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Kein Wi­der­spruchs­recht bei Er­lö­schen des bis­he­ri­gen Ar­beit­ge­bers

Er­lischt der al­te Ar­beit­ge­ber mit dem Be­triebs­über­gang auf ei­nen neu­en In­ha­ber, hat ein Wi­der­spruch ge­gen die Über­lei­tung des Ar­beits­ver­hält­nis­ses kei­ne Wir­kung: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 21.02.2008, 8 AZR 157/07

31.03.2008. Manch­mal ist die Über­lei­tung von Ar­beits­ver­hält­nis­sen auf ei­nen neu­en Be­triebs­in­ha­ber mit dem recht­li­chen Er­lö­schen des al­ten Be­triebs­in­ha­bers ver­bun­den, so z.B. dann, wenn ei­ner von zwei Ge­sell­schaf­tern ei­ner Per­so­nen­ge­sell­schaft aus der Ge­sell­schaft aus­schei­det.

Dann be­steht kein Recht der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer, der Über­lei­tung ih­rer Ar­beits­ver­hält­nis­se auf den neu­en Be­triebs­in­ha­ber ge­mäß § 613a Abs.6 Bür­ger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) zu wi­der­spre­chen.

Ein gleich­wohl er­klär­ter Wi­der­spruch hat kei­ne Rechts­wir­kun­gen, d.h. er geht ins Lee­re und lässt sich auch nicht in ei­ne au­ßer­or­dent­li­che Kün­di­gung um­deu­ten: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 21.02.2008, 8 AZR 157/07

Kann der Arbeitnehmer beim Betriebsübergang auch dann widersprechen, wenn es den alten Arbeitgeber nicht mehr gibt?

Wird ein Be­trieb veräußert, hätte der bis­he­ri­ge Ar­beit­neh­mer an sich die Möglich­keit, die dort beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer aus be­triebs­be­ding­ten Gründen zu kündi­gen, da er kei­ne Möglich­keit der wei­te­ren sinn­vol­len Beschäfti­gung mehr hat. Um dies zu ver­hin­dern, be­stimmt § 613a Abs.1 BGB, dass der Be­triebs­er­wer­ber bei ei­nem Be­triebs- oder Be­triebs­teilüber­gang in die Rech­te und Pflich­ten aus den im Zeit­punkt des Über­gangs be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis­sen ein­tritt.

Die Ar­beits­verhält­nis­se der im über­ge­hen­den Be­trieb oder Be­triebs­teil täti­gen Ar­beit­neh­mer wer­den so­mit zum Zwe­cke des Ar­beits­plat­z­er­hal­tes au­to­ma­tisch bzw. kraft Ge­set­zes auf ei­nen neu­en Ar­beit­ge­ber über­ge­lei­tet. Da an­de­rer­seits kei­nem Ar­beit­neh­mer ge­gen sei­nen Wil­len ein Ar­beit­ge­ber auf­ge­zwun­gen wer­den soll, den er sich nicht aus­ge­sucht hat, kann er dem ge­setz­li­chen Über­gang sei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses in­ner­halb ei­nes Mo­nats nach schrift­li­cher Un­ter­rich­tung über den Be­triebsüber­gang wi­der­spre­chen (§ 613a Abs.6 BGB).

Der Wi­der­spruch hat zur Fol­ge, dass das Ar­beits­verhält­nis mit dem bis­he­ri­gen Be­triebs­in­ha­ber fort­be­steht, der dann al­ler­dings zu­meist ei­ne be­triebs­be­ding­te Kündi­gung aus­spre­chen wird.

Frag­lich und um­strit­ten ist, ob ein Recht zum Wi­der­spruch auch dann be­steht, wenn die Über­lei­tung auf ei­nen neu­en Be­triebs­in­ha­ber mit dem recht­li­chen Erlöschen des al­ten Be­triebs­in­ha­bers ver­bun­den ist. Da­zu kommt es un­ter an­de­rem dann, wenn ei­ner von zwei Ge­sell­schaf­tern ei­ner Per­so­nen­ge­sell­schaft aus der Ge­sell­schaft aus­schei­det, so dass die­se aufhört zu exis­tie­ren und ihr Ge­sell­schafts­vermögen dem ver­blei­ben­den „Ge­sell­schaf­ter“ zu- bzw. „anwächst“.

Hier wird von ei­ni­gen ju­ris­ti­schen Au­to­ren ein Wi­der­spruchs­recht an­ge­nom­men, das al­ler­dings ei­ne ähn­li­che Wir­kung wie ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung hat, da es den bis­he­ri­gen bzw. „al­ten“ Ar­beit­ge­ber ja nicht mehr gibt. An­de­re Au­to­ren sind der Mei­nung, dass ein Wi­der­spruchs­recht in sol­chen Fällen nicht be­steht.

Zu die­ser Streit­fra­ge hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) im Fe­bru­ar 2008 Stel­lung ge­nom­men (Ur­teil vom 21.02.2008, 8 AZR 157/07).

Der Fall des BAG: Vom Betriebsübergang betroffener Arbeitnehmer widerspricht, obwohl der alte Arbeitgeber erloschen ist, und bereut es später

Ar­beit­ge­ber des kla­gen­den Ar­beit­neh­mers war zunächst ei­ne aus zwei Per­so­nen ge­bil­de­te Per­so­nen­ge­sell­schaft, nämlich ei­ne Kom­man­dit­ge­sell­schaft in Form ei­ner GmbH & Co. KG: die „K. KG“. Persönlich haf­ten­de Ge­sell­schaf­te­rin bzw. Kom­ple­mentärin der K. KG war die „K. K. Ver­wal­tungs GmbH“, be­schränkt haf­ten­de wei­te­re Ge­sell­schaf­te­rin bzw. Kom­man­di­tis­tin war ei­ne „M. G. Hol­ding GmbH“.

Mit Aus­tritts­ver­ein­ba­rung vom Sep­tem­ber 2005 ver­ein­bar­ten die­se bei­den Ge­sell­schaf­ter der K. KG den Aus­tritt der K. K. Ver­wal­tungs GmbH K. KG. Zum Zeit­punkt des Aus­tritts - am 20.09.2005 - hörte da­mit die bis­he­ri­ge Per­so­nen­ge­sell­schaft, die K. KG, auf zu exis­tie­ren. Al­le Ak­ti­va und Pas­si­va der bis­he­ri­gen K. KG gin­gen kraft Ge­set­zes auf die al­lein ver­blei­ben­de M. G. Hol­ding GmbH über. Die­se be­nann­te sich später in „K. GmbH“ um.

Die K. KG in­for­mier­te ih­re Ar­beit­neh­mer im Sep­tem­ber 2005 schrift­lich über die­se Vorgänge und über die dar­aus kraft Ge­set­zes fol­gen­de Über­lei­tung des Ar­beits­verhält­nis­ses auf die K. GmbH. Bei die­ser Ge­le­gen­heit wies sie auf ein an­geb­li­ches Recht zum Wi­der­spruch ge­gen die Über­lei­tung der Ar­beits­verhält­nis­se hin, wo­bei sie riet, von die­sem Recht „nur nach sorgfälti­ger Abwägung Ge­brauch zu ma­chen.“

Mit Erklärung des Wi­der­spruchs nämlich erlösche das Ar­beits­verhält­nis des Wi­der­spre­chen­den, da die al­te Ar­beit­ge­be­rin, die K. KG, durch den Aus­tritt der bis­he­ri­gen Kom­ple­mentärin zum 20.09.2005 zu exis­tie­ren auf­gehört ha­be. Das Wi­der­spruchs­recht kom­me da­her ei­ner Kündi­gung zum 20.09.2005 gleich. Der Kläger wi­der­sprach dar­auf­hin zunächst in­ner­halb der Mo­nats­frist dem Ar­beit­ge­ber­wech­sel, was ihm auch durch Schrei­ben vom 26.10.2005 durch die K-GmbH bestätigt wur­de.

Später ber­reu­te er die­se Ent­schei­dung und griff das Bestäti­gungs­schrei­ben vom 26.10.2005 mit ei­ner ge­gen die K. GmbH ge­rich­te­ten Kündi­gungs­schutz­kla­ge an. Da­bei be­gehr­te er auch die Fest­stel­lung des Fort­be­ste­hens ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses mit der K-GmbH. Hilfs­wei­se be­gehr­te er die Ver­ur­tei­lung der K-GmbH zur Zah­lung ei­nes Nach­teils­aus­gleichs gemäß § 113 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG), höchst hilfs­wei­se die Ver­ur­tei­lung zur Zah­lung ei­ner So­zi­al­plan­ab­fin­dung.

Das Ar­beits­ge­richt Frei­burg wies die Kla­ge ab. Auch die Be­ru­fung des Klägers vor dem LAG Ba­den-Würt­tem­berg hat­te kei­nen Er­folg (LAG Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 31.01.2007, 22 Sa 5/06). Dar­auf­hin leg­te der Kläger Re­vi­si­on zum BAG ein.

BAG: Erlischt der alte Arbeitgeber mit dem Betriebsübergang auf einen neuen Inhaber, hat ein Widerspruch gegen die Überleitung des Arbeitsverhältnisses keine Wirkung

Auf die Re­vi­si­on des Klägers hob das BAG die Vor­ent­schei­dun­gen auf und gab der Kla­ge statt, d.h. es stell­te fest, dass zwi­schen dem Kläger und der ver­blie­be­nen K. GmbH ein Ar­beits­verhält­nis be­steht. Zur Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mit­tei­lung des BAG:

Er­lischt der bis­he­ri­ge Be­triebs­in­ha­ber und tritt der neue Ar­beit­ge­ber durch ge­sell­schafts­recht­li­che Ge­samt­rechts­nach­fol­ge in die Ar­beits­verhält­nis­se ein, so be­steht kein Wi­der­spruchs­recht der Ar­beit­neh­mer nach § 613a Abs.6 BGB, da das Ar­beits­verhält­nis mit dem bis­he­ri­gen er­lo­sche­nen Ar­beit­ge­ber nicht fort­ge­setzt wer­den kann.

Der Kläger konn­te da­her im vor­lie­gen­den Fall dem Wech­sel sei­nes Ar­beit­ge­bers nicht un­ter Be­ru­fung auf § 613a Abs.6 BGB wi­der­spre­chen, da der bis­he­ri­ge Ar­beit­ge­ber durch die ge­sell­schafts­recht­li­che Ge­stal­tung er­lo­schen war. Der von ihm den­noch erklärte „Wi­der­spruch“ war, dar­in folgt das BAG der Aus­le­gung die­ser Erklärung durch das LAG Ba­den-Würt­tem­berg, auch nicht als Erklärung ei­ner Kündi­gung aus­zu­le­gen.

Mit die­ser Ent­schei­dung setzt das BAG sei­ne bis­he­ri­ge Recht­spre­chung fort. So hat­te der ach­te Se­nat zu­letzt mit Ur­teil vom 02.03.2006 (8 AZR 124/05) ent­schie­den, dass ein Wi­der­spruchs­recht gemäß § 613a Abs.6 BGB nicht be­steht, wenn die Über­lei­tung der Ar­beits­verhält­nis­se auf ei­nen neu­en Ar­beit­ge­ber ge­setz­lich an­ge­ord­net ist. Die­ser Ent­schei­dung lag die durch Ber­li­ner Lan­des­ge­setz an­ge­ord­ne­te Über­lei­tung der An­ge­stell­ten der drei Opernhäuser Ber­lins vom Land Ber­lin auf die „Stif­tung Oper in Ber­lin“ zu­grun­de.

Für die­se Sicht­wei­se spricht, dass der we­sent­li­che Zweck des Wi­der­spruchs­rechts der durch ihn aus­gelöste Rück­fall in das al­te Ar­beits­verhält­nis beim bis­he­ri­gen Ar­beit­ge­ber ist. Die­ser Ge­set­zes­zweck lässt sich aber nicht er­rei­chen, wenn der bis­he­ri­ge Ar­beit­ge­ber durch ge­sell­schafts­recht­li­che Verände­run­gen aufhört zu exis­tie­ren.

Zwar kann man den Wi­der­spruch auch in sol­chen Fällen noch als (teil­wei­se) sinn­voll an­se­hen, da er ver­hin­dert, dass der Ar­beit­neh­mer bei ei­nem Ar­beit­ge­ber „lan­det“, den er sich nicht aus­ge­sucht hat, doch wird die­ser Zweck, d.h. die Si­che­rung der Ver­trags­part­ner­wahl­frei­heit des Ar­beit­neh­mers, auch durch das ihm je­der­zeit of­fen­ste­hen­de Recht zur Kündi­gung aus­rei­chend ge­wahrt.

Und schließlich: Wie der vor­lie­gen­de Fall zeigt, kann das „Recht“ des Ar­beit­neh­mers zum Wi­der­spruch unüber­legt aus­geübt wer­den und hat dann mögli­cher­wei­se böse Fol­gen. Auch dies spricht für die Ent­schei­dung des BAG.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Vor­gang fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 14. September 2016

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