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Kün­di­gung we­gen un­be­rech­tig­ter Straf­an­zei­ge

Ei­ne un­be­rech­tig­te Straf­an­zei­ge ge­gen Vor­ge­setz­te und Kol­le­gen kann ei­ne au­ßer­or­dent­li­che Kün­di­gung zur Fol­ge ha­ben: Hes­si­sches Lan­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 26.10.2011, 8 Sa 1554/10
02.04.2012. Au­ßer­or­dent­li­che Kün­di­gun­gen, die meist ver­hal­tens­be­dingt und frist­los aus­ge­spro­chen wer­den, sind nur wirk­sam, wenn es da­für ei­nen „wich­ti­gen Grund“ gibt, der die Fort­set­zung des Ar­beits­ver­hält­nis­ses un­zu­mut­bar macht. Ein sol­cher Grund kann auch ei­ne un­be­rech­tig­te Straf­an­zei­ge sein. Un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen Ar­beit­neh­mer zur Straf­an­zei­ge be­rech­tigt und wann sie um­ge­kehrt die Kün­di­gung ris­kie­ren, wird un­ter dem Stich­wort „Whist­leb­lo­wing“ (sinn­ge­mäß: Alarm schla­gen) dis­ku­tiert.

Zwar sind die De­tails um­strit­ten, klar ist aber, dass sich Ar­beit­neh­mer mit ih­ren Be­schul­di­gun­gen nicht zu weit aus dem Fens­ter leh­nen soll­ten. Sonst er­geht es ih­nen wie dem Klä­ger in ei­nem vom Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) ent­schie­de­nen Fall, der sei­ne Vor­ge­setz­ten und Kol­le­gen in völ­lig über­zo­ge­ner Wei­se be­schul­dig­te (Ur­teil vom 26.10.2011, 8 Sa 1554/10).

Darf ein Arbeitnehmer seinen Arbeitgeber, Vorgesetzten oder Kollegen anzeigen?

Ei­gent­lich hat je­der das Recht als Bürger, Straf­ta­ten der Po­li­zei mit­zu­tei­len und Straf­an­trag zu stel­len. Doch als Ar­beit­neh­mer hat man zu­gleich auch die Pflicht, Rück­sicht auf die In­ter­es­sen sei­nes Ar­beit­ge­bers zu neh­men (§ 241 Abs.2 Bürger­li­ches Ge­setz­buch - BGB).

Die Ar­beits­ge­rich­te ver­lan­gen da­her vom Ar­beit­neh­mer, beim Ver­dacht straf­ba­ren Ver­hal­tens von Be­triebs­an­gehöri­gen zunächst ein­mal "in­ner­be­trieb­li­che Ab­hil­femöglich­kei­ten" zu nut­zen, be­vor man Außen­ste­hen­de in­for­miert. Aus­nah­men wer­den nur ge­macht, wenn es um schwe­re Straf­ta­ten geht oder wenn man Ge­fahr läuft, sich oh­ne Straf­an­zei­ge selbst straf­bar zu ma­chen. In sol­chen und ähn­li­chen Fällen wäre der Ver­such ei­ner in­ner­be­trieb­li­chen Klärung sinn­los und/oder un­zu­mut­bar und man darf da­her oh­ne ei­nen sol­chen Ver­such die Poil­zei ein­schal­ten.

So oder so ist die ty­pi­sche Re­ak­ti­on des Ar­beit­ge­bers Empörung über den „Maul­wurf“ und es folgt meist ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te außer­or­dent­li­che Kündi­gung. Die Be­gründung des Ar­beit­ge­bers lau­tet dann, der Ar­beit­neh­mer ha­be die Vorwürfe "leicht­fer­tig" er­ho­ben und/oder sie sei­en „völlig aus der Luft ge­grif­fen“. Wer­den die Er­mitt­lun­gen später er­geb­nis­los ein­ge­stellt, läuft der Ar­beit­neh­mer Ge­fahr, dass das Ar­beits­ge­richt im Kündi­gungs­schutz­ver­fah­ren die Be­wer­tung des Ar­beit­ge­bers teilt.

Wissentlich falsche Strafanzeige gegen Kollegen kann eine außerordentliche Kündigung zur Folge haben

Ein gemäß Ta­rif­ver­trag or­dent­lich unkünd­ba­rer Ar­beit­neh­mer be­schul­dig­te ei­ni­ge sei­ner Vor­ge­setz­ten und Kol­le­gen bei der Po­li­zei, ihn über ei­nen länge­ren Zeit­raum im­mer wie­der mas­siv be­lei­digt zu ha­ben. Außer­dem be­haup­te­te er, sein Schicht­lei­ter ha­be ihn in ei­nen Schock­fros­ter ein­sper­ren und die Kühlung ein­schal­ten wol­len. Er ha­be sich nur in letz­ter Se­kun­de vor dem dro­hen­den Kälte­tod ret­ten können.

Der Ar­beit­ge­ber kündig­te we­gen die­ser An­schul­di­gun­gen En­de 2009 ver­hal­tens­be­dingt außer­or­dent­lich, wo­bei er ei­ne Aus­lauf­frist bis Mit­te 2010 gewähr­te. Das Ar­beits­ge­richt Frank­furt (Ur­teil vom 11.08.2010, 2 Ca 416/10) gab der Kündi­gungs­schutz­kla­ge des Ar­beit­neh­mers statt, doch das LAG wies sie an­sch­ließend ab.

Denn während sei­ne Kol­le­gen in ei­ner Be­weis­auf­nah­me glaub­haft aus­sag­ten, den Ar­beit­neh­mer nie be­lei­digt zu ha­ben, konn­te er sei­ner­seits kei­ne kon­kre­ten Vorfälle be­nen­nen. Zu­dem ent­pupp­te sich der "Schock­fros­ter" als Kühl­hau­be, in der Plus­gra­de herr­schen. Das LAG kam da­her zu dem Er­geb­nis, dass die An­schul­di­gun­gen falsch wa­ren und dass der Ar­beit­neh­mer mit der Straf­an­zei­ge sei­nen Kol­le­gen Un­recht ge­tan hat­te. Da­her war die außer­or­dent­li­che Kündi­gung in Ord­nung, da der Ar­beit­ge­ber so fair war, ei­ne halbjähri­ge Aus­lauf­frist zu gewähren.

Fa­zit: Straf­an­zei­gen ge­gen Kol­le­gen oder den Ar­beit­ge­ber sind im­mer ei­ne heik­le An­ge­le­gen­heit. Sie soll­ten da­her sehr de­tail­liert und auf der Grund­la­ge ob­jek­ti­ver Be­wei­se er­stat­tet wer­den. Denn vie­le Straf­ver­fah­ren wer­den oh­ne Be­weis­auf­nah­me ein­ge­stellt, so dass "die Wahr­heit" in die­sem Rah­men oft nicht geklärt wird. Da­mit ei­ne sol­che Ver­fah­rens­ein­stel­lung dem Ar­beit­neh­mer nicht scha­det, soll­te sei­ne An­zei­ge möglichst gut be­gründet sein.

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Letzte Überarbeitung: 24. August 2016

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