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Frei­zeit­aus­gleich für Ber­li­ner Feu­er­wehr­be­am­te we­gen un­zu­rei­chen­der Um­set­zung der Ar­beits­zeit­richt­li­nie

Grund: Die Ar­beits­zei­ten der Ber­li­ner Feu­er­wehr­be­am­ten hät­ten schon vor Jah­ren von 55 auf 48 St­un­den ver­rin­gert wer­den müs­sen: Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin, Ur­tei­le vom 26.03.2009, VG 5 A 62.07, VG 5 A 189.07, VG 5 A 330.07, VG 5 A 6.08, VG 5 A 111.08, VG 5 A 145.08, VG 5 A 157.08 und VG 5 A 279.08

30.03.2009. Die Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments und des Ra­tes vom 04.11.2003 (Richt­li­nie 2003/88/EG) - "Ar­beits­zeit­richt­li­nie" - schreibt vor, dass die EU-Mit­glied­staa­ten da­für sor­gen müs­sen, dass die durch­schnitt­li­che Ar­beits­zeit der Ar­beit­neh­mer pro Sie­ben­ta­ges­zeit­raum 48 St­un­den ein­schließ­lich der Über­stun­den nicht über­schrei­tet.

Die­se Re­ge­lung war schon in der na­mens­glei­chen Vor­gän­ger­richt­li­nie vom 23.11.1993 (Richt­li­nie 93/104/EG des Ra­tes vom 23.11.1993) ent­hal­ten und bis zum 13.12.1996 in na­tio­na­les Recht um­zu­set­zen.

Seit vie­len Jah­ren ist auf­grund ent­spre­chen­der Ent­schei­dun­gen des Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hofs (EuGH) klar, dass auch Zei­ten des Be­reit­schafts­diens­tes als Ar­beits­zeit zu wer­ten sind und dass die Be­schrän­kung der Ar­beits­zeit auf höchs­ten 48 St­un­den pro Wo­che (ein­schließ­lich Be­reit­schafts­dienst­zei­ten) auch zu­guns­ten von Be­am­ten und ins­be­son­de­re auch zu­guns­ten von Feu­er­wehr­be­am­ten in na­tio­na­les Recht um­ge­setzt wer­den muss.

In Ber­lin und in ei­ni­gen an­de­ren Bun­des­län­dern gab es trotz die­ser ein­deu­ti­gen eu­ro­pa­recht­li­chen Vor­ga­ben jahr­lan­ge kei­ne po­li­ti­sche Be­reit­schaft, die Ar­beits­zei­ten der Feu­er­wehr­be­am­ten von et­wa 55 (ein­schließ­lich Be­reit­schafts­dienst­zei­ten) auf 48 St­un­den zu ver­rin­gern (wir be­rich­te­ten dar­über in Ar­beits­recht ak­tu­ell 07/19: Eu­ro­pa­rechts­wid­ri­ge Ar­beits­zei­ten bei der Feu­er­wehr). Das hat­te zur Fol­ge, dass Feu­er­wehr­be­am­te über Jah­re hin­weg in er­heb­li­chem Um­fang über die recht­lich höchst­zu­läs­si­gen Gren­zen hin­aus zur Ar­beits­leis­tung her­an­ge­zo­gen wur­den.

Da das deut­sche Be­am­ten­recht auf Bun­des- wie auf Län­der­ebe­ne ei­nen Aus­gleich für zu­viel ge­leis­te­te Ar­beits­stun­den nur un­ter sehr en­gen Vor­aus­set­zun­gen zu­lässst, ist auch die Recht­spre­chung der deut­schen Ver­wal­tungs­ge­rich­te und Ober­ver­wal­tungs­ge­rich­te im Er­geb­nis be­am­ten­un­freund­lich, d.h. ein Frei­zeit­aus­gleich wird nur sehr be­grenzt und ein fi­nan­zi­el­ler Aus­gleich prak­tisch gar nicht zu­ge­spro­chen (Ein­zel­hei­ten hier­zu fin­den Sie un­ter Ar­beits­recht ak­tu­ell 07/19: Eu­ro­pa­rechts­wid­ri­ge Ar­beits­zei­ten bei der Feu­er­wehr).

Dass über­haupt in Ein­zel­fäl­len des be­harr­li­chen Ver­sto­ßes ge­gen Ar­beits­zeit­gren­zen ein Aus­gleich - al­ler­dings prak­tisch al­lein als Frei­zeit­aus­gleich - von den Ge­rich­ten zu­ge­spro­chen wur­de, be­ruht auf ei­nem Ur­teil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 28.05.2003 (2 C 27/02), das ei­ner Bun­des­be­am­tin (im­mer­hin!) ei­nen be­grenz­ten An­spruch auf Frei­zeit­aus­gleich zu­ge­spro­chen hat, al­ler­dings erst ab dem Zeit­punkt der erst­ma­li­gen Be­an­tra­gung ei­nes sol­chen Aus­gleichs, d.h. für den Fall der wei­te­ren, nach An­trag­stel­lung (!) er­fol­gen­den rechts­wid­ri­gen Her­an­zie­hung zu ar­beits­zeit­recht­lich un­zu­läs­si­gen Diens­ten.

Be­grün­det wur­de die­ser An­spruch auf „Aus­gleich“ mit dem Prin­zip von Treu und Glau­ben, d.h. das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ar­gu­men­tier­te in sei­nem Ur­teil vom 28.05.2003 weit­ge­hend los­ge­löst von den ge­schrie­be­nen Vor­schrif­ten des deut­schen Be­am­ten­rechts. Die bei­den we­sent­li­chen Ein­schrän­kun­gen des Aus­gleichs­an­spruchs, die sich in die­ser Ent­schei­dung fin­den, näm­lich der Aus­schluss ei­nes Geld­an­spruchs und die zeit­li­che Be­schrän­kung jeg­li­chen Aus­gleichs auf die Zeit nach erst­ma­li­ger Be­an­tra­gung ei­nes Aus­gleichs, wur­den bis­lang vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt nicht über­zeu­gend be­grün­det, so dass seit­dem ei­ne Viel­zahl von ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Strei­tig­kei­ten über Art und Um­fang des den Feu­er­wehr­be­am­ten zu ge­wäh­ren­den Aus­gleichs ge­führt wur­den.

Nun­mehr hat die 5. Kam­mer des Ver­wal­tungs­ge­richts Ber­lin die Ber­li­ner Feu­er­wehr in acht von der­zeit über 140 an­hän­gi­gen Kla­ge­ver­fah­ren da­zu ver­pflich­tet, den kla­gen­den Feu­er­wehr­be­am­ten ei­nen Frei­zeit­aus­gleich für zu­viel ge­leis­te­te Ar­beit zu ge­wäh­ren. Et­wa ein Vier­tel der kla­gen­den Be­am­ten wer­den durch un­se­re Kanz­lei ver­tre­ten.

Die Klä­ger, Ein­satz­be­am­te der Ber­li­ner Feu­er­wehr, hat­ten wie ih­re Be­rufs­kol­le­gen in an­de­ren Bun­des­län­dern gel­tend ge­macht, sie sei­en ent­ge­gen der eu­ro­pa­recht­lich vor­ge­ge­be­nen Höchst­ar­beits­gren­ze von 48 St­un­den pro Wo­che jah­re­lang nach den Schicht­plä­nen im Um­fang von 55 Wo­chen­stun­den (ein­schließ­lich Be­reit­schafts­dienst) her­an­ge­zo­gen wor­den. Nach­dem das be­klag­te Land Ber­lin im Fe­bru­ar 2008 durch ei­ne Ar­beits­zeit­ver­ord­nung klar­ge­stellt hat­te, dass in Zu­kunft un­ter Be­rück­sich­ti­gung der Be­reit­schafts­diens­te im Durch­schnitt nur mehr 48 St­un­den in der Wo­che zu ar­bei­ten sei, hat­ten die Klä­ger ver­langt, dass ih­nen für die Ver­gan­gen­heit ein Aus­gleich in Geld oder Frei­zeit zu ge­wäh­ren sei.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt sprach den Feu­er­wehr­leu­ten auf­grund die­ser von al­len Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten als rechts­wid­rig an­ge­se­he­nen Pra­xis - je nach Ein­zel­fall - ei­nen Frei­zeit­aus­gleich im Um­fang von bis zu 275 St­un­den zu. Zur Be­grün­dung stütz­te sich das Ver­wal­tungs­ge­richt im An­schluss an die oben ge­nann­te Ent­schei­dung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts aus dem Jah­re 2003 auf das Prin­zip von Treu und Glau­ben.

Ei­nen Aus­gleich in Geld hat das Ge­richt den Klä­gern hin­ge­gen nicht zu­ge­stan­den. Da­für gibt an­geb­lich es kei­ne An­spruchs­grund­la­ge, so das Ge­richt. Die zu­viel ge­leis­te­te Ar­beit füh­re bei den kla­gen­den Be­am­ten nicht zu ei­nem Ver­mö­gens­scha­den, der ei­nen Er­satz­an­spruch in Geld nach sich zie­hen wür­de. Die Be­zah­lung ei­nes Be­am­ten ste­he näm­lich - an­ders als bei Ar­beit­neh­mern - nicht im Ge­gen­sei­tig­keits­ver­hält­nis zur Zahl der ge­leis­te­ten Ar­beits­stun­den. Viel­mehr er­hal­te der Be­am­te ei­ne sei­nem Amt an­ge­mes­se­ne „Ali­men­ta­ti­on“.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt ließ die Be­ru­fung zum Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg zu.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen zu dem Vor­gang fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 1. Februar 2016

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