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An­rech­nung von Hartz-IV-Leis­tun­gen auf rück­stän­di­gen Lohn

Hartz-IV-Leis­tun­gen an ei­ne Be­darfs­ge­mein­schaft sind auf rück­stän­di­gen Ar­beits­lohn an­zu­rech­nen, der ei­nem Mit­glied der Be­darfs­ge­mein­schaft zu­steht: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 21.03.2012, 5 AZR 61/11

23.03.2012. Zahlt der Ar­beit­ge­ber län­ge­re Zeit über den Lohn bzw. das Ge­halt nicht, z.B. weil er in­sol­vent wird, dann er­hält der Ar­beit­neh­mer in der Re­gel So­zi­al­leis­tun­gen, um den fi­nan­zi­el­len Aus­fall zu über­brü­cken.

Ent­we­der be­zieht er von der Ar­beits­agen­tur Ar­beits­lo­sen­geld I im We­ge der "Gleich­wohl­ge­wäh­rung" oder er be­kommt vom Job­cen­ter Grund­si­che­rung für Ar­beits­su­chen­de ("Hartz IV").

In ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ge­klärt, in wel­cher Wei­se die an ei­ne Be­darfs­ge­mein­schaft ge­zahl­ten Hartz IV-Leis­tun­gen auf den rück­stän­di­gen an­zu­rech­nen sind: BAG, Ur­teil vom 21.03.2012, 5 AZR 61/11.

Wie sind vom Jobcenter erbrachte Hartz IV-Leistungen auf rückständigen Arbeitslohn anzurechnen?

Der we­sent­li­che Un­ter­schied zwi­schen Ar­beits­lo­sen­geld und Hartz IV be­steht dar­in, dass das Ar­beits­lo­sen­geld vom ver­si­cher­ten Ar­beits­ein­kom­men abhängt und auch dann ge­zahlt wird, wenn der Ar­beits­lo­sen­geld­empfänger gar nicht akut und drin­gend auf das Ar­beits­lo­sen­geld an­ge­wie­sen ist, während Hartz IV nach­ran­gig ist und da­her nur be­wil­ligt wird, wenn we­der ein an­de­res Ein­kom­men noch ein­setz­ba­re fi­nan­zi­el­le Re­ser­ven vor­han­den sind.

Aus die­sem Grund kommt es bei der Gewährung von Hartz IV auf den fi­nan­zi­el­len Be­darf ei­ner "Be­darfs­ge­mein­schaft" an. Es ist nur das Ein­kom­men und der Be­darf des Hilfs­bedürf­ti­gen selbst, son­dern auch das Ein­kom­men und der Be­darf sei­nes mit ihm zu­sam­men­le­ben­den Ehe­part­ners, sei­nes Le­bens­gefähr­ten und sei­ner Kin­der von Be­deu­tung.

Die­ser Un­ter­schied hat auch Fol­gen für die ge­setz­li­che Über­lei­tung der rückständi­gen Lohn­for­de­run­gen auf den Träger der So­zi­al­leis­tung.

Beim Ar­beits­lo­sen­geld ist klar, dass der lau­fen­de (nicht ge­zahl­te) Lohn­an­spruch für die Zeit, während der der Ar­beit­neh­mer Ar­beits­lo­sen­geld be­zieht, gemäß § 115 Abs. 1 Zehn­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB X) auf die Ar­beits­agen­tur über­geht, und zwar in Höhe des gewähr­ten Ar­beits­lo­sen­gel­des. Über­brückt die Ar­beits­agen­tur mit dem Ar­beits­lo­sen­geld z.B. ei­nen Lohnrück­stand für zwei Mo­na­te, geht der Lohn­an­spruch für die­se zwei Mo­na­te an­tei­lig, d.h. in Höhe des gewähr­ten Ar­beits­lo­sen­gel­des, auf die Ar­beits­agen­tur über, so dass der säum­i­ge Ar­beit­ge­ber nur noch ei­nen Teil des rückständi­gen dem Ar­beit­neh­mer schul­dig ist und ei­nen an­de­ren Teil der Ar­beits­agen­tur.

Der ge­setz­li­che For­de­rungsüber­gang gemäß § 115 Abs. 1 SGB X passt aber nicht auf die Hartz-IV-Leis­tun­gen der Job­cen­ter an Ar­beit­neh­mer, die bei Lohnrück­stand kei­nen Ar­beits­lo­sen­geld­an­spruch ha­ben, son­dern nur Hartz IV be­an­spru­chen können und die mit An­gehöri­gen ei­ne Be­darfs­ge­mein­schaft bil­den. Denn dann wer­den die Hartz-IV-Leis­tun­gen für die ge­sam­te Be­darfs­ge­mein­schaft be­rech­net und ein­heit­lich aus­ge­zahlt.

Hier stellt sich die Fra­ge, ob sol­che Hartz-IV-Leis­tun­gen auch in dem Um­fang auf das Job­cen­ter (früher: AR­GE) über­ge­hen, in dem die­ses sei­ne Leis­tun­gen an an­de­re Mit­glie­der der Be­darfs­ge­mein­schaft er­bracht hat.

Der Streitfall: Arbeitnehmer bezieht zusammen mit seiner Frau Hartz IV-Leistungen, nachdem sein Arbeitgeber insolvent wurde

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ham­burg hat die­se Fra­ge in ei­nem im De­zem­ber 2010 ent­schie­de­nen Fall mit nein be­ant­wor­tet (LAG Ham­burg, Ur­teil vom 08.12.2010, 5 Sa 54/10).

Hier ging es um Ar­beit­neh­mer, des­sen Ar­beit­ge­ber En­de 2007 in­sol­vent wur­de. Nach­dem Mit­te No­vem­ber 2007 das In­sol­venz­ver­fah­ren eröff­net und ein In­sol­venz­ver­wal­ter ein­ge­setzt wor­den war, blieb auch der In­sol­venz­ver­wal­ter die lau­fen­den Löhne schul­dig, so dass für die Zeit vom 12.11.2007 bis zum 29.02.2008 Lohn­ansprüche von 7.339,12 EUR brut­to bzw. von 5.841,94 EUR net­to of­fen wa­ren. In die­ser Zeit er­hiel­ten der Ar­beit­neh­mer und sei­ne Frau Hartz-IV-Leis­tun­gen.

Der Grund­si­che­rungs­träger for­der­te den In­sol­venz­ver­wal­ter auf, die für bei­de Ehe­leu­te in die­ser Zeit er­brach­ten Leis­tun­gen zu er­stat­ten, was der Ver­wal­ter auch tat, in­dem er 4.183,98 EUR an den Grund­si­che­rungs­träger zurück­zahl­te.

Da­her blie­ben vom Net­to­lohn­an­spruch nur noch 1.657,96 EUR übrig, die der Ver­wal­ter an den Ar­beit­neh­mer aus­kehr­te. Der wie­der­um zog vor Ge­richt und ver­lang­te ei­nen wei­te­ren Teil "sei­nes" Net­to­lohns, da er der Mei­nung war, der Ver­wal­ter hätte dem Grund­si­che­rungs­träger we­ni­ger Geld er­stat­ten müssen.

Er der An­sicht, dass nur der Teil der er­hal­te­nen Grund­si­che­rung, der für ihn persönlich be­stimmt war, vom Net­to­lohn hätten ab­ge­zo­gen wer­den dürfen, d.h. dass nur ein ge­rin­ge­rer Teil des Net­to­lohns auf den Grund­si­che­rungs­träger über­g­an­gen war. Der Teil der Grund­si­che­rungs­träger, der für sei­ne Frau be­stimmt war, stünde ihm noch zu, so dass der Ver­wal­ter wei­te­re 2.154,35 net­to an ihn zah­len müss­te.

Mit die­ser Zah­lungs­kla­ge hat­te er zwar vor dem Ar­beits­ge­richt Ham­burg zunächst kei­nen Er­folg (Ar­beits­ge­richt Ham­burg, Ur­teil vom 30.03.2010, 14 Ca 124/08), doch das LAG Ham­burg war dann in der Be­ru­fungs­in­stanz wie erwähnt der An­sicht, der Kläger sei im Recht (LAG Ham­burg, Ur­teil vom 08.12.2010, 5 Sa 54/10).

BAG: Auch die für andere Personen einer Bedarfsgemeinschaft gewährten Hartz IV-Leistungen sind vom Forderungsübergang auf das Jobcenter erfasst

Vor dem BAG al­ler­dings zog der Ar­beit­neh­mer endgültig den Kürze­ren, denn das BAG ur­teil­te vor­ges­tern, dass auch der für die Ehe­frau des Klägers be­rech­ne­te Teil der Grund­si­che­rung auf den Grund­si­che­rungs­träger über­ge­gan­gen wa­ren und da­her den Lohn­an­spruch ver­rin­ger­ten.

In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den kur­zen Pres­se­mit­tei­lung des BAG heißt es zur Be­gründung, dass bei Hartz-IV-Leis­tun­gen zwar der In­ha­ber des Lohn­an­spruchs (Ar­beit­neh­mer) und der Empfänger der Grund­si­che­rungs­leis­tung (Be­darfs­ge­mein­schaft) nicht die­sel­ben sei­en, so dass hier der "Grund­satz der Per­so­nen­iden­tität durch­bro­chen" sei.

Trotz­dem aber geht der nicht erfüll­te Lohn­an­spruch auch in Höhe der an an­de­re Mit­glie­der der Be­darfs­ge­mein­schaft er­brach­ten Leis­tun­gen auf den Träger der Grund­si­che­rung über, so das BAG.

Zur Be­gründung ver­weist das BAG auf ei­ne Son­der­vor­schrift im Zwei­ten Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB II), nämlich auf § 34b SGB II. Die­ser Re­ge­lung zu­fol­ge gel­ten in Fällen wie hier im Streit­fall auch die Leis­tun­gen an an­de­re Mit­glie­der der Be­dars­ge­mein­schaft als Auf­wen­dun­gen, die das Job­cen­ter an den hilfs­bedürf­ti­gen Ar­beit­neh­mer er­bracht hat.

Fa­zit: Er­bringt ein Job­cen­ter Hartz-IV-Leis­tun­gen an ei­nen Ar­beit­neh­mer, des­sen Ar­beit­ge­ber im Zah­lungs­ver­zug ist, und bil­det die­ser Ar­beit­neh­mer mit sei­nem Ehe­gat­ten oder mit ei­nem Le­bens­part­ner oder mit un­ver­hei­ra­te­ten Kin­der un­ter 25 Jah­ren ei­ne Be­darfs­ge­mein­schaft, geht der of­fe­ne Lohn­an­spruch un­ter Berück­sich­ti­gung von § 34b SGB II auch in Höhe der­je­ni­gen Leis­tun­gen auf das Job­cen­ter über, die das Job­cen­ter für die an­de­ren Mit­glie­der der Be­darfs­ge­mein­schaft er­bracht hat.

Dies gilt je­den­falls dann, wenn die Be­darfs­ge­mein­schaft - wie hier im Streit­fall - oh­ne den Lohnrück­stand kei­ne Hartz-IV-Leis­tun­gen er­hal­ten hätte.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 11. Dezember 2014

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