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LAG Ber­lin-Bran­den­burg: Zwi­schen­ver­dienst bei Frei­stel­lung

Bei wi­der­ruf­li­cher Frei­stel­lung bis zur Ver­trags­be­en­di­gung ist Zwi­schen­ver­dienst nicht auf der Grund­la­ge von § 615 BGB an­zu­rech­nen: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 20.04.2007, 6 Sa 162/07

24.07.2007. Oft ei­ni­gen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer im Kün­di­gungs­schutz­ver­fah­ren auf ei­nem Pro­zess­ver­gleich, der ei­ne Ab­fin­dungs­re­ge­lung ent­hält und dem­ent­spre­chend das OK des Ar­beit­neh­mers zu der Ver­trags­be­en­di­gung.

Wenn zwi­schen dem Zeit­punkt ei­ner sol­chen Ver­ein­ba­rung und dem re­gu­lä­ren Ver­trags­en­de un­ter Be­ach­tung der Kün­di­gungs­fris­ten noch ei­ne ge­wis­se Zeit liegt, ent­hält ein sol­cher Ver­gleich meist die Frei­stel­lung des Ar­beit­neh­mers un­ter Fort­zah­lung sei­ner Be­zü­ge bis zur Be­en­di­gung des Ar­beits­ver­hält­nis­ses.

Frag­lich ist, wel­che Aus­wir­kun­gen es in ei­nem sol­chen Fall hat, wenn der Ar­beit­neh­mer be­reits wäh­rend der Frei­stel­lung ei­ne an­de­re Ar­beit ge­fun­den hat dort Geld ver­dient. Muss er sich dann die­sen Zwi­schen­ver­dienst auf den Lohn­an­spruch an­rech­nen las­sen, den er ge­gen sei­nen al­ten Ar­beit­ge­ber hat?

Über die­se Fra­ge hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg in ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil ent­schie­den, in dem es um ei­ne wi­der­ruf­li­che Frei­stel­lung ging: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 20.04.2007, 6 Sa 162/07.

Ist Zwischenverdienst anzurechnen, wenn der Arbeitnehmer "unter Fortzahlung der Vergütung" bis zum Vertragsende freigestellt wird?

Strei­ten die Ar­beits­ver­trags­par­tei­en im Kündi­gungs­schutz­ver­fah­ren über die Wirk­sam­keit ei­ner vom Ar­beit­ge­ber aus­ge­spro­che­nen frist­lo­sen Kündi­gung und ei­ni­gen sie sich dann recht bald nach Aus­spruch der Kündi­gung und Kla­ge­er­he­bung per Ver­gleich auf die frist­ge­rech­te Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses, so lie­gen oft noch ei­ni­ge Wo­chen oder Mo­na­te zwi­schen ei­ner sol­chen gütli­chen Ei­ni­gung und dem Ar­beits­ver­trags­en­de.

Dann enthält der Ver­gleich meist auch die Frei­stel­lung des Ar­beit­neh­mers von der Ar­beit bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist.

We­der der Ar­beit­ge­ber noch der Ar­beit­neh­mer ha­ben nämlich un­ter sol­chen Umstände ein In­ter­es­se dar­an, dass die Ar­beit noch ein­mal auf­ge­nom­men wird:

Der Ar­beit­ge­ber hat in sol­chen Fällen zu­meist be­triebs­in­tern be­reits mit­ge­teilt, dass der Ar­beit­neh­mer „draußen ist“, so dass die - auch nur vorüber­ge­hen­de - Auf­nah­me der Ar­beits­leis­tung mit ei­nem Ge­sichts­ver­lust ver­bun­den wäre. Und der Ar­beit­neh­mer hat viel­leicht schon ei­ne neue An­stel­lung ge­fun­den, je­den­falls aber we­nig Lust, den Be­trieb nach dem mit ei­ner frist­lo­sen Kündi­gung zu­meist ein­her­ge­hen­den Zerwürf­nis noch ein­mal zu be­tre­ten.

Frag­lich ist, ob sich der Ar­beit­neh­mer auf den Lohn­an­spruch, den er für die Zeit bis zu sei­nem Aus­schei­den hat, den bei ei­nem an­de­ren Ar­beit­ge­ber er­ziel­ten Zwi­schen­ver­dienst an­rech­nen las­sen muss.

Ei­ne sol­che An­rech­nung ist im Ge­setz für den Fall vor­ge­se­hen, in de­nen sich der Ar­beit­ge­ber mit der An­nah­me der Ar­beits­leis­tung in Ver­zug be­fin­det (§ 615 Satz 2 Bürger­li­ches Ge­setz­buch - BGB, § 11 Kündi­gungs­schutz­ge­setz - KSchG). Mit dem Fall des An­nah­me­ver­zugs ist ei­ne ein­ver­nehm­li­che Frei­stel­lung bis zum Ver­trags­en­de aber mögli­cher­wei­se nicht ver­gleich­bar.

Über die­se Fra­ge hat­te das LAG Ber­lin-Bran­den­burg mit Ur­teil vom 20.04.2007 (6 Sa 162/07) zu ent­schei­den.

Der Streitfall: Arbeitnehmer einigt sich im Kündigungsschutzverfahren auf widerrufliche Freistellung unter Fortzahlung des Gehalts bis zum Ausscheiden

Im Streit­fall hat­te der Ar­beit­ge­ber ei­nem lan­ge Zeit beschäftig­ten Kraft­fah­rer frist­los gekündigt. Die Kündi­gung wur­de am 20.02.2006 aus­ge­spro­chen, wor­auf­hin der Ar­beit­neh­mer Kündi­gungs­schutz­kla­ge er­hob.

Ei­ni­ge Mo­na­te später, nämlich am 11.05.2006, ver­ein­bar­ten die Par­tei­en vor dem Ar­beits­ge­richt ei­nen Pro­zess­ver­gleich, dem­zu­fol­ge das Ar­beits­verhält­nis frist­ge­recht, d.h. auf­grund der lan­gen Beschäfti­gungs­dau­er des Ar­beit­neh­mers am 31.07.2006 en­den soll­te. Für die knapp drei Mo­na­te bis da­hin war im Ver­gleich fol­gen­des ge­re­gelt:

„Die Be­klag­te stellt den Kläger un­ter Fort­zah­lung der Vergütung und un­ter An­rech­nung et­wai­gen noch nicht ab­ge­rech­ne­ten Ur­laubs und Übe­r­ar­beit von der Er­brin­gung der Ar­beits­leis­tung wi­der­ruf­lich ab so­fort bis zum o.g. Be­en­di­gungs­zeit­punkt frei.“

Be­reits bei Ab­schluss des Ver­gleichs hat­te der Ar­beit­neh­mer ei­ne neue An­stel­lung ge­fun­den und er­hielt auf die­ser Grund­la­ge ei­nen Zwi­schen­ver­dienst.

Da die Ein­zel­hei­ten der wei­te­ren Ver­trags­ab­wick­lung im Ver­gleich nicht ge­re­gelt wa­ren, strit­ten sich die Par­tei­en in ei­nem Fol­ge­pro­zess um die Fra­ge, ob dem Ar­beit­neh­mer auf­grund des Ver­gleichs der vol­le Lohn­an­spruch vom 11.05.2006 bis zum 31.07.2006 zustünde – oder ob er sich den Zwi­schen­ver­dienst aus sei­nem neu­en Ar­beits­verhält­nis an­rech­nen las­sen müss­te.

LAG Berlin-Brandenburg: Bei widerruflicher Freistellung keine Anwendung von § 615 BGB und daher keine Anrechnung von Zwischenverdienst

Das LAG Ber­lin-Bran­den­burg ent­schied - wie schon das erst­in­stanz­lich an­ge­ru­fe­ne Ar­beits­ge­richt Frank­furt (Oder) - zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers. Zur Be­gründung heißt es:

Wird in ei­nem Pro­zess­ver­gleich die wi­der­ruf­li­che Frei­stel­lung des Ar­beit­neh­mers un­ter Fort­zah­lung sei­ner Bezüge bis zum En­de sei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses ver­ein­bart, braucht sich der Ar­beit­neh­mer an­der­wei­ti­gen Ver­dienst nicht an­rech­nen zu las­sen, falls im Ver­gleich nichts an­de­res ge­re­gelt ist.

Al­ler­dings müss­te er ja auf ei­ne Auf­for­de­rung des Ar­beit­ge­bers hin sei­ne Tätig­keit bei die­sem auch wie­der auf­neh­men. Da es zu ei­ner sol­chen Ar­beits­auf­for­de­rung im vor­lie­gen­den Fall nicht ge­kom­men ist, konn­te der Ar­beit­ge­ber aus der Tat­sa­che, dass der Ar­beit­neh­mer ei­nen Zwi­schen­ver­dienst be­zog, nach An­sicht des LAG kei­ne Ein­wen­dun­gen ge­gen den Lohn­an­spruch des Ar­beit­neh­mers her­lei­ten.

Fa­zit: Der Lohn­an­spruch ei­nes wi­der­ruf­lich frei­ge­stell­ten Ar­beit­neh­mers folgt un­mit­tel­bar aus Ar­beits­ver­trag bzw. aus dem Pro­zess­ver­gleich, mit dem das Ar­beits­verhält­nis für sei­ne Rest­lauf­zeit in­halt­lich um­ge­stal­tet wird. Er er­gibt sich nicht aus der ge­setz­li­chen Vor­schrift über die Vergütung während ei­nes An­nah­me­ver­zugs des Ar­beit­ge­bers (§ 615 Satz 1 BGB). Auf­grund der (wi­der­ruf­li­chen) Frei­stel­lung be­fin­det sich der Ar­beit­ge­ber nämlich ge­ra­de nicht im Ver­zug mit der An­nah­me der Ar­beits­leis­tung.

Da die vom LAG Ber­lin-Bran­den­burg ent­schie­de­ne Fra­ge grundsätz­li­che Be­deu­tung hat, hat es die Re­vi­si­on zum Bun­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­sen.

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