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Die Ver­län­ge­rung der Wo­chen­ar­beits­zeit bay­ri­scher Be­am­te auf 42 St­un­den ist ver­fas­sungs­ge­mäß

Län­ge­re Ar­beits­zei­ten ver­sto­ßen nicht ge­gen die her­ge­brach­ten Grund­sät­ze des Be­rufs­be­am­ten­tums bzw. ge­gen Art.33 Abs.5 Grund­ge­setz: Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Be­schluss vom 30.01.2008, 2 BvR 398/07

25.03.2008. Im Jah­re 2004 ent­schied sich Bay­ern da­für, die Wo­chen­ar­beits­zeit sei­ner Lan­des­be­am­ten von bis­her 40 auf 42 St­un­den her­auf­zu­set­zen.

Die­se Re­ge­lung ist in der Ver­ord­nung über die Ar­beits­zeit für den bay­ri­schen öf­fent­li­chen Dienst vom 25.07.1995 in der Fas­sung der Än­de­rungs­ver­ord­nung vom 27.07.2004 ent­hal­ten.

Mit ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) ent­schie­den, dass die­se Ver­län­ge­rung der Ar­beits­zeit ver­fas­sungs­ge­mäß ist: BVerfG, Be­schluss vom 30.01.2008, 2 BvR 398/07.

Sind längere Arbeitszeiten für Beamte und dadurch bedingte faktische Gehaltseinbußen verfassungsgemäß?

Seit ei­ni­gen Jah­ren steht die Verlänge­rung der Ar­beits­zei­ten im öffent­li­chen Dienst auf der po­li­ti­schen Agen­da der In­nen­mi­nis­ter in Bund und Ländern. Während darüber im Be­reich der Ar­bei­ter und An­ge­stell­ten mit den Ge­werk­schaf­ten, vor al­lem mit der ver.di, ver­han­delt wer­den muss, kann der Dienst­herr im Verhält­nis zu sei­nen Be­am­ten Ar­beits­zei­ten auch ein­sei­tig durch Ge­setz oder Rechts­ver­ord­nung verlängern.

Da Be­am­te nicht strei­ken dürfen, be­steht die recht­lich al­lein mögli­che Ge­gen­wehr in ei­ner ge­richt­li­chen Kon­trol­le von ge­setz­lich oder per Rechts­ver­ord­nung verfügten Ar­beits­zeit­verlänge­run­gen.

Recht­li­cher An­satz­punkt für ei­ne Kon­trol­le sind die ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­ten Po­si­tio­nen der Be­am­ten, die ei­ner An­he­bung ih­rer Ar­beits­zeit oh­ne gleich­zei­ti­ge Erhöhung der Be­sol­dung ent­ge­gen­ste­hen könn­ten. In Be­tracht kommt da­bei ei­ne Ver­let­zung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes (Art.3 Abs.1 GG), d.h. man könn­te ar­gu­men­tie­ren, dass die An­he­bung der Ar­beits­zeit der Be­am­ten die­se ge­genüber den An­ge­stell­ten des öffent­li­chen Diens­tes gleich­heits­wid­rig be­nach­tei­ligt.

Außer­dem könn­te ei­ne Ar­beits­zeit­verlänge­rung ge­gen Art.33 Abs.5 GG ver­s­toßen, der be­stimmt, dass das Recht des öffent­li­chen Diens­tes un­ter Berück­sich­ti­gung der her­ge­brach­ten Grundsätze des Be­rufs­be­am­ten­tums zu re­geln ist. Zu die­sen Grundsätzen gehört u.a. das Ali­men­ta­ti­ons­prin­zip, nach dem die Be­am­ten be­sol­det wer­den.

Das Ali­men­ta­ti­ons­prin­zip be­inhal­tet zwar ge­ra­de kein Recht auf „Be­zah­lung“ je­der ein­zel­nen ge­leis­te­ten Ar­beits­stun­de, ga­ran­tiert aber im­mer­hin ei­ne dem Amt an­ge­mes­se­ne Be­sol­dung. Frag­lich ist, ob ei­ne fak­ti­sche Be­sol­dungskürzung als Re­sul­tat ei­ner Ar­beits­zeit­verlänge­rung mit dem Ali­men­ta­ti­ons­prin­zip ver­ein­bar ist.

Sch­ließlich könn­te man aus Sicht der Be­am­ten auch fra­gen, ob nicht jed­we­de kom­pen­sa­ti­ons­lo­se Verlänge­rung der Ar­beits­zeit ge­gen die - eben­falls in Art.33 Abs.5 GG ent­hal­te­ne - Fürsor­ge­pflicht des Dienst­herrn verstößt.

Der Streitfall: Verlängerung der wöchentlichen Arbeitszeit bayerischer Beamter von 40 auf 42 Stunden

Die re­gelmäßige Ar­beits­zeit bay­ri­scher Be­am­ter lag bis En­de Au­gust 2004 bei durch­schnitt­lich 40 St­un­den pro Wo­che. Mit Wir­kung zum 01.09.2004 setz­te die Bay­ri­sche Staats­re­gie­rung die wöchent­li­che Ar­beits­zeit von Be­am­ten und Dienst­anfängern in Bay­ern von 40 auf 42 St­un­den her­auf (Ver­ord­nung über die Ar­beits­zeit für den bay­ri­schen öffent­li­chen Dienst vom 25.07.1995 in der Fas­sung der Ände­rungs­ver­ord­nung vom 27.07.2004). Die­se Ar­beits­zeit­verlänge­rung gilt nur für Be­am­te, die das 50. Le­bens­jahr noch nicht voll­endet ha­ben.

Ein da­von be­trof­fe­ner Lan­des­be­am­ter wand­te sich im März 2005 an sei­nen Dienst­herrn und be­an­trag­te, ihm die in­fol­ge der Verlänge­rung der Ar­beits­zeit ent­stan­de­nen Mehr­ar­beits­stun­den durch Be­frei­ung vom Dienst aus­zu­glei­chen, hilfs­wei­se, die ge­leis­te­te Mehr­ar­beit auf sei­nem Ar­beits­zeit­kon­to gut­zu­schrei­ben.

Der Dienst­herr lehn­te den An­trag ab, der Wi­der­spruch blieb er­folg­los. Die da­ge­gen er­ho­be­ne Kla­ge wies das Ver­wal­tungs­ge­richt Re­gens­burg mit Ur­teil vom 14.12.2005 ab, wo­bei es die Be­ru­fung nicht zu­ließ (RN 1 K 05.1329). Den dar­auf­hin ge­stell­ten An­trag auf Zu­las­sung der Be­ru­fung wies der Bay­ri­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof mit Be­schluss vom 07.02.2007 (3 ZB 06.204) zurück.

Dar­auf­hin leg­te der Be­am­te Ver­fas­sungs­be­schwer­de beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) ein und rügte Verstöße ge­gen sei­ne grund­ge­setz­lich geschütz­ten Rech­te. Er er­fah­re durch die Verlänge­rung der Ar­beits­zeit ins­be­son­de­re ei­ne gleich­heits­wid­ri­ge Be­nach­tei­li­gung ge­genüber sei­nen an­ge­stell­ten Kol­le­gen, für die ei­ne güns­ti­ge­re Ar­beits­zeit gel­te.

BVerfG: Längere Arbeitszeiten verstoßen nicht gegen die hergebrachten Grundsätze des Berufsbeamtentums bzw. gegen Art.33 Abs.5 Grundgesetz

Das BVerfG hat mit Be­schluss vom 30.01.2008 (2 BvR 398/07) die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung an­ge­nom­men, da der Be­schwer­de we­der grundsätz­li­che ver­fas­sungs­recht­li­che Be­deu­tung zu­kom­me noch die An­nah­me zur Durch­set­zung von grund­ge­setz­lich geschütz­ten Po­si­tio­nen nach § 90 Abs.1 Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­ge­setz (BVerfGG) ge­bo­ten sei. Der Be­schwer­deführer wer­de durch die in­stanz­ge­richt­li­chen Ent­schei­dun­gen nicht in ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­ten Po­si­tio­nen be­ein­träch­tigt.

Zur Be­gründung heißt es, die Verlänge­rung der Ar­beits­zeit ver­s­toße nicht ge­gen her­ge­brach­te Grundsätze des Be­rufs­be­am­ten­tums und ins­be­son­de­re nicht ge­gen das Ali­men­ta­ti­ons­prin­zip. Es exis­tie­re kein Grund­satz, dass die wöchent­li­che Ar­beits­zeit ei­nes Be­am­ten nicht länger als 40 St­un­den dau­ern dürfe. Der Dienst­herr könne viel­mehr im Rah­men des ihm zu­ste­hen­den Or­ga­ni­sa­ti­ons­er­mes­sens die Ar­beits­zeit der Be­am­ten re­geln, so­lan­ge er nicht gleich­zei­tig ge­gen sei­ne Fürsor­ge­pflicht ver­s­toße.

Ei­nen Ver­s­toß ge­gen die Fürsor­ge­pflicht konn­te das BVerfG im vor­lie­gen­den Fall nicht er­ken­nen. Der Dienst­herr ha­be dem Fürsor­ge­ge­dan­ken Rech­nung ge­tra­gen, in­dem er für älte­re Be­am­te ei­ne Ar­beits­zeit von nur 40 bzw. von nur 41 St­un­den an­ord­ne (§ 2 Abs.1 Ar­beits­zeit­ver­ord­nung) und auch für ju­gend­li­che und schwer­be­hin­der­te Ar­beits­neh­mer ei­ne kürze­re Ar­beits­zeit vor­se­he (§§ 11, 12 Ar­beits­zeit­ver­ord­nung). Die Ge­fahr ei­ner Ge­sund­heits­gefähr­dung in­fol­ge ei­ner re­gelmäßigen wöchent­li­chen Ar­beits­zeit von 42 St­un­den konn­te das BVerfG eben­falls nicht er­ken­nen.

Die Verlänge­rung der Wo­chen­ar­beits­zeit ei­nes Be­am­ten ist nach An­sicht des BVerfG auch oh­ne An­pas­sung der Be­sol­dung mit dem Ali­men­ta­ti­ons­prin­zip ver­ein­bar. Hin­ter­grund sei, dass die Ali­men­ta­ti­on ge­ra­de kei­ne Ge­gen­leis­tung für ge­leis­te­te Ar­beit sei, son­dern gewährt wer­de, weil sich der Be­am­te mit sei­ner gan­zen Persönlich­keit zur Verfügung stellt und gemäß den je­wei­li­gen An­for­de­run­gen sei­ne Dienst­pflicht nach Kräften erfüllt. Die Erhöhung der wöchent­li­chen Ar­beits­zeit ge­bie­te da­her so­lan­ge kei­ne An­he­bung der Be­sol­dung, wie die gewähr­te Be­sol­dung an­ge­mes­sen sei.

Das BVerfG ver­nein­te auch ei­ne gleich­heits­wid­ri­ge Be­nach­tei­li­gung ge­genüber bay­ri­schen An­ge­stell­ten des öffent­li­chen Diens­tes. Das auf Be­am­te und das auf An­ge­stell­te des öffent­li­chen Diens­tes je­weils an­wend­ba­re Recht un­ter­schei­de sich we­sent­lich von­ein­an­der, u. a. auch hin­sicht­lich der Ar­beits­zeit­re­ge­lun­gen.

Während der Dienst­herr die Ar­beits­zeit der Be­am­ten ein­sei­tig fest­set­ze, wer­de die Ar­beits­zeit der An­ge­stell­ten durch die Ta­rif­par­tei­en fest­ge­legt. Die­se we­sent­li­chen Un­ter­schie­de recht­fer­tig­ten auch ei­ne un­ter­schied­li­che bzw. un­glei­che Be­hand­lung im Rah­men der wöchent­li­chen Ar­beits­zeit.

Verstöße ge­gen Art.2 Abs.1 GG und Art.12 Abs.1 GG la­gen nach Mei­nung des BVerfG eben­falls nicht vor. Ei­ne Ver­let­zung der all­ge­mei­nen Hand­lungs­frei­heit (Art.2 Abs.1 GG) schei­de schon des­halb aus, weil die­ses Grund­recht hin­ter dem spe­zi­el­le­ren des Art.33 GG zurück­tre­te. Ein et­wai­ger Ein­griff in die Be­rufs­frei­heit der Be­am­ten (Art.12 Abs.1 GG) sei je­den­falls ge­recht­fer­tigt, weil die Verlänge­rung der Ar­beits­zeit im Hin­blick auf Art.12 Abs.1 GG ei­ne durch Art.33 Abs.5 GG ab­ge­deck­te und da­mit zulässi­ge Be­rufs­ausübungs­re­ge­lung dar­stel­le.

Ins­ge­samt be­wer­te­te das BVerfG die An­he­bung der Ar­beits­zeit da­her als ver­fas­sungs­gemäß.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Vor­gang fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 18. November 2015

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