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Drit­te dür­fen Streik nicht un­ter­bin­den

Ge­richt ent­schei­det bei Ki­ta-Streik ge­gen El­tern: Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm, Be­schluss vom 29.10.2009, 8 Sa­Ga 22/09
27.04.2010. Strei­ken Be­schäf­tig­te, spü­ren dies nicht nur die Ar­beit­ge­ber. Oft sind auch Drit­te von den Streik­maß­nah­men be­trof­fen.

So auch im Fall ei­nes El­tern­paa­res aus Bie­le­feld, das wäh­rend des Ki­ta-Streiks sei­ne Kin­der nicht in der Ki­ta be­treu­en las­sen konn­te. Die El­tern woll­ten dies nicht hin­neh­men und ver­such­ten in ei­nem ge­richt­li­chen Eil­ver­fah­ren, den Streik vom Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm un­ter­bin­den zu las­sen: LAG Hamm, Be­schluss vom 29.10.2009, 8 Sa­Ga 22/09.

Streik und Streikrecht

Wenn die Ge­werk­schaft der Auf­fas­sung ist, dass Ta­rif­ver­hand­lun­gen, in de­nen sie sich be­fin­det, am Schei­tern sind, darf sie zum Streik auf­ru­fen. Die Recht­spre­chung hat da­bei im Lau­fe der Zeit fest­ge­legt, un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen ein Streik durch­geführt wer­den darf. Wenn die Beschäftig­ten strei­ken, ver­let­zen sie „ei­gent­lich“ die ar­beits­ver­trag­li­che Pflicht zur Ar­beit und be­ge­hen „ei­gent­lich“ ei­nen Rechts­ver­s­toß. Auf­grund der in Art. 9 Abs. 3 Grund­ge­setz (GG) ge­re­gel­ten Ko­ali­ti­ons­frei­heit sind Streiks je­doch trotz des „ei­gent­li­chen“ Rechts­ver­s­toßes zulässig.

Ein Streik ist nach der Recht­spre­chung zulässig, wenn er von der Ge­werk­schaft ge­tra­gen wird, ein ta­rif­lich zulässi­ges und re­gel­ba­res Ziel hat, die bei noch lau­fen­den Ta­rif­verträgen ggfs. be­ste­hen­de Frie­dens­pflicht be­ach­tet und erst nach ver­such­ten Ta­rif­ver­hand­lun­gen durch­geführt wird. Der Streik sel­ber darf zu­dem nicht un­verhält­nismäßig sein, ha­ben Streik­maßnah­men al­so völlig un­trag­ba­re oder exis­tenz­ver­nich­ten­de Fol­gen für die Ge­gen­sei­te, sind sie un­zulässig.

Wenn die­se Kri­te­ri­en erfüllt sind, sind Streiks er­laubt, auch wenn „ei­gent­lich“ ein Ver­trags­bruch vor­liegt und zur wirt­schaft­li­chen Schädi­gung des Ar­beit­ge­bers auf­ge­ru­fen wird. Sch­ließlich ist es ge­ra­de Sinn und Zweck ei­nes Streiks, Druck auf den Ar­beit­ge­ber aus­zuüben, d.h. Streiks müssen dem Ar­beit­ge­ber „weh tun“, da­mit sie ihr Ziel er­rei­chen können.

Streit gibt es mit Blick auf die Verhält­nismäßig­keit im­mer wie­der über die po­li­ti­sche Le­gi­ti­mität und recht­li­che Zulässig­keit ei­nes Streiks, von dem Drit­te be­trof­fen sind. Dies wird be­son­ders in Be­rei­chen dis­ku­tiert, die der Ver­sor­gung der All­ge­mein­heit die­nen (Ki­tas, Kran­kenhäuser, Müll­ab­fuhr, öffent­li­cher Nah­ver­kehr). Kom­men Ar­beit­neh­mer zu spät zur Ar­beit, weil der öffent­li­che Nah­ver­kehr be­streikt wird oder blei­ben Kin­dergärten streik­be­dingt ge­schlos­sen, lie­gen die Ner­ven der Be­trof­fe­nen oft blank. Die grundsätz­li­che Sym­pa­thie mit den Zie­len des Streiks mischt sich dann häufig mit der Empörung, sel­ber von dem Streik be­trof­fen zu sein. Auf Ar­beit­ge­ber­sei­te bzw. von Streik­geg­nern wer­den die Nach­tei­le, die Drit­te durch den Streik er­lei­den und die sich dar­aus (an­geb­lich) er­ge­ben­de Schwie­rig­keit, Verständ­nis für die Streik­zie­le zu we­cken, als Ar­gu­men­te ge­gen den Streik ins Feld geführt.

Des­halb ist es nicht er­staun­lich, dass da­nach ge­fragt wird, ob nicht nur Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­ge­ber­verbände son­dern auch vom Streik be­trof­fe­ne Drit­te ei­nen Streik recht­lich un­ter­bin­den dürfen. Dies ver­such­te ein Bie­le­fel­der El­tern­paar, das den im Jahr 2009 durch­geführ­ten Ki­ta-Streik nicht hin­neh­men woll­ten. Die­sen Fall hat­te das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm zu ent­schei­den (Be­schluss vom 29.10.2009, 8 Sa­Ga 22/09).

Der Fall des Landesarbeitsgerichts Hamm: Kita wegen Streik geschlossen. Eltern wollten Streik gerichtlich unterbinden

Die Ge­werk­schaft Ver­di und die Ge­werk­schaft Er­zie­hung und Wis­sen­schaft (GEW) woll­ten mit dem öffent­li­chen Ar­beit­ge­ber über ei­nen Ta­rif­ver­trag zum Ge­sund­heits­schutz, ins­be­son­de­re zum Schutz der Er­zie­her vor Lärm­be­las­tun­gen, ver­han­deln und wand­ten sich des­halb Mit­te 2009 an die Ar­beit­ge­ber­sei­te. Da in dem lau­fen­den Ta­rif­ver­trag Ge­sund­heits­schutz­re­ge­lun­gen fehl­ten, be­stand dies­bezüglich kei­ne Frie­dens­pflicht, d.h. we­gen ei­ner Ge­sund­heits­schutz­re­ge­lung durf­te ge­streikt wer­den. Die Ar­beit­ge­ber­sei­te hielt die ge­for­der­te Ge­sund­heits­schutz­re­ge­lung al­ler­dings für ei­nen Vor­wand der Ge­werk­schaf­ten, um durch ei­nen Streik auch ih­re Po­si­ti­on in den an­ste­hen­den Lohn­ver­hand­lun­gen zu stärken. We­gen der Lohn­for­de­run­gen durf­te nämlich nicht ge­streikt wer­den, weil dies­bezüglich noch bis En­de 2010 ein Ta­rif­ver­trag lief und das „The­ma Lohn“ des­halb noch der Frie­dens­pflicht un­ter­lag.

Die bei­den Kin­der des El­tern­paa­res Ralf und Si­mo­ne Müller aus Bie­le­feld gin­gen 2009 in die kom­mu­na­le Ki­ta Sieg­frieds­traße in Güters­loh. Im Mai 2009 streik­ten auch dort die Beschäftig­ten. Die El­tern woll­ten das nicht hin­neh­men und ver­such­ten in ei­nem Eil­ver­fah­ren der Ge­werk­schaft ge­richt­lich den Streik zu ver­bie­ten. Vor dem Ar­beits­ge­richt Bie­le­feld hat­te sie da­mit kei­nen Er­folg (Ur­teil vom 17.06.2009, 5 Ga 30/09). Die El­tern leg­ten des­halb Be­ru­fung zum Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm ein. Da der Streik zwi­schen­zeit­lich be­en­det war, erklärten bei­de Par­tei­en den Rechts­streit zwar für er­le­digt, das LAG muss­te je­doch ent­schei­den, wer die Kos­ten des Ver­fah­rens zu tra­gen hat­te und da­mit wer vor­aus­sicht­lich der „Ver­lie­rer“ des Rechts­streits ge­we­sen wäre.

Landesarbeitsgericht Hamm: Von Streik betroffene Dritte haben keinen Anspruch auf Unterbindung des Streiks

Das LAG ent­schied, dass die El­tern die Kos­ten des Rechts­streits voll tra­gen muss­ten, weil sie in der Sa­che vor­aus­sicht­lich un­ter­le­gen hätten.

Ei­nen An­spruch, ei­nen Streik zu ver­bie­ten, hat nämlich nur der­je­ni­ge, der durch den Streik in so ge­nann­ten „ab­so­lut geschütz­ten Rech­ten“ (et­wa Ei­gen­tum, Ge­sund­heit) ver­letzt wird. Ei­ne der­ar­ti­ge Rechts­ver­let­zung lag aber durch den Ki­ta-Streik nicht vor. Auch wenn das Sor­ge­recht der El­tern die Ent­schei­dung be­inhalt, ob sie ih­re Kin­der zu Hau­se oder in der Ki­ta be­treu­en, stellt die durch den Streik ver­hin­der­te Be­treu­ung der Kin­der in der Ki­ta kei­nen Ein­griff in die Ge­sund­heit der Kin­der oder das Er­zie­hungs­recht der El­tern und da­mit ab­so­lut geschütz­te Rech­te dar, meint das LAG. Die El­tern sind des­halb (un­abhängig von der Fra­ge, ob der Streik zulässig war oder nicht) schon nicht be­rech­tigt, die Un­ter­las­sung des Streiks zu for­dern.

Der von den El­tern be­haup­te­te Ver­s­toß der Ge­werk­schaft ge­gen die Frie­dens­pflicht geht sie des­halb aus recht­li­cher Sicht nichts an, mit die­sem Ar­gu­ment könn­te nur die Ar­beit­ge­ber­sei­te ver­su­chen, den Streik zu un­ter­bin­den.

Fa­zit: Drit­te, die durch Streiks Nach­tei­le er­lei­den, müssen die­se Nach­tei­le hin­neh­men. Ein Recht, ei­nen Streik un­ter­bin­den zu las­sen, ha­ben sie nicht.

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Letzte Überarbeitung: 7. Juni 2015

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