Urteil vom 31.1.2012 - 5 Sa 1560/10
   


BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT


8 AZR 280/12
5 Sa 1560/10
Lan­des­ar­beits­ge­richt

Köln

 

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am

20. Ju­ni 2013

UR­TEIL

Schie­ge, Ur­kunds­be­am­ter

der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Kläge­rin, Be­ru­fungskläge­rin und Re­vi­si­onskläge­rin,

pp.

Be­klag­te, Be­ru­fungs­be­klag­te und Re­vi­si­ons­be­klag­te,

hat der Ach­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 20. Ju­ni 2013 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Hauck, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Böck und Brein­lin­ger so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Dr. Um­fug und Hen­ni­ger für Recht er­kannt:
 


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Auf die Re­vi­si­on der Kläge­rin wird das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Köln vom 31. Ja­nu­ar 2012 - 5 Sa 1560/10 - auf­ge­ho­ben.


Der Rechts­streit wird zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung - auch über die Kos­ten des Re­vi­si­ons­ver­fah­rens - an das Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln zurück­ver­wie­sen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten um ei­nen Schmer­zens­geld­an­spruch, den die Kläge­rin we­gen „Mob­bings“ gel­tend macht.

Die Kläge­rin war bei der Be­klag­ten und de­ren Rechts­vorgänge­rin vom 1. Ju­li 1996 bis zum 31. Mai 2010 beschäftigt, zu­letzt als Lei­te­rin ei­ner Tank­stel­le in E. Die­se hat­te früher ih­ren Schwie­ger­el­tern gehört und war am 1. Sep­tem­ber 2009 von der Be­klag­ten über­nom­men wor­den.


In die­sem Zu­sam­men­hang ver­ein­bar­ten die Par­tei­en am 31. Au­gust 2009 ein bis zum 31. Au­gust 2010 be­fris­te­tes An­stel­lungs­verhält­nis. § 12 des Ar­beits­ver­tra­ges lau­te­te:


„§ 12 Ver­fall­fris­ten


Al­le bei­der­sei­ti­gen Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis und sol­che, die mit dem Ar­beits­verhält­nis in Ver­bin­dung ste­hen ver­fal­len, wenn sie nicht in­ner­halb von drei Mo­na­ten nach der Fällig­keit ge­genüber der an­de­ren Ver­trags­par­tei schrift­lich er­ho­ben wer­den.


Lehnt die Ge­gen­par­tei den An­spruch ab oder erklärt sie sich nicht in­ner­halb von zwei Wo­chen nach der Gel­tend­ma­chung des An­spruchs, so verfällt die­ser, wenn er nicht in­ner­halb von drei Mo­na­ten nach Ab­leh­nung oder dem Frist­ab­lauf ge­richt­lich gel­tend ge­macht wird.“


Ab 16. No­vem­ber 2009 war die Kläge­rin durch­ge­hend ar­beits­unfähig er­krankt. Die Be­klag­te kündig­te das Ar­beits­verhält­nis mit Schrei­ben vom
 


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1. De­zem­ber 2009 „frist­gemäß“ zum 16. De­zem­ber 2010 und, we­gen der feh­ler­haf­ten Jah­res­zahl, vor­sorg­lich un­ter dem 16. De­zem­ber 2009 ein wei­te­res Mal zum 31. De­zem­ber 2009. Im an­sch­ließen­den Kündi­gungs­schutz­pro­zess verständig­ten sich die Par­tei­en schließlich auf ei­ne Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zum 31. Mai 2010.


Die Kläge­rin er­stat­te­te Straf­an­zei­ge ge­gen ih­ren Vor­ge­setz­ten Em we­gen „des Ver­dachts der Be­lei­di­gung und der se­xu­el­len Belästi­gung“ und un­ter-rich­te­te da­von die Be­klag­te mit Schrei­ben vom 26. März 2010. Das Er­mitt­lungs­ver­fah­ren ge­gen den Vor­ge­setz­ten Em ist im No­vem­ber 2010 nach § 170 Abs. 2 St­PO ein­ge­stellt wor­den. Mit Ein­gang beim Ar­beits­ge­richt am 30. Au­gust 2010 und Zu­stel­lung an die Be­klag­te am 9. Sep­tem­ber 2010 ist die vor­lie­gen­de Kla­ge auf Zah­lung ei­nes Schmer­zens­gel­des er­ho­ben wor­den. Die Kläge­rin hat be­haup­tet, ihr Vor­ge­setz­ter Em ha­be sie fast täglich als „doof“, „blöd“ oder „unfähig“ be­zeich­net, ha­be sie nicht ver­trags­ge­rech­te Ar­bei­ten ver­rich­ten las­sen und ihr be­wusst wahr­heits­wid­rig un­ter­stellt, Über­stun­den zu Un­recht ab­zu­re­chen. Nach ei­nem Über­fall auf die Tank­stel­le am 8. Ok­to­ber 2009 ha­be er ihr wie an­de­ren Mit­ar­bei­tern vor­ge­wor­fen, zu blöd für die Er­grei­fung des Täters ge­we­sen zu sein. Sch­ließlich ha­be er die Kläge­rin ge­zwun­gen, bei der Vorführung ei­nes Vi­de­os der Grup­pe Rammstein mit dem Ti­tel „Pus­sy Vi­deo“ an­we­send zu sein.


Die Kläge­rin hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, mit der Kla­ge­ein­rei­chung am 30. Au­gust 2010 die ver­trag­li­che Aus­schluss­frist ein­ge­hal­ten zu ha­ben. Im Übri­gen sei die Aus­schluss­klau­sel un­wirk­sam, weil die Haf­tung für vorsätz­lich ver­ur­sach­te Schäden nicht im Vor­aus er­las­sen oder be­schränkt wer­den könne.

Die Kläge­rin hat be­an­tragt, 


die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an sie ein Schmer­zens­geld, des­sen Höhe in das Er­mes­sen des Ge­richts ge­stellt wird, min­des­tens aber 5.000,00 Eu­ro zu zah­len.

Ih­ren An­trag auf Kla­ge­ab­wei­sung hat die Be­klag­te da­mit be­gründet, dass die Kläge­rin die wirk­sam ver­ein­bar­te Aus­schluss­frist des Ar­beits­ver­tra­ges
 


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nicht ein­ge­hal­ten ha­be. Im Übri­gen hat sie die in der Sa­che von der Kläge­rin er­ho­be­nen Vorwürfe mit Ge­gen­dar­stel­lun­gen be­strit­ten.


Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Be­ru­fung der Kläge­rin zurück­ge­wie­sen. Mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on ver­folgt die Kläge­rin ihr Kla­ge­ziel wei­ter.

Ent­schei­dungs­gründe


Die Re­vi­si­on der Kläge­rin ist be­gründet. Dem von der Kläge­rin gel­tend ge­mach­ten Schmer­zens­geld­an­spruch steht je­den­falls nicht die in § 12 Abs. 1 des Ar­beits­ver­tra­ges ver­ein­bar­te Aus­schluss­frist ent­ge­gen. We­gen feh­len­der tatsäch­li­cher Fest­stel­lun­gen kann der Se­nat aber nicht selbst ent­schei­den. Die Sa­che ist da­her an das Lan­des­ar­beits­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen, § 563 Abs. 3 ZPO.


A. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat sei­ne Ent­schei­dung im We­sent­li­chen wie folgt be­gründet: § 12 Abs. 1 des Ar­beits­ver­tra­ges sei da­hin aus­zu­le­gen, dass die Aus­schluss­klau­sel auch die Haf­tung für vorsätz­li­ches Ver­hal­ten ei­nes Erfüllungs- oder Ver­rich­tungs­ge­hil­fen er­fas­se. Dies ver­s­toße nicht ge­gen § 202 Abs. 1 BGB. Da­nach könne zwar die Verjährung bei Haf­tung we­gen Vor­sat­zes nicht im Vor­aus durch Rechts­geschäft er­leich­tert wer­den. Die­se Vor­schrift ergänze je­doch den all­ge­mei­nen Grund­satz des § 276 Abs. 3 BGB, wo­nach die Haf­tung we­gen Vor­sat­zes dem Schuld­ner nicht im Vor­aus er­las­sen wer­den könne. Die­ser Grund­satz gel­te aber nach § 278 Satz 2 BGB ge­ra­de nicht für den Aus­schluss der Haf­tung für vorsätz­li­ches Ver­hal­ten des Erfüllungs- oder Ver­rich­tungs­ge­hil­fen. Der Aus­schluss ei­ner sol­chen Haf­tung sei al­so möglich, die Aus­schluss­klau­sel al­len­falls teil­nich­tig. § 12 Abs. 1 des Ar­beits­ver­tra­ges hal­te auch ei­ner AGB-Kon­trol­le nach den §§ 305 ff. BGB stand. Ins­be­son­de­re sei nicht ge­gen § 309 Nr. 7 Buchst. b BGB ver­s­toßen wor­den, da die Ob­lie­gen­heit ei­ner schrift­li­chen Gel­tend­ma­chung kei­nen Haf­tungs­aus­schluss und kei­ne Haf­tungs­be­gren­zung ent­hal­te. Die Kläge­rin ha­be im Sin­ne der ers­ten Stu­fe der
 


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so­mit wirk­sam ver­ein­bar­ten Aus­schluss­frist ih­ren An­spruch nicht recht­zei­tig gel­tend ge­macht. Da § 167 ZPO hier kei­ne An­wen­dung fin­de, kom­me es auf den Ein­gang der Kla­ge beim Ar­beits­ge­richt nicht an.


B. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat zu Un­recht an­ge­nom­men, der An­spruch der Kläge­rin sei ver­fal­len. Mit die­ser vom Lan­des­ar­beits­ge­richt ge­ge­be­nen Be­gründung durf­te die Kla­ge nicht ab­ge­wie­sen wer­den.


I. Ei­ne rechts­feh­ler­freie Aus­le­gung der in § 12 Abs. 1 des zwi­schen den Par­tei­en ge­schlos­se­nen Ar­beits­ver­tra­ges ge­re­gel­ten Aus­schluss­frist er­gibt, dass sie nicht ver­trag­li­che oder de­lik­ti­sche Ansprüche we­gen ei­ner vorsätz­li­chen oder grob fahrlässi­gen Pflicht­ver­let­zung ei­nes Erfüllungs- bzw. Ver­rich­tungs­ge­hil­fen der Be­klag­ten er­fasst.

1. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat fest­ge­stellt, dass es sich bei der streit­ge­genständ­li­chen Klau­sel um ei­ne All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gung han­delt.


a) Nach § 305 Abs. 1 Satz 1 BGB sind All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen al­le für ei­ne Viel­zahl von Verträgen vor­for­mu­lier­ten Ver­trags­be­din­gun­gen, die ei­ne Ver­trags­par­tei der an­de­ren Ver­trags­par­tei bei Ab­schluss ei­nes Ver­tra­ges stellt. Da der Ar­beit­neh­mer Ver­brau­cher ist (BAG 23. Sep­tem­ber 2010 - 8 AZR 897/08 - Rn. 15, AP BGB § 307 Nr. 48 = EzA BGB 2002 § 309 Nr. 6), fin­den § 305c Abs. 2 und §§ 306, 307 bis 309 nach § 310 Abs. 3 Nr. 2 BGB grundsätz­lich auch An­wen­dung, falls die Klau­sel nur zur ein­ma­li­gen Ver­wen­dung be­stimmt ist und der Ver­brau­cher auf­grund der Vor­for­mu­lie­rung auf den In­halt kei­nen Ein­fluss neh­men konn­te. Gemäß § 310 Abs. 3 Nr. 1 BGB gel­ten All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen zu­dem als vom Un­ter­neh­mer ge­stellt, es sei denn, dass sie durch den Ver­brau­cher ein­geführt wur­den (BAG 23. Au­gust 2012 - 8 AZR 804/11 - Rn. 20).

b) Da­nach ist die Fest­stel­lung des Lan­des­ar­beits­ge­richts, die Klau­sel stel­le ei­ne All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gung dar, re­vi­si­ons­recht­lich nicht zu be­an­stan­den; dies ist von der Kläge­rin auch nicht mit ei­ner Ver­fah­rensrüge an­ge­grif­fen wor­den und da­her für den Se­nat bin­dend (§ 559 Abs. 2 ZPO).
 


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2. Bei All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen un­ter­liegt die Aus­le­gung des Ar­beits­ver­tra­ges der vol­len re­vi­si­ons­recht­li­chen Über­prüfung durch den Se­nat (BAG 7. Ju­ni 2011 - 1 AZR 807/09 - Rn. 23 mwN, AP Be­trVG 1972 § 77 Be­triebs­ver­ein­ba­rung Nr. 55 = EzA Be­trVG 2001 § 88 Nr. 3).

a) All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen sind nach ih­rem ob­jek­ti­ven In­halt und ty­pi­schen Sinn ein­heit­lich so aus­zu­le­gen, wie sie von verständi­gen und red­li­chen Ver­trags­part­nern un­ter Abwägung der In­ter­es­sen der nor­ma­ler­wei­se be­tei­lig­ten Ver­kehrs­krei­se ver­stan­den wer­den, wo­bei nicht die Verständ­nismöglich­kei­ten des kon­kre­ten, son­dern die des durch­schnitt­li­chen Ver­trags­part­ners des Ver­wen­ders zu­grun­de zu le­gen sind. Maßge­bend sind die Verständ­nismöglich­kei­ten des ty­pi­scher­wei­se bei Verträgen der ge­re­gel­ten Art zu er­war­ten­den nicht rechts­kun­di­gen Ver­trags­part­ners. An­halts­punkt für die Aus­le­gung All­ge­mei­ner Geschäfts­be­din­gun­gen ist in ers­ter Li­nie der Ver­trags­wort­laut (BAG 24. Ja­nu­ar 2013 - 8 AZR 965/11 - Rn. 24).


b) Da­nach ist ei­ne Aus­le­gung von § 12 Abs. 1 des Ar­beits­ver­tra­ges da­hin ge­hend, dass die Par­tei­en grundsätz­lich auch Ansprüche we­gen vorsätz­li­cher Ver­trags­verstöße und vorsätz­lich be­gan­ge­ner un­er­laub­ter Hand­lun­gen durch die Aus­schluss­klau­sel er­fas­sen woll­ten, nicht frei von Rechts­feh­lern.


aa) Auf den zwi­schen den Par­tei­en am 31. Au­gust 2009 ge­schlos­se­nen Ar­beits­ver­trag fin­det das BGB in der seit dem 1. Ja­nu­ar 2002 gel­ten­den Fas­sung An­wen­dung. Dem­zu­fol­ge kann gemäß § 202 Abs. 1 BGB die Verjährung bei Haf­tung we­gen Vor­sat­zes nicht im Vor­aus durch Rechts­geschäft er­leich­tert wer­den. Die­se Vor­schrift ergänzt den all­ge­mei­nen Grund­satz des § 276 Abs. 3 BGB, wo­nach die Haf­tung we­gen Vor­sat­zes dem Schuld­ner nicht im Vor­aus er­las­sen wer­den kann. § 202 Abs. 1 BGB er­fasst nicht nur Ver­ein­ba­run­gen über die Verjährung, son­dern auch über Aus­schluss­fris­ten. Es han­delt sich um ei­ne Ver­bots­norm iSv. § 134 BGB.

bb) Im Hin­blick auf die­se kla­re Ge­set­zes­la­ge ist re­gelmäßig da­von aus­zu­ge­hen, dass die Ver­trags­part­ner mit sol­chen Ver­trags­klau­seln kei­ne Fälle an­ders als das Ge­setz und un­ter Ver­s­toß ge­gen die ge­setz­li­che Ver­bots­norm iSd.
 


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§ 134 BGB re­geln woll­ten. Ver­trags­klau­seln, die nur in außer­gewöhn­li­chen, von den Ver­trags­part­nern bei Ver­trags­ab­schluss nicht für re­ge­lungs­bedürf­tig ge­hal­te­nen Fällen ge­gen das Ge­setz ver­s­toßen, sind wirk­sam (vgl. BGH 17. Fe­bru­ar 2011 - III ZR 35/10 - Rn. 10, BGHZ 188, 351; 23. No­vem­ber 2005 - VIII ZR 154/04 - zu II 2 b der Gründe; 10. Mai 1994 - XI ZR 65/93 - zu II 2 b der Grün-de; Pa­landt/Grüne­berg 72. Aufl. § 306 BGB Rn. 9; Schlewing NZA-Bei­la­ge 2012, 33, 34). Ei­ne am Sinn und Zweck sol­cher Klau­seln ori­en­tier­te Aus­le­gung er­gibt, dass der­ar­ti­ge Aus­nah­mefälle von der Klau­sel gar nicht er­fasst wer­den sol­len (vgl. BAG 25. Mai 2005 - 5 AZR 572/04 - zu IV 6 der Gründe, BA­GE 115, 19 = AP BGB § 310 Nr. 1 = EzA BGB 2002 § 307 Nr. 3; 28. Sep­tem­ber 2005 - 5 AZR 52/05 - zu II 4 der Gründe, BA­GE 116, 66 = AP BGB § 307 Nr. 7 = EzA BGB 2002 § 307 Nr. 8).


cc) Der Se­nat hält an die­ser von ihm be­reits bestätig­ten Recht­spre­chung fest (BAG 18. Au­gust 2011 - 8 AZR 187/10 - Rn. 31, EzA TVG § 4 Aus­schluss-fris­ten Nr. 200). Dass ein Ar­beit­ge­ber sei­ne ei­ge­ne Haf­tung für Vor­satz nicht aus­sch­ließen kann, er­gibt sich, auch wenn es sich nicht um ei­nen For­mu­lar­ar­beits­ver­trag han­delt, schon aus § 276 Abs. 3 BGB. Über den Ge­set­zes­wort­laut hin­aus ver­bie­tet § 202 Abs. 1 BGB nicht nur Ver­ein­ba­run­gen zur Verjährung von Ansprüchen we­gen Vor­satz­haf­tung, son­dern auch Aus­schluss­fris­ten, die sich auf ei­ne Vor­satz­haf­tung des Schädi­gers be­zie­hen (BAG 18. Au­gust 2011 - 8 AZR 187/10 - aaO). Hin­zu kommt, dass § 104 Abs. 1 SGB VII die Haf­tung des Ar­beit­ge­bers bei Ar­beits­unfällen und Be­rufs­unfähig­keit auf Vor­satz be­schränkt, sie aber auch ge­nau in die­sen Fällen ge­ra­de nicht aus­sch­ließt. Da­her spielt ei­ner­seits die Haf­tung des Ar­beit­ge­bers we­gen Ver­let­zung der Ge­sund­heit des Ar­beit­neh­mers in der Pra­xis kei­ne große Rol­le (Däubler/Bo­nin/ Dei­nert/Däubler 3. Aufl. § 309 Nr. 7 Rn. 5; Chris­ten­sen in Ul­mer/Brand­ner/ Hen­sen AGB-Recht 11. Aufl. § 309 Nr. 7 BGB Rn. 23); an­de­rer­seits hat der Ar­beit­ge­ber grundsätz­lich kein In­ter­es­se dar­an, ei­nen ge­setz­wid­ri­gen Haf­tungs­aus­schluss für vorsätz­lich ver­ur­sach­te Per­so­nenschäden zu ver­ein­ba­ren, der in je­dem Fal­le we­gen § 134 BGB nich­tig und bei For­mu­lar­ar­beits­verträgen zu­dem nach § 309 Nr. 7 Buchst. a BGB oh­ne Wer­tungsmöglich­keit un­wirk­sam wäre. Bei der Ver­ein­ba­rung ei­ner Aus­schluss­frist den­ken die Par­tei­en ei­nes Ar­beits-
 


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ver­tra­ges vor al­lem an lau­fen­de Ent­gelt­ansprüche, al­so an Ansprüche des Ar­beit­neh­mers, ge­ge­be­nen­falls aber auch an Ansprüche des Ar­beit­ge­bers auf Rück­zah­lung über­zahl­ten Ar­beits­ent­gelts, nicht aber an ver­trag­li­che oder de­lik­ti­sche Ansprüche we­gen Per­so­nenschäden (vgl. Schlewing in Cle­menz/Kreft/ Krau­se AGB-Ar­beits­recht § 309 Rn. 89 ff.; Bay­reu­ther NZA 2005, 1337). Da­her ist ei­ne zwi­schen den Par­tei­en des Ar­beits­ver­tra­ges ver­ein­bar­te Aus­schluss­frist da­hin ge­hend aus­zu­le­gen, dass sie nur die von den Par­tei­en für re­ge­lungs­bedürf­tig ge­hal­te­nen Fälle er­fas­sen soll. Oh­ne be­son­de­re Hin­wei­se im Ein­zel­fall ist ei­ne An­wen­dung auch auf die Fälle, die durch zwin­gen­de ge­setz­li­che Ver­bo­te oder Ge­bo­te ge­re­gelt sind, re­gelmäßig ge­ra­de nicht ge­wollt. Oh­ne sol­che Be­son­der­hei­ten kann auch nicht an­ge­nom­men wer­den, die Aus­schluss­frist be­zie­he sich auf Kri­te­ri­en, die auf­grund von Rück­aus­nah­men, hier § 278 Satz 2 BGB, aus­nahms­wei­se doch re­gel­bar sei­en.


dd) Nach § 305c Abs. 2 BGB ge­hen Zwei­fel bei der Aus­le­gung All­ge­mei­ner Geschäfts­be­din­gun­gen zu­las­ten des Ver­wen­ders. Die­se so­ge­nann­te Un­klar­hei­ten­re­gel stellt bei ob­jek­tiv mehr­deu­ti­gen Klau­seln ei­ne Aus­le­gungs­hil­fe dar, wo­nach in sol­chen Fällen die In­ter­es­sen des Ver­wen­ders hin­ter den­je­ni­gen der an­de­ren Par­tei zurück­tre­ten sol­len. Auf die­se Un­klar­hei­ten­re­gel kann nur zutück­ge­grif­fen wer­den, wenn nach Ausschöpfung der an­er­kann­ten Aus­le­gungs­me­tho­den nicht be­heb­ba­re Zwei­fel ver­blei­ben (BAG 14. No­vem­ber 2012 - 5 AZR 107/11 - Rn. 19). Der­ar­ti­ge Zwei­fel bei der Aus­le­gung be­ste­hen im vor­lie­gen­den Fall nicht.


ee) Der Se­nat hat für ta­rif­ver­trag­li­che Aus­schluss­fris­ten, die Scha­dens­er­satz­ansprüche aus vorsätz­li­chem Han­deln er­fas­sen, ent­schie­den, dass sol­chen Ta­rif­klau­seln § 202 Abs. 1 BGB nicht ent­ge­gen­steht, da das Ge­setz die Er­leich­te­rung der Haf­tung we­gen Vor­sat­zes nur „durch Rechts­geschäft“ ver­bie­tet (BAG 18. Au­gust 2011 - 8 AZR 187/10 - Rn. 32 ff., EzA TVG § 4 Aus­schluss­fris­ten Nr. 200). Da die Ar­beits­ver­trags­par­tei­en hier nicht auf ei­nen Ta­rif­ver­trag Be­zug ge­nom­men ha­ben, braucht nicht ent­schie­den zu wer­den, ob ein Rechts­geschäft iSv. § 202 BGB dann aus­schei­det, wenn ein Ta­rif­ver­trag auf­grund ei­ner ar­beits­ver­trag­li­chen Be­zug­nah­me­klau­sel ins­ge­samt An­wen­dung fin­det.
 


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c) Sind von der ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Aus­schluss­klau­sel Scha­dens­er­satz­ansprüche der in § 309 Nr. 7 oder § 202 Abs. 1 BGB er­fass­ten Art nicht um­fasst, so kommt es auf die wei­te­re Fra­ge, ob die Klau­sel nach § 309 Nr. 7 BGB un­wirk­sam ist, nicht an.


II. Das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts war auf­zu­he­ben und der Rechts­streit zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Be­ru­fungs­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen (§ 563 Abs. 1 ZPO), weil der Se­nat in der Sa­che nicht ab-schließend ent­schei­den kann (§ 563 Abs. 3 ZPO). So­weit das Be­ru­fungs­ge­richt den Ver­fall ei­nes even­tu­ell be­ste­hen­den Schmer­zens­geld­an­spruchs an­ge­nom­men hat, hat es aus sei­ner Sicht fol­ge­rich­tig nicht ge­prüft, ob die ma­te­ri­el­len Vor­aus­set­zun­gen ei­nes An­spruchs we­gen ei­ner Persönlich­keits­rechts­ver­let­zung ge­ge­ben sind. Ob die Rech­te der Kläge­rin nach den von ihr be­haup­te­ten Mob­bing­hand­lun­gen ver­letzt wor­den sind, muss das Lan­des­ar­beits­ge­richt auf­grund ei­ner Güter- und In­ter­es­sen­abwägung un­ter sorg­sa­mer Würdi­gung al­ler Umstände des Ein­zel­fal­les be­ur­tei­len. Die­se Würdi­gung darf dem Be­ru­fungs­ge­richt nicht ent­zo­gen wer­den (BAG 16. Mai 2007 - 8 AZR 709/06 - Rn. 63, BA­GE 122, 304 = AP BGB § 611 Mob­bing Nr. 5 = EzA BGB 2002 § 611 Persönlich­keits­recht Nr. 6).

Hauck 

Böck 

Brein­lin­ger

Um­fug 

An­dre­as Hen­ni­ger

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