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Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Jahrgang
   
Schlag­worte: Kündigungsschutzklage, Kündigung: Verhaltensbedingt, Kündigung: Außerordentlich
   
Gericht: Arbeitsgericht Frankfurt am Main
Akten­zeichen: 2 Ca 416/10
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 11.08.2010
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen:
   

Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main


Ak­ten­zei­chen: 2 Ca 416/10

Verkündet am:

11. Au­gust 2010

gez.
Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le

 

Im Na­men des Vol­kes

Ur­teil

In dem Rechts­streit


Pro­zess­be­vollmäch­tigt.:

- Kläger -


ge­gen 

- Be­klag­te -


hat das Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main, Kam­mer 2,

auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 11. Au­gust 2010

durch die Rich­te­rin am Ar­beits­ge­richt als Vor­sit­zen­de

und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter
und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter
als Bei­sit­zer
für Recht er­kannt:


1. Es wird fest­ge­stellt, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en durch die Kündi­gung der Be­klag­ten vom 28. und 30. De­zem­ber 2009 we­der außer­or­dent­lich frist­los noch zum 30. Ju­ni 2010 auf­gelöst wor­den ist.

2. Die Kos­ten des Rechts­streits hat die Be­klag­te zu tra­gen.

3. Der Wert des Streit­ge­gen­stan­des wird auf € 12.130,76 fest­ge­setzt.

__________________

Prot 51000
Die Ein­rei­chung elek­tro­ni­scher Do­ku­men­te ist in den zu­ge­las­se­nen Ver­fah­ren möglich, sie­he www.arbg-frank­furt.jus­tiz.hes­sen.de.
 


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Tat­be­stand:


Die Par­tei­en strei­ten um die Wirk­sam­keit ei­ner außer­or­dent­li­chen Kündi­gung so­wie ei­ner außer­or­dent­li­chen Kündi­gung mit Aus­lauf­frist, die die Be­klag­te je­weils als Ta- und Ver­dachtskündi­gung erklärt hat.

Die Be­klag­te ist ein Un­ter­neh­men des Air­line-Ca­te­ring und be­treibt un­ter an­de­rem den Be­trieb am Frank­fur­ter Flug­ha­fen. Dort sind in der Re­gel mehr als 10 Ar­beit­neh­mer in Voll­zeit 'außer den zu ih­rer Be­rufs­bil­dung Beschäftig­ten beschäftigt.


Der Kläger ist am ge­bo­ren, ver­hei­ra­tet und drei Kin­dern (ge­bo­ren und ) zum Un­ter­halt ver­pflich­tet. Er ist schwer­be­hin­dert mit ei­nem Grad der Be­hin­de­rung von 100. Das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en be­gann am 15. No­vem­ber 1989. Zunächst war der Kläger als Hub­wa­gen­fah­rer ein­ge­setzt, zu­letzt wur­de er aus ge­sund­heit­li­chen Gründen als ope­ra­ti­ver Mit­ar­bei­ter im Be­reich Ram­pe/Be­reit­stel­lung beschäftigt. Sein Brut­to­mo­nats­ge­halt be­trug zuzüglich ei­ner Über­lei­tungs­zu­la­ge in Höhe von € brut­to.

Dem Kläger sind vor­ge­setzt Herr als Sach­ge­biets­lei­ter Ram­pe/Be­reit­stel­lung, Herr als Fach­kraft Ca­te­ring, zeit­wei­lig ein­ge­setzt als Platz­hal­ter bei Ab­we­sen­heit des Schicht­lei­ters und Herr als Schicht­lei­ter Ram­pe/Be­reit­stel­lung).

Auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en fin­det der Man­tel­ta­rif­ver­trag Nr. 14 für das Bo­den­per­so­nal kraft ein­zel­ver­trag­li­cher Ver­ein­ba­rung An­wen­dung. Gemäß § 41 Abs. 3 S. 1 MTV ist nach ei­ner Beschäfti­gungs­zeit von 15 Jah­ren die or­dent­li­che Kündi­gung aus­ge­schos­sen. Gemäß § 42 Abs. 2 MTV kann auch dem unkünd­ba­ren Mit­ar­bei­ter aus wich­ti­gem in sei­ner Per­son oder sei­nem Ver­hal­ten 


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lie­gen­den Grund frist­los gekündigt wer­den. Die längs­te ta­rif­li­che Kündi­gungs­frist beträgt gemäß § 41 Abs. 2 MTV 6 Mo­na­te zum Quar­tal.

In den Jah­ren 2003 bis 2005 war der Kläger lan­ge ar­beits­unfähig er­krankt. Nach Ab­schluss der Wie­der­ein­glie­de­rungs­pha­se wand­te sich der da­ma­li­ge Schwer­be­hin­der­ten­be­auf­trag­te mehr­fach an den Mit­ar­bei­ter , um für den Kläger Ar­bei­ten zu for­dern, die des­sen Ge­sund­heits­zu­stand ent­spra­chen.
Im Rah­men ei­nes zwi­schen den Par­tei­en im Jahr 2005 geführ­ten Ar­beits­rechts­streits schlos­sen die Par­tei­en ei­nen Ver­gleich. Die­ser lau­tet:
1. Der Kläger wird sich un­verzüglich ei­ner be­triebsärzt­li­chen Un­ter­su­chung un­ter­zie­hen. Soll­te der Be­triebs­arzt bzw. die Be­triebsärz­tin fest­stel­len, dass er als Hub­wa­gen­fah­rer wie­der voll ein­satzfähig ist, so wird die Be­klag­te ihn als sol­chen wei­ter­beschäfti­gen.
2. An­dern­falls wird der Kläger wei­ter­hin als ope­ra­ti­ver Mit­ar­bei­ter, al­ler­dings oh­ne Her­ab­grup­pie­rung wei­ter­beschäftigt.
3. Die Be­klag­te wird auf­grund der ihr ob­lie­gen­den Fürsor­ge­pflicht prüfen, ob und in­wie­weit ei­ne Beschäfti­gung auf ei­nem lei­dens­ge­rech­ten Ar­beits­platz, bei­spiels­wei­se dem so ge­nann­ten Platz 3, er­for­der­lich und im Rah­men der Ka­pa­zitäten möglich ist.
4. Der Kläger ver­pflich­tet sich, über den In­halt die­ses Ver­gleichs ge­genüber Drit­ten ab­so­lu­tes Still­schwei­gen zu be­wah­ren.
5.
6. 


Am 24. Sep­tem­ber 2009 fand zwi­schen dem Kläger und der Grup­pen­lei­te­rin Per­so­nal, Frau , ein Per­so­nal­gespräch im Rah­men ei­nes be­trieb­li­chen Präven­ti­ons­ver­fah­rens statt. An­we­send wa­ren noch Herr vom Be­triebs­rat, der Schwer­be­hin­der­ten­be­auf­trag­te Herr und Herr . Die For­de­rung nach ei­ner Ar­beits­platz­be­ge­hung mit Dr. lehn­te Frau ab. Sie teil­te mit, man wer­de das In­te­gra­ti­ons­amt hin­zu­zie­hen.
 


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Mit Schrei­ben des Po­li­zei­präsi­di­ums Frank­furt am Main vom 16. No­vem­ber 2009 er­lang­ten Herr , Herr und Herr Kennt­nis darüber, dass ge­gen sie we­gen Be­lei­di­gung gemäß § 185 StGB und Nöti­gung gemäß § 240 StGB je­weils zum Nach­teil des Klägers er­mit­telt wur­de. Sie sol­len den Kläger zwi­schen dem 1. Ju­li und 23. Ok­to­ber 2009 im Be­trieb vor Zeu­gen als „Du Wich­ser, Idi­ot, Depp, unfähi­ger Trot­tel, Arsch­loch, Arsch, dum­me Sau" und mit an­de­ren her­abwürdi­gen­den Äußerun­gen be­lei­digt ha­ben (vgl. BI. 54, 55, 57 des An­la­gen­ban­des).
Am 19. No­vem­ber 2009 teil­te Herr dies Frau , der Grup­pen­lei­te­rin Per­so­nal mit. Frau ist nicht kündi­gungs­be­rech­tigt. Im Rah­men ei­nes dar­auf­hin mit der Po­li­zei geführ­ten Te­le­fo­nats er­hielt Frau Kennt­nis von den vom Kläger an­ge­ge­be­nen Zeu­gen , und . Am sel­ben Tag fand zu­dem ein Gespräch mit den drei vom Kläger an­ge­zeig­ten Ar­beit­neh­mern und Frau so­wie Herrn (zuständi­ger Grup­pen­lei­ter) und Herrn (Sach­be­ar­bei­ter Per­so­nal) statt. Al­le drei an­ge­zeig­ten Ar­beit­neh­mer erklärten, dass der Um­gang mit dem Kläger schwie­rig sei und dass sie we­der die an­ge­ge­be­nen Äußerun­gen getätigt, noch den Kläger ir­gend­wie genötigt hätten. Zu­dem be­schrieb der Mit­ar­bei­ter ei­nen Vor­fall,• bei dem der Kläger wei­sungs­wid­rig ei­ne Kühl­hau­be aus­ge­schal­tet und nicht ge­schlos­sen ha­be. Als Herr die Kühl­hau­be ha­be schließen wol­len, ha­be der Kläger ge­nau in dem Mo­ment die Kühl­hau­be be­tre­ten. Der Kläger ha­be ge­fragt, ob er - - wol­le, dass er - der Kläger - sich un­terkühle. Der Kläger ha­be so­dann den Vor­wurf er­ho­ben, Herr ha­be ihn ein­sch­ließen wol­len.
Eben­falls am 19. No­vem­ber 2009 mel­de­te sich Herr bei Frau und ver­ein­bar­te ei­nen Gesprächs­ter­min für den 23. No­vem­ber 2009.
Am 23. No­vem­ber 2009 be­rich­te­te Herr Frau , dass er von der Po­li­zei schrift­lich auf­ge­for­dert wor­den sei, sich als Zeu­ge zu äußern. Er erklärte ge­genüber Frau , er ken­ne den Kläger kaum und könne kei­ne An­ga­ben ma­chen. Er ha­be nie et­was da­von mit­be­kom­men, dass der Kläger von den drei Vor­ge­setz­ten be­lei­digt oder genötigt wor­den sei. Er sei sehr verärgert, dass er als an­geb­li­cher Zeu­ge be­nannt wor­den sei.
 


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Am 24. No­vem­ber 2009 führ­te die Be­klag­te er­neut ein Gespräch mit den be­schul­dig­ten Vor­ge­setz­ten des Klägers, in wel­chem das wei­te­re Vor­ge­hen be­spro­chen wur­de. Am sel­ben Tag wur­de der seit dem 26. Ok­to­ber 2009 ar­beits­unfähi­ge Kläger von der Ar­beits­leis­tung sus­pen­diert.
Am Don­ners­tag, den 26. No­vem­ber 2009, sprach Frau mit dem vom Kläger bei der Po­li­zei als Zeu­gen an­ge­ge­be­nen Herrn . Die­ser erklärte, dass er kei­ne An­ga­ben ma­chen könne. Der Kläger ha­be ihm zwar erzählt, dass er Pro­ble­me ha­be, er ha­be aber nie Be­schimp­fun­gen der Art gehört und sei bei dem Vor­fall mit der Kühl­hau­be nicht zu­ge­gen ge­we­sen.
Des Wei­te­ren sprach die Be­klag­te mit an­de­ren Schicht­lei­tern und Mit­ar­bei­tern des Be­reichs, in dem der Kläger ein­ge­setzt war.
Am Diens­tag, den 1. De­zem­ber 2009 erklärte der Kol­le­ge des Klägers, dass er den Kläger nicht ken­ne, aber von des­sen An­schul­di­gun­gen ge­genüber dem Schicht­lei­ter , den Kläger in der Kühl­hau­be ein­zu­sch­ließen, gehört ha­be. Er teil­te mit, es sei ihm auch schon ver­se­hent­lich pas­siert, dass das Roll­tor ge­schlos­sen ha­be, als er sich in der Kühl­hau­be auf­ge­hal­ten ha­be. Man könne dann ein­fach die Licht­schran­ke be­die­nen, so dass das Tor au­to­ma­tisch stop­pe. Er ha­be noch nie ein Schimpf­wort von den be­trof­fe­nen Schicht­lei­tern gehört.
Außer­dem wur­den am 1. De­zem­ber 2009 er­neut die be­schul­dig­ten Vor­ge­setz­ten an­gehört. Herr be­rich­te­te von ver­schie­de­nen Kon­flik­ten mit dem Kläger und teil­te mit, dass man schwer mit dem Kläger spre­chen könne. Er sei vom Kläger auf Türkisch be­schimpft wor­den; der Kläger fühle sich schnell an­ge­grif­fen, wenn er auf ein Fehl­ver­hal­ten an­ge­spro­chen wer­de. Der Kläger ha­be ihm ge­sagt, er ha­be ihm nichts zu sa­gen und er wer­de sie al­le fer­tig ma­chen. Er ver­si­cher­te, er ha­be nie Schimpf­wor­te der be­nann­ten Art be­nutzt. Er erklärte auch, im Fal­le der Wie­der­auf­nah­me der Ar­beit durch den Kläger wis­se man nicht, wo­zu die­ser noch fähig sei. Er ha­be des­we­gen er­heb­li­che Be­den­ken.
Herr erklärte zu­dem, dass er nur die Kühl­hau­be ha­be schließen wol­len und den Kläger nicht ha­be ein­sch­ließen wol­len. Er ha­be nie Schimpfwörter, wie vom Kläger be­haup­tet, ver­wandt. Der Kläger ha­be aber schon ge­sagt „Ich kann auch
 


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an­ders." oder „Ihr wer­det schon se­hen.". Er erklärte, er ha­be auf Nach­fra­ge vom Be­triebs­rat er­fah­ren, dass der Kläger sich dort nie we­gen Be­lei­di­gung oder Nöti­gung be­schwert ha­be. Er könne sich nicht vor­stel­len, mit dem Kläger wie­der zu ar­bei­ten. Er wer­de nur noch mit Zeu­gen mit dem Kläger re­den und sei­ner Mei­nung nach könne der Ar­beit­ge­ber der­ar­ti­ge An­zei­gen nicht oh­ne Kon­se­quen­zen las­sen.
Am Mitt­woch den 2. De­zem­ber 2009 erklärte Herr , dass er die an­ge­ge­be­nen Schimpfwörter nie be­nutzt ha­be und die­se auch nicht von den bei­den auch be­schul­dig­ten Kol­le­gen gehört ha­be. Er hat die Mei­nung geäußert, zukünf­tig könne nie­mand mehr oh­ne Zeu­gen an den Kläger her­an­tre­ten.
Am 4. De­zem­ber 2009 sprach die Be­klag­te noch mit dem Schicht­lei­ter . Der vom Kläger als Zeu­ge be­nann­te Mit­ar­bei­ter , der auch Mit­glied des Be­triebs­rats ist, woll­te ge­genüber der Be­klag­ten kei­ne An­ga­ben ma­chen.

Mit Schrei­ben vom 9. De­zem­ber 2009 er­bat die Be­klag­te die Zu­stim­mung zur be­ab­sich­tig­ten außer­or­dent­li­chen frist­lo­sen Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses des Klägers bei dem In­te­gra­ti­ons­amt in Wies­ba­den. We­gen der Ein­zel­hei­ten und des ge­nau­en In­halts die­ses Schrei­bens wird auf Blatt 6 bis 9 der Ak­ten Be­zug ge­nom­men.

Im Rah­men des Ver­fah­rens vor dem In­te­gra­ti­ons­amt nahm der Kläger über sei­nen jet­zi­gen Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten schrift­lich am 16. De­zem­ber Stel­lung. In die­sem Schrift­satz wer­den die Ent­wick­lung des Ar­beits­verhält­nis­ses, sei­ne Wahr­neh­mun­gen zum Ver­hal­ten sei­ner Vor­ge­setz­ten und sein Ver­hal­ten in der Ver­gan­gen­heit, um den be­haup­te­ten Ver­un­glimp­fun­gen zu- ent­ge­hen, ge­schil­dert. In dem Schrift­satz heißt es un­ter an­de­rem, der Kläger wer­de ge­mobbt und man ha­be ihm 5 Jah­re kei­nen Som­mer­ur­laub gewährt. Zu ei­nem be­stimm­ten Vor­fall heißt es in dem Schrift­satz:

„Am 2.12.2009 be­fand sich der hier ver­tre­te­ne Man­dant im Kühl­haus - Schock­fros­ter -. Es kam der Schicht­lei­ter - - hin­zu und fing so­fort wie­der­um an zu
 


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schrei­en. Es kam dann zu ei­ner lau­ten Dis­kus­si­on, Herr lies dann das Roll­tor des Schock­fros­ters run­ter­fah­ren und hat­te die Kühlung ein­ge­schal­tet. Dies hat­te der hier ver­tre­te­ne Man­dant erst in letz­ter Se­kun­de und konn­te sich so­mit ret­ten. In al­ler­letz­ter Se­kun­de hat­te er mit sei­nen Ar­beits­schu­hen an die Si­cher­heits­leis­te un­ter­halb des To­res ge­tre­ten, dar­auf hin war das Roll­tor wie­der hoch­ge­fah­ren. Man kann nicht aus­sch­ließen, was pas­siert wäre, wenn eben hier das Tor hätte nicht mehr geöff­net wer­den können. Auch über die­sen Tat­be­stand hat­te der hier ver­tre­te­ne Man­dant den Be­triebs­rat so­fort in­for­miert."
We­gen des wei­te­ren ge­nau­en In­halts die­ses Schrift­sat­zes vom 16. De­zem­ber 2009 an das In­te­gra­ti­ons­amt wird auf Blatt 75 bis 84 des An­la­gen­ban­des ver­wie­sen.

Im Schrift­satz des Klägers vom 18. De­zem­ber 2009 (BI. 82 bis 84 des An­la­gen­ban­des) heißt es, dass die Kündi­gung im Zu­sam­men­hang mit der Schwer­be­hin­der­ten­ei­gen­schaft ste­he.

Mit Schrei­ben vom 21. De­zem­ber 2009 wand­te die Be­klag­te sich an den Kläger. Ein­lei­tend heißt es in die­sem Schrei­ben:

„... Be­zug neh­mend auf das Ver­fah­ren vor dem In­te­gra­ti­ons­amt möch­ten wir Ih­nen noch­mals und letzt­ma­lig die Ge­le­gen­heit ge­ben, zu den fol­gen­den Vorwürfen Stel­lung zu neh­men:...."

Die Be­klag­te hält dem Kläger in die­sem Schrei­ben vor, er ha­be An­zei­ge ge­gen drei Vor­ge­setz­te we­gen Be­lei­di­gung und Nöti­gung ge­stellt und die vom Kläger be­nann­ten Zeu­gen hätten die­se Vorwürfe nicht bestätigt. Die Be­klag­te hält dem Kläger außer­dem den In­halt des Schrift­sat­zes sei­nes jet­zi­gen Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten zu ei­nem ge­schil­der­ten Vor­fall vom 2. Ok­to­ber 2009 vor und meint, die Sug­ges­ti­on, ha­be ver­sucht ihn zu er­frie­ren, sei ei­ne un­ge­heu­er­li­che An­schul­di­gung. Sie be­haup­tet, der Kläger schil­de­re die Ge­ge­ben­hei­ten falsch und der Vor­fall ha­be sich nach den An­ga­ben des Herrn auch so nicht zu­ge­tra­gen. Sie se­he in der Dar­stel­lung sei­nes An­walts ei­ne wahr­heits­wid­ri­ge Un­ter­stel­lung
 


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ei­nes Körper­ver­let­zungs- und Tötungs­ver­suchs. Die Be­klag­te hält dem Kläger die An­ga­ben sei­nes An­walts zu der Nicht­gewährung von Ur­laub und des Mob­bings vor. Sie for­dert den Kläger auf wei­te­re Umstände, ins­be­son­de­re ggf. Ent­las­ten­de, bis zum 23. De­zem­ber 2009 mit­zu­tei­len. We­gen des Wort­lauts die­ses Schrei­bens wird auf Blatt 100, 101 des An­la­gen­ban­des ver­wie­sen.
Mit Schrei­ben vom 23. De­zem­ber 2009, das der Be­klag­ten am sel­ben Tag zu-ging, nahm der Kläger zu den Vor­hal­tun­gen aus dem Schrei­ben der Be­klag­ten vom 21. De­zem­ber Stel­lung. Er teilt dar­in mit, dass der bei der Po­li­zei nur ei­nen Sach­ver­halt ge­schil­dert ha­be, nicht aber Straf­tat­bestände ge­nannt ha­be. Die be­nann­ten Zeu­gen sei­en nur für den Vor­fall mit der Hau­be be­nannt wor­den, es sei­en im Übri­gen auch da­zu nur Tat­sa­chen ge­schil­dert wor­den. Hin­sicht­lich des Vor­tra­ges zum Ur­laub ha­be es sich um ei­nen Über­mitt­lungs­feh­ler ge­han­delt. Im Übri­gen ge­be es aus den ver­gan­ge­nen Jah­ren Un­ter­la­gen, die klar den zwin­gen­den Schluss zu­ließen, dass es hier um den Tat­be­stand des Mob­bings ge­he. We­gen des ge­nau­en In­halts der Stel­lung­nah­me vom 23. De­zem­ber 2009 wird auf Blatt 118, 119 des An­la­gen­ban­des ver­wie­sen.
Am sel­ben Tag ging bei der Be­klag­ten die Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes schrift­lich und fernmünd­lich ein (vgl. BI. 1 bis 11 des An­la­gen­ban­des).
Ge­gen die Ent­schei­dung des In­te­gra­ti­ons­am­tes hat der Kläger Wi­der­spruch ein­ge­legt.
Eben­falls am 23. De­zem­ber 2009 hörte die Be­klag­te den Be­triebs­rat zu den be­ab­sich­tig­ten Kündi­gun­gen schrift­lich an (vgl. Bl. 12 bis 20 und 22 bis 105 des An­la­gen­ban­des). Die Be­triebs­rats­anhörung wur­de am 24. De­zem­ber 2009 ergänzt (BI. 117 bis 137 des An­la­gen­ban­des). Mit Schrei­ben vom 28. De­zem­ber 2009 erklärte dir Be­triebs­rat, dass er den bei­den be­ab­sich­tig­ten Kündi­gun­gen nicht zu­stim­me (vgl. BI. 15, 16 d.A.).

Mit Schrei­ben vom 28. De­zem­ber 2009 erklärte die Be­klag­te ge­genüber dem Kläger die außer­or­dent­li­che frist­lo­se Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses (BI. 10 d.A.). Das Kündi­gungs­schrei­ben wur­de dem Kläger am sel­ben Tag persönlich
 


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über­ge­ben. Mit Schrei­ben vom 31. De­zem­ber 2009 erklärte sie die hilfs­wei­se außer­or­dent­li­che Kündi­gung mit so­zia­ler Aus­lauf­frist zum 30. Ju­ni 2010 (BI. 11 d.A.). Auch die­ses Schrei­ben wur­de dem Kläger am sel­ben Tag persönlich über­ge­ben.

Mit Schrift­satz vom 18. Ja­nu­ar 2010, der am sel­ben Tag bei dem Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main ein­ging und der Be­klag­ten am 29. Ja­nu­ar 2010 zu­ge­stellt wur­de (BI. 18 d.A.), er­hob der Kläger Kündi­gungs­schutz­kla­ge.
Er ist der Auf­fas­sung, ein wich­ti­ger Grund für die Kündi­gun­gen be­ste­he nicht. Al­lein der Um­stand, dass je­mand ei­ne Straf­an­zei­ge ge­gen ei­nen Mit­ar­bei­ter täti­ge, recht­fer­ti­ge kei­ne Kündi­gung.
Er ist der Auf­fas­sung, da zum Zeit­punkt der Anhörung und der Ent­schei­dung des Be­triebs­rats ei­ne Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes noch nicht vor­ge­le­gen ha­be, sei­en die Kündi­gun­gen un­zulässig.
Er be­haup­tet, nach dem ar­beits­ge­richt­li­chen Ver­gleich sei ihm im­mer schwe­re Ar­beit zu­ge­teilt wor­den, die er nicht ha­be schaf­fen können. Des­we­gen sei er des Öfte­ren ar­beits­unfähig krank ge­we­sen. Er sei von den Schicht­lei­tern un­ter Druck ge­setzt wor­den. Er ha­be auch mehr­fach beim Be­triebs­rat beim Schwer­be­hin­der­ten­be­auf­trag­ten vor­ge­spro­chen und sich darüber be­schwert, dass man ihm be­wusst schwe­re Auf­ga­ben ge­be. So­gar der Be­triebs­arzt ha­be ihm ein At­test aus­ge­stellt, dass er schwe­re Ar­bei­ten nicht ver­rich­ten dürfe. Die Schicht­lei­ter hätten die Vor­ga­ben des Arz­tes schlicht nicht berück­sich­tigt. Der Schicht­lei­ter ha­be ihn be­lei­digt und be­schimpft und es im­mer so ge­steu­ert, dass nie­mand da­bei ge­we­sen sei. Herr ha­be sich beim Sach­ge­biets­lei­ter über ihn be­schwert. Herr ha­be ihn an­ge­schrien, oh­ne ihn an­zuhören. Er be­haup­tet, am 19. April 2009 ha­be Herr ihn be­lei­digt. Er ha­be sich dann beim Ein­satz­lei­ter be­schwert. Herr ha­be Herrn zu sich hoch ge­ru­fen. Herr ha­be bei­de er­mahnt und mit­ge­teilt, sonst wer­de er bei­de nach Hau­se schi­cken, wenn das
nicht aufhöre. Herr ha­be noch Herrn Vor­hal­tun­gen ge­macht, weil er der
 


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Schicht­lei­ter und Grie­che sei. Herr ha­be sich dann am nächs­ten Tag an Herrn ge­wandt. Herr ha­be dann den Kläger be­lei­digt. Dar­auf hin sei er zum Zwei­ten Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den Herrn ge­gan­gen und ha­be sich über die­se Be­lei­di­gun­gen und nicht be­hin­de­rungs­ge­rech­te Beschäfti­gung be­schwert. We­gen die­ses Vor­falls ha­be er sich vier Wo­chen we­gen ei­ner De­pres­si­on im Kran­ken­haus be­fun­den. Nach Rück­kehr an den Ar­beits­platz sei er zum Be­triebs­arzt ge­schickt wor­den. Auch die­sem Arzt ha­be er die Si­tua­ti­on un­ter Hin­weis auf die men­schen­unwürdi­ge Be­hand­lung ge­schil­dert. Herr Dr. ha­be sich mit Frau und Herrn in Ver­bin­dung set­zen wol­len. Er be­haup­tet, in dem Gespräch am 24. Sep­tem­ber 2009 ha­be er Herrn auch mit­ge­teilt, dass er ihn oh­ne Grund an­schreie und es schon so weit sei, dass an­de­re Kol­le­gen ihn - den Kläger -nicht mehr grüßten. Dar­auf ha­be Herr ge­ant­wor­tet es sei kein Wun­der, „Sie sind zu lang­sam, des­we­gen müssen die an­de­ren Kol­le­gen mehr ar­bei­ten." Frau ha­be ihm zu­ge­sagt, bis das In­te­gra­ti­ons­amt sich mel­de, wer­de er leich­te Tätig­kei­ten ausüben. Das sei aber nicht er­folgt.
Er be­haup­tet, am 2. Ok­to­ber 2009 ha­be er am Kühl­haus ge­ar­bei­tet. Als Herr da­zu ge­kom­men sei, ha­be er ihn so­fort an­ge­schrien, war­um er die Kühlung aus­ge­schal­tet ha­be. Dann sei es zu ei­ner lau­ten Dis­kus­si­on ge­kom­men. Dann ha­be er wei­ter ge­ar­bei­tet und Herr sei weg ge­gan­gen: Zwei bis drei Se­kun­den später ha­be Herr das Roll­tor her­un­ter ge­las­sen und die Kühlung ein­ge­schal­tet. Er ha­be das erst in der letz­ten Se­kun­de be­merkt, weil er mit dem Rücken zum Roll­tor ge­stan­den ha­be. Dann ha­be er mit den Schu­hen an die Si­cher­heits­leis­te tre­ten können, so dass das Roll­tor wie­der hoch­ge­fah­ren sei. Er sei in die­sem Mo­ment äußerst er­regt ge­we­sen. An den Si­cher­heits­schal­ter in­ner­halb des Kühl­rau­mes ha­be er nicht ge­dacht. Die­ser sei durch ge­sta­pel­tes Kühl­gut ver­deckt ge­we­sen. Als er das Kühl­haus ver­las­sen hat­te, ha­be Herr wie­der an­ge­fan­gen zu schrei­en. Der in­zwi­schen pen­sio­nier­te Kol­le­ge sei in un­mit­tel­ba­rer Nähe ge­we­sen. Er ha­be zu ihm ge­sagt: „Bist Du im­mer noch hier, wie kannst du über­haupt so noch ar­bei­ten." Er be­haup­tet, es könne we­gen der
tech­ni­schen Ge­ge­ben­hei­ten auch gar nicht sein, dass Herr die Kühl­hau­be
 


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ver­se­hent­lich ge­schlos­sen ha­be. Er sei 10 Mi­nu­ten nach dem Vor­fall zum Be­triebs­rats­mit­glied ge­gan­gen und ha­be die Sa­che ge­schil­dert.
Er be­haup­tet, am 21. und 22. Ok­to­ber 2009 sei­en Herr und Herr zu ihm ge­kom­men und hätten ihn an­ge­schrien, er müsse al­le Ar­bei­ten ver­rich­ten, sonst wer­de er bald ver­schwun­den sein. Des­we­gen sei er zum Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ter ge­gan­gen. Die­ser ha­be ge­sagt, er müsse Zeu­gen brin­gen, sonst könne er nichts ma­chen. Ins­ge­samt wer­de er seit Jah­ren durch sei­ne Vor­ge­setz­ten ge­mobbt, des­halb ha­be er sich nicht an­ders zu hel­fen ge­wusst, als hier we­gen ei­nes be­stimm­ten Vor­fal­les, des­sen tatsächli­che Umstände er ge­schil­dert ha­be, ei­ne Straf­an­zei­ge zu täti­gen. Er ha­be da­mit ein je­dem Staatsbürger zur Verfügung ste­hen­des In­stru­ment ge­nutzt. Die­ses Vor­ge­hen könne ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung nicht recht­fer­ti­gen. Je­den­falls ha­be er durch das Schil­dern von Tat­sa­chen bei der Po­li­zei nicht schuld­haft ge­gen ihm ob­lie­gen­de Ver­trags­pflich­ten ver­s­toßen. Er ha­be die An­zei­ge­er­stat­tung nicht be­triebsöffent­lich ge­macht. Er meint, es sei zu er­war­ten ge­we­sen, dass die von der Straf­an­zei­ge be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer der Be­klag­ten nicht einräum­en würden, dass sie sich straf­bar ge­macht hätten.
Er be­haup­tet, er sei we­gen der Aus­ein­an­der­set­zun­gen wie­der krank ge­wor­den. Sein ihn be­han­deln­der Arzt könne be­zeu­gen, dass er - der Kläger - seit vie­len Jah­ren an De­pres­si­vität lei­de, die al­lein vom Ar­beits­platz herrühre.
Er be­haup­tet, der von ihm be­nann­te Zeu­ge ha­be ihm mit­ge­teilt. er sol­le ihn außen vor las­sen, sonst ha­be er selbst Pro­ble­me. Er ist der Auf­fas­sung, auch der Zeu­ge ha­be schlicht Angst, sei­ne An­ga­ben zu bestäti­gen. Er meint, es sei nicht nach­voll­zieh­bar, war­um der Kol­le­ge bei der Be­klag­ten ei­ne Aus­sa­ge ge­macht ha­be. Er meint die Be­klag­te müsse sich die Fra­ge stel­len, ob Herr türkisch spre­che.
Er ist der Auf­fas­sung, es sei nicht nach­voll­zieh­bar, in­wie­weit ihm durch ein vor­ge­schal­te­tes Ver­fah­ren beim In­te­gra­ti­ons­amt Nach­tei­le er­wach­sen könn­ten, wenn er im Rah­men der dor­ti­gen Anhörung aus An­lass des ihm zu gewähren­den recht­li­chen Gehörs wie­der­um befürch­ten müsse, dass ihm des­we­gen ge-
 


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kündigt wer­de. Er vermöge auch nicht zu er­ken­nen, wel­chen ar­beits­recht­li­chen Be­zug die Anhörung ha­be. Ei­ne Ver­dachtskündi­gung kom­me nicht in Be­tracht, weil die Be­klag­te doch al­le von ihr er­mit­tel­ten Tat­sa­chen als ge­ge­ben an­se­he. Er ist der Auf­fas­sung, die Be­klag­te ha­be sei­ne er­heb­lich lan­ge Be­triebs­zu­gehörig­keit im Rah­men der In­ter­es­sen­abwägung nicht berück­sich­tigt. Die Kündi­gung sei auch un­verhält­nismäßig, weil die Be­klag­te ei­ne vor­he­ri­ge Ab­mah­nung nicht aus­ge­spro­chen ha­be. Zu­dem ha­be die Be­klag­te die Kündi­gungs­erklärungs­frist des § 626 Abs. 2 BGB nicht ein­ge­hal­ten.
Ein Grund für ei­ne per­so­nen­be­ding­te Kündi­gung be­ste­he nicht.

Er be­an­tragt,

es wird fest­ge­stellt, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en durch die Kündi­gung der Be­klag­ten vom 28.12.09 we­der außer­or­dent­lich frist­los auf­gelöst wur­de, noch durch die Kündi­gung der Be­klag­ten vom 31.12.2009 außer­or­dent­lich mit so­zia­ler Aus­lauf­frist zum 30.06.2010 auf­gelöst wird.

Die Be­klag­te be­an­tragt,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Sie ist der Auf­fas­sung, die Kündi­gun­gen sei­en aus ver­hal­tens­be­ding­ten Gründen wirk­sam. Ih­nen lie­ge die Tat­sa­che zu Grun­de, dass der Kläger drei sei­ner Vor­ge­setz­ten wis­sent­lich falsch bei der Po­li­zei der Be­ge­hung von Straf­ta­ten be­zich­tigt ha­be so­wie nach­weis­lich un­wah­re und ehr­ver­let­zen­de Tat­sa­chen über das Un­ter­neh­men und des­sen Mit­ar­bei­ter mit­ge­teilt ha­be. Bei­de Kündi­gun­gen sei­en auf die Tat, vor­sorg­lich hilfs­wei­se auf den Ver­dacht und höchst vor­sorg­lich, für den Fall, dass das Ver­hal­ten des Klägers krank­heits­be­dingt ge­we­sen sei, auf per­so­nen­be­ding­te Gründe gestützt.
 


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Sie be­haup­tet, der Um­gang mit dem Kläger sei schwie­rig und dass von den drei an­ge­zeig­ten Ar­beit­neh­mern we­der die in der An­zei­ge an­ge­ge­be­nen Äußerun­gen getätigt, noch den Kläger ir­gend­wie von die­sen genötigt wor­den sei.
Sie be­haup­tet, an ei­nem nicht be­kann­ten Da­tum ha­be der Kläger wei­sungs­wid­rig ei­ne Kühl­hau­be aus­ge­schal­tet und nicht ge­schlos­sen, ob­wohl die Kühl­ket­te für die Le­bens­mit­tel nicht ha­be un­ter­bro­chen wer­den dürfen. Der Kläger ha­be Herrn ge­fragt, ob er wol­le, dass er - der Kläger - sich un­terkühle. Als Herr die Kühl­hau­be ha­be schließen wol­len, ha­be der Kläger ge­nau in dem Mo­ment die Kühl­hau­be be­tre­ten. Der Kläger ha­be so­dann den Vor­wurf er­ho­ben, Herr ha­be ihn ein­sch­ließen wol­len. Herr ha­be nicht die Ab­sicht ge­habt, den Kläger ein­zu­sch­ließen. Sie be­haup­tet, Herr ha­be nie Schimpfwörter ge­genüber dem Kläger be­nutzt.
Sie be­haup­tet, dem vom Kläger be­nann­ten Zeu­gen sei zu et­wai­gen Be­lei­di­gun­gen oder Nöti­gun­gen der drei Vor­ge­setz­ten zu Las­ten des Klägers nichts be­kannt. Sie be­haup­tet, der vom Kläger be­nann­te Zeu­ge sei nicht Zeu­ge der vom Kläger bei der Po­li­zei an­ge­ge­be­nen Be­schimp­fun­gen ge­we­sen und auch nicht Zeu­ge ei­nes Vor­falls ge­wor­den, bei dem der Kläger ha­be ge­zielt ein­ge­schlos­sen wer­den sol­len. Sie be­haup­tet, auch bei wei­te­ren Be­fra­gun­gen von an­de­ren Schicht­lei­tern, die mit dem Kläger ar­bei­te­ten, ha­be kei­ner bestätigt, dass Schimpf­wor­te von den be­schul­dig­ten Kol­le­gen ge­braucht wor­den sei­en. Die Be­klag­te ist der Auf­fas­sung, die Er­mitt­lun­gen sei­en am 4. De­zem­ber 2009 ab­ge­schlos­sen ge­we­sen. Sie ha­be kei­ne An­halts­punk­te dafür fin­den können, dass die Be­haup­tun­gen des Klägers der Wahr­heit ent­spre­chen. Sie ha­be dem Kläger aus­rei­chend zu den Vorwürfen an­gehört und ihm Ge­le­gen­heit ge­ge­ben, für ihn ent­las­ten­de Tat­sa­chen vor­zu­tra­gen. Ins­ge­samt ha­be sich durch ih­re Er­mitt­lun­gen er­ge­ben, dass sich bei den ver­ant­wort­li­chen Führungs­kräften ei­ne er­heb­li­che Ver­un­si­che­rung ge­zeigt ha­be. Sie ist der Auf­fas­sung, ei­ne Wei­ter­ar­beit des Klägers im Be­trieb ver­ur­sa­che ganz er­heb­li­che Un­si­cher­heit in der Be­leg­schaft, er­for­de­re Zeu­gen für ein­fachs­te Mit­ar­bei­ter­gespräche zum Schutz der be­trof­fe­nen Führungs­kräfte und sei nicht vor­stell­bar. Dies gel­te um­so mehr,
 


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weil der Kläger sich un­ein­sich­tig zei­ge und wei­ter mei­ne, er ha­be sich rechtmäßig ver­hal­ten. Sie ist der Auf­fas­sung, auf­grund der Erklärun­gen der an­de­ren Schicht­lei­ter, die mit dem Kläger ar­bei­te­ten, könne mit dem Kläger nie­mand mehr zu­sam­men­ar­bei­ten.
Sie ist der Auf­fas­sung, durch den Vor­trag des Klägers im Rah­men des Ver­fah­rens um die be­an­trag­te Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes ha­be er er­neut sug­ge­riert, dass ein Vor­ge­setz­ter ihn ha­be ge­gen sei­nen Wil­len ein­sch­ließen und da­mit in Le­bens­ge­fahr ha­be brin­gen wol­len. Sie be­haup­tet, da­bei schil­de­re der Kläger die Ge­ge­ben­hei­ten und den Vor­gang falsch. Schock­fros­ter ge­be es im Be­trieb nicht. In der Kühl­hau­be herr­sche ei­ne Tem­pe­ra­tur von 6 bis 8 Grad Cel­si­us.
Die Be­haup­tung, der Kläger ha­be kei­nen Ur­laub in den Som­mer­fe­ri­en ge­habt, sei eben­so un­wahr, wie die Äußerung, er wer­de ge­mobbt und sol­le nur we­gen sei­ner Schwer­be­hin­der­ten­ei­gen­schaft gekündigt wer­den.
Sie be­haup­tet, die be­haup­te­ten be­lei­di­gen­den Äußerun­gen durch den Zeu­gen am 19. April 2009 sei­en un­wahr. Un­wahr sei­en auch die be­haup­te­ten Be­lei­di­gun­gen durch den Zeu­gen . Sie be­haup­tet, der Kläger ha­be vor den An­zei­gen bei der Po­li­zei nie ei­nen Ver­such un­ter­nom­men, ei­ne in­ner­be­trieb­li­che Klärung sei­ner Schwie­rig­kei­ten mit Vor­ge­setz­ten her­bei­zuführen. Der Kläger ha­be ein­zig am 24. Sep­tem­ber 2009 Frau ge­fragt, ob er ei­nen Ter­min ha­ben könne. Frau ha­be mit­ge­teilt, dass er je­der­zeit vor­bei­kom­men könne oder über ih­re Mit­ar­bei­te­rin ei­nen Ter­min ver­ein­ba­ren könne. Der Kläger ha­be we­der das Ei­ne noch das An­de­re in An­spruch ge­nom­men. We­der ihr noch dem Mit­ar­bei­ter sei­en ent­spre­chen­de Be­schwer­den des Klägers be­kannt. Sie be­haup­tet, der Kläger ha­be die Vorwürfe we­der beim Be­triebs­rat noch bei der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung vor­ge­bracht. Sie ist der Auf­fas­sung, der Kläger ha­be nichts klären wol­len, son­dern „sie al­le fer­tig ma­chen" wol­len.
Sie ist der Auf­fas­sung, die An­zei­ge ge­gen Vor­ge­setz­te oder Kol­le­gen sei ein außer­or­dent­li­cher Kündi­gungs­grund. Dies gel­te ins­be­son­de­re, wenn ei­ne vom Ar­beit­neh­mer ver­an­lass­te Straf­an­zei­ge wis­sent­lich un­wah­re oder leicht­fer­tig
 


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fal­sche An­ga­ben ent­hal­te oder in Schädi­gungs­ab­sicht er­fol­ge. Aus den ihr ge­genüber ab­ge­ge­be­nen Zeu­gen­aus­sa­gen er­ge­be sich, dass der Kläger die Be­schul­di­gun­gen we­gen Be­lei­di­gung und Nöti­gung wi­der bes­se­res Wis­sen auf­ge­stellt ha­be und zu­vor ei­ne in­ner­be­trieb­li­che Klärung nicht ver­sucht ha­be. Ei­ne Ab­mah­nung vor Aus­spruch der Kündi­gung hält sie für ent­behr­lich. Er­schwe­rend kom­me hin­zu, dass al­le ih­re Mit­ar­bei­ter zwin­gend der Zu­verlässig­keits­bestäti­gung der Flug­si­cher­heits­behörde bedürfen, die re­la­tiv leicht ent­zo­gen wer­de und dies zwin­gend zum Ver­lust des Ar­beits­plat­zes führe. Da der Kläger den­sel­ben Vor­aus­set­zun­gen un­ter­lie­ge, sei ihm dies auch be­wusst. Der Kläger ha­be al­so mit sei­nen fal­schen An­schul­di­gun­gen auch in Kauf ge­nom­men, dass drei Per­so­nen even­tu­ell ih­re Exis­tenz­grund­la­ge ver­lie­ren, je­den­falls aber fort­an in der Angst le­ben müss­ten, dass er dies wei­ter durch fal­sche An­schul­di­gun­gen be­trei­be. Dies könne auch we­gen des er­for­der­li­chen gu­ten Rufs der Vor­ge­setz­ten in der Be­leg­schaft nicht hin­ge­nom­men wer­den. Sie meint, der Be­triebs­frie­den würde durch ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung des Klägers nach­hal­tig gestört, denn Vor­ge­setz­te würden mit ihm nur noch im Bei­sein von Zeu­gen spre­chen wol­len. Letzt­lich be­haup­tet sie, der Kläger sei gemäß den Vor­ga­ben des ärzt­li­chen At­tests beschäftigt wor­den und von dem Mit­ar­bei­ter wie je­der an­de­re Mit­ar­bei­ter im Be­reich be­han­delt wor­den.

Zur Ergänzung des Sach- und Streit­stan­des wird auf den vor­ge­tra­ge­nen In­halt der von den Par­tei­en ge­wech­sel­ten Schriftsätze so­wie den ge­sam­ten Ak­ten­in­halt, ins­be­son­de­re das Pro­to­koll der Sit­zung vom 11. Au­gust 2010 Be­zug ge­nom­men.
 


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Ent­schei­dungs­gründe:


Die Kla­ge ist zulässig und be­gründet. Das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en hat we­der auf­grund der Kündi­gung vom 28. noch auf­grund der Kündi­gung vom 31. De­zem­ber 2009 ge­en­det. Ein wich­ti­ger Grund für die Kündi­gun­gen be­steht we­der in der Per­son noch im Ver­hal­ten des Klägers, § 42 Abs. 2 MTV, § 626 BGB. Dies gilt so­wohl für die Tat- als auch für die Ver­dachtskündi­gun­gen, wo­bei für ei­ne per­so­nen­be­ding­te Kündi­gung kei­ner­lei An­halts­punk­te be­ste­hen.

We­gen der gemäß § 313 Abs. 3 ZPO ge­bo­te­nen kur­zen Zu­sam­men­fas­sung der die Ent­schei­dung der Kam­mer tra­gen­den Erwägun­gen gilt Fol­gen­des:

Auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en fin­det so­wohl nach der Größe des Be­triebs als auch nach der Dau­er der Beschäfti­gung des Klägers im Be­trieb das Kündi­gungs­schutz­ge­setz An­wen­dung, §§ 23, 1 KSchG. Der Kläger hat die Frist zur Er­he­bung der Kla­ge ein­ge­hal­ten, § 4 Satz 1 KSchG. Zwar ist die ge­gen die Kündi­gun­gen vom 28. und 31. De­zem­ber 2009, dem Kläger je­weils am sel­ben Tag zu­ge­gan­gen, ge­rich­te­te Kla­ge der Be­klag­ten nicht bis zum 18. bzw. 21. Ja­nu­ar 2010, §§ 4 Satz 1, 13 Abs. 1 Satz 2 KSchG, 187 Abs. 2, 188 Abs. 2, 193 BGB, zu­ge­stellt wor­den, § 253 Abs. 1 ZPO. Gleich­wohl gilt die Kla­ge­frist durch den Kläger als ge­wahrt. Der Be­klag­ten war die Kla­ge­schrift, de­ren Zu­stel­lung der oder die Ur­kunds­be­am­te oder Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le ver­an­lasst hat­te, aus­weis­lich der Zu­stel­lungs­ur­kun­de am 29. Ja­nu­ar 2010 zu­ge­stellt. Die­se Zu­stel­lung wirkt gemäß § 167 ZPO auf den Zeit­punkt des Ein­gangs der Kla­ge­schrift am 18. Ja­nu­ar 2010 bei dem Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main zurück, weil sie „demnächst" er­folgt ist. Die Verzöge­rung der Zu­stel­lung be­ruht al­lein auf der Be­hand­lung der Sa­che durch das Ar­beits­ge­richt, nach­dem
 


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die Kam­mer­vor­sit­zen­de am 26. Ja­nu­ar 2010 Güte­ter­min an­be­raumt und die Zu­stel­lung der Kla­ge­schrift mit der Ter­mins­la­dung am 27. Ja­nu­ar 2010 ver­an­lasst wor­den ist.

Die außer­or­dent­li­chen Kündi­gun­gen vom 28. und 31. De­zem­ber 2009 sind rechts­un­wirk­sam und ha­ben das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en we­der frist­los noch zum 30. Ju­ni 2010 be­en­det.
Zunächst ist fest­zu­hal­ten, dass die Kam­mer da­von aus­geht, dass der Maßstab für ei­ne Kündi­gung aus wich­ti­gem in dem Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers lie­gen­den Grund iSv. § 42 MTV dem­je­ni­gen des § 626 BGB ent­spricht.
Gemäß § 626 Abs. 1 BGB kann ein Ar­beits­verhält­nis aus wich­ti­gem Grund außer­or­dent­lich gekündigt wer­den, wenn Tat­sa­chen vor­lie­gen, auf­grund de­rer dem Kündi­gen­den un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­fal­les und un­ter Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist oder bis zu der ver­ein­bar­ten Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht zu­ge­mu­tet wer­den kann. Da­bei kann nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts, der sich die er­ken­nen­de Kam­mer an­sch­ließt, auch ei­nem ta­rif­lich or­dent­lich unkünd­ba­ren Ar­beit­neh­mer nach § 626 BGB in Aus­nah­mefällen außer­or­dent­lich gekündigt wer­den (BAG, Urt. v. 8. April 2003 — 2 AZR 355/02 — EzA § 626 BGB 2002 Unkünd­bar­keit Nr. 2). Letz­te­res ist hier der Fall, da gemäß § 41 Abs. 3 MTV ge­genüber dem Kläger we­gen sei­ner Be­triebs­zu­gehörig­keit von weit mehr als 15 Jah­ren ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses aus­ge­schlos­sen ist, ihm aber nach § 42 Abs. 2 MTV auch als unkünd­ba­rem Mit­ar­bei­ter aus wich­ti­gem Grund frist­los gekündigt wer­den kann, so­weit die­ser Grund in sei­ner Per­son oder in sei­nem Ver­hal­ten liegt. Die Dar­le­gungs- und Be­weis­last für das Vor­lie­gen ei­nes wich­ti­gen Grun­des so­wohl im Sin­ne des § 626 BGB als auch im gleich­lau­ten­den Sin­ne des § 42 MTV trägt der Ar­beit­ge­ber.
 


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Die Be­klag­te stützt die ge­genüber dem Kläger aus­ge­spro­che­nen Kündi­gun­gen dar­auf, dass der Kläger drei sei­ner Vor­ge­setz­ten wis­sent­lich falsch bei der Po­li­zei der Be­ge­hung von Straf­ta­ten be­zich­tig ha­be so­wie zusätz­lich auch dem In­te­gra­ti­ons­amt ge­genüber nach­weis­lich un­wah­re Tat­sa­chen und ehr­ver­let­zen­de Tat­sa­chen über das Un­ter­neh­men und des­sen Mit­ar­bei­ter mit­ge­teilt ha­be.
Bei ei­ner Kündi­gung, die auf meh­re­re Gründe gestützt wird, ist zunächst zu prüfen, ob je­der Sach­ver­halt für sich al­lein ge­eig­net ist, die Kündi­gung zu be­gründen. Erst wenn die iso­lier­te Be­trach­tungs­wei­se nicht be­reits zur Fest­stel­lung der Wirk­sam­keit der Kündi­gung führt, ist im We­ge ei­ner ein­heit­li­chen Be­trach­tungs­wei­se zu prüfen, ob die ein­zel­nen Kündi­gungs­gründe in ih­rer Ge­samt­heit die außer­or­dent­li­che Kündi­gung recht­fer­ti­gen (BAG Ur­teil v. 22. Ju­li 1982 - 2 AZR 30/81 - AP Nr. 5 zu § 1 KSchG 1969 Ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung; zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung: BAG Ur­teil v. 10. De­zem­ber 1992 - 2 AZR 271/92 - AP Nr. 41 zu Art. 140 GG), wo­bei in die Ge­samtwürdi­gung bis­lang al­ler­dings nur gleich­ar­ti­ge - z.B. meh­re­re ver­hal­tens­be­ding­te - Gründe ein­be­zo­gen wor­den sind. Von letz­te­rem ist hier aus­zu­ge­hen. Die dem Kläger vor­ge­hal­te­nen Verstöße lie­gen im Be­reich der ver­hal­tens­be­ding­ten Kündi­gung, und zwar im Rah­men des Ver­trau­ens und der in­ner­be­trieb­li­chen Ver­bun­den­heit. Dies be­trifft so­wohl den Kündi­gungs­grund der an­geb­lich wis­sent­lich fal­schen Be­zich­ti­gung ei­ner Straf­tat be­zo­gen auf die Vor­ge­setz­ten und den Kündi­gungs­grund An­ga­be fal­scher Tat­sa­chen ge­genüber dem In­te­gra­ti­ons­amt — je­weils auch in der Form der Ver­dachtskündi­gung. Die ge­genüber dem Kläger er­ho­be­nen Kündi­gungs­vorwürfe sind da­mit in sich ein­heit­li­cher Art. Nach der zu­vor auf­ge­zeig­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ist da­her auch ei­ne Prüfung der ein­zel­nen Kündi­gungs­gründe in ih­rer Ge­samt­heit er­for­der­lich.

Grundsätz­lich ist das Äußern fal­scher Be­schul­di­gun­gen über Kol­le­gen oder Vor­ge­setz­te so­wie den Ar­beit­ge­ber ge­genüber Straf­ver­fol­gungs­behörden, wenn sie leicht­fer­tig oh­ne er­kenn­ba­ren Grund oder gar wis­sent­lich er­ho­ben würden, an sich ge­eig­net, ei­nen wich­ti­gen Grund für ei­ne (Tat-)Kündi­gung aus wich­ti-
 


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gern Grund dar­zu­stel­len. Je­doch hat die Be­klag­te nicht dar­zu­le­gen ver­mocht, dass der Kläger die­se Tat tatsächlich be­gan­gen hat.
Die Be­klag­te kann un­mit­tel­ba­re Tat­sa­chen, die dem Be­weis für das wis­sent­li­che oder leicht­fer­ti­ge Er­he­ben un­zu­tref­fen­der Be­schul­di­gun­gen durch den Kläger zugäng­lich sind, nicht po­si­tiv dar­le­gen, denn sie verfügt für die­sen — teils auch noch sub­jek­ti­ven Tat­her­gang — nicht über Kennt­nis­se ent­spre­chen­der Tat­sa­chen. Auch zu Hilfs­tat­sa­chen, wie zB. ei­nem Geständ­nis des Klägers über die Un­wahr­heit sei­ner Be­haup­tun­gen ge­genüber Drit­ten, kann sie man­gels ent­spre­chen­der Kennt­nis kei­nen Vor­trag hal­ten. Statt­des­sen trägt die Be­klag­te die ihr auf­grund von Zeu­gen­aus­sa­gen vor­lie­gen­den ne­ga­ti­ven Tat­sa­chen vor, es ha­be kei­ne Be­lei­di­gun­gen zu Las­ten Klägers ge­ge­ben. Die­ser Vor­trag ist nicht aus­rei­chend. Der Vor­trag ne­ga­ti­ver Tat­sa­chen kann für die Schlüssig­keit des Be­klag­ten­vor­tra­ges als dar­le­gungs- und be­weis­be­las­te­ter Par­tei für das Vor­lie­gen des Kündi­gungs­grun­des zwar grundsätz­lich hin­rei­chend sein und wirkt sich nicht auf die Ver­tei­lung der Dar­le­gungs- und Be­weis­last aus (vgl. BGH 15.Ok­to­ber 2002 — X ZR 132/01 — ZEV 2003, 207; 18. Mai 1999 — X ZR 158/97 — NJW 1999, 2887; 13. De­zem­ber 1984 — III ZR 20/83 — NJW 1985, 1774); be­son­de­ren Be­weis­schwie­rig­kei­ten ist aber durch die Mo­di­fi­zie­rung der Dar­le­gungs­last Rech­nung zu tra­gen (BGH 13. Mai 1987 — VIII ZR 137/86 — BGHZ 101, 49 = NJW 1987, 2235). Dies kann zum Bei­spiel da­durch er­reicht wer­den, dass mit­tel­ba­re Tat­sa­chen als be­weis­er­heb­lich an­ge­se­hen wer­den, wenn der Be­weis der un­mit­tel­ba­ren Tat­sa­che nicht möglich ist und die In­di­zi­en ge­eig­net sind, lo­gi­sche Rück­schlüsse auf den un­mit­tel­ba­ren Tat­be­stand zu zie­hen. Je­doch hat die Be­klag­te auch der­art mit­tel­ba­re Tat­sa­chen nicht vor­tra­gen können, denn al­lein die Aus­sa­gen der be­schul­dig­ten Vor­ge­setz­ten, es sei nichts der­ar­ti­ges vor­ge­fal­len, so­wie wei­te­rer Mit­ar­bei­ter, nichts mit­be­kom­men oder nie Be­lei­di­gun­gen der be­haup­te­ten Art gehört zu ha­ben, las­sen nach Auf­fas­sung der Kam­mer den lo­gi­schen Schluss auf wis­sent­li­che Falsch­be­haup­tung des Klägers in­so­weit nicht zu. Hin­zu­kommt, dass die Be­fra­gung der von der Be­klag­ten ge­nann­ten Zeu­gen un­er­gie­big sein müss­te, weil es dem Ge­richt auf­grund der ge-
 


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rin­gen An­ga­ben des Klägers bei der Po­li­zei an je­der Art nach­prüfba­rer Umstände, die die Kam­mer von der Wahr­haf­tig­keit der ge­dach­ten Aus­sa­gen über­zeu­gen könn­ten, feh­len würde. Ei­nen lo­gi­schen Schluss auf­grund der­ar­ti­ger Aus­sa­gen vermöch­te die Kam­mer je­den­falls nicht zu zie­hen. Viel­mehr ist die Kam­mer der Mei­nung, dass auch die — wie oben dar­ge­stellt — ver­rin­ger­ten An­for­de­run­gen an die Dar­le­gungs- und Be­weis­last der Be­klag­ten le­dig­lich die Wir­kung ei­ner wi­der­leg­li­chen Ver­mu­tung der ent­spre­chen­den po­si­ti­ven Tat­sa­chen - hier: die Er­he­bung wis­sent­lich fal­scher An­schul­di­gun­gen durch den Kläger — ha­ben (zur Dar­le­gungs­last beim Schwel­len­wert für die An­wend­bar­keit des Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes vgl. BAG 26. Ju­ni 2008 — 2 AZR 264/07 — Rz 25 — zi­tiert nach ju­ris). Die wi­der­leg­li­che Ver­mu­tung zu Las­ten des Klägers, er ha­be wis­sent­lich sei­ne Vor­ge­setz­ten falsch an­ge­schul­digt, kann aber ei­ne Tatkündi­gung nicht be­gründen. In­so­weit kommt nur ei­ne Ver­dachtskündi­gung in Be­tracht.

Aber auch die Vor­aus­set­zun­gen ei­ner Ver­dachtskündi­gung sind durch die Kündi­gun­gen vom 28. und 31. De­zem­ber 2009 nicht erfüllt.
Es kann da­hin­ste­hen, ob auch der drin­gen­de Ver­dacht des Äußerns fal­scher Be­schul­di­gun­gen über Kol­le­gen oder Vor­ge­setz­te so­wie den Ar­beit­ge­ber ge­genüber Straf­ver­fol­gungs­behörden, wenn sie leicht­fer­tig oh­ne er­kenn­ba­ren Grund oder gar wis­sent­lich er­ho­ben würden, an sich ge­eig­net wäre, ei­ne Ver­dachtskündi­gung aus wich­ti­gem Grund zu recht­fer­ti­gen. Die Be­klag­te hat nämlich die Frist des § 626 Abs. 2 BGB nicht ein­ge­hal­ten, weil sie dem Kläger erst mit Schrei­ben vom 21. De­zem­ber 2009 Ge­le­gen­heit zur Stel­lung­nah­me zu der An­zei­ge sei­ner Vor­ge­setz­ten bei der Po­li­zei ge­ge­ben hat.
Gemäß § 626 Abs. 2 BGB be­ginnt die Zwei-Wo­chen-Frist, in­ner­halb de­rer ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung zu erklären ist, mit dem Zeit­punkt, in dem der Kündi­gungs­be­rech­tig­te von den für die Kündi­gung maßge­ben­den Tat­sa­chen Kennt­nis er­langt. Die Vor­schrift re­gelt ei­ne ma­te­ri­ell-recht­li­che Aus­schluss­frist für die Kündi­gungs­erklärung. Sie soll in­ner­halb be­grenz­ter Zeit für den be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer Klar­heit darüber schaf­fen, ob ein Sach­ver­halt zum An­lass für
 


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ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung ge­nom­men wird. An­de­rer­seits soll die zeit­li­che Be­gren­zung aber nicht zu hek­ti­scher Ei­le bei der Kündi­gung an­trei­ben oder den Kündi­gungs­be­rech­tig­ten ver­an­las­sen, oh­ne genügen­de Vor­prüfung vor­ei­lig zu kündi­gen (BAG Ur­teil v. 11. März 1976 - 2 AZR 29/75 - AP Nr. 9 zu § 626 BGB Aus­schlußfrist).
Für den Frist­be­ginn kommt es auf die si­che­re und möglichst vollständi­ge po­si­ti­ve Kennt­nis der für die Kündi­gung maßge­ben­den Tat­sa­chen an; selbst grob fahrlässi­ge Un­kennt­nis genügt nicht. Un­ter den Tat­sa­chen, die für die Kündi­gung maßge­bend sind, sind im Sin­ne der Zu­mut­bar­keits­erwägun­gen so­wohl die für als auch die ge­gen die Kündi­gung spre­chen­den Umstände zu ver­ste­hen. Es genügt so­mit nicht die Kennt­nis des kon­kre­ten, die Kündi­gung auslösen­den An­las­sen, d.h. des „Vor­falls", der ei­nen wich­ti­gen Grund dar­stel­len könn­te. Dem Kündi­gungs­be­rech­tig­ten muss ei­ne Ge­samtwürdi­gung nach Zu­mut­bar­keits­ge­sichts­punk­ten möglich sein. Bei der Ar­beit­ge­berkündi­gung gehören des­we­gen zum Kündi­gungs­sach­ver­halt auch die für den Ar­beit­neh­mer und ge­gen ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung spre­chen­den Ge­sichts­punk­te, die re­gelmäßig oh­ne ei­ne Anhörung des Ar­beit­neh­mers nicht hin­rei­chend vollständig er­fasst wer­den können. So­lan­ge der Kündi­gungs­be­rech­tig­te die­se Aufklärung des Sach­ver­halts nach pflicht­gemäßem Er­mes­sen not­wen­dig er­schei­nen­den Maßnah­men durchführt, ins­be­son­de­re dem Kündi­gungs­geg­ner Ge­le­gen­heit zur Stel­lung­nah­me gibt, kann die Aus­schluss­frist nicht be­gin­nen; die Anhörung ist in der Re­gel ge­eig­net, den Frist­lauf zu hem­men (BAG Ur­teil v. 12. Fe­bru­ar 1973 2 AZR 116/72 - AP Nr. 6 zu § 626 BGB Aus­schlußfrist). Der Be­ginn der Aus­schluss­frist des § 626 Abs. 2 BGB darf in­des­sen nicht länger als un­be­dingt nötig hin­aus­ge­scho­ben wer­den. Sie ist nur so­lan­ge ge­hemmt, wie der Kündi­gungs­be­rech­tig­te aus verständi­gen Gründen mit der ge­bo­te­nen Ei­le noch Er­mitt­lun­gen an­stellt, die ihm ei­ne um­fas­sen­de und zu­verlässi­ge Kennt­nis des Kündi­gungs­sach­ver­halts ver­schaf­fen sol­len. Die Kam­mer schließt sich der For­de­rung des Bun­des­ar­beits­ge­richts an, dass der Kündi­gungs­geg­ner in­ner­halb ei­ner kurz be­mes­se­nen Frist an­gehört wer­den muss, die re­gelmäßig nicht län-
 


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ger als ei­ne Wo­che sein darf. Es han­delt sich in­so­weit um ei­ne Re­gel­frist, die bei Vor­lie­gen be­son­de­rer Umstände auch über­schrit­ten wer­den darf.
Die­sen Grundsätzen fol­gend hat die Be­klag­te die Frist des § 626 Abs. 2 BGB nicht ein­ge­hal­ten. Sie selbst hat die Er­mitt­lun­gen we­gen der be­haup­te­ten Falsch­an­zei­ge durch den Kläger als am 4.. De­zem­ber 2009 nach dem Gespräch mit dem Schicht­lei­ter als be­en­det be­zeich­net. Sie selbst ging al­so zu die­sem Zeit­punkt von der si­che­ren und möglichst vollständi­gen po­si­ti­ven Kennt­nis der für die Kündi­gung maßge­ben­den Tat­sa­chen aus. Gründe, für ei­ne Fris­t­hem­mung, weil die Be­klag­te dann den­noch aus verständi­gen Gründen und den­noch mit der ge­bo­te­nen Ei­le nach wie vor Er­mitt­lun­gen an­stell­te, sind nicht er­sicht­lich. Es sind auch kei­ne Umstände vor­ge­tra­gen, aus de­nen zu ent­neh­men wäre, dass es ihr erst mit Schrei­ben vom 21. De­zem­ber 2009 - mit­hin mehr als zwei Wo­chen später - möglich war, den Kläger zu den Vorwürfen an­zuhören. Ob­wohl in dem Schrei­ben von er­neu­ter Ge­le­gen­heit zur Stel­lung­nah­me die Re­de ist, sind kei­ne Tat­sa­chen er­sicht­lich, die für ei­ne vor­he­ri­ge Anhörung des Klägers spre­chen. Die Ab­ga­be ei­ner Stel­lung­nah­me im rah­men des Ver­fah­rens vor dem In­te­gra­ti­ons­amt kann nicht als Anhörung des Ar­beit­neh­mers durch den Ar­beit­ge­ber an­ge­se­hen wer­den. Nicht die Be­klag­te, son­dern das In­te­gra­ti­ons­amt ha­ben den Kläger im Rah­men der Gewährung recht­li­chen Gehörs zur Stel­lung­nah­me auf­ge­for­dert.


Die Kündi­gung ist als Tatkündi­gung nicht des­we­gen wirk­sam, weil der Kläger im Rah­men des Ver­fah­rens bei dem In­te­gra­ti­ons­amt im Schrei­ben sei­nes Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten vom 16. De­zem­ber 2010 für den 2. Ok­to­ber 2009 ei­nen Vor­fall mit ei­nem „Schock­fros­ter" so dar­ge­stellt hat, als ha­be der Vor­ge­setz­te ihn ein­sch­ließen wol­len und als ha­be sich da­durch ei­ne le­bens­be­droh­li­che Si­tua­ti­on für ihn er­ge­ben.
Selbst wenn der Pro­zess­be­vollmäch­tig­te des Klägers im Rah­men der Stel­lung­nah­me bei dem In­te­gra­ti­ons­amt dra­ma­ti­siert, über­trie­ben oder er­kenn­bar den Abläufen erst nachträglich ei­ne Be­deu­tung bei­ge­mes­sen hat, die ih­nen ob­jek­tiv
 


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nicht zu­ste­hen, so kann doch da­hin­ste­hen, ob ein sol­ches Ver­hal­ten, das dem Ar­beit­neh­mer zu­zu­rech­nen sein wird, ge­eig­net ist „an sich" ei­ne Kündi­gung aus wich­ti­gem Grund zu recht­fer­ti­gen.
Wenn ein an sich ge­eig­ne­ter Grund zur Recht­fer­ti­gung ei­ner Kündi­gung vor­liegt, kann ei­ne hier­auf gestütz­te Kündi­gung aus wich­ti­gem Grund das Ar­beits­verhält­nis gleich­wohl nur dann be­en­den, wenn sich bei ei­ner um­fas­sen­den In­ter­es­sen­abwägung er­gibt, dass das Be­en­di­gungs­in­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers im Verhält­nis zu dem Be­stands­schutz­in­ter­es­se des Ar­beit­neh­mers über­wiegt (BAG 27. April 2006 - 2 AZR 415/05 - AP BGB § 626 Nr. 203 = EzA BGB 2002 § 626 Nr. 17). Die bei der In­ter­es­sen­abwägung zu berück­sich­ti­gen­den Umstände las­sen sich nicht ab­sch­ließend für al­le Fälle fest­le­gen. Zunächst kommt der Dau­er des Ar­beits­verhält­nis­ses und des­sen be­an­stan­dungs­frei­en Be­stands ein be­son­de­res Ge­wicht zu. Darüber hin­aus sind die Un­ter­halts­pflich­ten und das Le­bens­al­ter zu berück­sich­ti­gen. Darüber hin­aus sind ins­be­son­de­re das Ge­wicht und die Aus­wir­kun­gen ei­ner Ver­trags­pflicht­ver­let­zung, ei­ne mögli­che Wie­der­ho­lungs­ge­fahr so­wie der Grad des Ver­schul­dens des Ar­beit­neh­mers zu berück­sich­ti­gen (Se­nat 10. No­vem­ber 2005 - 2 AZR 623/04 - Rn. 38, AP BGB § 626 Nr. 196 = EzA BGB 2002 § 626 Nr. 11).

Un­ter­stellt der Kläger hat den Vor­fall an der Kühl­hau­be/an dem Kühl­haus wis­sent­lich ver­zerrt und er­heb­lich über­trei­bend bei dem Ver­fah­ren mit dem In­te­gra­ti­ons­amt dar­ge­stellt, so kommt dem zwar ein miss­bil­li­gens­wer­ter Un­wert­ge­halt zu, der zu­guns­ten der Be­klag­ten für ei­ne Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses spricht. Gleich­zei­tig ist der­zeit über­wie­gend zu­guns­ten des Klägers zunächst zu berück­sich­ti­gen, dass er die­se — un­ter­stellt — über­trie­be­nen Dar­stel­lun­gen in ei­ner be­son­de­ren Si­tua­ti­on, nämlich im Rah­men des An­trags­ver­fah­rens vor dem In­te­gra­ti­ons­amt ab­gab, als sein Ar­beit­ge­ber die Zu­stim­mung zur Kündi­gung we­gen an­de­rer Umstände be­gehr­te. Die­se für den Kläger her­aus­ge­ho­be­ne Be­son­der­heit der Si­tua­ti­on wird so­wohl in den Stel­lung­nah­men des Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten des Klägers ge­genüber dem In­te­gra­ti­ons­amt an sich als
 


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auch ins­ge­samt im Ver­fah­ren für die Kam­mer deut­lich. Die ihm vor­ge­wor­fe­ne Dar­stel­lung kann nach Auf­fas­sung der Kam­mer nicht außer­halb die­ses Kon­tex­tes be­wer­tet wer­den. Hin­zu kommt des Wei­te­ren, dass auch die - un­ter­stellt -wahr­heits­wid­ri­ge Dar­stel­lung die­ses ei­nen Vor­falls le­dig­lich ei­ne Ne­ben­pflicht­ver­let­zung be­deu­tet so­wie dass un­ter­schied­li­che Dar­stel­lun­gen von strei­ti­gen Sach­ver­hal­ten un­ter Kol­le­gen ei­ner un­gestörten Wei­ter­ar­beit an sich nicht zwin­gend ent­ge­gen­ste­hen. Je­den­falls ist der Um­stand die­ser Schil­de­rung durch den Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten des Klägers der­zeit nicht als ein sol­cher er­kenn­bar, der ei­ner un­gestörten Wei­ter­ar­beit des Klägers im Be­trieb ent­ge­gen­steht. Die Schil­de­rung hat an sich kei­ne Be­triebsöffent­lich­keit er­fah­ren. Von ei­ner „ab­so­lu­ten Un­ein­sich­tig­keit" des Klägers ver­mag die Kam­mer je­den­falls der­zeit nicht aus­zu­ge­hen. Mit der — un­ter­stellt — un­rich­ti­gen Äußerung des Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten des Klägers im Rah­men des Anhörungs­ver­fah­rens geht auch kei­ne kon­kre­ten Schädi­gung so­wohl des Rufs als auch der ma­te­ri­el­len In­ter­es­sen der Be­klag­ten ein­her. Zu­guns­ten des Klägers spricht im Übri­gen be­son­ders sei­ne mehr als 20 jähri­ge Beschäfti­gungs­zeit und sei­ne Un­ter­halts­pflich­ten für drei Kin­der, von de­nen ei­nes nicht volljährig ist (ge­bo­ren am ). Zu­min­dest der­zeit über­wiegt das In­ter­es­se des Klägers an ei­ner Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses das In­ter­es­se der Be­klag­ten an des­sen Nicht­beschäfti­gung - auch nach Ab­lauf der mit der Kündi­gung vom 30. De­zem­ber 2009 berück­sich­tig­ten Aus­lauf­frist.
Auf die Äußerun­gen des Klägers zum Ur­laub und zur Kündi­gung we­gen sei­ner Scher­be­hin­der­ten­ei­gen­schaft kann die Be­klag­te die Kündi­gun­gen we­der als Tat- noch als Ver­dachtskündi­gung stützen.
Sie über­sieht zunächst, dass der Kläger sei­ne Äußerung we­gen des Ur­laubs kor­ri­giert hat und dass er im Übri­gen ei­ne Mei­nung äußert.


So­weit die Be­klag­te die Kündi­gun­gen we­gen der Äußerun­gen des Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten im Schrei­ben vom 16. De­zem­ber 2009 im Rah­men des vor dem In­te­gra­ti­ons­amt zu führen­den Ver­fah­rens als Ver­dachtskündi­gun­gen aus­ge-
 


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spro­chen hat, gilt im Rah­men der auch hier vor­zu­neh­men­den In­ter­es­sen­abwägung nichts Ab­wei­chen­des.

Da die iso­lier­te Be­trach­tungs­wei­se nicht be­reits zur Fest­stel­lung der Wirk­sam­keit der Kündi­gung führt, war im We­ge ei­ner ein­heit­li­chen Be­trach­tungs­wei­se zu prüfen, ob die ein­zel­nen Kündi­gungs­gründe in ih­rer Ge­samt­heit die Kündi­gung aus wich­ti­gem Grund recht­fer­ti­gen. Dies ist nicht der Fall. Da die Tatkündi­gung we­gen der dem Kläger vor­ge­wor­fe­nen Falsch­an­zei­ge als sol­che, die Ver­dachtskündi­gung we­gen der dem Kläger vor­ge­wor­fe­nen Falsch­an­zei­ge we­gen Nicht­ein­hal­tung der Kündi­gungs­erklärungs­frist un­wirk­sam sind, bie­tet sich für die Kündi­gung we­gen der kur­nu­lier­ten Kündi­gungs­gründe kein an­de­res Er­geb­nis, als die Kam­mer es bei der Be­ur­tei­lung der iso­lier­ten Be­trach­tung der dem Kläger vor­ge­wor­fe­nen schrift­li­chen Äußerun­gen sei­nes Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten bei dem Ver­fah­ren vor dem In­te­gra­ti­ons­amt an­ge­nom­men hat.

Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf §§ 46 Abs. 2 ArbGG, 91 ZPO; die Be­klag­te ist die im Rechts­streit un­ter­le­ge­ne Par­tei.

Die Fest­set­zung des Wer­tes des Streit­ge­gen­stan­des er­folgt gemäß §§ 42 Abs. 3 Satz 1 GKG, 3, 5 ZPO. Da der Fest­stel­lungs­an­trag auf das un­be­fris­te­te Fort­be­ste­hen des Ar­beits­verhält­nis­ses ge­rich­tet ist, ist der Streit­wert für die­sen An­trag in Höhe des durch­schnitt­li­chen Vier­tel­jah­res­ver­diens­tes des Klägers fest­zu­set­zen. Da die Be­klag­te zwei Kündi­gun­gen in en­gem zeit­li­chem und vor al­lem sach­li­chem Zu­sam­men­hang aus­ge­spro­chen hat, die der Kläger an­ge­grif­fen hat, ist es ge­recht­fer­tigt we­gen der zwei­ten Kündi­gung ein wei­te­res Brut­to­mo­nats­ein­kom­men zu ad­die­ren.
 


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