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Be­triebs­über­gang im öf­fent­li­chen Dienst

BAG hält ge­setz­li­che Über­lei­tung ei­nes Ar­beits­ver­hält­nis­ses von der Ar­beits­agen­tur auf ei­ne Kom­mu­ne oh­ne Wi­der­spruchs­recht des Ar­beit­neh­mers für ver­fas­sungs­wid­rig: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 26.09.2013, 8 AZR 775/12 (A)

04.10.2013. Geht ein Be­trieb durch Ver­trag auf ei­nen neu­en In­ha­ber über, wer­den die Ar­beits­ver­hält­nis­se au­to­ma­tisch auf den Er­wer­ber über­ge­lei­tet, d.h. die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer er­hal­ten kraft Ge­set­zes ei­nen neu­en Ar­beit­ge­ber.

Das er­gibt sich aus § 613a Abs. 1 Satz 1 Bür­ger­li­ches Ge­setz­buch (BGB). Die­se Vor­schrift gilt aber nicht bei ge­setz­li­chen Über­lei­tun­gen von Ar­beits­ver­hält­nis­sen im öf­fent­li­chen Dienst.

Da­her ha­ben die von ei­ner ge­setz­li­chen Über­lei­tung be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer des öf­fent­li­chen Diens­tes kein Wi­der­spruchs­recht ge­mäß § 613a Abs. 6 BGB. Die Mög­lich­keit, durch ei­nen Wi­der­spruch beim bis­he­ri­gen Ar­beit­ge­ber zu blei­ben, ha­ben sie nur, wenn das Über­lei­tungs­ge­setz ein Wi­der­spruchs­recht aus­drück­lich vor­sieht.

Ein Über­lei­tungs­ge­setz oh­ne Wi­der­spruchs­recht greift aber mas­siv in die Be­rufs­frei­heit (Art. 12 Abs.1 Grund­ge­setz - GG) der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer ein, denn die Be­rufs­frei­heit schützt auch die freie Wahl des Ar­beit­ge­bers.

In ei­ner letz­te Wo­che er­gan­ge­nen Ent­schei­dung hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) da­her ei­ne sol­che Ge­set­zes­vor­schrift als ver­fas­sungs­wid­rig be­wer­tet und das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) an­ge­ru­fen: BAG, Be­schluss vom 26.09.2013, 8 AZR 775/12 (A).

Gesetzliche Überleitung von Arbeitsverhältnissen im öffentlichen Dienst - ohne Widerspruchsrecht?

Wer in der Pri­vat­wirt­schaft ar­bei­tet, kann bei ei­nem Be­triebsüber­gang der ge­setz­li­chen Über­lei­tung sei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses auf den Be­triebs­er­wer­ber wi­der­spre­chen und bleibt dann beim bis­he­ri­gen Ar­beit­ge­ber. Der kann ihn zwar in meis­ten Fällen dar­auf­hin be­triebs­be­dingt kündi­gen, weil der Ar­beits­be­darf in­fol­ge des Be­triebsüber­gangs weg­ge­fal­len ist, doch muss das bei größeren Ar­beit­ge­bern nicht im­mer der Fall sein.

Durch das Wi­der­spruchs­recht (§ 613a Abs.6 BGB) wird die die freie Wahl des Ar­beit­ge­bers geschützt. Im­mer­hin hat man sich sei­nen Ar­beit­ge­ber ja durch den Ab­schluss des Ar­beits­ver­trags be­wusst aus­ge­sucht. Die freie Wahl des Ar­beit­ge­bers wie­der­um ist durch die Be­rufs­frei­heit (Art.12 Abs.1 GG) geschützt.

Da­her hat das BVerfG An­fang 2011 die ge­setz­li­che Pri­va­ti­sie­rung der ursprüng­lich zum Land Hes­sen gehören­den Uni­ver­sitätskli­ni­ken Gießen und Mar­burg als ver­fas­sungs­wid­rig erklärt, da das Über­lei­tungs­ge­setz kein Wi­der­spruchs­recht für die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer ent­hielt und da­her mit de­ren Be­rufs­frei­heit un­ver­ein­bar war (BVerfG, Be­schluss vom 25.01.2011, 1 BvR 1741/09 - wir be­rich­te­ten darüber in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/108 Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt: Wi­der­spruchs­recht auch bei Pri­va­ti­sie­rung auf­grund Ge­set­zes).

In dem vom BVerfG ent­schie­de­nen Fall kam für die kla­gen­de Kran­ken­schwes­ter er­schwe­rend hin­zu, dass sie durch das Über­lei­tungs­ge­setz nicht nur ih­ren bis­he­ri­gen Ar­beit­ge­ber ver­lie­ren soll­te, son­dern auf ei­nen pri­va­ten Ar­beit­ge­ber, ei­ne GmbH, über­ge­lei­tet wer­den soll­te.

Bis­lang noch nicht höchst­rich­ter­lich ent­schie­den ist die Fra­ge, ob der oh­ne Wi­der­spruchs­recht ge­setz­lich an­ge­ord­ne­te Wech­sel des Ar­beit­ge­bers im Be­reich des öffent­li­chen Diens­tes auch dann ge­gen die Be­rufs­frei­heit bzw. ge­gen Art.12 Abs.1 GG verstößt, wenn die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer im öffent­li­chen Dienst ver­blei­ben sol­len, d.h. wenn der neue Ar­beit­ge­ber eben­falls zum öffent­li­chen Dienst gehört.

Der Streitfall: Gesetzliche Überleitung von Arbeitnehmern der Bundesagentur für Arbeit auf eine Gemeinde, die als Optionskommune Jobcenter betreibt

Ei­ne An­ge­stell­te der Bun­des­agen­tur für Ar­beit war seit No­vem­ber 2008 als Team­lei­te­rin im Be­reich SGB II in ei­ner Ar­beits­agen­tur tätig. Dort lei­te­te sie ein ge­mein­sa­mes Ar­beit­ge­ber­ser­vice­team. Die­ses ver­mit­tel­te Ar­beits­lo­se, die "Hartz IV" er­hiel­ten, und auch Be­zie­her von Ar­beits­lo­sen­geld I an in­ter­es­sier­te Ar­beit­ge­ber.

Ab An­fang Ja­nu­ar 2011 über­nahm der Land­kreis als kom­mu­na­ler Träger auf­grund ei­ner ent­spre­chen­den Op­ti­on nach dem SGB II die Or­ga­ni­sa­ti­on des Job­cen­ters. Da­her teil­ten der Land­kreis und die Bun­des­agen­tur für Ar­beit der An­ge­stell­ten mit, dass ihr Ar­beits­verhält­nis zum 01.01.2011 von der Bun­des­agen­tur auf den Land­kreis über­ge­hen wer­de. Denn das steht so im Ge­setz, nämlich in § 6c Abs.1 Satz 1 Zwei­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB II). Die­se Vor­schrift lau­tet:

"Die Be­am­tin­nen und Be­am­ten, Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer der Bun­des­agen­tur, die am Tag vor der Zu­las­sung ei­nes wei­te­ren kom­mu­na­len Trägers nach § 6a Ab­satz 2 und min­des­tens seit 24 Mo­na­ten Auf­ga­ben der Bun­des­agen­tur als Träger nach § 6 Ab­satz 1 Satz 1 Num­mer 1 in dem Ge­biet des kom­mu­na­len Trägers wahr­ge­nom­men ha­ben, tre­ten zum Zeit­punkt der Neu­zu­las­sung kraft Ge­set­zes in den Dienst des kom­mu­na­len Trägers über."

Da die­se Ge­set­zes­vor­schrift ein Recht zum Wi­der­spruch nicht enthält, zog die Ar­beit­neh­me­rin vor Ge­richt und be­an­trag­te die Fest­stel­lung, dass sie nach wie vor Ar­beit­neh­me­rin der Bun­des­agen­tur für Ar­beit ist. Mit die­ser Kla­ge hat­te sie vor dem Ar­beits­ge­richt Hal­le (Ur­teil vom 24.08.2011, 9 Ca 3949/10) und auch in der Be­ru­fung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Sach­sen Er­folg (LAG Sach­sen-An­halt, Ur­teil vom 04.06.2012, 6 Sa 388/11).

Bei­de Ge­rich­te mein­ten, dass man § 6c Abs.1 Satz 1 SGB II zur Ver­mei­dung ei­nes Ver­fas­sungs­ver­s­toßes so aus­le­gen könn­te, dass nur die­je­ni­gen Ar­beit­neh­mer dar­un­ter fal­len, die vor Gründung des kom­mu­na­len Trägers aus­sch­ließlich Auf­ga­ben der Grund­si­che­rung (SGB II) wahr­ge­nom­men ha­ben. Da die Kläge­rin aber vor 2011 auch für die Be­treu­ung von Ar­beits­lo­sen­geld­be­zie­hern zuständig war, war ihr Ar­beits­verhält­nis bei der Bun­des­agen­tur für Ar­beit ge­blie­ben.

BAG: § 6c Abs. 1 Satz 1 SGB II ist wegen unzulässigen Eingriffs in die Berufsfreiheit des Arbeitnehmers verfassungswidrig

Das BAG war an­ders als das Ar­beits- und das Lan­des­ar­beits­ge­richt nicht der Mei­nung, dass man § 6c Abs.1 Satz 1 SGB II durch ei­ne ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung re­pa­rie­ren könn­te. Es be­wer­te­te die Vor­schrift rund­her­aus als ver­fas­sungs­wid­rig.

Da über die Ver­fas­sungs­kon­for­mität von Ge­set­zen, die nach In­kraft­tre­ten des GG er­las­sen wur­den, nur das BVerfG ent­schei­den darf, setz­te das BAG das Ver­fah­ren aus und leg­te dem BVerfG gemäß Art.100 Abs.1 Satz 1 GG die Fra­ge zur Ent­schei­dung vor, ob § 6c Abs.1 Satz 1 SGB II ver­fas­sungs­wid­rig ist oder nicht.

Zur Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG, dass die Er­fur­ter Rich­ter die o.g. Re­ge­lung we­gen Ver­s­toßes ge­gen Art.12 Abs.1 GG für un­wirk­sam hal­ten. Dies wie­der­um wird vor al­lem da­mit be­gründet, dass dem Ar­beit­neh­mer kein Recht zum Wi­der­spruch ge­gen den Über­gang sei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses ein­geräumt wird.

Fa­zit: Das BVerfG hat­te die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des hes­si­schen Pri­va­ti­sie­rungs­ge­set­zes mit sei­nem Be­schluss vom 25.01.2011 (1 BvR 1741/09) un­ter an­de­rem da­mit be­gründet, dass dem Ar­beit­neh­mer durch ei­nen ge­setz­li­chen Über­gang auf ei­nen pri­va­ten Ar­beit­ge­ber oh­ne Wi­der­spruchsmöglich­keit die ursprüng­lich ge­trof­fe­ne Be­rufs­wahl zu­guns­ten des öffent­li­chen Diens­tes ge­nom­men würde.

Die Über­lei­tung gemäß § 6c Abs.1 Satz 1 SGB II fin­det dem­ge­genüber im öffent­li­chen Dienst statt, so dass die Be­ein­träch­ti­gung der Be­rufs­frei­heit nicht ganz so gra­vie­rend ist. Trotz­dem sind auch hier die be­ruf­li­chen Verände­run­gen für die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer er­heb­lich: Ei­ne Ar­beits­ver­mitt­le­rin hat in ei­ner großen, bun­des­weit täti­gen Behörde viel brei­te­re be­ruf­li­che Per­spek­ti­ven als dies bei ei­ner Ge­mein­de der Fall ist, die nur ne­ben­her Auf­ga­ben der Ar­beits­ver­wal­tung wahr­nimmt.

Wie auch im­mer das BVerfG ent­schei­det: Bund und Länder sind gut be­ra­ten, bei der ge­setz­li­chen Per­so­nalüber­lei­tung künf­tig im­mer ein Wi­der­spruchs­recht zu­guns­ten der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer vor­zu­se­hen.

Und Ar­beit­neh­mer, die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren oh­ne Wi­der­spruchsmöglich­keit kraft Ge­set­zes von ei­nem öffent­li­chen zu ei­nem pri­va­ten Ar­beit­ge­ber "ver­scho­ben" wur­den, soll­ten ei­ne Kla­ge ge­gen ih­ren Ex-Ar­beit­ge­ber in Erwägung zie­hen. Denn mögli­cher­wei­se hat der ver­meint­li­che Ex-Ar­beit­ge­ber sei­ne Ar­beit­ge­ber­stel­lung recht­lich nie ver­lo­ren.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das BAG sei­ne Ent­schei­dungs­gründe veröffent­licht. Den vollständig be­gründe­ten Be­schluss des BAG fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 18. Januar 2015

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