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Wah­rung der Zwei­wo­chen­frist bei der frist­lo­sen Kün­di­gung schwer­be­hin­der­ter Be­triebs­rats­mit­glie­der

Will der Ar­beit­ge­ber ei­nem schwer­be­hin­der­ten Be­triebs­rat frist­los kün­di­gen, muss er vie­le for­mal­ju­ris­ti­sche Hür­den neh­men: Ar­beits­ge­richt Ber­lin, Be­schluss vom 03.12.2008, 20 BV 16185/08

01.04.2009. Will der Ar­beit­ge­ber das Ar­beits­ver­hält­nis au­ßer­or­dent­lich kün­di­gen, braucht er da­für ge­mäß § 626 Abs. 1 Bür­ger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) ei­nen „wich­ti­gen Grund". Das ist ein ganz be­son­ders schwer­wie­gen­der An­lass für ei­ne Kün­di­gung, der dem Ar­beit­ge­ber das Ab­war­ten der Kün­di­gungs­fris­ten un­zu­mut­bar macht.

Wer das Ar­beits­ver­hält­nis aus ei­nem sol­chen Grund be­en­den möch­te, wür­de sich wi­der­sprüch­lich ver­hal­ten, wenn er die­sen Grund län­ge­re Zeit auf sich be­ru­hen lie­ße, um dann "ur­plötz­lich" ei­ne au­ßer­or­dent­lich Kün­di­gung zu er­klä­ren. Das Ge­setz schreibt da­her vor, dass ei­ne au­ßer­or­dent­li­che Kün­di­gung nur in­ner­halb von zwei Wo­chen aus­ge­spro­chen wer­den kann, nach­dem der zur Kün­di­gung Be­rech­tig­te den wich­ti­gen Grund er­fah­ren hat, § 626 Abs. 2 BGB.

Kom­pli­ziert wird das al­les, wenn der Ar­beit­ge­ber ei­nem schwer­be­hin­der­ten Be­triebs­rats­mit­glied frist­los kün­di­gen möch­te. Denn dann braucht der Ar­beit­ge­ber die Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes und das OK des Be­triebs­rats. Bei al­le­dem muss er ge­gen die Zeit ar­bei­ten, denn § 91 Abs.5 Neun­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB IX) ver­langt, dass er "un­ver­züg­lich" nach Er­halt der Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes kün­digt. Was das kon­kret heißt, zeigt ei­ne ak­tu­el­le Ent­schei­dung des Ar­beits­ge­richts Ber­lin: Ar­beits­ge­richt Ber­lin, Be­schluss vom 03.12.2008, 20 BV 16185/08.

Was muss der Arbeitgeber machen, um eine Kündigung "unverzüglich" nach Erteilung der Zustimmung des Integrationsamtes zu erklären?

Mit­glie­der ei­nes Be­triebs­rats und an­de­rer Ar­beit­neh­mer­ver­tre­tun­gen können im all­ge­mei­nen nicht or­dent­lich, son­dern nur außer­or­dent­lich gekündigt wer­den. Ei­ne Aus­nah­me macht das Ge­setz für den (sel­te­nen) Fall, dass der ge­sam­te Be­trieb oder die ge­sam­te Be­triebs­ab­tei­lung, in dem oder der der Be­triebs­rat ar­bei­tet, ge­schlos­sen wird, § 15 Kündi­gungs­schutz­ge­setz (KSchG). In der Re­gel be­steht da­her die „ein­zi­ge Chan­ce“ für den Ar­beit­ge­ber, ein Mit­glied des Be­triebs­rat ge­gen des­sen Wil­len los­zu­wer­den, in sei­ner außer­or­dent­li­chen Kündi­gung.

Dafür braucht der Ar­beit­ge­ber al­ler­dings nicht nur ei­nen wich­ti­gen Grund gemäß § 626 BGB. Viel­mehr muss er den Be­triebs­rat zu der ge­plan­ten Kündi­gung gemäß § 102 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) anhören, und er braucht auf der Grund­la­ge der Anhörung die Zu­stim­mung des Be­triebs­rats gemäß § 103 Abs. 1 Be­trVG. Wird ihm die­se nicht er­teilt, muss der Ar­beit­ge­ber vor das Ar­beits­ge­richt zie­hen und die ge­richt­li­che Er­set­zung der Zu­stim­mung zu der Kündi­gung be­an­tra­gen (Zu­stim­mungs­er­set­zungs­ver­fah­ren), und zwar in­ner­halb der Zwei­wo­chen­frist nach § 626 Abs. 2 BGB.

Will der Ar­beit­ge­ber ei­nem schwer­be­hin­der­ten Mit­glied des Be­triebs­rats kündi­gen, muss er darübre hin­aus vor Aus­spruch der Kündi­gung die Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes zu der Kündi­gung er­wir­ken, § 85 Neun­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB IX). Dies gilt für or­dent­li­che und für außer­or­dent­li­che Kündi­gun­gen. Kündigt der Ar­beit­ge­ber oh­ne die vor­he­ri­ge Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes, ist die Kündi­gung wir­kungs­los.

Ei­ne Son­der­re­ge­lung gilt für die außer­or­dent­li­che Kündi­gung ei­nes schwer­be­hin­der­ten oder ihm gleich­ge­stell­ten Ar­beit­neh­mers: In die­sem Fall hat der Ar­beit­ge­ber gemäß § 91 Abs. 2 SGB IX in­ner­halb von zwei Wo­chen, nach­dem er von dem wich­ti­gen Grund Kennt­nis er­langt hat, beim In­te­gra­ti­ons­amt die Zu­stim­mung zur Kündi­gung be­an­tra­gen.

Die­se Zwei­wo­chen­frist läuft nicht et­wa vor oder nach der Zwei­wo­chen­frist des § 626 Abs. 2 BGB, son­dern par­al­lel zu die­ser. Al­ler­dings hat der Ge­setz­ge­ber die da­mit ver­bun­de­nen prak­ti­schen Pro­ble­me er­kannt und in § 91 Abs. 5 SGB IX zu­guns­ten des Ar­beit­ge­bers klar­ge­stellt, dass er auch noch nach Ab­lauf der Zwei­wo­chen­frist des § 626 Abs.2 BGB die Kündi­gung erklären kann. Sie muss al­ler­dings "un­verzüglich" nach Er­tei­lung der Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes zur Kündi­gung erklärt wer­den.

In der Recht­spre­chung wird als un­verzüglich meist nur ei­ne sehr kur­ze Frist von we­ni­gen Ta­gen an­er­kannt. Im Zwei­fel ist ei­ne Be­wer­tung des Ein­zel­falls vor­zu­neh­men.

An­ge­sichts die­ser Viel­zahl von for­ma­len Vor­schrif­ten und ein­zu­hal­ten­den Fris­ten, die dem Kündi­gungs­schutz von Be­triebs­rats­mit­glie­dern die­nen, ist es für den Ar­beit­ge­ber al­les an­de­re als ein­fach, ei­nem schwer­be­hin­der­ten Mit­glied des Be­triebs­rats außer­or­dent­lich zu kündi­gen. Der Ar­beit­ge­ber hat dann nämlich

  • ers­tens beim In­te­gra­ti­ons­amt die Zu­stim­mung zur Kündi­gung ein­zu­ho­len, und zwar in­ner­halb der Zwei­wo­chen­frist des § 626 Abs. 2 BGB, und
  • zwei­tens, falls der Be­triebs­rat der Kündi­gung nicht zu­stimmt, beim Ar­beits­ge­richt "un­verzüglich" nach Er­tei­lung der Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes die ge­richt­li­che Er­set­zung der Zu­stim­mung des Be­triebs­rats zu be­an­tra­gen.

Nach der Recht­spre­chung gilt für den zwei­ten Schritt § 91 Abs. 5 SGB IX sinn­gemäß, d.h. das ge­richt­li­che Zu­stim­mungs­er­set­zungs­ver­fah­ren muss „un­verzüglich“ nach der Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes zur der be­ab­sich­tig­ten Kündi­gung ein­ge­lei­tet wer­den.

Auch hier ist frag­lich, wie viel Zeit dem Ar­beit­ge­ber zwi­schen dem Er­halt der Zu­stim­mung und dem Gang zum Ar­beits­ge­richt bleibt. Mit die­ser Fra­ge be­fasst sich ein Be­schluss des Ar­beits­ge­richts (ArbG) Ber­lin vom 03.12.2008, 20 BV 16185/08.

Der Streitfall: Supermarkt möchte einer schwerbehinderten Kassiererin, die Mitglied des Betriebsrats ist, fristlos wegen Diebstahls kündigen

Der Be­trei­ber ei­nes Ber­li­ner Su­per­markts be­an­trag­te die ge­richt­li­che Er­set­zung der ver­wei­ger­ten Zu­stim­mung des Be­triebs­rats zu ei­ner außer­or­dent­li­chen Kündi­gung ei­ner Kas­sie­re­rin, die ei­ner Schwer­be­hin­der­ten gleich­ge­stellt und Mit­glied des Be­triebs­rats war.

Hin­ter­grund war ei­ne am 27.08.2008 durch­geführ­te Ta­schen­kon­trol­le, bei im Be­sitz der Ar­beit­neh­me­rin Bögen mit Treue­mar­ken auf­ge­fun­den wor­den wa­ren. Die Treue­mar­ken wer­den Kun­den beim Ein­kauf an­ge­bo­ten und können von die­sen in ein Sam­mel­heft ein­ge­klebt wer­den. Hat man ge­nug Mar­ken bei­sam­men, kann man ge­gen Zu­zah­lung ver­bil­lig­te Wa­ren aus ei­nem dafür vor­ge­se­he­nen Sor­ti­ment er­wer­ben.

Auf die Bögen mit den Treue­punk­ten an­ge­spro­chen erklärte die Kas­sie­re­rin, sie sei­en im (un­strei­tig be­eng­ten) Kas­sen­be­reich ver­se­hent­lich zwi­schen ih­re pri­va­te Fa­x­un­ter­la­gen ge­ra­ten. Der Ar­beit­ge­ber glaub­te ihr dies nicht. Aus sei­ner Sicht be­stand der drin­gen­de Tat­ver­dacht ei­ner Un­ter­schla­gung der Treue­mar­ken.

Auf die­ser Grund­la­ge be­an­trag­te er beim In­te­gra­ti­ons­amt am 09.09.2008, d.h. noch in­ner­halb der Zwei­wo­chen­frist des § 626 Abs. 2 BGB, die Zu­stim­mung zu ei­ner außer­or­dent­li­chen Kündi­gung der Kas­sie­re­rin. Die Zu­stim­mung des Am­tes ging am 23.09.2008 beim Ar­beit­ge­ber ein. Noch am sel­ben Ta­ge be­an­trag­te er beim Be­triebs­rat die Zu­stim­mung zur Kündi­gung. Der ver­wei­ger­te die Zu­stim­mung zunächst am 24.09.2008 vorläufig und bat um wei­te­re In­for­ma­tio­nen. Nach ei­ner um­ge­hend „auf­ge­bes­ser­ten“ Anhörung lehn­te der Be­triebs­rat die Zu­stim­mung zu der Kündi­gung am 25.09.2008 endgültig ab.

Dar­auf­hin reich­te der Ar­beit­ge­ber ei­ne Wo­che später, nämlich am 02.10.2008, beim Ar­beits­ge­richt Ber­lin den An­trag auf ge­richt­li­che Er­set­zung der vom Be­triebs­rat ver­wei­ger­ten Zu­stim­mung ein. Da in ei­nem sol­chen Ver­fah­ren ne­ben dem Ar­beit­ge­ber und dem Be­triebs­rat auch der be­trof­fe­ne Ar­beit­neh­mer be­tei­ligt wird, kann sich die­ser bei ei­ner Ent­schei­dung pro Ar­beit­ge­ber in ei­nem späte­ren Kündi­gungs­schutz­pro­zess nicht mehr dar­auf be­ru­fen, ein Kündi­gungs­grund ha­be nicht vor­ge­le­gen. Im Zu­stim­mungs­er­set­zungs­ver­fah­ren geht es da­her um die Wurst, d.h. es ist in der Sa­che ein vor­ge­zo­ge­ner Kündi­gungs­schutz­pro­zess.

Arbeitsgericht Berlin: Mit dem Antrag auf gerichtliche Ersetzung der Zustimmung des Betriebsrats darf sich der Arbeitgeber nicht eine Woche Zeit lassen

Das Ge­richt ver­sag­te dem Ar­beit­ge­ber die be­gehr­te Zu­stim­mung.

Zwar sei ein drin­gen­der Ver­dacht der Un­ter­schla­gung von Treue­mar­ken ge­ge­ben, doch ha­be der Ar­beit­ge­ber die Frist des § 626 Abs. 2 BGB versäumt. Bis zur Be­an­tra­gung der Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes sei zwar noch al­les kor­rekt ver­lau­fen, da der An­trag in­ner­halb von zwei Wo­chen nach Kennt­nis der für die Kündi­gung maßgeb­li­chen Umstände ein­ge­reicht wor­den war, d.h. § 91 Abs. 2 SGB IX wur­de be­ach­tet.

Auch nach der Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes am 23.09.2008 sei es noch nicht zu spät ge­we­sen, da das ge­richt­li­che Ver­fah­ren der Zu­stim­mungs­er­set­zung we­gen § 91 Abs. 5 SGB IX noch „un­verzüglich“ hätte ein­ge­lei­tet wer­den können.

Dies ha­be der Ar­beit­ge­ber aber nicht ge­tan, da zwi­schen der Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung des Be­triebs­ra­tes (25.09.2008) und dem An­trags­ein­gang bei Ge­richt (02.10.2009) ei­ne gan­ze Wo­che lag. Zu der Fra­ge, ob be­reits zwei oder drei Ta­ge zu lang sei­en, wie in der Recht­spre­chung in ver­gleich­ba­ren Fällen ent­schie­den wur­de, woll­te sich das Ar­beits­ge­richt Ber­lin nicht fest­le­gen, da ihm ei­ne Wo­che je­den­falls als zu lang er­schien.

Die Ent­schei­dung ist im Er­geb­nis rich­tig. Der Ar­beit­ge­ber muss dem Ar­beit­neh­mer möglichst bald Klar­heit darüber ver­schaf­fen, ob er frist­los kündi­gen will oder nicht. Die­sen An­for­de­run­gen wird ei­ne grund­lo­se Tröde­lei wie im vor­lie­gen­den Fall nicht ge­recht.

Al­ler­dings stellt das Ge­richt oh­ne nähe­re Erklärung nicht auf die Frist zwi­schen der Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes (23.09.2008) und dem Ein­gang des Zu­stim­mungs­er­set­zungs­an­tra­ges bei Ge­richt (02.10.2008) ab, son­dern fängt erst ab der endgülti­gen Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung des Be­triebs­ra­tes an zu zählen. Dies kann nicht über­zeu­gen, zu­mal der Ar­beit­ge­ber auch be­reits zu­vor den Be­triebs­rat hätte be­tei­li­gen können. Außer­dem kann die hier ein­ge­tre­te­ne eintägi­ge Verzöge­rung der Stel­lung­nah­me des Be­triebs­rats, die auf­grund zunächst un­zu­rei­chen­der In­for­ma­tio­nen sei­tens des Ar­beit­ge­bers ein­trat, dem Ar­beit­ge­ber nicht zu­gu­te kom­men. Rich­ti­ger­wei­se hätte der Ar­beit­ge­ber hier nicht ein­mal bis zum 28.09.2008 war­ten können, da in die­sem Zeit­punkt seit Er­tei­lung der Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes be­reits fünf Ta­ge ver­stri­chen wa­ren.

Fa­zit: Die for­mal­ju­ris­ti­schen Hürden bei der Kündi­gung von Per­so­nen mit mehr­fa­chem Son­derkündi­gungs­schutz sind für den Ar­beit­ge­ber sehr hoch. Es sind Sorg­falt, aber auch Ei­le ge­bo­ten. Der Be­triebs­rat da­ge­gen macht in ei­nem Fall, in dem sei­ne Zu­stim­mung zur Kündi­gung er­for­der­lich ist, oft das bes­te, wenn er nach der De­vi­se han­delt: „Re­den ist Sil­ber, Schwei­gen ist Gold“.

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Letzte Überarbeitung: 6. September 2016

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