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Zu­griff auf frem­de E-Mails recht­fer­tigt frist­lo­se Kün­di­gung

Ver­hal­ten im Pro­zess kann be­rück­sich­tigt wer­den: Lan­des­ar­beits­ge­richt Mün­chen, Ur­teil vom 08.07.2009, 11 Sa 54/09

14.01.2010. Im Fall der Kas­sie­re­rin "Em­me­ly", der we­gen der Un­ter­schla­gung von zwei Pfand­bons im Wert von 1,30 EUR frist­los ge­kün­digt wur­de und die da­ge­gen er­folg­los über meh­re­re In­stan­zen ei­ne Kün­di­gungs­schutz­kla­ge führ­te, ging es un­ter an­de­rem um die Fra­ge, ob das Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers nach Aus­spruch der Kün­di­gung für de­ren recht­li­che Be­wer­tung ei­ne Rol­le spielt oder nicht.

In ei­nem vom Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Mün­chen vor kur­zem ent­schie­de­nen Fall wur­de auch über die Wirk­sam­keit ei­ner frist­lo­sen Kün­di­gung ge­strit­ten. Und auch hier war frag­lich, ob das Ver­hal­ten des ge­kün­dig­ten Ar­beit­neh­mers nach Aus­spruch der Kün­di­gung ein Rol­le spielt.

Wie be­reits das LAG Ber­lin-Bran­den­burg im Fall "Em­me­ly" kam auch das LAG Mün­chen zu dem Er­geb­nis, dass das Ver­hal­ten des frist­los ge­kün­dig­ten Ar­beit­neh­mers im Pro­zess bei der Be­wer­tung der strei­ti­gen Kün­di­gung be­rück­sich­tigt wer­den kann: LAG Mün­chen, Ur­teil vom 08.07.2009, 11 Sa 54/09.

Kann das Ausspähen von E-Mails im Betrieb durch "gute Absichten" des schnüffelnden Arbeitnehmers gerechtfertigt sein?

Verstößt ein Ar­beit­neh­mer in gra­vie­ren­der Wei­se ge­gen sei­ne Pflich­ten, kann der Ar­beit­ge­ber ihm gemäß § 626 Abs. 1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) aus „wich­ti­gem Grund“ oh­ne Ein­hal­tung ei­ner Kündi­gungs­frist kündi­gen, wenn in dem kon­kre­ten Fall un­ter Berück­sich­ti­gung der In­ter­es­sen von Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­ge­ber dem Ar­beit­ge­ber die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist nicht zu­ge­mu­tet wer­den kann.

Als ers­tes prüfen die Ge­rich­te bei der Fra­ge, ob die frist­lo­se Kündi­gung wirk­sam ist, ob der Ver­s­toß des Ar­beit­neh­mers so gra­vie­rend ist, dass er für sich ge­nom­men die frist­lo­se Kündi­gung recht­fer­tigt. An­sch­ließend wird ge­prüft, ob we­gen der Umstände im Ein­zel­fall, et­wa ei­nem langjährig be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis, die frist­lo­se Kündi­gung doch aus­nahms­wei­se un­an­ge­mes­sen ist.

Wenn ein Com­pu­ter-Ad­mi­nis­tra­tor sei­ne Zu­griffs­rech­te nutzt, um frem­de E-Mails aus­zu­spähen, dürf­te die­ses Fehl­ver­hal­ten an sich ei­nen Grund für ei­ne frist­lo­se Kündi­gung dar­stel­len. Frag­lich ist je­doch, ob sich aus­nahms­wei­se et­was an­de­res er­gibt, wenn sich der Ar­beit­neh­mer dar­auf be­ruft, er woll­te da­mit ein schädi­gen­des Ver­hal­ten des E-Mail-Nut­zers auf­de­cken. Mit die­ser Fra­ge be­fasst sich das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) München in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung (Ur­teil vom 08.07.2009, 11 Sa 54/09).

Der Fall des Landesarbeitsgerichts München: Systemadministrator liest fremde E-Mails und vertuscht dies im Prozess

Im Som­mer 2007 ver­schaff­te sich der kla­gen­de Ar­beit­neh­mer, ein an­ge­stell­ter Sys­tem­ad­mi­nis­tra­tor, Zu­griff auf ein be­triebs­in­ter­nes EDV-Lauf­werk „Per­so­nal“, um die E-Mails ei­nes Geschäftsführungs­mit­glieds des Ar­beit­ge­bers zu le­sen. Die­se E-Mails leg­te der Sys­tem-Ad­mi­nis­tra­tor an­sch­ließend ei­nem an­de­ren Geschäftsführungs­mit­glied vor, als der E-Mail-In­ha­ber ge­ra­de im Ur­laub war.

We­gen des un­be­fug­ten Zu­griffs auf die E-Mails er­hielt der Sys­tem-Ad­mi­nis­tra­tor die frist­lo­se Kündi­gung. Hier­ge­gen er­hob er -er­folg­los- Kündi­gungs­schutz­kla­ge vor dem Ar­beits­ge­richt München (Ur­teil vom 27.11.2008, 13 Ca 12821/07). Das Ar­beits­ge­richt München war der Auf­fas­sung, dass der Miss­brauch der Zu­griffs­rech­te gra­vie­rend ge­nug war, um auch oh­ne vor­he­ri­ge Ab­mah­nung ei­ne frist­lo­se Kündi­gung aus­zu­spre­chen. Es sah auch kei­ne An­halts­punk­te dafür, dass die außer­or­dent­li­che Kündi­gung aus­nahms­wei­se im kon­kre­ten Ein­zel­fall un­an­ge­mes­sen war.

Das Ar­beits­ge­richt be­wer­te­te da­bei auch das pro­zes­sua­le Ver­hal­ten des Sys­tem­ad­mi­nis­tra­tors zu sei­nen Las­ten. Der Sys­tem­ad­mi­nis­tra­tor ha­be während des Pro­zes­ses durch sein „beständi­ges Leug­nen des Vor­falls“ und durch sei­ne „Ver­tu­schungs­ver­su­che“ deut­lich ge­macht, dass ihm sei­ne be­son­de­re Ver­trau­ens­stel­lung als Ad­mi­nis­tra­tor nicht be­wusst ge­we­sen sei, so das Ar­beits­ge­richt. Der Sys­tem­ad­mi­nis­tra­tor hat­te nämlich be­haup­tet, er ha­be le­dig­lich ein­ge­hen­de E-Mails während der Ur­laubs­ab­we­sen­heit des Geschäftsführungs­mit­glieds rou­ti­nemäßig durch­ge­se­hen. Dies sah das Ar­beits­ge­richt je­doch nach Ver­neh­mung meh­re­rer Zeu­gen als wi­der­legt an.

Ge­gen die­ses Ur­teil leg­te der Ar­beit­neh­mer Be­ru­fung zum LAG München ein.

Landesarbeitsgericht München: Systemadministrator ist keine Betriebspolizei. Verhalten im Prozess kann berücksichtigt werden.

Das LAG München ent­schied eben­falls ge­gen den Sys­tem­ad­mi­nis­tra­tor und schloss sich auch der Ar­gu­men­ta­ti­on des Ar­beits­ge­richts an. Es teil­te auch die Auf­fas­sung des Ar­beits­ge­richts, dass der Sys­tem­ad­mi­nis­tra­tor Wi­dersprüche in sei­nem Vor­brin­gen nicht be­sei­ti­gen konn­te und des­halb da­von aus­ge­gan­gen wer­den konn­te, dass der Sys­tem­ad­mi­nis­tra­tor sich ge­zielt in un­be­fug­ter Wei­se Zu­griff auf die aus­ge­hen­den E-Mails des Geschäftsführungs­mit­glieds ver­schafft hat­te.

Das LAG ließ auch die Recht­fer­ti­gung des Sys­tem­ad­mi­nis­tra­tors nicht gel­ten, er ha­be nur ein Fehl­ver­hal­ten des Geschäftsführungs­mit­glieds auf­de­cken wol­len. Für ein der­ar­ti­ges Fehl­ver­hal­ten gab es nämlich über­haupt kei­ne An­halts­punk­te. Ar­beit­neh­mer dürfen zu­dem nicht, nur weil sie tech­nisch hier­zu die Möglich­keit ha­ben, „Be­triebs­ge­heim­po­li­zei“ spie­len, so das LAG wei­ter.

Dass das LAG die frist­lo­se Kündi­gung auf­grund des gra­vie­ren­den Ver­s­toßes des Sys­tem­ad­mi­nis­tra­tors für wirk­sam hielt, ist nicht über­ra­schend. In­ter­es­sant an der Ent­schei­dung ist je­doch, dass das LAG das Ver­hal­ten des kla­gen­den Ar­beit­neh­mers im Pro­zess in sei­ne Be­wer­tung mit ein­be­zieht.

Denn an sich gilt, dass es bei der Be­wer­tung, ob ei­ne Kündi­gung be­rech­tigt ist oder nicht, auf den Zeit­punkt an­kommt, zu dem die Kündi­gung aus­ge­spro­chen wird, d.h. dass, was der gekündig­te Ar­beit­neh­mer da­nach tut, spielt für die Wirk­sam­keit der Kündi­gung ei­gent­lich kei­ne Rol­le.

Um die Fra­ge, ob und un­ter wel­chen Umständen das Ver­hal­ten ei­nes Ar­beit­neh­mers im Pro­zess nach der Kündi­gung ei­ne Rol­le spielt, ging es auch in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in dem Fall der Kas­sie­re­rin “Em­me­ly“ (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell 09/133: Bar­ba­ra Em­me kann ein Re­vi­si­ons­ver­fah­ren durchführen), der we­gen der Un­ter­schla­gung von zwei Pfand­bons im Wert von 1,30 EUR frist­los gekündigt wor­den war. Das BAG hat we­gen die­ser Fra­ge im "Em­me­ly-Fall" die Re­vi­si­on zu­ge­las­sen (BAG, Be­schluss vom 28.07.2009, 3 AZN 224/09).

Der Sys­tem­ad­mi­nis­tra­tor im vor­lie­gen­den Fall leg­te eben­falls Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de bei BAG ein, um die Zu­las­sung der Re­vi­si­on zu er­rei­chen. Die­ser Rechts­streit ist beim drit­ten BAG-Se­nat anhängig (3 AZN 783/09).

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Letzte Überarbeitung: 8. August 2014

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