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Ar­beits­ge­richt Ham­burg: Dro­gen­kon­trol­len zu­läs­sig

Bei ge­fähr­li­chen Ar­bei­ten und auf der Grund­la­ge ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung kann der Ar­beit­ge­ber stich­pro­ben­ar­ti­ge Dro­gen­tests durch­füh­ren: Ar­beits­ge­richt Ham­burg, Ur­teil vom 01.09.2006, 27 Ca 136/06
10.09.2006. Ge­mäß § 75 Abs.2 Be­trVG ha­ben Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat "die freie Ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit" der im Be­trieb be­schäf­tig­ten Ar­beit­neh­mer zu schüt­zen und zu för­dern. Hin­ter die­ser Pflicht steht das sog. "Per­sön­lich­keits­recht" der Ar­beit­neh­mer, das als Grund­recht und auch als zi­vil­recht­li­ches Schutz­gut an­er­kannt ist.

Re­gelt da­her ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung die Vor­aus­set­zun­gen von ärzt­li­chen Un­ter­su­chun­gen zum Zwe­cke von Dro­gen­kon­trol­len und wer­den die­se so­dann auf An­wei­sung des Ar­beit­ge­bers durch­ge­führt, so liegt hier­in stets ein "Ein­griff" in das Per­sön­lich­keits­recht des be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mers.

Wird näm­lich ein Ar­beit­neh­mer ärzt­lich un­ter­sucht und wer­den die Un­ter­su­chungs­er­geb­nis­se so­dann durch den Arzt an den Ar­beit­ge­ber wei­ter­ge­ge­ben, so führt dies zu ei­nem Ein­griff in die In­tim­sphä­re des Ar­beit­neh­mers, die vom Per­sön­lich­keits­recht er­faßt bzw. ge­schützt ist.

Frag­lich ist, un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen ein sol­cher Ein­griff in das Per­sön­lich­keits­recht er­laubt bzw. recht­lich zu­läs­sig ist. Ei­ne ak­tu­el­le Ent­schei­dung des Ar­beits­ge­richts Ham­burg gibt ein Bei­spiel: Ar­beits­ge­richt Ham­burg, Ur­teil vom 01.09.2006, 27 Ca 136/06.

Gelten für die Ermittlung einer Drogensucht und für die Überprüfung der Arbeitsfähigkeit dieselben Regeln?

Nach ei­ner Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) vom 12.08.1999 (2 AZR 55/99) ist ein Ar­beit­neh­mer im all­ge­mei­nen nicht da­zu ver­pflich­tet, im lau­fen­den Ar­beits­verhält­nis rou­ti­nemäßigen Blut­un­ter­su­chun­gen zur Klärung, ob er al­ko­hol­abhängig oder dro­gen­abhängig ist, zu­zu­stim­men.

Das gilt je­den­falls dann, wenn ei­ne Rechts­grund­la­ge für sol­che Rou­ti­ne­un­ter­su­chun­gen im Ar­beits­ver­trag, in ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung oder in ei­nem Ta­rif­ver­trag nicht vor­han­den ist.

Es fragt sich al­ler­dings, ob die­se Ent­schei­dung auch be­deu­tet, daß der Ar­beit­ge­ber rou­ti­nemäßige bzw. ver­dachts­un­abhängi­ge Dro­gen­un­ter­su­chun­gen auch dann nicht durchführen darf, wenn er le­dig­lich die ak­tu­el­le Ar­beitsfähig­keit des be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mers (und nicht et­wa sei­ne et­wai­ge Dro­gen­abhängig­keit) fest­stel­len las­sen möch­te.

Zu die­ser Fra­ge hat das Ar­beits­ge­richt Ham­burg mit Ur­teil vom 01.09.2006 (27 Ca 136/06) Stel­lung be­zo­gen.

Der Streitfall: Containerfahrer im Hamburger Hafen stehen während er Arbeit unter Canabis-Einfluss

In dem vom Ar­beits­ge­richt Ham­burg ent­schie­de­nen Fall war der kla­gen­de Ar­beit­neh­mer bei der Be­klag­ten, die mit dem Con­tai­ner­um­schlag im Ham­bur­ger Ha­fen beschäftigt ist, als sog. Van Car­ri­er Fah­rer tätig. Al­le Ha­fen­ar­bei­ter, al­so auch der Kläger, sind fes­ten Teams zu­ge­teilt.

Im Fe­bru­ar 2005 er­hielt die Be­klag­ten ei­nen an­ony­men Hin­weis dar­auf, daß Mit­ar­bei­ter während der Ar­beits­zeit un­ter Sucht­mit­tel­ein­fluß ste­hen würden. In die­sem Hin­weis wur­de be­haup­tet, daß Ar­beit­neh­mer der Be­klag­ten auf dem Be­triebs­gelände Dro­gen kon­su­mie­ren würden. Auf Grund die­ser Ver­dachts­mo­men­te wur­den ein Team dar­um ge­be­ten, beim Be­triebs­arzt ei­ne Urin­pro­be ab­zu­ge­ben, die auf Dro­gen un­ter­sucht wer­den soll­te. Bei meh­re­ren Mit­ar­bei­tern die­ses Teams war das Er­geb­nis des Dro­gen­tests po­si­tiv.

Vor die­sem Hin­ter­grund schlos­sen die Be­klag­te und der bei ihr be­ste­hen­de Be­triebs­rat ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung (BV vom 13.07.2005), in der zu Punkt 4.) es un­ter an­de­rem heißt:

"a) Bei be­gründe­ten Ver­dacht ei­ner Ein­schränkung der Ar­beitsfähig­keit auf Grund von Sucht­mit­teln hat der be­trof­fe­ne Mit­ar­bei­ter/die be­trof­fe­ne Mit­ar­bei­te­rin die Pflicht, sei­ner­seits/ih­rer­seits die Umstände der Ar­beitsfähig­keit bzw. Ar­beits­unfähig­keit klären zu hel­fen.
b) Un­ter Ver­dacht ste­hen­de Mit­ar­bei­ter/Mit­ar­bei­te­rin­nen können da­her auf­ge­for­dert wer­den, sich ei­nes Atem-, Blut- und/oder ei­nes Urin­tests durch den Be­triebs­arzt zu un­ter­zie­hen. Die zur Ent­schei­dung er­for­der­li­chen La­bor­wer­te können auch in­ner­halb ei­ner von dem Be­triebs­arzt be­stimm­ten Frist durch den be­han­deln­den Arzt des Mit­ar­bei­ters/der Mit­ar­bei­te­rin bei­ge­bracht wer­den.
c) Auf Grund der ge­ne­rell be­ste­hen­den Ge­fah­ren­ge­neigt­heit der Tätig­kei­ten auf dem Con­tai­ner Ter­mi­nal bzw. in der Tech­nik können Mit­ar­bei­ter/Mit­ar­bei­te­rin­nen auch oh­ne be­ste­hen­den be­gründe­ten Ver­dacht und un­abhängig von den durch­zuführen­den Rou­ti­ne­un­ter­su­chun­gen zur Über­prüfung ih­rer un­ein­ge­schränk­ten Ar­beitsfähig­keit zu Atem- und/oder zu Urin­tests auf­ge­for­dert wer­den. Die Kon­trol­len er­fol­gen nach dem Zu­falls­prin­zip team­grup­pen­be­zo­gen oder - wo die­se Or­ga­ni­sa­ti­ons­form nicht be­steht - ein­zel­fall­be­zo­gen. Wel­ches Team zur Durchführung der Tests auf­ge­for­dert wird, ent­schei­det sich wie folgt: (...)"

In Um­set­zung die­ser Be­triebs­ver­ein­ba­rung wur­de am 29.09.2005 das Team des Klägers zur Kon­trol­le aus­ge­lost. Das so­dann durch­geführ­te Scree­ning auf ei­nen ak­tu­el­len Ein­fluß von Sucht­mit­teln er­gab bei dem Kläger ein po­si­ti­ves Er­geb­nis in Be­zug auf THC, d.h. der Kläger stand un­ter dem Ein­fluss des Kon­sums von Cana­bis.

Dar­auf­hin wur­de der Kläger un­ter An­rech­nung auf be­ste­hen­de Ur­laubs- so­wie Frei­zeit­aus­gleichs­ansprüche frei­ge­stellt. Gleich­falls wur­de dem Kläger na­he ge­legt, am 06.10.2005 an ei­nem er­neu­ten Scree­ning teil­zu­neh­men. Auch die­ses er­gab für den Kläger ein po­si­ti­ves Test­ergeb­nis im Hin­blick auf THC. Auch ein wei­te­rer Test am 27.10.2005 er­gab ei­nen po­si­ti­ven THC-Wert.

Am 11.11.2005 leg­te der Kläger dem Be­triebs­arzt der Be­klag­ten ei­ne Be­schei­ni­gung des Uni­ver­sitäts­kran­ken­haus E. vor, die ein ne­ga­ti­ves Er­geb­nis im Hin­blick auf Sucht­mit­tel­ein­fluß be­schei­nig­te. So­dann nahm der Kläger sei­ne Ar­beit wie­der auf.

Auf­grund ei­ner wei­te­ren Aus­lo­sung soll­te das Team des Klägers er­neut am 15.03.2006 zum En­de der ers­ten Schicht auf Dro­gen hin kon­trol­liert wer­den. Da sich der Kläger wei­ger­te, den ent­spre­chen­den Test durch den Be­triebs­arzt durchführen zu las­sen, wur­de ihm gemäß der Be­triebs­ver­ein­ba­rung an­ge­bo­ten, ei­nen Test bei sei­nem Arzt durchführen zu las­sen und dem Be­triebs­arzt so­dann das Er­geb­nis vor­zu­le­gen.

Der Kläger ließ dar­auf­hin ei­nen Test im Uni­ver­sitäts­kran­ken­haus E. durchführen, das ei­nen ne­ga­ti­ven Be­fund er­gab. Nach­dem am 16.03.2006 ei­ne ent­spre­chen­de Be­schei­ni­gung vor­leg­te, wur­de der Kläger am Fol­ge­ta­ge wie­der ein­ge­setzt.

Der Kläger er­hob dar­auf­hin Kla­ge mit dem An­trag fest­zu­stel­len, daß die An­wei­sung der Be­klag­ten vom 15.03.2006, an ei­nem Urin­test teil­zu­neh­men, un­wirk­sam ge­we­sen ist.

Arbeitsgericht Hamburg: Bei gefährlichen Arbeiten und auf der Grundlage einer Betriebsvereinbarung kann der Arbeitgeber stichprobenartige Drogentests durchführen

Das Ar­beits­ge­richt Ham­burg hat ge­gen den Ar­beit­neh­mer ent­schie­den. Nach An­sicht des Ge­richts war die Wei­sung ge­genüber dem Kläger, sich auch oh­ne kon­kre­ten Ver­dacht an ei­nem Urin­test zu be­tei­li­gen, rech­tens und da­her zu be­fol­gen. Zur Be­gründung führt das Ar­beits­ge­richt aus:

Das Persönlich­keits­recht des Klägers sei zwar be­trof­fen, aber nicht ver­letzt. Der in der Dro­gen­kon­trol­le lie­gen­de Ein­griff in das Persönlich­keits­recht sei nämlich verhält­nismäßig und da­her er­laubt.

Da­bei stellt das Ge­richt vor al­lem dar­auf ab, daß die Tätig­keit des Klägers in er­heb­li­chem Maße mit Ge­fah­ren ver­bun­den sei und daß die Un­ter­su­chung nicht der Fest­stel­lung ei­ner Dro­gen­abhängig­keit, son­dern nur der Fest­stel­lung der (ak­tu­el­len) Ar­beitsfähig­keit die­nen sol­le. Hier­in sah das Ge­rich ei­nen we­sent­li­chen Un­ter­schied ge­genüber dem Fall, den das BAG am 12.08.1999 ent­schie­den hat­te (2 AZR 55/99).

Fa­zit: Bei gefähr­li­chen Ar­bei­ten und auf der Grund­la­ge ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung kann der Ar­beit­ge­ber stich­pro­ben­ar­ti­ge Ge­sund­heits­kon­trol­len durchführen, um auf die­sem We­ge aus­zu­sch­ließen, dass der Ar­beit­neh­mer un­ter dem Ein­fluss von Al­ko­hol oder an­de­ren Dro­gen steht. Ein sol­ches Vor­ge­hen ist vom Wei­sungs­recht des Ar­beit­ge­bers ge­deckt.

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Letzte Überarbeitung: 1. November 2016

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