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Zur Zu­läs­sig­keit der Mit­glie­der­wer­bung von Ge­werk­schaf­ten in Ein­rich­tun­gen der Kir­che

Be­triebs­frem­de Ge­werk­schafts­be­auf­trag­te ha­ben zwecks Mit­glie­der­wer­bung kei­nen Zu­gang zu kirch­li­chen Be­trie­ben, wenn dort be­reits Mit­glie­der ar­bei­ten: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 08.09.2010, 2 Sa 24/10
15.03.2011. Ge­mäß Art.9 Abs.3 Grund­ge­setz (GG) ist für je­der­mann und für al­le Be­ru­fe das Recht ge­währ­leis­tet, zur Wah­rung und För­de­rung der Ar­beits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen Ver­ei­ni­gun­gen zu bil­den. Da­mit sind ins­be­son­de­re Ar­beit­ge­ber­ver­bän­de und Ge­werk­schaf­ten ge­meint.

Zu­nächst ging das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) nach all­ge­mei­nem Ver­ständ­nis der von ihm ver­öf­fent­lich­ten Ent­schei­dun­gen da­von aus, dass nur der Kern­be­reich der Ko­ali­ti­ons­frei­heit ge­schützt ist. Die ge­werk­schaft­li­che Be­tä­ti­gung war da­nach nur in­so­weit ge­schützt, wie die­se zum Er­halt und zwecks Si­che­rung ih­rer Exis­tenz un­er­läss­lich war. Das BVerfG be­schloss da­her 1981, dass Ge­werk­schaf­ten kein Recht auf Zu­gang zu kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen ha­ben, wenn sie dort be­reits durch Mit­glie­der ver­tre­ten sind (BVerfG, Be­schluss vom 17.02.1981, 2 BvR 384/78).

Ge­mäß § 31 Abs.1 Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­ge­setz (BVerfGG) bin­den Ent­schei­dun­gen des BVerfG un­ter an­de­rem auch al­le Ge­rich­te hin­sicht­lich des Te­nors und der tra­gen­den Grün­de. Die Rechts­la­ge zum ge­werk­schaft­li­chen Zu­gangs­recht zu kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen schien da­her für den in dem Be­schluss ent­schie­de­nen Fall ge­klärt.

Doch 1995 ent­schied das BVerfG, dass Art.9 Abs.3 GG nicht nur den Kern­be­reich der Ko­al­ti­ons­frei­heit schützt, son­dern sämt­li­che "ko­ali­ti­ons­spe­zi­fi­sche Ver­hal­tens­wei­sen" er­fasst sind (BVerfG, Be­schluss vom 14.11.1995, 1 BvR 601/92). Nach ei­ge­ner Dar­stel­lung wur­de da­mit nur ei­ne "miss­ver­ständ­li­che" Recht­spre­chung ge­klärt. An­de­re se­hen in die­ser Ent­schei­dung ei­ne Auf­ga­be der Kern­be­reichs­leh­re oder je­den­falls ei­ne Än­de­rung der Recht­spre­chung.

In je­dem Fall war da­nach of­fen, ob ei­ner der tra­gen­den Grün­de der Ent­schei­dung aus dem Jahr 1981 nun weg­ge­bro­chen war und da­mit die Fra­ge nach dem Zu­gangs­recht von Ge­werk­schaf­ten zu kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen mit Mit­glie­der­be­stand sinn­voll neu ge­stellt wer­den durf­te.

Ei­ne im kirch­li­chen Be­reich tä­ti­ge Ge­werk­schaft mein­te Ja und for­der­te von ei­nem Kli­ni­kum der Dia­ko­nie Zu­gang zum Be­triebs­ge­län­de zwecks Mit­glie­der­wer­bung. Es soll­ten an ei­nem schwar­zen Brett Aus­hän­ge plat­ziert wer­den. Das Kli­ni­kum ver­wei­ger­te sich dem Be­geh­ren mit Hin­weis auf be­reits im Be­trieb tä­ti­ge Ge­werk­schafts­mit­glie­der und die Ent­schei­dung des BVerfG aus dem Jahr 1981. Es kam zum Pro­zess, in dem zu­nächst das Ar­beits­ge­richt Heil­bronn ent­schied - und zwar zu Las­ten der Ge­werk­schaft, denn das Ge­richt sah sich wei­ter an den Be­schluss des BVerfG ge­bun­den und hielt ih­ren Wunsch auch in der Sa­che für un­be­grün­det (Ur­teil vom 04.03.2010, 7 Ca 693/09).

Über die von der Ge­werk­schaft ein­ge­leg­te Be­ru­fung ent­schied das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ba­den-Würt­tem­berg (Ur­teil vom 08.09.2010, 2 Sa 24/10). Es ur­teil­te eben­falls ge­gen die Ge­werk­schaft. Das BVerfG hat­te in sei­ner Ent­schei­dung aus dem Jahr 1995 aus­drück­lich an sei­ner frü­he­ren Recht­spre­chung fest­ge­hal­ten. Da­mit sei auch der Be­schluss aus dem Jahr 1981 ge­meint, so das LAG. Das BVerfG hat­te 1995 kei­ne Aus­sa­ge dar­über ge­trof­fen, ob Art. 9 Abs.3 GG es zwin­gend ge­bie­tet, auch oh­ne ei­ne ge­setz­li­che Grund­la­ge ein Zu­tritts­recht be­triebs­frem­der Ge­werk­schafts­an­ge­hö­ri­ger zu kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen an­zu­neh­men.

Das Ge­richt gab der Ge­werk­schaft je­doch ei­ni­ge Hoff­nungs­schim­mer. Es lies die Re­vi­si­on ge­gen sei­ne Ent­schei­dung zu und wies dar­auf hin, dass das BAG die Fra­ge nach der Bin­dungs­wir­kung aus­drück­lich of­fen ge­las­sen ha­be (BAG, Ur­teil vom 28.02.2006, 1 AZR 460/04). Au­ßer­dem mein­te das LAG, das be­gehr­te Zu­gangs­recht sei wohl an sich ge­ge­ben.

Die Re­vi­si­on wur­de von der Ge­werk­schaft ein­ge­legt und ist nun beim BAG un­ter dem Ak­ten­zei­chen 1 AZR 552/10 an­hän­gig.

Fa­zit: Die Mit­glie­der­wer­bung ist schon seit län­ge­rem als grund­recht­lich ge­schütz­te Tä­tig­keit ei­ner Ge­werk­schaft an­er­kannt. Ein of­fi­zi­el­les En­de der Bin­dungs­wir­kung des Be­schlus­ses aus dem Jahr 1981 wä­re da­her sinn­voll. Da­durch wür­de der Blick frei wer­den für die ei­gent­lich in­ter­es­san­te Fra­ge, ob be­triebs­frem­de Ge­werk­schafts­be­auf­trag­te nun zum Zwe­cke der Mit­glie­der­wer­bung Zu­gang zu ei­nem kirch­li­chen Be­trieb ha­ben dür­fen, selbst wenn dort be­reits Mit­glie­der tä­tig sind.

Hier­für spricht, dass das eben­falls grund­ge­setz­lich ge­schütz­te kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht durch ei­nen Aus­hang am schwar­zen Brett prak­tisch nicht be­rührt wird, wäh­rend Mit­glie­der die Durch­set­zungs­kraft von Ge­werk­schaf­ten för­dern und da­her mit­tel­bar de­ren Zie­le för­dern. Um Mit­glie­der wer­ben zu dür­fen, ist da­her von ei­ni­ger Be­deu­tung. Das ist für den welt­li­chen Be­reich je­den­falls in Grund­zü­gen be­reits an­er­kannt (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/244 Zu­tritt zum Be­trieb für ge­werk­schaft­li­che Mit­glie­der­wer­bung) und soll­te auch für den kirch­li­chen Be­reich gel­ten.

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Letzte Überarbeitung: 9. Juni 2014

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