Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Jahrgang
   
Schlag­worte: Differenzierungsklausel
   
Gericht: Arbeitsgericht Hamburg
Akten­zeichen: 15 Ca 188/08
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 26.02.2009
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen:
   

 

Ar­beits­ge­richt Ham­burg


Ur­teil

Im Na­men des Vol­kes


Geschäfts­zei­chen:
15 Ca 188/08

In dem Rechts­streit

Verkündet am:
26. Fe­bru­ar 2008


 

-Kläge­rin -


Pro­zess­be­vollmäch­tig­ter:

 


ge­gen

 

- Be­klag­te -


Pro­zess­be­vollmäch­tig­ter:

 



2


er­kennt das Ar­beits­ge­richt Ham­burg, 15. Kam­mer,
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 26. Fe­bru­ar 2009
durch die Rich­te­rin am Ar­beits­ge­richt Bel­la­sio als Vor­sit­zen­de
den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter …
den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter …

für Recht:

1. Die Kla­ge wird ab­ge­wie­sen.

2. Die Kos­ten des Rechts­streits trägt die Kläge­rin

3. Der Streit­wert wird fest­ge­setzt auf Eu­ro 40.000,00.

4. Die Sprung­re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

 

 

 

 

 

 

3


T a t b e s t a n d

Die Par­tei­en strei­ten über die Wirk­sam­keit von Re­ge­lun­gen ei­nes zwi­schen ih­nen am 30.05.2008 ge­schlos­se­nen Haus­ta­rif­ver­tra­ges „über ei­ne Er­ho­lungs­bei­hil­fe für Lohn- und Ge­halts­empfänger, die Mit­glied der Ver­ein­ten Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di sind“ (TV Er­hBeih). Die­ser lau­tet:

„I
Lohn- und Ge­halts­empfänger, die Mit­glied der Ver­ein­ten Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di sind, er­hal­ten pro Ka­len­der­jahr ei­ne Er­ho­lungs­bei­hil­fe als Brut­to­be­trag in Höhe von € 260,00. Die Höhe der Er­ho­lungs­bei­hil­fe für Teil­zeit­beschäftig­te er­mit­telt sich an­tei­lig nach ih­rer ar­beits­ver­trag­lich fest­ge­leg­ten Nor­mal­ar­beits­zeit im Verhält­nis zu der Nor­mal­ar­beits­zeit der Voll­beschäftig­ten.

II.
Die Zah­lung der Er­ho­lungs­bei­hil­fe er­folgt auf An­trag des Lohn- oder Ge­halts­empfängers in un­mit­tel­ba­rem Zu­sam­men­hang mit ei­nem min­des­tens einwöchi­gen Ur­laub. Der An­trag ist spätes­tens 14 Werk­ta­ge vor An­tritt des Ur­laubs zu stel­len. Die fälli­ge Pau­schal­steu­er nebst et­wai­ger Kir­chen­steu­er und So­li­da­ritäts­zu­schlag trägt der Ha­fen­ar­bei­ter. Wei­te­re Ein­zel­hei­ten zur Um­set­zung sind be­trieb­lich zu re­geln.

III.
Der An­spruch auf Gewährung der Er­ho­lungs­bei­hil­fe bleibt bei der Er­mitt­lung des durch­schnitt­li­chen Ar­beits­ent­gel­tes für Leis­tun­gen auf­grund ge­setz­li­cher oder ta­rif­li­cher Be­stim­mun­gen außer An­satz. während der Al­ters­teil­zeit wird die Er­ho­lungs­bei­hil­fe bei Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zung in vol­ler Höhe gewährt.

IV.
Der An­spruch auf Gewährung der Er­ho­lungs­bei­hil­fe setzt vor­aus, dass der Lohn- oder Ge­halts­empfänger bei An­trags­stel­lung dem Ar­beit­ge­ber glaub­haft sei­ne

4

Mit­glied­schaft in der Ver­ein­ten Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di nach­ge­wie­sen hat. Wei­te­re Ein­zel­hei­ten sind be­trieb­lich zu re­geln.


V.
Gewährt die H. AG die Leis­tung nach Zif­fer I., ent­spre­chen­de oder über die in Zif­fer I fest­ge­leg­ten Ansprüche hin­aus­ge­hen­de Beträge oder sons­ti­ge Leis­tun­gen Lohn- und Ge­halts­empfängern, die nicht Mit­glied der Ver­ein­ten Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di sind, so erhöht sich für die Lohn- und Ge­halts­empfänger, die Mit­glied der Ver­ein­ten Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di sind, die Ar­beit­ge­ber­leis­tung ent­spre­chend.

VI.
Die­ser Ta­rif­ver­trag tritt am 01.06.2008 in Kraft. Der Ver­trag kann mit ei­ner Frist von zwei Mo­na­ten, erst­mals zum 31.05.2009 gekündigt wer­den. Für den Fall, dass sich we­sent­li­che, ins­be­son­de­re steu­er­ge­setz­li­che Re­ge­lun­gen zur Er­ho­lungs­bei­hil­fe ändern, ver­pflich­ten sich die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en, mit dem Ziel ei­ner ein­ver­nehm­li­chen Lösung vor­zei­tig in Ver­hand­lun­gen ein­zu­tre­ten.“

Die ta­rif­sch­ließen­de Ar­beit­ge­ber­sei­te hält – wie der Ge­werk­schafts­sei­te mit Schrei­ben vom 24.06.2008 (An­la­ge K 2, Bl. 14 d. A.) un­ter Hin­weis auf be­reits in den Ta­rif­ver­trags­ver­hand­lun­gen geäußer­te Be­den­ken mit­ge­teilt – die aus­sch­ließli­che Begüns­ti­gung von Ge­werk­schafts­mit­glie­dern für un­wirk­sam und be­gehrt mit vor­lie­gen­der Kla­ge die Fest­stel­lung der Rechts­un­wirk­sam­keit von Zif­fern IV und V des Ta­rif­ver­tra­ges.

Die Kläge­rin beschäftigt rund 1.500 Ar­beit­neh­mer im Be­reich der Ha­fen-Lo­gis­tik. In den von ihr ver­wen­de­ten Mus­ter­ar­beits­verträgen wer­den die ört­lich, zeit­lich und in­halt­lich je­weils für sie gel­ten­den Ta­rif­verträge in Be­zug ge­nom­men.

Die Kläge­rin trägt vor:
Die Zulässig­keit ih­rer Kla­ge er­ge­be sich aus § 9 Ta­rif­ver­trags­ge­setz (TVG) i. V. m. § 2 Abs. 1 Nr. 1 Va­ri­an­te 1 Ar­beits­ge­richts­ge­setz (ArbGG). Das er­for­der­li­che Fest­stel­lungs­in­ter­es­se be­ste­he, weil Streit über die Wirk­sam­keit der Zif­fern IV und V des

5

Ta­rif­ver­tra­ges ge­ge­ben sei, de­ren Rechts­wirk­sam­keit sie, die Kläge­rin, ver­nei­ne, die Be­klag­te je­doch be­ja­he.

Die Re­ge­lun­gen in Zif­fern IV und V des streit­ge­genständ­li­chen Ta­rif­ver­tra­ges sei­en we­gen Ver­let­zung der po­si­ti­ven und ne­ga­ti­ven Ko­ali­ti­ons­frei­heit ent­spre­chend der im Fol­gen­den je­weils bestätig­ten Ent­schei­dung des Großen Se­nats des BAG vom 29.11.1967 (GS 1/67, AP 13 zu Ar­ti­kel 9 GG) gemäß Ar­ti­kel 9 Abs. 3 Satz 2 Grund­ge­setz (GG) nich­tig. In­dem Zif­fer V als so ge­nann­te Span­nen­si­che­rungs­klau­sel fest­schrei­be, dass der Ar­beit­ge­ber bei aus­glei­chen­den Leis­tun­gen auch an an­ders oder nicht or­ga­ni­sier­te Ar­beit­neh­mer die Stel­lung der in der ta­rif­sch­ließen­den Ge­werk­schaft or­ga­ni­sier­ten Ar­beit­neh­mer ent­spre­chend ver­bes­sern müsse, und Zif­fer IV das Merk­mal der Ge­werk­schafts­zu­gehörig­keit kon­sti­tu­tiv zur An­spruchs­vor­aus­set­zung er­he­be, würden recht­li­che Hin­der­nis­se für die Re­ge­lung der Ar­beits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen der an­ders und nicht or­ga­ni­sier­ten Ar­beit­neh­mer nor­miert. Dies be­nach­tei­li­ge die­se Ar­beit­neh­mer und be­gründe ei­nen Ein­griff in de­ren po­si­ti­ve bzw. ne­ga­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit.

Da­durch, dass ei­ne Gewährung von der Er­ho­lungs­bei­hil­fe ent­spre­chen­den Leis­tun­gen an Nicht-ver.di-Mit­glie­der zu ei­ner ent­spre­chen­den Erhöhung der Ansprüche der ver.di-Mit­glie­der führe, wer­de sie, die Kläge­rin „dop­pelt “be­las­tet, so­dass die Po­si­ti­on der nicht oder an­ders or­ga­ni­sier­ten Ar­beit­neh­mer zur Durch­set­zung der­ar­ti­ger Leis­tun­gen er­heb­lich er­schwert wer­de. Auch würden die Leis­tun­gen an nicht oder an­ders Or­ga­ni­sier­te stets hin­ter dem den ver.di-Mit­glie­dern Gewähr­ten zurück­blei­ben, so­dass ins­ge­samt ein er­heb­li­cher, so­zia­li­nadäqua­ter Bei­tritts­druck ent­ste­he und ne­ben der Ko­ali­ti­ons­frei­heit auch die Ver­trags­frei­heit so­wohl auf Ar­beit­ge­ber­sei­te als auch auf Ar­beit­neh­mer­sei­te be­ein­träch­tigt sei.

Für ei­nen sol­chen Grund­rechts­ein­griff be­ste­he kei­ne sach­li­che Recht­fer­ti­gung. Der Grund­rechts­ein­griff wer­de nicht durch die Re­ge­lungs­zuständig­keit der Ta­rif­par­tei­en ge­deckt. Die an­ge­grif­fe­ne Re­ge­lung ver­fol­ge kein ta­rif­lich zulässi­ges Ziel. Auch sei die ver­wen­de­te Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­sel un­ge­eig­net, da­hin­ter­ste­hen­de, von der Be­klag­ten ver­folg­te Zie­le zu er­rei­chen.

6

Ei­ne im Ta­rif­ver­trag vor­ge­nom­me­ne Dif­fe­ren­zie­rung nach der Zu­gehörig­keit zur ta­rif­ver­trags­sch­ließen­den Ge­werk­schaft sol­le Vor­tei­le aus­glei­chen, die der nicht bei der ta­rif­ver­trags­sch­ließen­den Ge­werk­schaft or­ga­ni­sier­ten Ar­beit­neh­mer da­durch ge­nieße, dass er über in­di­vi­du­al­ver­trag­li­che Ver­wei­sun­gen die „Früch­te“ der von die­ser Ge­werk­schaft ge­leis­te­ten Ta­rifar­beit „kos­ten­los“ in An­spruch neh­me. Nach der be­ste­hen­den Rechts­ord­nung sei es der Be­klag­ten nicht ge­stat­tet, ei­nen sol­chen Aus­gleich mit ta­rif­li­chen Mit­teln zu ermögli­chen.

Dif­fe­ren­zie­run­gen mit dem Ziel ei­nes Aus­gleichs für die Aus­nut­zung ge­werk­schaft­lich ge­schaf­fe­ner Ta­rif­wer­ke ziel­ten auf ei­ne Kom­mer­zia­li­sie­rung ge­werk­schaft­li­cher Tätig­keit ab. Mit ei­ner ta­rif­li­chen Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­sel wer­de der Sa­che nach ei­ne Art Leis­tung, ei­ne Art Bei­trag, ei­ne Art Gebühr, ei­ne Art Ab­ga­be, ei­ne Art Her­aus­ga­be von un­ge­recht­fer­tig­ter Be­rei­che­rung o. ä. für die In­an­spruch­nah­me ge­werk­schaft­li­cher Ar­beit ver­langt (so wört­lich BAG, GS, 29.11.1957, VII 3. a). Es feh­le der Be­klag­ten aber die Re­ge­lungs­zuständig­keit, im We­ge ei­ner Span­nen­si­che­rung die Er­fol­ge ih­rer Ar­beit im Verhält­nis zu Außen­sei­tern zu kom­mer­zia­li­sie­ren und mit ver­trag­li­chen Mit­teln ent­gelt­pflich­tig zu ma­chen.

Es ge­be kein all­ge­mei­nes Rechts­staats­prin­zip, dass die An­leh­nung an die Früch­te frem­der Ar­beit aus­gleichs­pflich­tig ma­che. Zu­gleich rei­che die Ta­rif­au­to­no­mie der Ko­ali­tio­nen nicht so weit, ei­nen sol­chen Aus­gleich im We­ge ta­rif­li­cher Re­ge­lun­gen ein­zuführen. Denn da­mit würde sie ge­zielt be­las­ten­de Re­ge­lun­gen für Außen­sei­ter vor­se­hen, die im wirt­schaft­li­chen Er­geb­nis ei­ner fi­nan­zi­el­len Be­tei­li­gung an den Kos­ten der Ko­ali­ti­on gleich­kom­me. Nach de­mo­kra­ti­schen Grundsätzen sei­en Steu­ern, Beiträge und sons­ti­ge Las­ten aber nur zulässig auf­grund ei­nes un­ter par­la­men­ta­ri­scher Kon­trol­le zu­stan­de kom­men­den Ge­set­zes oder Kraft rechts­geschäft­li­cher Un­ter­wer­fung der auf Bei­trags­zah­lun­gen in An­spruch Ge­nom­me­nen un­ter ei­ne auf­ge­stell­te Bei­trags­re­ge­lung. Die Norm­set­zungs­be­fug­nis der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en sei al­lein durch den Bei­tritt ih­rer Mit­glie­der le­gi­ti­miert und da­durch auch auf die Mit­glie­der be­grenzt. Mit der Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­sel wer­de die­se Norm­set­zungs­be­fug­nis über­schrit­ten, da sie kei­ne Re­ge­lung für Mit­glie­der, son­dern aus­sch­ließlich ei­ne Re­ge­lung ge­gen Außen­sei­ter be­inhal­te.

7

Die Ta­rif­macht der Be­klag­ten könne auch nicht im We­ge der Rechts­fort­bil­dung so er­wei­tert wer­den, dass ei­ne Vor­teils­aus­glei­chung mit­tels ta­rif­li­cher Ge­stal­tungs­mit­tel zulässig wäre. Ei­ne der­ar­ti­ge Vor­teils­aus­glei­chung ver­let­ze das Ge­rech­tig­keits­emp­fin­den von Ar­beit­neh­mern nach­hal­tig und übe da­mit ei­nen so­zia­li­nadäqua­ten Druck auf an­ders oder nicht or­ga­ni­sier­te Ar­beit­neh­mer aus. Es sei ein we­sent­li­cher Un­ter­schied, ob ei­nem Ar­beit­neh­mer ge­sagt wer­de, er müsse an ei­nen an­de­ren ei­nen ge­wis­sen Aus­gleich dafür er­brin­gen, weil der an­de­re für ihn et­was ge­tan ha­be. Das wer­de der Ar­beit­neh­mer ge­ge­be­nen­falls ein­se­hen. Dem Ar­beit­neh­mer aber zu sa­gen, er be­kom­me kei­ne oder ei­ne ge­rin­ge­re Er­ho­lungs­bei­hil­fe, weil er an­ders oder nicht or­ga­ni­siert sei, und ein an­de­rer Ar­beit­neh­mer be­kom­me die­se Er­ho­lungs­bei­hil­fe oder ei­ne dop­pelt so ho­he Er­ho­lungs­bei­hil­fe, weil er bei der Be­klag­ten or­ga­ni­siert sei, müsse bei die­sem Außen­sei­ter zwangsläufig das Ge­rech­tig­keits­emp­fin­den ver­let­zen. Denn die­ses ge­he über­wie­gend da­hin, dass die Er­ho­lungs­bei­hil­fe in Form ei­nes zusätz­li­chen Ur­laubs­gel­des nach Art der ge­leis­te­ten Tätig­keit, nach dem Grad der Er­ho­lungs­bedürf­tig­keit, nach dem Al­ter, dem Fa­mi­li­en­stand bzw. der Kin­der­zahl und sons­ti­gen so­zia­len Merk­ma­len, aber nicht nach der Ge­werk­schafts­zu­gehörig­keit be­mes­sen wer­de (vgl. sinn­gemäß BAG, GS, 29.11.1967, VII.3.f.). Ver.di-Mit­glie­der sei­en nicht er­ho­lungs­bedürf­ti­ger als Nicht-ver.di-Mit­glie­der.

Dem ste­he auch nicht das mögli­che Ar­gu­ment ent­ge­gen, dass den bei der Be­klag­ten or­ga­ni­sier­ten Ar­beit­neh­mern im Ur­laub et­wa we­gen der Zah­lung von Ge­werk­schafts­beiträgen ge­ra­de der­je­ni­ge Be­trag feh­le, den sie als Er­ho­lungs­bei­hil­fe mehr er­hal­ten soll­ten als Außen­sei­ter. Im Hin­blick auf an­ders or­ga­ni­sier­te Ar­beit­neh­mer sei die­ses Ar­gu­ment schon des­we­gen un­zu­tref­fend, weil die­se eben­falls durch Ge­werk­schafts­beiträge be­las­tet würden, aber gleich­wohl von den ta­rif­li­chen Son­der­leis­tun­gen für Mit­glie­der der ta­rif­sch­ließen­den Ge­werk­schaft aus­ge­schlos­sen sei­en. Im Übri­gen müss­te der Kom­pen­sa­ti­ons­ge­dan­ke die Rechts­stel­lung or­ga­ni­sier­ter und nicht or­ga­ni­sier­ter Mit­ar­bei­ter um­fas­send und nicht nur par­ti­ell ver­glei­chen. In­so­weit sei auch der über die Ge­werk­schafts­beiträge gewähr­te kos­ten­lo­se Rechts­schutz zu berück­sich­ti­gen. Nicht or­ga­ni­sier­te Ar­beit­neh­mer hätten in­so­weit eben­falls Kos­ten zu tra­gen, de­ren Kom­pen­sa­ti­on ge­ra­de nicht er­fol­ge. Im Übri­gen kom­me ei­ne Kom­pen­sa­ti­on der mit der Ge­werk­schafts­zu­gehörig­keit ver­bun­de­nen Auf­wen­dun­gen in der ta­rif­ver­trag­li­chen

8

Re­ge­lung nicht zum Aus­druck, be­ste­hen­de und aus­zu­glei­chen­de Kos­ten würden zu­dem nicht präzi­se be­zif­fert, so­dass das Trans­pa­renz­ge­bot ver­letzt sei. Im Übri­gen sei­en der Ge­werk­schafts­bei­tritt und die da­mit ver­bun­de­nen fi­nan­zi­el­len Las­ten Teil der frei­en Ent­schei­dung ei­nes Ar­beit­neh­mers, sei­ne Ar­beits­be­din­gun­gen ent­we­der kol­lek­tiv oder in­di­vi­du­ell aus­zu­han­deln.

Mit dem Ein­griff in die Ko­ali­ti­ons­frei­heit wer­de schließlich auch kein zulässi­ges Ziel ver­folgt. Es be­ste­he kein schützens­wer­tes In­ter­es­se der Be­klag­ten dar­an, mit ta­rif­li­chen Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­seln nach­tei­li­ge Ar­beits­be­din­gun­gen für Nicht-ver.di-Mit­glie­der zu er­wir­ken. Es wi­derspräche Sinn und Zweck von Ar­ti­kel 9 Abs. 3 GG, wenn sich die Be­klag­te über ta­rif­ver­trag­lich ab­ge­si­cher­te Bes­ser­stel­lun­gen ih­rer Mit­glie­der der Mit­hil­fe der Ar­beit­ge­ber­sei­te bei der Be­schaf­fung von Ge­werk­schafts­mit­glie­dern be­die­ne. Die­ses Vor­ge­hen sei mit dem Prin­zip der Geg­ner­un­abhängig­keit als we­sent­li­chem Ele­ment des Ko­ali­ti­ons­be­griffs nicht ver­ein­bar. In­so­weit sei auch zu berück­sich­ti­gen, dass sie, die Kläge­rin, durch die Zah­lung der Er­ho­lungs­bei­hil­fe an ver.di-Mit­glie­der mit­tel­bar die Be­klag­te fi­nan­zie­re und de­ren Ar­beits­kampffähig­keit stärke. Die Ver­knüpfung von Leis­tun­gen hin­sicht­lich begüns­tig­ter Er­ho­lungs­bei­hil­fen mit der Ge­werk­schafts­zu­gehörig­keit sei da­her nicht von der Ta­rif­macht der Par­tei­en ge­deckt. Zu­dem wi­der­spre­che die Re­ge­lung der ge­setz­ge­be­ri­schen Ziel­set­zung, sämt­li­chen Ar­beit­neh­mern die steu­er­li­chen Vor­tei­le des § 40 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 Ein­kom­mens­steu­er­ge­setz (EStG) zu­kom­men zu las­sen. Zu­dem lie­ge hier­in ei­ne nicht zu recht­fer­ti­gen­de Un­gleich­be­hand­lung von we­sent­lich Glei­chem. Sämt­li­che ih­rer Mit­ar­bei­ter hätten ein zu­min­dest ver­gleich­ba­res Er­ho­lungs­in­ter­es­se. Durch die ta­rif­li­che Re­ge­lung er­fol­ge ei­ne of­fen­sicht­li­che Un­gleich­be­hand­lung, oh­ne dass sach­li­che Gründe für ei­ne Dif­fe­ren­zie­rung bestünden.

Sch­ließlich ver­s­toße Zif­fer V des Ta­rif­ver­tra­ges ge­gen das Güns­tig­keits­prin­zip gemäß § 4 Abs. 3 Al­ter­na­ti­ve 2 TVG. Nach die­ser Vor­schrift sei­en ab­wei­chen­de Re­ge­lun­gen zum Ta­rif­ver­trag nur dann möglich, wenn ei­ne Öff­nungs­klau­sel be­ste­he oder die ge­trof­fe­ne Ver­ein­ba­rung für den ein­zel­nen Ar­beit­neh­mer güns­ti­ger sei. Das Güns­tig­keits­prin­zip sei zwin­gend und gewähr­leis­te die Pri­vat­au­to­no­mie der Ar­beits­ver­trags­par­tei­en in den Be­rei­chen, in de­nen die zwin­gen­de Wir­kung des Ta­rif­ver­tra­ges zum Schutz der Ar­beit­neh­mer nicht er­for­der­lich sei, und ga­ran­tie­re die

9

Funk­ti­on des Ta­rif­ver­tra­ges als Ge­stal­tungs­in­stru­ment für die Re­ge­lung von Min­dest­ar­beits­be­din­gun­gen. In die­ser Funk­ti­on be­gren­ze das Güns­tig­keits­prin­zip die Kar­tell­wir­kung des Ta­rif­ver­tra­ges. Kol­lek­tiv­au­to­no­mie sol­le Pri­vat­au­to­no­mie si­chern und nicht ver­drängen. Ei­ne Ab­wei­chung vom Ta­rif­ver­trag „nach oben“ sei als un­ab­ding­ba­re Re­gel des Güns­tig­keits­prin­zips da­her stets er­laubt. Ei­ne zwin­gen­de Schlech­ter­stel­lung ein­zel­ner Ar­beit­neh­mer oder Ar­beit­neh­mer­grup­pen im Ta­rif­ver­trag ver­s­toße da­her ge­gen § 4 Abs. 3 Al­ter­na­ti­ve 2 TVG.
Die Nich­tig­keit von Zif­fern IV und V des Ta­rif­ver­tra­ges führe nicht zur Un­wirk­sam­keit auch al­ler an­de­ren ta­rif­ver­trag­li­chen Vor­schrif­ten, weil der Ta­rif­ver­trag auch mit den ver­blei­ben­den Re­ge­lun­gen I, II, III, und VI ei­ne sinn­vol­le, prak­ti­ka­ble und in sich ge­schlos­se­ne Re­ge­lung dar­stel­le.

Die Kläge­rin be­an­tragt

fest­zu­stel­len, dass Zif­fern IV und V des zwi­schen den Pro­zess­par­tei­en am 30.05.2008 ab­ge­schlos­se­nen „Ta­rif­ver­tra­ges über ei­ne Er­ho­lungs­bei­hil­fe für Lohn- und Ge­halts­empfänger, die Mit­glied der Ver­ein­ten Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di sind“ rechts­un­wirk­sam sind.

Die Be­klag­te be­an­tragt,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Die Be­klag­te trägt vor:
Die Kla­ge sei man­gels be­ste­hen­den Fest­stel­lungs­in­ter­es­ses nicht zulässig. Die Kläge­rin sei der An­sicht ge­we­sen, die von ihr un­ter­zeich­ne­ten Ta­ri­fin­hal­te sei­en rechtmäßig und ha­be des­we­gen – oh­ne hier­zu ge­zwun­gen zu sein- den Fir­men­ta­rif­ver­trag ge­schlos­sen. Erst­mals mit Schrei­ben vom 24.06.2008 ha­be die Kläge­rin deut­lich ge­macht, den Ta­rif­ver­trag ge­richt­lich über­prüfen las­sen zu wol­len. Mit der Kla­ge wer­de da­mit die rei­ne Er­stel­lung ei­nes Rechts­gut­ach­tens be­gehrt.

Die Kla­ge sei auch nicht be­gründet. Ein Ver­s­toß ge­gen Ar­ti­kel 9 Abs. 3 GG lie­ge nur vor, wenn die ne­ga­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit der Nicht­or­ga­ni­sier­ten ver­letzt wer­de. Sie sol­le vor Bei­tritts­zwang schützen, aber nicht vor ta­rif­li­cher Norm­set­zung zu Guns­ten

10

der Ta­rif­ge­bun­de­nen ab­schir­men. Bei der Begüns­ti­gung von Ge­werk­schafts­mit­glie­dern han­de­le es sich eher um ei­nen Nach­teils­aus­gleich u. a. für den von ih­nen ge­leis­te­ten Ge­werk­schafts­bei­trag. Die im an­ge­grif­fe­nen Ta­rif­ver­trag ge­re­gel­te Er­ho­lungs­bei­hil­fe dürf­te sich im Durch­schnitt noch er­heb­lich un­ter dem mo­nat­li­chen Ge­werk­schafts­bei­trag be­we­gen. Die Gren­zen der Ta­rif­macht sei­en nur dann berührt, wenn Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­seln das Ar­beits­verhält­nis von Nicht­or­ga­ni­sier­ten nor­ma­tiv er­fass­ten. Das sei bei der vor­lie­gen­den Klau­sel aber nicht der Fall.

Ge­ra­de vor dem Hin­ter­grund zu­neh­men­den Wett­be­werbs in der Ge­werk­schafts­land­schaft gehöre es zur Betäti­gungs­frei­heit ei­ner Ko­ali­ti­on auch, die ei­ge­ne Schlag­kraft durch Maßnah­men der Mit­glie­der­wer­bung zu stärken. Hier­zu gehöre auch die Ver­ein­ba­rung von Span­nen­klau­seln, die kei­nen Wett­be­werbs­ver­s­toß ge­genüber Kon­kur­renz­ge­werk­schaf­ten be­inhal­te­ten.

Da der Gleich­be­hand­lungs­grund­satz nicht ge­genüber Ta­rif-Außen­sei­tern gel­te, könn­ten Dif­fe­ren­zie­run­gen auch ge­genüber an­ders or­ga­ni­sier­ten Ge­werk­schafts­mit­glie­dern grei­fen. Ge­werk­schaf­ten hätten be­kannt­lich kei­nen An­spruch auf Ta­rif­ver­hand­lun­gen ge­gen ei­nen Ar­beit­ge­ber und müss­ten die­se da­her ge­ge­be­nen­falls streik­wei­se durch­set­zen. Sie könn­ten da­durch auch er­zwin­gen, dass ein Ar­beit­ge­ber die von ih­nen mit ei­ner Kon­kur­renz­ge­werk­schaft ab­ge­schlos­se­nen Span­nen­klau­seln kündi­ge und nicht er­neue­re. Des­halb be­sei­tig­ten sol­che Klau­seln den Wett­be­werb nicht. Sie ver­hin­der­ten al­ler­dings bloße An­schluss­ta­rif­verträge, die ei­ner Kon­kur­renz­ge­werk­schaft vom Ar­beit­ge­ber „wi­der­stands­los“ zu­ge­stan­den würden, nach­dem be­reits der „Vor­bild­ta­rif­ver­trag“ von ei­ner an­de­ren Ge­werk­schaft er­folg­reich durch­ge­setzt wor­den sei. So könn­ten Kon­kur­renz­ge­werk­schaf­ten ih­ren Mit­glie­dern die­sel­ben Ta­rif­leis­tun­gen bie­ten, oh­ne ent­spre­chen­de Streiks/Streik­dro­hun­gen fi­nan­zie­ren zu müssen. Sie pro­fi­tier­ten von der teu­ren Kampf­kraft der Kon­kur­renz und könn­ten die­se gleich­zei­tig mit nied­ri­gen Beiträgen un­ter­bie­ten. Le­dig­lich die­ser Dum­ping-Kon­kur­renz könn­ten und woll­ten Span­nen­klau­seln ge­genüber an­ders Or­ga­ni­sier­ten al­so ent­ge­gen­tre­ten. Sie wirk­ten da­her ähn­lich wie die zulässi­gen Ver­tragshänd­ler-Ver­ein­ba­run­gen im kaufmänni­schen Wett­be­werb.

11

Die streit­ge­genständ­li­chen Re­ge­lun­gen ver­letz­ten we­der die Ver­trags­frei­heit der Kläge­rin noch der an­ders als in ver.di oder nicht or­ga­ni­sier­ten Ar­beit­neh­mer. Die Span­nen­klau­sel im Ta­rif­ver­trag ent­fal­te nur schuld­recht­li­che Ver­pflich­tun­gen des Ar­beit­ge­bers, denn sie bin­de ihn aus­sch­ließlich ge­genüber der Ge­werk­schaft. Der Erfüllungs­an­spruch ste­he al­lein ver.di zu. We­der Ar­beits­verträge der Außen­sei­ter noch der Ge­werk­schafts­mit­glie­der würden hier­durch nor­ma­tiv aus­ge­stal­tet. Al­len­falls für den Fall, dass ei­ne der­ar­ti­ge ar­beit­ge­ber­sei­ti­ge Ver­pflich­tung in ei­nem Ver­bands­ta­rif­ver­trag ver­ein­bart wor­den wäre, könn­ten die ar­beit­ge­ber­ver­bands­recht­li­chen Zu­mut­bar­keits­gren­zen für über­schrit­ten ge­hal­ten wer­den, wenn nicht al­le be­trof­fe­nen Ver­bands­mit­glie­der zu­ge­stimmt hätten. Die­ses Pro­blem stel­le sich vor­lie­gend aber nicht, weil es sich um ei­nen Ta­rif­ver­trag han­de­le, den nur der ver­pflich­te­te Ar­beit­ge­ber selbst ab­ge­schlos­sen ha­be.

So­weit es sich bei den Außen­sei­tern um an­ders ge­werk­schaft­lich Or­ga­ni­sier­te han­de­le, könn­ten die­se je­der­zeit ei­nen Kon­kur­renz­ta­rif­ver­trag mit ei­ner Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­sel (ge­ge­be­nen­falls streik­wei­se) er­zwin­gen und ih­re Ver­trags­frei­heit ta­rif­lich rea­li­sie­ren.

Bei un­or­ga­ni­sier­ten Ar­beit­neh­mern wäre de­ren in­di­vi­du­el­le Ver­trags­frei­heit nur dann ef­fek­tiv ver­letzt, wenn sie oh­ne den in­kri­mi­nier­ten Ta­rif­ver­trag die­sel­be Leis­tung auch ein­zel­ver­trag­lich hätten durch­set­zen können. Nur dann wäre ih­re Wett­be­werbsfähig­keit durch die Span­nen­klau­sel über­haupt be­ein­träch­tigt. Der ent­spre­chen­de Nach­weis ei­ner sol­chen Be­ein­träch­ti­gung sei al­so erst dann er­bracht, wenn ein Außen­sei­ter ei­ne ent­spre­chen­de Leis­tung für sich persönlich schon vor Ta­rif­ab­schluss ein­zel­ver­trag­lich ha­be durch­set­zen können. Späte­re Ab­re­den dürf­ten im­mer erst durch den Ta­rif­ab­schluss ver­an­lasst sein, d. h. hier er­lan­ge der Außen­sei­ter sei­ne Wett­be­werbsfähig­keit über­haupt erst durch den frem­den Ta­rif­ver­trag. Ei­ne durch ei­nen frem­den Ta­rif­ver­trag erst er­lang­te Wett­be­werbsfähig­keit könne aber nicht von der Span­nen­klau­sel ver­letzt sein; denn die­se nähme nur, was der Ta­rif­ver­trag dem Außen­sei­ter ver­mit­telt ha­be. Ein­zelab­re­den, die schon vor Ta­rif­ab­schluss in­di­vi­du­al­ver­trag­lich wirk­sam ver­ein­bart wor­den sei­en, wären von ei­ner Span­nen­klau­sel, die oh­ne­hin nur für in die Zu­kunft wir­ke, nicht er­fasst.

12

Auch sei­en durch Zif­fer IV und V des streit­ge­genständ­li­chen Ta­rif­ver­tra­ges we­der Gleich­be­hand­lungs­recht noch ta­rif­recht­li­ches Güns­tig­keits­prin­zip ver­letzt. Der Ar­beit­ge­ber dürfe den nicht ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beit­neh­mern nach all­ge­mei­ner Auf­fas­sung die ta­rif­ver­trag­li­che Leis­tung ver­wei­gern, sie al­so je nach Ta­rif­bin­dung un­ter­schied­lich be­han­deln, oh­ne ge­gen den Gleich­heits­satz zu ver­s­toßen. Ei­ne Gleich­be­hand­lungs­pflicht für Or­ga­ni­sier­te und Außen­sei­ter ließe die Ta­rif­au­to­no­mie prak­tisch leer­lau­fen und ver­stieße des­halb ge­gen Ar­ti­kel 9 Abs. 3 GG. Die Ko­ali­ti­ons­frei­heit ver­dränge in­so­fern Ar­ti­kel 3 Abs. 1 GG als spe­zi­el­le­re Norm. Wenn der Ar­beit­ge­ber dem­nach im Ein­zel­ver­trag ent­spre­chend dif­fe­ren­zie­ren dürfe, könne die­sel­be Re­ge­lung im Ta­rif­ver­trag nicht gleich­heits­wid­rig sein.

Auch das ta­rif­ver­trag­li­che Güns­tig­keits­prin­zip sei nicht ver­letzt, da es zwin­gend die Ta­rif­ge­bun­den­heit ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses vor­aus­set­ze. Es sei folg­lich nicht ein­schlägig, so­bald es um die Ar­beits­verträge von ta­rif­li­chen Außen­sei­tern ge­he. Sch­ließlich grei­fe auch das Ar­gu­ment der zu gewähr­leis­ten­den Geg­ner­un­abhängig­keit und un­zulässi­ger Geg­ner­fi­nan­zie­rung nicht. Wofür ein Ar­beit­neh­mer sein Ar­beits­ent­gelt ver­wen­de, ent­schei­de er selbst. Bei den ver­trag­li­chen Ver­pflich­tun­gen der Kläge­rin aus dem Ta­rif­ver­trag han­de­le es sich um ei­ne ver­trag­li­che Ge­gen­leis­tung für er­brach­te Ar­beit und nicht um ei­ne bedürf­nis­abhängi­ge Ali­men­ta­ti­on nach ar­beit­ge­ber­sei­ti­gem Er­mes­sen. Wenn der Ar­beit­neh­mer z. B. ei­nem Fußball­ver­ein bei­tre­te und die Beiträge dort aus sei­nem Ar­beits­ent­gelt be­glei­che, fi­nan­zie­re sein Ar­beit­ge­ber da­mit kei­nes­wegs den Ver­ein, weil die ent­spre­chen­den Beiträge im Un­ter­neh­men des Ar­beit­ge­bers ver­dient wor­den sei­en. Hin­sicht­lich der aus­sch­ließli­chen, au­to­no­men Verfügungs­be­fug­nis der Ar­beit­neh­mer über ihr Ent­gelt kom­me es auch kei­nes­wegs dar­auf an, ob des­sen Höhe ta­rif­ver­trag­lich oder ar­beits­ver­trag­lich ver­ein­bart wor­den sei.

Für den wei­te­ren Vor­trag der Par­tei­en wird auf die ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen, die Ge­gen­stand der münd­li­chen Ver­hand­lung wa­ren, Be­zug ge­nom­men.


E n t s c h e i d u n g s g r ü n d e:

I

13

Die Kla­ge ist gemäß § 2 Abs. 1 Nr. 1 ArbGG , § 9 TVG zulässig. Es ist ins­be­son­de­re auch das be­son­de­re Fest­stel­lungs­in­ter­es­se im Sin­ne von § 256 Abs. 1 ZPO (vgl. BAG, 30.05.2001, 4 AZR 387/00, NZA02, 228 ff) ge­ge­ben, da zwi­schen den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en Streit über die Wirk­sam­keit von Re­ge­lun­gen des zwi­schen ih­nen ge­schlos­se­nen Ta­rif­ver­tra­ges be­steht. Auch wenn die Kläge­rin – wie be­klag­ten­sei­tig gel­tend ge­macht – bei Ab­schluss des Ta­rif­ver­tra­ges von der Rechts­wirk­sam­keit der ge­trof­fe­nen Ver­ein­ba­run­gen aus­ge­gan­gen sein mag, so ist es ihr un­be­nom­men, zwi­schen­zeit­lich an­de­rer Auf­fas­sung zu sein. Dafür, dass tatsächlich auch die Kläge­rin Zif­fern IV und V des mit der Be­klag­ten am 30.05.2008 ge­schlos­se­nen Ta­rif­ver­tra­ges für wirk­sam hält, fehlt es an An­halts­punk­ten.

II

Die zulässi­ge Kla­ge ist nicht be­gründet. Zif­fern IV und V des zwi­schen den Par­tei­en am 30.05.2008 ge­schlos­se­nen TV Er­hBeih sind nicht we­gen Ver­s­toßes ge­gen Ar­ti­kel 9 Abs. 3 Satz 1 GG gemäß Ar­ti­kel 9 Abs. 3 Satz 2 GG nich­tig. Auch sons­ti­ge Un­wirk­sam­keits­gründe sind nicht er­sicht­lich.

1. Zif­fer IV des streit­ge­genständ­li­chen Ta­rif­ver­tra­ges be­stimmt die Mit­glied­schaft in der Ver­ein­ten Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di und de­ren glaub­haf­ten Nach­weis zur An­spruchs­vor­aus­set­zung für die Er­ho­lungs­bei­hil­fe von € 260 brut­to jähr­lich und stellt da­mit ei­ne ein­fa­che Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­sel dar. Ent­ge­gen der Ent­schei­dung des Großen Se­nats des BAG vom 29.11.1967 (aaO) hält die Kam­mer mit dem LAG Nie­der­sach­sen (11.12.2007, 5 Sa 914/07, DB 08, 1977 ff.) der­ar­ti­ge Klau­seln grundsätz­lich und auch im vor­lie­gen­den Fall für wirk­sam.

In der Ent­schei­dung des BAG vom 29.11.1967 wur­de der Zweck von Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­seln dar­in ge­se­hen, durch ei­nen Aus­schluss von Leis­tun­gen Vor­tei­le von nicht bei der ta­rif­ver­trag­schließen­den Ge­werk­schaft or­ga­ni­sier­ten Ar­beit­neh­mern aus­zu­glei­chen, die die­se durch In­an­spruch­nah­me der von die­ser Ge­werk­schaft ge­leis­te­ten Ta­rifar­beit „kos­ten­los“ in An­spruch neh­men. Dies stel­le ei­ne nicht trans­pa­rent ge­mach­te

14

Art Bei­trag/Gebühr dar, oh­ne dass hierfür ei­ne Re­ge­lungs­kom­pe­tenz be­ste­he. Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­seln ver­stießen nach­hal­tig ge­gen das Ge­rech­tig­keits­emp­fin­den von Ar­beit­neh­mern und übten so­zi­al in­adäqua­ten Druck auf nicht bzw. an­ders or­ga­ni­sier­te Ar­beit­neh­mer aus. Dem kann in die­ser all­ge­mei­nen Form nicht ge­folgt wer­den.

Es ist zu berück­sich­ti­gen, dass sich die Zulässig­keit ei­ner Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen Ta­rif­ge­bun­de­nen und Nicht­ta­rif­ge­bun­de­nen Be­reits aus § 3 Abs. 1, § 4 Abs. 1 TVG er­gibt. Kein Ar­beit­ge­ber ist ver­pflich­tet, auf­grund des ar­beits­ver­trag­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes nicht ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beit­neh­men Leis­tun­gen ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges zu gewähren. Sach­grund für die­se zulässi­ge Dif­fe­ren­zie­rung bezüglich ta­rif­li­cher Leis­tun­gen un­abhängig von ih­rer Zweck­be­stim­mung ist die Mit­glied­schaft in der Ta­rif­ver­trags­par­tei, für die ein ma­te­ri­el­ler und ge­ge­be­nen­falls im­ma­te­ri­el­ler Auf­wand er­bracht wird, und die Recht­set­zungs­kom­pe­tenz der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en nur für ih­re Mit­glie­der. In­so­weit liegt in je­der ta­rif­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung von Leis­tun­gen be­reits per se ei­ne zulässi­ge Be­gren­zung des An­spruchs­be­rech­tig­ten­krei­ses „nur auf Mit­glie­der“. Dies im­pli­ziert zwangsläufig den Aus­schluss von Nicht­mit­glie­dern, oh­ne dass die­sen da­mit ei­ne Art Bei­trag auf­er­legt würde. Es er­scheint da­her sachnäher, die ta­rif­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen po­si­tiv ge­wen­det als An­spruchs- bzw. Vor­teils­ver­schaf­fung für die Mit­glie­der zu be­trach­ten. Ge­nau hier­auf be­zieht sich auch die Re­ge­lungs­be­fug­nis der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en und es ist nicht er­sicht­lich, dass die­se ge­setz­lich ge­re­gel­te Wir­kung von Ta­rif­nor­men nur für Ta­rif­ge­bun­de­ne ver­fas­sungs­wid­rig wäre oder “gröblich ge­gen das Ge­rech­tig­keits­emp­fin­den ver­stieße“, zu­mal ei­ne in­di­vi­du­al­ver­trag­li­che In­be­zug­nah­me der ta­rif­ver­trag­li­chen Re­ge­lung bzw. der Ab­schluss gleich­lau­ten­der Ta­rif­verträge durch an­de­re Ta­rif­ver­trags­par­tei­en möglich ist.

Aus­ge­hend hier­von er­gibt sich für ein­fa­che Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­seln und die vor­lie­gend zu be­ur­tei­len­de Re­ge­lung der Zif­fer IV des TV Er­hBeih nichts we­sent­lich Ab­wei­chen­des. Al­lein ei­ne Er­stre­ckung auf Außen­sei­ter kraft ge­ne­rel­ler ar­beits­ver­trag­li­cher In­be­zug­nah­me der für den Ar­beit­ge­ber gel­ten­den Ta­rif­verträge bzw. kraft All­ge­mein­ver­bind­lich­keits­erklärung ist – wie

15

kläger­sei­tig zu­tref­fend aus­geführt – nicht möglich. Dass da­durch je­doch, wie von der Kläge­rin ver­tre­ten, be­reits re­le­van­te recht­li­che Hin­der­nis­se für die Re­ge­lung der Ar­beits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen an­ders und nicht or­ga­ni­sier­ter Ar­beit­neh­mer ge­schaf­fen würden, ist nicht nach­voll­zieh­bar. Denn es ist der Kläge­rin un­be­nom­men und durch Zif­fer IV des TV Er­hBeih nicht aus­ge­schlos­sen, nicht oder an­ders als bei ver.di or­ga­ni­sier­ten Beschäftig­ten in­di­vi­du­al­ver­trag­lich ent­spre­chen­de Leis­tun­gen zu­zu­sa­gen. Eben­so we­nig sind nicht oder an­ders or­ga­ni­sier­te Ar­beit­neh­mer der Kläge­rin durch Zif­fer IV des TV Er­hBeih dar­an ge­hin­dert, in­di­vi­du­ell ent­spre­chen­de Leis­tun­gen mit der Kläge­rin aus­zu­han­deln. Dies gälte eben­so für den eher un­wahr­schein­li­chen Fall ei­ner All­ge­mein­ver­bind­lich­keits­erklärung bezüglich des hier in Re­de ste­hen­den Haus­ta­rif­ver­tra­ges.

Dass im Fal­le in­di­vi­du­al­ver­trag­li­cher Ver­ein­ba­rung der ta­rif­ver­trag­lich ge­re­gel­ten Er­ho­lungs­bei­hil­fe die kläger­sei­tig ver­wen­de­ten Mus­ter­ar­beits­verträge mit der all­ge­mei­nen Ver­wei­sung auf die für die Kläge­rin gel­ten­den Ta­rif­verträge ent­spre­chend ergänzt wer­den müss­ten, stellt un­be­nom­men ei­nen ein­ma­li­gen erhöhten Ver­wal­tungs- und Or­ga­ni­sa­ti­ons­auf­wand dar, nicht aber ein re­le­van­tes recht­li­ches Hin­der­nis zur Ver­ein­ba­rung dem Ta­rif­ver­trag ent­spre­chen­der Leis­tun­gen für Außen­sei­ter. Eben­so we­nig ver­hin­dert Zif­fer IV des TV Er­hBeih, dass die Kläge­rin mit an­de­ren in ih­rem Un­ter­neh­men ver­tre­te­nen Ge­werk­schaf­ten ent­spre­chen­de Ta­rif­verträge ver­ein­bart.

Des­we­gen ist auch nicht er­sicht­lich, dass die durch Ar­ti­kel 9 Abs. 3 GG geschütz­te ne­ga­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit der nicht oder an­ders als bei ver.di or­ga­ni­sier­ten Ar­beit­neh­mer durch Zif­fer IV des TV Er­hBeih ver­letzt ist.

Der Schutz der Ko­ali­ti­ons­frei­heit schließt auch das Recht ein, aus ei­ner Ko­ali­ti­on aus­zu­tre­ten oder ihr ge­ne­rell fern­zu­blei­ben, wes­halb ein ge­ne­rel­ler Aus­schluss der Über­neh­me ta­rif­ver­trag­li­cher Re­ge­lun­gen als fak­ti­scher Bei­tritts­zwang un­zulässig ist (vgl. zu­sam­men­fas­send Er­fur­ter Kom­men­tar, 9. Aufl. Die­te­rich, Ar­ti­kel 9 GG, Rn. 32 f, 37). Auch die Ausübung er­heb­li­chen Bei­tritts­drucks oder die un­zu­mut­ba­re Er­schwe­rung ei­nes Ko­ali­ti­ons­aus­tritts

16

ver­let­zen das geschütz­te Fern­blei­be­recht. Ein ge­wis­ser mit­tel­ba­rer Druck in Form ei­nes Bei­trit­t­an­rei­zes ver­letzt die ne­ga­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit je­doch nicht, so­lan­ge er nicht so er­heb­lich ist, dass er zu ei­nem fak­ti­schen Zwang wird (vgl. BVerfG, 11.07.06, NZA07, 42 ff.). Dies ist vor­lie­gend durch Zif­fer IV des TV Er­hBeih we­gen der be­ste­hen­den Möglich­keit in­di­vi­du­al­ver­trag­li­cher Ver­ein­ba­run­gen der ta­rif­ver­trag­li­chen Leis­tung bzw. der für an­de­re Ge­werk­schaf­ten be­ste­hen­den Möglich­keit, ent­spre­chen­de Ta­rif­verträge aus­zu­han­deln und der re­la­tiv ge­rin­gen Höhe der ta­rif­ver­trag­li­chen Er­ho­lungs­bei­hil­fe von € 260,00 brut­to jähr­lich nicht der Fall.

Im Hin­blick auf Zif­fer IV des TV Er­hBeih war die Kla­ge da­her ab­zu­wei­sen.

2. Auch hin­sicht­lich Zif­fer V des TV Er­hBeih ist ei­ne Rechts­un­wirk­sam­keit nicht fest­zu­stel­len.

In­dem Zif­fer V des TV Er­hBeih vor­sieht, dass sich im Fall der Gewährung ei­ner Er­ho­lungs­bei­hil­fe bzw. ei­ner die­ser ent­spre­chen­den/er­set­zen­den Leis­tung an Nicht-ver.di-Mit­glie­der die Ar­beit­ge­ber­leis­tung an ver.di-Mit­glie­der dem­ent­spre­chend erhöht, ha­ben die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ei­ne qua­li­fi­zier­te Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­sel in Form ei­ner so ge­nann­ten Span­nen­si­che­rungs­klau­sel ver­ein­bart. Auch der­ar­ti­ge Klau­seln sind ent­ge­gen der Ent­schei­dung des großen Se­nats des BAG vom 29.11.1967 (aaO) nicht ge­ne­rell un­wirk­sam, Zif­fer V des TV Er­hBeih über­schrei­tet die Gren­zen des Zulässi­gen nicht.

Auch wenn Zif­fer V des TV Er­hBeih die in­di­vi­du­al- oder an­der­wei­tig ta­rif­ver­trag­li­che Ver­ein­ba­rung ei­ner Er­ho­lungs­bei­hil­fe bzw. dem­ent­spre­chen­der Leis­tun­gen nicht ge­ne­rell aus­sch­ließt, wer­den der­ar­ti­ge Ver­ein­ba­run­gen gleich­wohl fak­tisch da­durch er­schwert, dass den Ar­beit­ge­ber in die­sen Fällen erhöhte fi­nan­zi­el­le Be­las­tun­gen durch die zu leis­ten­den Auf­sto­ckungs­zah­lun­gen an die ver.di-Mit­glie­der tref­fen. Zu­dem wird durch Zif­fer V des TV Er­hBeih be­stimmt, dass nicht oder an­ders als bei ver.di or­ga­ni­sier­te Ar­beit­neh­mer auch durch ent­spre­chen­de Ver­ein­ba­run­gen nur im­mer € 260,00 brut­to jähr­lich nied­ri­ge­re Leis­tun­gen er­hal­ten können, als

17

ver.di Mit­glie­der. Dass hier­durch die grund­recht­lich geschütz­ten Po­si­tio­nen der Ko­ali­ti­ons­frei­heit und der Ver­trags­frei­heit an­de­rer be­schränkt wer­den, ist of­fen­kun­dig. Ei­ne dies­bezügli­che un­zulässi­ge Ver­let­zung liegt je­doch nicht vor.

Zu berück­sich­ti­gen ist nämlich, dass auch die ta­rif­sch­ließen­de Ge­werk­schaft ver.di dem Grund­rechts­schutz aus Ar­ti­kel 9 Abs. 3 GG un­terfällt. Die kol­lek­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit schützt ne­ben dem Be­stand und der or­ga­ni­sa­to­ri­schen Aus­ge­stal­tung auch die ko­ali­ti­ons­spe­zi­fi­sche Betäti­gung, wo­zu ins­be­son­de­re Maßnah­men der Mit­glie­der­wer­bung gehören (vgl. zu­sam­men­fas­send Er­fur­ter Kom­men­tar, 9. Aufl., Die­te­rich, Ar­ti­kel 9 GG, Rn. 39 ff.). Zur Betäti­gungs­frei­heit gehört auch das Recht ei­ner Ko­ali­ti­on, ih­re Schlag­kraft durch Maßnah­men mit dem Ziel der Mit­glie­der­er­hal­tung und der Mit­glie­der­wer­bung zu stärken (vgl. BAG, 31.05.2005, AZR 141/04, NZA 05, 1182 ff). In­so­fern ist es na­he­lie­gend, Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­seln als grundsätz­lich le­gi­ti­men An­reiz für Ge­werk­schafts­bei­trit­te (vgl. BAG, 09.05.2007, 4 AZR 275/06, NZA 07, 1439 ff) und als ko­ali­ti­ons­spe­zi­fi­sche (Wer­be-)Betäti­gung als vom Schutz­be­reich des Ar­ti­kel 9 Abs. 3 GG er­fasst zu be­trach­ten (vgl. u. a. Ul­ber/Strauß, DB 08, 1970 ff.). In die­sem Sin­ne hat auch das LAG Köln in sei­ner be­klag­ten­sei­tig in Be­zug ge­nom­me­nen Ent­schei­dung vom 17.01.2008 (6 Sa 1354/07, DB 08, 1979 ff.) ta­rif­ver­trag­li­che Dif­fe­ren­zie­rungs­re­ge­lun­gen ver­stan­den und zu­tref­fend aus­geführt, dass im Fal­le kol­li­die­ren­der Grund­rechts­po­si­tio­nen im We­ge der Abwägung prak­ti­sche Kon­kor­danz her­zu­stel­len sei. Dies zu­grun­de ge­legt hält sich Zif­fer V des TV Er­hBeih in den zulässi­gen Gren­zen:

a) Be­zo­gen auf die kol­lek­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit kon­kur­rie­ren­der Ge­werk­schaf­ten lie­gen die Gren­zen der zulässi­gen Mit­glie­der­wer­bung dort, wo sie mit un­lau­te­ren Mit­teln er­folgt – al­so un­wahr oder be­lei­di­gend ist – oder auf die Exis­tenz­ver­nich­tung der kon­kur­rie­ren­den Ko­ali­ti­on ge­rich­tet ist (vgl. BAG, 31.05.05, a. a. O.). Dies ist vor­lie­gend of­fen­kun­dig nicht der Fall.

b) Im Hin­blick auf die ne­ga­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit nicht oder an­ders als bei ver.di or­ga­ni­sier­ter Ar­beit­neh­mer ist der von der Span­nen­si­che­rung im Um­fang von

18

€ 260,00 brut­to jähr­lich aus­ge­hen­de Bei­tritts­druck nicht so er­heb­lich, dass von ihm ein fak­ti­scher Zwang zum Bei­tritt aus­geht (sie­he oben, 1.). Ein sol­cher fak­ti­scher Zwang dürf­te nicht erst mit der Exis­tenz­be­dro­hung des Ein­zel­nen ge­ge­ben sein, an­de­rer­seits aber auch nicht be­reits dann, wenn die dif­fe­ren­zie­ren­de Leis­tung in et­wa die Höhe des auf­zu­wen­den­den Ge­werk­schafts­bei­trags er­reicht (vgl. Ko­cher, NZA 09, 119 ff.). Die Gren­ze dürf­te dort lie­gen, wo die Nach­tei­le ei­ner Dif­fe­ren­zie­rung für den Be­trof­fe­nen so groß wer­den, dass kein vernünf­ti­ger, öko­no­misch den­ken­der Ar­beit­neh­mer mehr be­reit ist, den Nach­teil hin­zu­neh­men für die Nicht­mit­glied­schaft in ei­ner von ihm im Prin­zip ab­ge­lehn­ten bzw. in ei­ner sei­ner An­sicht nach schlech­ten Or­ga­ni­sa­ti­on (vgl. Ul­ber/Strauß, a. a. O.). Das LAG Nie­der­sa­chen hat in sei­ner Ent­schei­dung vom 11.12.2007 (a.a.O.) an­ge­nom­men, ei­ne (al­ler­dings ein­fa­che) Dif­fe­ren­zie­rung im Um­fang von € 535.00 brut­to jähr­lich (ent­spre­chend ma­xi­mal dem dop­pel­ten Jah­res­ge­werk­schafts­bei­trag) übe kei­nen be­son­de­ren Druck aus. Un­abhängig von der Höhe des Bei­trags für die Mit­glied­schaft bei ver.di kann je­den­falls bei der hier zu be­ur­tei­len­den Leis­tung/Span­ne in Höhe von € 260 brut­to jähr­lich - € 21.67 brut­to mo­nat­lich – nicht da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass hier­durch ein fak­ti­scher Bei­tritts­zwang im oben erörter­ten Sin­ne entstünde.

c) So­weit die Re­ge­lung der Zif­fer V des TV Er­hBeih die Ver­trags­ge­stal­tungs­frei­heit der Kläge­rin fak­tisch be­ein­träch­tigt, ist dies vor­lie­gend un­be­acht­lich. Dies­bezüglich ist zu berück­sich­ti­gen, dass die Kläge­rin selbst den streit­ge­genständ­li­chen Ta­rif­ver­trag ab­ge­schlos­sen, als Ta­rif­ver­trags­par­tei die sich für sie er­ge­ben­den öko­no­mi­schen Kon­se­quen­zen ei­ner Aus­deh­nung der ta­rif­ver­trag­li­chen Leis­tung auch auf Außen­sei­ter frei mit der Be­klag­ten ver­ein­bart hat.

d) Auch die Be­ein­träch­ti­gung der Ver­trags­frei­heit der nicht bzw. an­ders or­ga­ni­sier­ten Ar­beit­neh­mer der Kläge­rin durch Zif­fer V des TV Er­hBeih führt nicht zur Un­wirk­sam­keit der Re­ge­lung. In­so­weit ist zu berück­sich­ti­gen, dass die Pri­vat­au­to­no­mie kein ge­ne­rel­les Ver­bot von Ex­klu­siv­verträgen kennt und kein An­spruch auf ei­nen be­stimm­ten Ver­trags­in­halt be­steht (vgl. Ul­ber/Strauß, a. a. O.). Auch ist der Be­klag­ten zu­zu­stim­men, dass der Um­stand, dass ei­ne

19

ta­rif­ver­trag­li­che Leis­tung in­di­vi­du­al- oder an­ders­ta­rif­ver­trag­lich bis­lang nicht durch­ge­setzt wur­de, dar­auf hin­deu­tet, dass sie oh­ne den ent­spre­chen­den Ta­rif­ver­trag nicht durch­zu­set­zen ge­we­sen wäre, so­dass ei­ne erst durch die­sen Ta­rif­ver­trag er­lang­te Wett­be­werbsfähig­keit durch die­sen nicht be­ein­träch­tigt wer­den kann. In je­dem Fall aber ist im Hin­blick auf die Höhe der hier in Re­de ste­hen­den Leis­tung/Span­ne von € 260,00 brut­to jähr­lich kei­ne übermäßig in­ten­siv wir­ken­de Be­schränkung er­kenn­bar.

Da Zif­fer V des TV Er­hBeih al­so grund­recht­lich geschütz­te Po­si­tio­nen an­de­rer nicht in un­zulässi­ger Wei­se ver­letzt und zu­dem nur die Rechts­be­zie­hun­gen zwi­schen Ta­rif­ge­bun­de­nen re­gelt, ist die­se Re­ge­lung von der Re­ge­lungs­kom­pe­tenz der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ge­deckt.

Dem Ar­gu­ment der Kläge­rin, die Ver­knüpfung steu­er­lich begüns­tig­ter Er­ho­lungs­bei­hil­fen mit der Ge­werk­schafts­zu­gehörig­keit sei nicht von der Ta­rif­macht der Ta­rif­par­tei­en um­fasst, kann nicht ge­folgt wer­den. So sind zwar Er­ho­lungs­bei­hil­fen steu­er­lich begüns­tigt. Gleich­wohl han­delt es sich hier­bei nicht um ei­ne ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­ne Leis­tung, so­dass die An­spruchs­grund­la­ge im Rah­men der be­ste­hen­den Re­ge­lungs­kom­pe­tenz der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en zulässi­ger­wei­se vor­lie­gend erst im TV Er­hBeih ge­schaf­fen wur­de. Da­mit geht gemäß §§ 3 Abs. 1, 4 Abs. 1 TVG re­gelmäßig ei­ne Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen ta­rif­ge­bun­de­nen und nicht ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beit­neh­mern ein­her. Da Zif­fer V des TV Er­hBeih nicht darüber hin­aus­ge­hend die Leis­tung von Er­ho­lungs­bei­hil­fen auch an nicht ta­rif­ge­bun­de­ne Ar­beit­neh­mer ver­bie­tet und dafür erst Recht kei­ne von § 40 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 Ein­kStG ab­wei­chen­de steu­er­li­che Be­hand­lung vor­sieht, wird hier­durch die In­an­spruch­nah­me steu­er­li­cher Vor­tei­le durch Nicht-ver.di-Mit­glie­der nicht un­zulässig be­schränkt.

In Zif­fer V des TV Er­hBeih liegt auch kei­ne un­zulässi­ge Ver­pflich­tung der Kläge­rin, den geg­ne­ri­schen Ver­band zu fi­nan­zie­ren. Hier­an fehlt es be­reits, weil die ta­rif­ver­trag­lich ge­re­gel­te Leis­tung un­mit­tel­bar den Beschäftig­ten und nicht der Be­klag­ten zu­fließt. Ei­ne Zweck­bin­dung im Sin­ne ei­ner Bei­trags­fi­nan­zie­rung be­steht nicht. Im Ge­gen­teil schreibt § 40 Abs. 2 Satz 1

20

Nr. 3 Ein­kStG ei­ne Ver­wen­dung zur Er­ho­lungs­zwe­cken vor. Der Um­stand, dass begüns­tig­te Ar­beit­neh­mer ge­ge­be­nen­falls trotz­dem den von ih­nen zu leis­ten­den Ge­werk­schafts­bei­trag auch aus den ih­nen als Er­ho­lungs­bei­hil­fe zu­fließen­den Mit­teln be­strei­ten mögen, führt nicht zu ei­ner un­zulässi­gen Geg­ner­fi­nan­zie­rung. Dies beträfe letzt­lich nämlich je­de Art ta­rif­ver­trag­li­cher be­gründe­ter Leis­tungs­ansprüche und führ­te das Ta­rif­ver­trags­sys­tem ins­ge­samt ad ab­sur­dum.

Dass Zif­fer V des TV Er­hBeih – wie von der Kläge­rin gel­tend ge­macht – ge­gen das Güns­tig­keits­prin­zip aus § 4 Abs. 3 TVG ver­stieße, ist eben­falls nicht er­sicht­lich. Zu­tref­fend weist die Be­klag­te in­so­weit dar­auf hin, dass das Güns­tig­keits­prin­zip aus § 4 Abs. 3 TVG zwin­gend die Ta­rif­ge­bun­den­heit vor­aus­setzt und da­her für nicht ta­rif­ge­bun­de­ne Ar­beit­neh­mer nicht ein­schlägig ist.

Ins­ge­samt er­weist sich Zif­fer V des TV Er­hBeih da­her als wirk­sam. Auch in­so­weit war die Kla­ge da­her ab­zu­wei­sen.

III

Die Kos­ten­ent­schei­dung er­gibt sich aus §§ 46 Abs. 2 ArbGG, 91 Abs. 1 ZPO.

Der Streit­wert wur­de gemäß § 61 Abs. 1 ArbGG un­ter Berück­sich­ti­gung von § 23 III RVG im Ur­teil fest­ge­setzt. Im Hin­blick auf Be­deu­tung, Um­fang und Schwie­rig­keit der Rechts­sa­che er­schien ei­ne Wert­fest­set­zung auf das Zehn­fa­che des Richt­wer­tes an­ge­mes­sen.

Auf An­trag der Kläge­rin war gemäß § 76 Abs. 1, Abs. 2 ArbGG we­gen der grundsätz­li­chen Be­deu­tung der Rechts­sa­che die Sprung­re­vi­si­on zu­zu­las­sen. Dies im­pli­ziert die Zu­las­sung der Be­ru­fung gemäß § 64 Abs. 3 ArbGG.

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht 15 Ca 188/08  

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin

Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

E-Mail: berlin@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main

Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

E-Mail: frankfurt@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg

Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

E-Mail: hamburg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover

Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

E-Mail: hannover@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln

Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

E-mail: koeln@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München

Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

E-Mail: muenchen@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg

Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

E-Mail: nuernberg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart

Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

E-Mail: stuttgart@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880