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Kei­ne Ver­trags­stra­fe bei Ver­stoß ge­gen Mit­be­stim­mung

Auch Zah­lung des Ar­beit­ge­bers an ge­mein­nüt­zi­ge Drit­te ist un­zu­läs­sig: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 19.01.2010, 1 ABR 62/08
18.06.2010. Der Be­triebs­rat hat u.a. ein Mit­be­stim­mungs­recht in per­so­nel­len An­ge­le­gen­hei­ten. Miss­ach­tet der Ar­beit­ge­ber das Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats, kann der Be­triebs­rat die Mit­be­stim­mung ge­richt­lich er­zwin­gen.

Dies braucht je­doch Zeit. Bei kurz­fris­ti­ge­ren Maß­nah­men des Ar­beit­ge­bers kann die ge­richt­li­che Durch­set­zung der Mit­be­stim­mung des­halb ins Lee­re ge­hen.

In dem hier be­spro­che­nen Fall hat­te der Be­triebs­rat des­we­gen ver­ein­bart, dass der Ar­beit­ge­ber bei ei­nem Ver­stoß ge­gen das Mit­be­stim­mungs­recht ei­ne Ver­trags­stra­fe an das Ro­te Kreuz zah­len soll­te. Dies hielt das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) nicht für zu­läs­sig: BAG, Be­schluss vom 19.01.2010, 1 ABR 62/08.

Mitbestimmung des Betriebsrats in personellen Angelegenheiten

In Un­ter­neh­men mit in der Re­gel mehr als zwan­zig wahl­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mern hat der Ar­beit­ge­ber den Be­triebs­rat vor je­der Ein­stel­lung, Ein­grup­pie­rung, Um­grup­pie­rung und Ver­set­zung zu un­ter­rich­ten, ihm die er­for­der­li­chen Be­wer­bungs­un­ter­la­gen vor­zu­le­gen und Aus­kunft über die Per­son der Be­tei­lig­ten zu ge­ben. In die­sem Zu­sam­men­hang hat er dem Be­triebs­rat un­ter Vor­la­ge der er­for­der­li­chen Un­ter­la­gen Aus­kunft über die Aus­wir­kun­gen der ge­plan­ten Maßnah­me zu ge­ben und die Zu­stim­mung des Be­triebs­rats zu der ge­plan­ten Maßnah­me ein­zu­ho­len (§ 99 Abs.1 S.1 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz - Be­trVG).

Wenn ei­ner der in § 99 Abs.2 Be­trVG ge­re­gel­ten Fälle vor­liegt, kann der Be­triebs­rat sei­ne Zu­stim­mung ver­wei­gern. In die­sem Fall ist er durch § 99 Abs.3 Be­trVG ge­setz­lich ver­pflich­tet, dem Ar­beit­ge­ber sei­ne Ent­schei­dung un­ter An­ga­be von Gründen in­ner­halb ei­ner Wo­che nach der Un­ter­rich­tung schrift­lich mit­zu­tei­len. Der Ar­beit­ge­ber hat dann die Möglich­keit, beim Ar­beits­ge­richt zu be­an­tra­gen, die­se Zu­stim­mung zu er­set­zen (§ 99 Abs.4 Be­trVG).

Das ent­spre­chen­de Ver­fah­ren ist al­ler­dings ver­gleichs­wei­se zeit­aufwändig. Zwi­schen­zeit­lich sind in al­ler Re­gel al­len­falls vorläufi­ge per­so­nel­le Maßnah­men möglich, die nach § 100 Be­trVG al­ler­dings aus sach­li­chen Gründen drin­gend er­for­der­lich sein müssen. Zu­dem hat auch hier der Be­triebs­rat die Möglich­keit, sei­ne Zu­stim­mung zu ver­wei­gern und ei­ne ge­richt­li­che Ent­schei­dung zu er­zwin­gen.

Für Ar­beit­ge­ber kann es da­her verführe­risch sein, das Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­ra­tes zu ver­let­zen. Der Ge­setz­ge­ber hat das al­ler­dings er­kannt und ge­steht dem Be­triebs­rat das Recht zu, beim Ar­beits­ge­richt die Auf­he­bung der oh­ne Zu­stim­mung durch­geführ­ten per­so­nel­len Maßnah­me zu ver­lan­gen.

Hebt der Ar­beit­ge­ber die­se ent­ge­gen ei­ner rechts­kräfti­gen ge­richt­li­chen Ent­schei­dung nicht auf, so ist auf An­trag des Be­triebs­rats vom Ar­beits­ge­richt zu er­ken­nen, dass der Ar­beit­ge­ber zur Auf­he­bung der Maßnah­me durch Zwangs­geld an­zu­hal­ten sei, das für je­den Tag der Zu­wi­der­hand­lung höchs­tens 250 Eu­ro beträgt (§ 101 Be­trVG).

Bei kur­zen per­so­nel­len Maßnah­men läuft die­ses Recht al­ler­dings oft leer, da sie häufig be­reits be­en­det sind, be­vor ei­ne rechts­kräfti­ge ge­richt­li­che Ent­schei­dung vor­liegt.

Für Be­triebsräte ist da­her die Möglich­keit von In­ter­es­se, mit dem Ar­beit­ge­ber ei­ne Ver­trags­stra­fe für Verstöße ge­gen Mit­be­stim­mungs­rech­te zu ver­ein­ba­ren. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat zwar be­reits ent­schie­den, dass ei­ne sol­che Straf­zah­lung nicht wirk­sam zu Guns­ten des Be­triebs­ra­tes ver­ein­bart wer­den kann, da der Be­triebs­rat die hierfür er­for­der­li­che Vermögens- und Rechtsfähig­keit nicht be­sitzt (BAG, Ur­teil vom 29.09.2004, 1 ABR 30/03). Denk­bar sind je­doch auch Zah­lun­gen an Drit­te, bei­spiels­wei­se an ei­ne ge­meinnützi­ge Ein­rich­tung.

Ein ak­tu­el­ler Be­schluss des BAG be­fasst sich mit die­ser in­ter­es­san­ten Ver­trags­va­ri­an­te (Be­schluss vom 19.01.2010, 1 ABR 62/08).

Der Fall des Bundesarbeitsgerichts: Bei Verstoß gegen Mitbestimmungsrecht soll Arbeitgeber Vertragsstrafe an Rotes Kreuz zahlen. Arbeitgeber versetzt Beschäftigte ohne Zustimmung des Betriebsrats

An­fang 2007 ver­wei­ger­te der Be­triebs­rat ei­nes Kran­ken­hau­ses sei­ne Zu­stim­mung zu der Ver­set­zung ei­ner Ärz­tin. Gleich­wohl wies der Ar­beit­ge­ber sei­ner Ar­beit­neh­me­rin ei­nen an­de­ren Ar­beits­be­reich zu und teil­te dem Be­triebs­rat mit, es läge nur ei­ne nach § 95 Abs.3 S.1 Be­trVG mit­be­stim­mungs­freie (Kurz-)Maßnah­me vor.

Als die Ver­set­zung nicht nur vier, son­dern sechs Wo­chen be­trug, ging der Be­triebs­rat von ei­nem Mit­be­stim­mungs­ver­s­toß aus und for­der­te die Zah­lung der ver­ein­bar­ten Ver­trags­stra­fe an das Ro­te Kreuz.

Der Ar­beit­ge­ber wei­ger­te sich, wor­auf­hin der Be­triebs­rat ein Be­schluss­ver­fah­ren ein­lei­te­te. In den ers­ten bei­den In­stan­zen war er da­mit er­folg­reich. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt lies je­doch we­gen der grundsätz­li­chen Be­deu­tung der Sa­che die Rechts­be­schwer­de zum BAG zu.

Bundesarbeitsgericht: Vereinbarung der Vertragsstrafe unzulässig

Das BAG gab dem Ar­beit­ge­ber Recht, da es die Ver­ein­ba­rung der Ver­trags­stra­fe zu Guns­ten ei­nes Drit­ten für un­wirk­sam hielt.

Während das ge­setz­lich vor­ge­se­he­ne Zwangs­geld nämlich mit je­dem Tag des Ver­s­toßes anfällt und des­halb im­mer höher wird und den Ar­beit­ge­ber so da­zu zwingt, das Mit­be­stim­mungs­recht zu be­ach­ten, ist das „Ord­nungs­geld“ an das Ro­te Kreuz nur ein­mal zu zah­len. Da­mit wird be­triebs­ver­fas­sungs­wid­ri­ges Ver­hal­ten für den Ar­beit­ge­ber fi­nan­zi­ell kal­ku­lier­bar, so das BAG, sprich, der Ar­beit­ge­ber kann sich da­zu ent­schei­den, ein Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats be­wusst zu um­ge­hen, weil ihm dies die 1.000 EUR Ver­trags­stra­fe „wert sind“.

Außer­dem könn­te ei­ne Ver­trags­stra­fe den Be­triebs­rat da­zu ver­lei­ten, von der Durch­set­zung des Mit­be­stim­mungs­rechts ab­zu­se­hen und es mit der Ver­trags­stra­fen­zah­lung be­wen­den zu las­sen. Der Ar­beit­ge­ber könne sich so von dem Mit­be­stim­mungs­recht un­zulässig „frei­kau­fen“.

Sch­ließlich meint das BAG, kann durch die Ver­ein­ba­rung ei­ner Ver­trags­stra­fenmöglich­keit der Ein­druck ent­ste­hen, dass der Be­triebs­rat nicht mehr al­lein im In­ter­es­se der Ar­beit­neh­mer ent­schei­det, ob und wie er sein Mit­be­stim­mungs­recht durch­setzt, son­dern die Wahr­neh­mung sei­nes Be­tei­li­gungs­rechts von sach­frem­den Erwägun­gen abhängig macht.

Fa­zit: Ob nun zu Guns­ten des Be­triebs­ra­tes oder zu Guns­ten Drit­ter - Ver­ein­ba­run­gen über Ver­trags­stra­fen für Verstöße ge­gen Mit­be­stim­mungs­rech­te sind un­wirk­sam und da­mit ge­richt­lich nicht durch­setz­bar. Die Ent­schei­dung des BAG schafft in­so­weit für die Pra­xis bis auf Wei­te­res Klar­heit. Es ist je­doch zu hof­fen, dass das The­ma an­ge­sichts ei­nes of­fen­bar be­ste­hen­den prak­ti­schen Bedürf­nis­ses nach zusätz­li­chen, ef­fek­ti­ve­ren Ein­flussmöglich­kei­ten jen­seits des be­ste­hen­den, un­voll­kom­me­nen Sank­ti­ons­sys­tems wei­ter dis­ku­tiert wird.

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Letzte Überarbeitung: 13. Juli 2016

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