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Vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen sind nicht im­mer steu­er­pflich­tig

Steu­er­pflicht von Vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen ist ab­hän­gig von de­ren Zweck.: Fi­nanz­ge­richt Düs­sel­dorf, Ur­teil vom 30.09.2009, 15 K 2727/08 L

21.12.2009. Ein Ur­teil des Fi­nanz­ge­rich­tes (FG) Düs­sel­dorf zeigt pra­xis­nah, wie be­trieb­li­che Vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen aus­ge­stal­tet sein müs­sen, um nicht als ein für die Be­schäf­ti­gung ge­währ­ter Vor­teil lohn­steu­er­pflich­tig zu sein, FG Düs­sel­dorf, Ur­teil vom 30.09.2009, 15 K 2727/08 L.

Betriebliche Vorsorgeuntersuchungen als lohnsteuerpflichtiger Beschäftigungsvorteil

Rechts­grund­la­ge der Be­steue­rung von Ar­beit­neh­mern ist das Ein­kom­men­steu­er­ge­setz (EStG). Da­nach sind "Bezüge und Vor­tei­le für ei­ne Beschäfti­gung", d.h. in der Re­gel Gehälter und Löhne, als so­ge­nann­te "Einkünf­te aus nicht­selbständi­ger Tätig­keit" steu­er­pflich­tig (§§ 2 Abs.2 Satz 1 Nr.4, Satz 2 i.V.m. § 19 Abs.1 Satz1 Nr.1 EStG). Die Ein­kom­men­steu­er wird da­bei durch Ab­zug vom Ar­beits­lohn er­ho­ben und die­se Er­he­bungs­form "Lohn­steu­er" ge­nannt (§ 38 Abs.1 Satz 1 EStG).

Der Ar­beit­ge­ber ist ver­pflich­tet, die Lohn­steu­er für den steu­er­pflich­ti­gen Ar­beit­neh­mer bei je­der Zah­lung von Ar­beits­lohn ein­zu­be­hal­ten und haf­tet un­ter an­de­rem für de­ren Ein­be­hal­tung und Abführung (§ 42d Abs.1 Nr.1 EStG). So­weit sei­ne Haf­tung reicht, sind er und sein Ar­beit­neh­mer Ge­samt­schuld­ner, d.h. das Fi­nanz­amt kann Steu­er­schul­den ggf. auch ge­genüber dem Ar­beit­ge­ber gel­tend ma­chen.

Die kor­rek­te Steu­er­be­rech­nung ist al­so im In­ter­es­se bei­der Par­tei­en ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses. Doch nicht oh­ne Grund gilt das deut­sche Steu­er­recht als das kom­pli­zier­tes­te der Welt. Dem­ent­spre­chend kann im Ein­zel­fall große Un­si­cher­heit darüber be­ste­hen, ob steu­er­pflich­ti­ge "Bezüge und Vor­tei­le für ei­ne Beschäfti­gung" vor­lie­gen oder nicht. Fest­ge­macht wird das von der Recht­spre­chung dar­an, wer an der Zu­wen­dung über­wie­gend in­ter­es­siert ist.

Prak­ti­sches Bei­spiel hierfür sind die Durchführung von me­di­zi­ni­schen Vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen. Ei­ner­seits sind sie im In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers, denn er kann sich auf die­se Wei­se ge­gen Ar­beits­ausfälle ab­si­chern. An­de­rer­seits ist die ei­ge­ne Ge­sund­heit na­tur­gemäß auch im In­ter­es­se des Ar­beit­neh­mers. Ei­ne kos­ten­lo­se Un­ter­su­chung kann in­so­weit auch ei­ne "Be­loh­nung" des Ar­beit­ge­bers, d.h. Ge­gen­leis­tung für die Tätig­keit des Ar­beit­neh­mers sein.

Darüber, ob sol­che "Ge­sund­heits-Checks" als "Vor­teil für ei­ne Beschäfti­gung" ein­kom­men­steu­er­pflich­tig sind, ent­schied kürz­lich das Fi­nanz­ge­richt (FG) Düssel­dorf (Ur­teil vom 30.09.2009, 15 K 2727/08 L) anläss­lich ei­nes Fal­les aus dem Jahr 2007.

Der Fall des Finanzgerichtes Düsseldorf: Arbeitgeberin gewährt ihren leitenden Angestellten freiwillige Vorsorgeuntersuchungen

Die kla­gen­de Ar­beit­ge­be­rin bot ih­ren rund 180 lei­ten­den Mit­ar­bei­tern seit vie­len Jah­ren -zunächst auf frei­wil­li­ger Ba­sis- im zwei-Jah­res-Rhyth­mus die kos­ten­lo­se Teil­nah­me an ei­ner ärzt­li­chen Vor­sor­ge­un­ter­su­chung bei ei­nem von ihr aus­gewähl­ten Fach­arzt an. Die Un­ter­su­chun­gen die­nen der Früher­ken­nung ins­be­son­de­re von Herz-, Kreis­lauf- und Stoff­wech­sel­er­kran­kun­gen so­wie der Krebs­vor­sor­ge.

Da die Teil­nah­me völlig frei­wil­lig war, nahm das be­klag­te Fi­nanz­amt kein über­wie­gen­des In­ter­es­se der Ar­beit­ge­be­rin an und sah die kos­ten­lo­sen Un­ter­su­chun­gen dem­ent­spre­chend als steu­er­pflich­ti­gen "Vor­teil für ei­ne Beschäfti­gung" (=Ar­beits­lohn).

Dar­auf­hin be­gann die Ar­beit­ge­be­rin, sanf­ten Druck aus­zuüben, in­dem sie ih­re lei­ten­den Mit­ar­bei­ter in­di­vi­du­ell zur Teil­nah­me auf­for­der­te, Vorträge ver­an­stal­te­te und die Teil­nah­me in den Per­so­nal­un­ter­la­gen er­fass­te. Dem Fi­nanz­amt reich­te auch die­ser Zwang nicht aus.

In ih­rer Lohn­steu­er­an­mel­dung 2007 be­han­del­te die Ar­beit­ge­be­rin des­halb die von ihr über­nom­me­nen Un­ter­su­chungs­kos­ten als Ar­beits­lohn und leg­te hier­ge­gen zu­gleich Ein­spruch ein. Die­ser blieb er­folg­los. Der Streit lan­de­te da­her vor dem Fi­nanz­ge­richt.

Finanzgericht Düsseldorf: Eingeschränkter Kreis der Begünstigten und anonymisierte Untersuchungsauswertung zeigen überwiegendes Eigeninteresse der Arbeitgeberin - Untersuchung deshalb nicht steuerpflichtig

Der 15. Se­nat des Fi­nanz­ge­rich­tes Düssel­dorf gab der Kläge­rin Recht. Die von ihr durch­geführ­ten Vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen wa­ren kein Ar­beits­lohn. Der Se­nat setz­te des­halb die in der Lohn­steu­er­an­mel­dung fest­ge­setz­te Lohn­steu­er her­ab.

Laut Ge­richt hängt es von ei­ner Viel­zahl von Umständen ab, ob ei­ne Zu­wen­dung wie hier die kos­ten­lo­se Vor­sor­ge­un­ter­su­chung ei­ne Ent­loh­nung oder nur der Ne­ben­ef­fekt an­de­rer be­trieb­li­cher Zie­le ist. Ent­schei­dend ist ei­ne Ge­samt­schau des An­las­ses, der Art und Höhe der Zu­wen­dung, die Aus­wahl der Begüns­tig­ten, die freie oder nur ge­rin­ge Verfügbar­keit, der Grad der Frei­wil­lig­keit und der Eig­nung des An­las­ses für das je­wei­li­ge be­trieb­li­che Ziel. Im Er­geb­nis die­ser Be­trach­tung muss das ei­gen­be­trieb­li­che In­ter­es­se den Lohn­zweck deut­lich über­wie­gen.

An­hand die­ser Kri­te­ri­en ent­schied das FG Düssel­dorf, dass die kos­ten­lo­sen Vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen der Ar­beit­ge­be­rin schwer­punktmäßig aus ei­ge­nen be­trieb­li­chen In­ter­es­sen und nicht als Be­loh­nung für die Tätig­keit der Ar­beit­neh­mer statt­fan­den.

Aus­schlag­ge­bend hierfür war der ein­ge­schränk­te Kreis der Begüns­tig­ten: Nur Führungs­kräfte wur­den un­ter­sucht, da die­se we­gen ih­rer Po­si­tio­nen schwe­rer zu er­set­zen sind als an­de­re Mit­ar­bei­ter. Laut Se­nat hätten bei ei­ner Be­loh­nungs­ab­sicht an­de­re Dif­fe­ren­zie­rungs­kri­te­ri­en wie bei­spiels­wei­se der Ar­beits­er­folg oder die Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit na­he ge­le­gen.

Zu­dem ließ sich die Ar­beit­ge­be­rin an­ony­mi­sier­te Aus­wer­tun­gen über die Ge­samt­heit der Be­fun­de mel­den, um da­durch frühzei­tig auf Krank­heitsfälle vor­be­rei­tet zu sein und übte "sanf­ten Druck" aus. Mehr konn­te von ihr nicht er­war­tet wer­den. Ins­be­son­de­re die vom Fi­nanz­amt au­gen­schein­lich ernst­haft ge­for­der­te An­dro­hung von Lohnkürzun­gen für den Fall der Nicht­teil­nah­me an den Un­ter­su­chun­gen würde deut­lich zu weit ge­hen und wäre im Übri­gen auch ar­beits­recht­lich äußerst be­denk­lich.

Hin­zu kam in dem Fall noch die Be­son­der­heit, dass die Un­ter­su­chun­gen bei vie­len der lei­ten­den An­ge­stell­ten von der je­wei­li­gen Kran­ken­ver­si­che­rung oder Kran­ken­kas­se über­nom­men wor­den wären und die kos­ten­lo­se Un­ter­su­chung in­so­weit noch nicht ein­mal ei­nen wirt­schaft­li­chen Vor­teil mit sich brach­te.

Fa­zit: Zwar liegt die Ent­schei­dung ganz auf der Li­nie des Bun­des­fi­nanz­ho­fes. Die­se Recht­spre­chung hat aber zur Fol­ge, dass fürsorg­li­che Ar­beit­ge­ber ei­ne im In­ter­es­se al­ler ih­rer Ar­beit­neh­mer an­ge­bo­te­ne Ge­sund­heits­vor­sor­ge grundsätz­lich ver­steu­ern müssen. Das schmälert natürlich bei al­len Be­tei­lig­ten die Freu­de über ei­ne an sich sinn­vol­le Maßnah­me.

Es ist des­halb durch­aus be­mer­kens­wert, dass seit An­fang 2009 § 3 Nr. 34 EStG ei­ne Steu­er­be­frei­ung für zusätz­lich zum oh­ne­hin ge­schul­de­ten Ar­beits­lohn er­brach­te Leis­tun­gen des Ar­beit­ge­bers zur Ver­bes­se­rung des all­ge­mei­nen Ge­sund­heits­zu­stands und der be­trieb­li­chen Ge­sund­heitsförde­rung vor­sieht, wenn die­se 500 EUR im Ka­len­der­jahr nicht über­stei­gen. Dies gilt so­gar rück­wir­kend für Leis­tun­gen im Jahr 2008. Von ge­sun­der Ver­pfle­gung am Ar­beits­platz über Rücken­schu­len, An­ti-Stress-Trai­ning und Vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen bis hin zu Maßnah­men der Sucht­mit­tel­präven­ti­on ste­hen Ar­beit­ge­bern da­mit ei­ne Viel­zahl von geförder­ten Möglich­kei­ten of­fen. Hier bie­tet sich ei­ne gu­te Ge­le­gen­heit, durch kos­ten­lo­se An­ge­bo­te die Ar­beits­mo­ral zu stärken und zu­gleich ei­gen­be­trieb­li­che In­ter­es­sen, nämlich die Ar­beits­kraft der Ar­beit­neh­mer, zu si­chern.

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Letzte Überarbeitung: 10. Juli 2016

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