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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Betriebsratsmitglied, Betriebsrat
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 7 ABR 94/09
Typ: Beschluss
Ent­scheid­ungs­datum: 12.01.2011
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Siegen, Beschluss vom 22.08.2008, 3 BV 8/08
Landesarbeitsgericht Hamm, Beschluss vom 13.03.2009, 13 TaBV 144/08
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

7 ABR 94/09

13 TaBV 144/08

Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am 12. Ja­nu­ar 2011

BESCHLUSS

Schie­ge, Ur­kunds­be­am­ter der Geschäfts­stel­le

In dem Be­schluss­ver­fah­ren mit den Be­tei­lig­ten

1.

2.

3.

An­trag­stel­ler zu 1.,

An­trag­stel­ler zu 2.,

Be­schwer­deführe­rin und Rechts­be­schwer­deführe­rin,

hat der Sieb­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der Anhörung vom 12. Ja­nu­ar 2011 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt


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Lin­sen­mai­er, die Rich­te­rin­nen am Bun­des­ar­beits­ge­richt Gall­ner und Schmidt so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Busch und Dr. Ro­se für Recht er­kannt:

Auf die Rechts­be­schwer­de der Ar­beit­ge­be­rin wird der Be­schluss des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hamm vom 13. März 2009 - 13 TaBV 144/08 - auf­ge­ho­ben.

Auf die Be­schwer­de der Ar­beit­ge­be­rin wird der Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Sie­gen vom 22. Au­gust 2008 - 3 BV 8/08 - ab­geändert:

Die Anträge wer­den ab­ge­wie­sen.

Von Rechts we­gen!

Gründe

A. Die Be­tei­lig­ten strei­ten darüber, ob ei­ne Rhe­to­rik­schu­lung für den

Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den er­for­der­lich ist und die Ar­beit­ge­be­rin ihn von den Schu­lungs-, Un­ter­brin­gungs-, Ver­pfle­gungs- und Rei­se­kos­ten frei­zu­stel­len hat.

Die zu 3. be­tei­lig­te Ar­beit­ge­be­rin ist ei­ne der 35 Re­gio­nal­ge­sell­schaf­ten

der Un­ter­neh­mens­grup­pe A. Sie beschäftigt in ih­rem Be­trieb in B in La­ger, Fuhr­park und Ver­wal­tung ca. 900 Ar­beit­neh­mer, für die ein 13-köpfi­ger Be­triebs­rat - der An­trag­stel­ler zu 2. - er­rich­tet ist. Des­sen Vor­sit­zen­der - der An­trag­stel­ler zu 1. - ist aus­ge­bil­de­ter Koch. Er wird seit März 1989 als Kraft­fah­rer beschäftigt. Er war be­reits von Ok­to­ber 1998 bis April 2002 Be­triebs­rats­mit­glied. Nach ei­ner vierjähri­gen Un­ter­bre­chung gehört er seit April 2006 wie­der dem Be­triebs­rat an und ist seit­dem des­sen frei­ge­stell­ter Vor­sit­zen­der. In die­ser Funk­ti­on lei­tet er Be­triebs­rats- und Be­triebs­aus­schuss­sit­zun­gen so­wie Be­triebs­ver­samm­lun­gen. An den Be­triebs­ver­samm­lun­gen neh­men re­gelmäßig 350 bis 400 Ar­beit­neh­mer teil.

Der Be­triebs­rat be­schloss in der Sit­zung vom 12. De­zem­ber 2007, sei-

nen Vor­sit­zen­den zu der Schu­lung „Rhe­to­rik für Be­triebsräte - Teil 1“ in Wil­lin-


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gen zu ent­sen­den, die in der Zeit vom 26. bis 30. Mai 2008 statt­fin­den soll­te. Die Ver­an­stal­tung wur­de von der Aka­de­mie für Ar­beits- und So­zi­al­recht R GmbH aus­ge­rich­tet. Die Ar­beit­ge­be­rin lehn­te es ab, die Kos­ten zu über­neh­men. Der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de nahm dar­auf­hin nicht an der Rhe­to­rik­schu­lung teil.

Noch während des erst­in­stanz­li­chen Ver­fah­rens fass­te der Be­triebs­rat

am 11. Ju­li 2008 den Be­schluss, sei­nen Vor­sit­zen­den nun zu ei­nem Rhe­to­rik-se­mi­nar in der Zeit vom 17. bis 21. No­vem­ber 2008 zu ent­sen­den. Mit wei­te­rem Be­schluss vom 9. De­zem­ber 2008 ent­sand­te der Be­triebs­aus­schuss des Be­triebs­rats den Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den zu dem Se­mi­nar „Rhe­to­rik für Be­triebsräte - Teil 1“, das in der Zeit vom 20. bis 24. April 2009 in Bre­men statt­fin­den soll­te. Die Ar­beit­ge­be­rin lehn­te es in bei­den Fällen er­neut ab, die Kos­ten zu über­neh­men. Auch die­se bei­den Se­mi­na­re be­such­te der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de nicht.

Das Schu­lungs­pro­gramm „Rhe­to­rik für Be­triebsräte - Teil 1“ der Aka-

de­mie für Ar­beits- und So­zi­al­recht R GmbH be­fasst sich nach dem Pro­gramm­aus­zug mit dem „Re­den und Ar­gu­men­tie­ren in Sit­zun­gen, Be­ra­tun­gen und Ver­samm­lun­gen“.

Der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de und der im Be­schwer­de­ver­fah­ren eben­falls

als An­trag­stel­ler auf­tre­ten­de Be­triebs­rat ha­ben mit dem am 27. März 2008 ein­ge­lei­te­ten Be­schluss­ver­fah­ren die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Teil­nah­me des Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den an ei­nem Rhe­to­rikse­mi­nar sei für die Ar­beit des Be­triebs­rats er­for­der­lich iSv. § 37 Abs. 6 Satz 1 Be­trVG. Der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de sei den rhe­to­ri­schen Fähig­kei­ten des Per­so­nal­lei­ters in der Ver­gan­gen­heit nicht ge­wach­sen ge­we­sen. Das ha­be sich ua. bei der Be­triebs­ver­samm­lung vom 22. Sep­tem­ber 2007 ge­zeigt. Dort ha­be der Per­so­nal­lei­ter über die Be­triebs­rats­kos­ten in­for­miert und in ers­ter Li­nie auf Rei­sen in Vier­ster­ne­ho­tels hin­ge­wie­sen. Bei Ver­hand­lun­gen über Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen ste­he der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de rhe­to­risch ver­sier­ten Geschäftsführern und ih­ren Rechts­be­ra­tern ge­genüber. Ei­ne Rhe­to­rik­schu­lung sei auch des­halb drin­gend er­for­der­lich, weil die Ar­beit­ge­be­rin nach ei­nem Stra­te­gie­pa­pier, das von ih­ren Ver­fah­rens­be­vollmäch­tig­ten er­stellt wor­den sei, ge­zielt ge­gen kri­ti­sche Be-


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triebsräte vor­ge­he. Wer­de dem Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den die Teil­nah­me an dem Se­mi­nar oh­ne Kos­ten­zu­sa­ge der Ar­beit­ge­be­rin ab­ver­langt, ge­ra­te er in ei­ne fi­nan­zi­ell prekäre La­ge.

Der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de und der Be­triebs­rat ha­ben - so­weit für das

Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren von Be­deu­tung - zu­letzt be­an­tragt

fest­zu­stel­len, dass die Teil­nah­me des Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den K an ei­ner einwöchi­gen Schu­lungs­ver­an­stal­tung „Rhe­to­rik für Be­triebsräte - Teil 1“, aus­ge­rich­tet von der Aka­de­mie für Ar­beits- und So­zi­al­recht R GmbH, H, er­for­der­lich ist;

hilfs­wei­se

die Ar­beit­ge­be­rin zu ver­pflich­ten, den Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den von den Schu­lungs­kos­ten ei­nes Rhe­to­rik-se­mi­nars bei dem Schu­lungs­träger A Aka­de­mie für Ar­beits- und So­zi­al­recht R GmbH, H, zuzüglich an­fal­len­der Über­nach­tungs- und Ver­pfle­gungs­kos­ten für ein Wo­ch­en­se­mi­nar und den Fahrt­kos­ten frei­zu­stel­len;

wei­ter hilfs­wei­se

die Ar­beit­ge­be­rin zu ver­pflich­ten, den Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den von den Schu­lungs­kos­ten ei­nes noch zu be­nen­nen­den an­de­ren Se­min­arträgers zuzüglich der Kos­ten für die not­wen­di­gen Über­nach­tun­gen und die Ver­pfle­gung für die Teil­nah­me an ei­nem Wo­ch­en­se­mi­nar und den Fahrt­kos­ten frei­zu­stel­len und die Er­for­der­lich­keit der Teil­nah­me an ei­ner Be­triebs­rats­schu­lungs­ver­an­stal­tung „Rhe­to­rik für Be­triebsräte - Teil 1/Grund­la­gen Re­den und Ar­gu­men­tie­ren in Sit­zun­gen und Ver­samm­lun­gen“ fest­zu­stel­len.

Die Ar­beit­ge­be­rin hat be­an­tragt, die Anträge ab­zu­wei­sen. Sie hat ge-

meint, der Be­such der Rhe­to­rik­schu­lung durch den Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den sei nicht er­for­der­lich.

Das Ar­beits­ge­richt hat dem erst­in­stanz­lich noch auf Frei­stel­lung von

den be­zif­fer­ten Kos­ten für die Teil­nah­me an dem Se­mi­nar vom 17. bis 21. No­vem­ber 2008 ge­rich­te­ten An­trag des Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den statt­ge­ge­ben. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Be­schwer­de der Ar­beit­ge­be­rin mit der Maßga­be zurück­ge­wie­sen, die dem zu­letzt von bei­den An­trag­stel­lern ge­stell­ten Haupt­an­trag ent­spricht. Mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­se­nen


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Rechts­be­schwer­de ver­folgt die Ar­beit­ge­be­rin wei­ter das Ziel der Ab­wei­sung al­ler Anträge.

B. Die Rechts­be­schwer­de ist be­gründet. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat

dem Haupt­an­trag zu Un­recht statt­ge­ge­ben. Auch die Hilfs­anträge sind nicht er­folg­reich.

I. An dem Ver­fah­ren sind ne­ben den bei­den An­trag­stel­lern und der Ar­beit-
ge­be­rin kei­ne wei­te­ren Per­so­nen oder Stel­len be­tei­ligt.

II. Die Anträge sind un­zulässig.

1. Der Se­nat kann über den Haupt­an­trag nicht in der Sa­che ent­schei­den.

Es kann of­fen­blei­ben, ob mit dem jet­zi­gen Haupt­an­trag im Be­schwer­de­ver­fah­ren der Ver­fah­rens­ge­gen­stand aus­ge­wech­selt wur­de oder le­dig­lich ei­ner der Fälle des § 264 Nr. 2 oder Nr. 3 ZPO an­zu­neh­men ist. Der Haupt­an­trag lässt je­den­falls kei­ne Aus­le­gung zu, die den Er­for­der­nis­sen des § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO genügt.

a) Nach die­ser im Be­schluss­ver­fah­ren ent­spre­chend an­wend­ba­ren Vor­schrift muss die An­trags­schrift die be­stimm­te An­ga­be des Ge­gen­stands un­d­des Grun­des des er­ho­be­nen An­spruchs so­wie ei­nen be­stimm­ten An­trag ent-hal­ten. Das ist er­for­der­lich, um zu klären, worüber das Ge­richt ent­schei­det un­d­wie der ob­jek­ti­ve Um­fang der Rechts­kraft ei­ner Sach­ent­schei­dung iSv. § 322Abs. 1 ZPO ist (vgl. et­wa BAG 18. Au­gust 2009 - 1 ABR 45/08 - Rn. 14 mwN).

b) Der Haupt­an­trag wird den Er­for­der­nis­sen des § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO
nicht ge­recht, weil er we­der die zeit­li­che La­ge noch den Ort der Schu­lungs­ver­an­stal­tung nennt.

aa) Die­se An­ga­ben sind für die Be­stimmt­heit des Ver­fah­rens­ge­gen­stands

un­ent­behr­lich. Würde dem An­trag oh­ne sie statt­ge­ge­ben, blie­be un­klar, zu wel­cher kon­kre­ten Schu­lung der Be­triebs­rat sei­nen Vor­sit­zen­den ent­sen­den darf. Die Ent­schei­dung er­gin­ge zu ei­ner (hy­po­the­ti­schen) Se­mi­nar­ver­an­stal­tung zu ir­gend­ei­nem Zeit­punkt an ir­gend­ei­nem Ort. Da­durch un­ter­schei­det sich die­se


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Fall­ge­stal­tung von den­je­ni­gen, in de­nen das Bun­des­ar­beits­ge­richt im Rah­men von Fest­stel­lungs­anträgen über die Er­for­der­lich­keit von in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­den Schu­lun­gen ent­schie­den hat (vgl. zB BAG 16. März 1976 - 1 ABR 43/74 - zu II 1 der Gründe, AP Be­trVG 1972 § 37 Nr. 22 = EzA Be­trVG 1972 § 37 Nr. 46; 6. Mai 1975 - 1 ABR 135/73 - zu II 3 der Gründe, AP Be­trVG 1972 § 65 Nr. 5 = EzA Be­trVG 1972 § 65 Nr. 5; 10. Ju­ni 1974 - 1 ABR 136/73 - zu 2 der Gründe, AP Be­trVG 1972 § 37 Nr. 15 = EzA ArbGG § 80 Nr. 3; 6. No­vem­ber 1973 - 1 ABR 15/73 - zu II 2 der Gründe, AP ArbGG 1953 § 89 Nr. 8 = EzA ArbGG § 89 Nr. 1).

bb) Oh­ne Kon­kre­ti­sie­rung von Zeit­punkt und Ort der Schu­lung kann nicht

ab­sch­ließend be­ur­teilt wer­den, ob der An­trag be­gründet ist. Zeit­punkt und Ort der Schu­lung sind viel­mehr ne­ben ih­rem In­halt für die Fra­ge von Be­deu­tung, ob der Be­triebs­rat die Schu­lung nach § 37 Abs. 6 Be­trVG für er­for­der­lich hal­ten darf.

(1) Der Er­werb von Kennt­nis­sen der Rhe­to­rik kann für ei­nen Be­triebs­rats-

vor­sit­zen­den im Ein­zel­fall durch­aus er­for­der­lich iSv. § 37 Abs. 6 Satz 1 Be­trVG sein, um sei­ne Auf­ga­ben zu er­le­di­gen.

(a) Nach § 37 Abs. 6 Satz 1 Be­trVG ist die Ver­mitt­lung von Kennt­nis­sen

er­for­der­lich, wenn sie un­ter Berück­sich­ti­gung der kon­kre­ten Verhält­nis­se im Be­trieb und im Be­triebs­rat not­wen­dig sind, da­mit der Be­triebs­rat sei­ne ge­genwärti­gen oder in na­her Zu­kunft an­ste­hen­den Auf­ga­ben sach- und fach­ge­recht erfüllen kann. Da­zu muss ein ak­tu­el­ler oder ab­seh­ba­rer be­trieb­li­cher oder be­triebs­rats­be­zo­ge­ner An­lass dar­ge­legt wer­den, aus dem sich der Schu­lungs­be­darf er­gibt. Le­dig­lich bei erst­mals gewähl­ten Be­triebs­rats­mit­glie­dern braucht die Schu­lungs­bedürf­tig­keit nicht näher dar­ge­legt zu wer­den, wenn Grund­kennt­nis­se im Be­triebs­ver­fas­sungs­recht, im all­ge­mei­nen Ar­beits­recht oder im Be­reich der Ar­beits­si­cher­heit und Un­fall­verhütung ver­mit­telt wer­den. Der Se­nat un­ter­schei­det zwi­schen der Ver­mitt­lung sog. Grund­kennt­nis­se und an­de­ren Schu­lungs­ver­an­stal­tun­gen. Durch die Ver­mitt­lung von Grund­wis­sen soll das Be­triebs­rats­mit­glied erst in die La­ge ver­setzt wer­den, sei­ne sich aus der Amts­stel­lung er­ge­ben­den Rech­te und Pflich­ten ord­nungs­gemäß wahr­zu­neh­men. Für


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an­de­re Schu­lungs­ver­an­stal­tun­gen muss ein ak­tu­el­ler, be­triebs­be­zo­ge­ner An­lass für die An­nah­me be­ste­hen, dass die in der Schu­lungs­ver­an­stal­tung zu er­wer­ben­den be­son­de­ren Kennt­nis­se der­zeit oder in na­her Zu­kunft von dem zu schu­len­den Be­triebs­rats­mit­glied benötigt wer­den, da­mit der Be­triebs­rat sei­ne Be­tei­li­gungs­rech­te sach- und fach­ge­recht ausüben kann (vgl. BAG 7. Mai 2008 - 7 AZR 90/07 - Rn. 12, 14, AP Be­trVG 1972 § 37 Nr. 145 = EzA Be­trVG 2001 § 37 Nr. 7; 19. März 2008 - 7 ABR 2/07 - Rn. 13, EzB Be­trVG § 37 Nr. 17). Der Schu­lungs­an­spruch aus § 37 Abs. 6 Be­trVG ist kein in­di­vi­du­el­ler An­spruch des ein­zel­nen Be­triebs­rats­mit­glieds, son­dern ein kol­lek­ti­ver An­spruch des Be­triebs­rats dar­auf, dass ei­nem be­stimm­ten Be­triebs­rats­mit­glied Kennt­nis­se ver­mit­telt wer­den, die für die Ar­beit des Gre­mi­ums er­for­der­lich sind (vgl. BAG 24. Mai 1995 - 7 ABR 54/94 - zu B II 1 der Gründe, AP Be­trVG 1972 § 37 Nr. 109 = EzA Be­trVG 1972 § 37 Nr. 127).

(b) Da­nach kann der Er­werb von Kennt­nis­sen der Rhe­to­rik er­for­der­lich iSv.

§ 37 Abs. 6 Satz 1 Be­trVG sein. Sind die Verhält­nis­se im Be­trieb und im Be­triebs­rat so ge­la­gert, dass der Be­triebs­rat sei­ne ge­setz­li­chen Auf­ga­ben nur dann sach­ge­recht erfüllen kann, wenn die rhe­to­ri­schen Fähig­kei­ten be­stimm­ter Be­triebs­rats­mit­glie­der durch Teil­nah­me an ei­ner Schu­lungs­ver­an­stal­tung ver­bes­sert wer­den, kann die Ent­sen­dung die­ser Be­triebs­rats­mit­glie­der zu ei­ner Rhe­to­rik­schu­lung er­for­der­lich iSv. § 37 Abs. 6 Satz 1 Be­trVG sein. Zu den­ken ist et­wa an Schu­lungs­ver­an­stal­tun­gen über die Dis­kus­si­ons­lei­tung für Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de und ih­re Stell­ver­tre­ter (vgl. BAG 15. Fe­bru­ar 1995 - 7 AZR 670/94 - zu 1 b der Gründe, AP Be­trVG 1972 § 37 Nr. 106 = EzA Be­trVG 1972 § 37 Nr. 125; an­ders noch 14. Sep­tem­ber 1994 - 7 ABR 27/94 - zu B 3 c der Gründe, AP Be­trVG 1972 § 37 Nr. 99 = EzA Be­trVG 1972 § 37 Nr. 120; 20. Ok­to­ber 1993 - 7 ABR 14/93 - zu II 3 der Gründe mwN, AP Be­trVG 1972 § 37 Nr. 91 = EzA Be­trVG 1972 § 37 Nr. 116). Im Ein­zel­fall ist je­doch dar­zu­le­gen, dass ge­ra­de das zu der Schu­lung ent­sand­te Be­triebs­rats­mit­glied die dort ver­mit­tel­ten Kennt­nis­se braucht, da­mit der Be­triebs­rat sei­ne ge­setz­li­chen Auf­ga­ben sach- und fach­ge­recht wahr­neh­men kann (vgl. BAG 24. Mai 1995 - 7 ABR 54/94 - zu B II 1 der Gründe, AP Be­trVG 1972 § 37 Nr. 109 = EzA Be­trVG 1972 § 37 Nr. 127). Auf die­se Dar­le­gung kann nicht ver­zich­tet wer­den.


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Kennt­nis­se der Rhe­to­rik sind kein Grund­wis­sen im Be­triebs­ver­fas­sungs­recht, im all­ge­mei­nen Ar­beits­recht oder im Be­reich der Ar­beits­si­cher­heit und Un­fall­verhütung, das un­ab­ding­ba­re Vor­aus­set­zung der Amts­ausübung ist. Es geht viel­mehr um be­stimm­te Schlüssel­qua­li­fi­ka­tio­nen, für de­ren Er­werb ein ak­tu­el­ler, be­triebs­be­zo­ge­ner An­lass be­ste­hen muss, der auch in der ers­ten Wahl­pe­ri­ode dar­ge­legt wer­den muss. Bei Rhe­to­rik­schu­lun­gen kann nicht all­ge­mein da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass der Be­triebs­rat sei­ne ge­setz­li­chen Auf­ga­ben nur dann sach- und fach­ge­recht erfüllen kann, wenn je­des Be­triebs­rats­mit­glied über die ent­spre­chen­den Kennt­nis­se verfügt. Von Be­deu­tung für die Be­ur­tei­lung der Er­for­der­lich­keit ei­ner Rhe­to­rik­schu­lung können ne­ben der Funk­ti­on des zu Schu­len­den ins­be­son­de­re des­sen schon vor­han­de­ne rhe­to­ri­sche Kom­pe­tenz und die in der Wahl­pe­ri­ode noch an­ste­hen­den rhe­to­ri­schen An­for­de­run­gen sein.

(2) Hier spre­chen die Funk­ti­on des Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den, die Lei­tung

ei­nes größeren - 13-köpfi­gen - Be­triebs­rats­gre­mi­ums und die Lei­tung von Be­triebs­ver­samm­lun­gen, an de­nen re­gelmäßig 350 bis 400 Ar­beit­neh­mer teil­neh­men, für die Er­for­der­lich­keit der Rhe­to­rik­schu­lung. Oh­ne die Fest­le­gung der zeit­li­chen La­ge und des Orts der Schu­lungs­ver­an­stal­tung ist es gleich­wohl nicht möglich, die Er­for­der­lich­keit der Schu­lung des Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den ab­sch­ließend zu be­ur­tei­len. Die Er­for­der­lich­keitsprüfung, die der Be­triebs­rat nach § 40 Abs. 1, § 37 Abs. 6 Be­trVG vor­zu­neh­men hat, um­fasst ua. auch die Fest­le­gung der zeit­li­chen La­ge und den Ort der Schu­lungs­ver­an­stal­tung. Das wird an § 37 Abs. 6 Satz 3 bis 6 Be­trVG deut­lich. Der Be­triebs­rat hat nach § 37 Abs. 6 Satz 3 Be­trVG bei der Fest­le­gung der zeit­li­chen La­ge der Teil­nah­me an Schu­lungs- und Bil­dungs­ver­an­stal­tun­gen die be­trieb­li­chen Not­wen­dig­kei­ten zu berück­sich­ti­gen. § 37 Abs. 6 Satz 4 Be­trVG sieht vor, dass der Be­triebs­rat dem Ar­beit­ge­ber die Teil­nah­me und die zeit­li­che La­ge der Schu­lungs- und Bil­dungs­ver­an­stal­tun­gen recht­zei­tig be­kannt zu ge­ben hat. Der Ar­beit­ge­ber kann nach § 37 Abs. 6 Satz 5 Be­trVG die Ei­ni­gungs­stel­le an­ru­fen, wenn er die be­trieb­li­chen Ge­ge­ben­hei­ten für nicht aus­rei­chend berück­sich­tigt hält. Die be­rech­tig­ten Be­lan­ge des Ar­beit­ge­bers können nur dann aus­rei­chend be­dacht wer­den, wenn Ort und Zeit der Schu­lung fest­ste­hen. Dar­an fehlt es. Die not­wen­di­ge Ein­zel­fall-


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be­trach­tung, die im­mer wie­der ei­ne neue Ent­schei­dung des Be­triebs­rats er­for­dert, lässt die ver­lang­te Fest­stel­lung nicht zu (vgl. zu § 40 Abs. 1 Be­trVG BAG 16. Ok­to­ber 1986 - 6 ABR 4/84 - zu IV 2 der Gründe, DB 1987, 1439).

(3) Der Se­nat ver­kennt nicht, dass es auf­grund des Er­for­der­nis­ses ei­nes

Be­triebs­rats­be­schlus­ses, der auf ei­ne kon­kre­te, nach Zeit­punkt und Ort be­stimm­te Schu­lung be­zo­gen ist, schwie­rig oder fast unmöglich wer­den kann, vor dem Schu­lungs­be­such ei­ne rechts­kräfti­ge ge­richt­li­che Ent­schei­dung über sei­ne Er­for­der­lich­keit her­bei­zuführen. So­weit Rech­te von kon­kre­ten, sich ändern­den Umständen abhängen, kann die Rechts- und Ver­fah­rens­ord­nung aber nicht stets - je­den­falls nicht im Er­kennt­nis­ver­fah­ren - die vor­he­ri­ge rechts­kräfti­ge ge­richt­li­che Klärung des Streits über das Be­ste­hen des Rechts si­cher­stel­len. Viel­mehr kann es Sa­che des tatsächli­chen oder ver­meint­li­chen Rechts­in­ha­bers sein, das Recht wahr­zu­neh­men und er­for­der­li­chen­falls da­nach klären zu las­sen, ob das be­rech­tig­ter­wei­se ge­schah. Das gilt auch für den ei­gen­ver­ant­wort­lich han­deln­den Be­triebs­rat. Mit sei­nem Be­ur­tei­lungs­spiel­raum kor­re­spon­diert das Ri­si­ko, ihn über­schrit­ten zu ha­ben. Die­ses Ver­fah­ren ver­langt kei­ne ab­sch­ließen­de Be­ur­tei­lung, ob der Be­triebs­rat oder das zu schu­len­de Mit­glied je­den­falls für die un­mit­tel­bar zu leis­ten­den, ihm fi­nan­zi­ell nicht mögli­chen oder zu­mut­ba­ren Auf­wen­dun­gen ei­nen Vor­schuss des Ar­beit­ge­bers im We­ge einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes ver­lan­gen kann.

2. Die durch die Ab­wei­sung des Haupt­an­trags zur Ent­schei­dung des

Se­nats an­ge­fal­le­nen, auf Frei­stel­lung ge­rich­te­ten Hilfs­anträge sind eben­falls nicht aus­rei­chend be­stimmt iSv. § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO und da­mit un­zulässig.

a) Der ers­te Hilfs­an­trag be­zeich­net we­der die zeit­li­che La­ge noch den Ort

der Se­mi­nar­ver­an­stal­tung. Die Schu­lungs­kos­ten, von de­nen der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de frei­ge­stellt wer­den soll, sind nicht nach Art und kon­kre­ter Höhe auf­ge­schlüsselt.


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b) Das trifft auch auf den zwei­ten Hilfs­an­trag zu, der zu­dem kei­nen be-

stimm­ten Se­mi­nar­ver­an­stal­ter nennt.

Lin­sen­mai­er Schmidt Gall­ner

Busch Ro­se

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