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BSG: Kei­ne Sperr­zeit nach Kün­di­gung und Ab­fin­dungs­ver­gleich

Er­hebt der Ar­beit­neh­mer ei­ne Kün­di­gungs­schutz­kla­ge und ei­nigt sich mit dem Ar­beit­ge­ber auf ei­ne Ab­fin­dung, tritt in der Re­gel kei­ne Sperr­zeit ein: Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Ur­teil vom 17.10.2007, B 11a AL 51/06 R

22.11.2007. Wird ein Ar­beit­neh­mer ge­kün­digt und er­hebt Kün­di­gungs­schutz­kla­ge, en­det ein sol­cher Pro­zess meist mit ei­nem Ab­fin­dungs­ver­gleich.

Denn im Lau­fe des Ver­fah­rens wächst der Druck auf den Ar­beit­neh­mer, ei­ner sol­chen güt­li­chen Lö­sung zu­zu­stim­men, denn falls er ein Ur­teil er­strei­tet und die­ses ge­gen ihn aus­geht, ist er sei­nen Job los und hat auch kei­ne Ab­fin­dung. 

In sol­chen Fäl­len ist der Ar­beit­neh­mer vor ei­ner Sperr­zeit prak­tisch si­cher, wie sich aus ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts (BSG) er­gibt. Denn das "Durch­pau­ken" ei­nes Kün­di­gungs­schutz­ver­fah­rens kann die Ar­beits­ver­wal­tung vom ge­kün­dig­ten Ar­beit­neh­mer nicht ver­lan­gen: BSG, Ur­teil vom 17.10.2007, B 11a AL 51/06 R.

Droht eine Sperrzeit sogar dann, wenn der Arbeitnehmer gegen eine Kündigung klagt, sich dann aber vor Gericht vergleicht?

Ei­ne Sperr­zeit beim Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld tritt gemäß § 159 Abs.1 Satz 2 Nr.1 Drit­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB III) (früher: § 144 SGB III) ein, wenn der Ar­beit­neh­mer sich ver­si­che­rungs­wid­rig verhält, oh­ne ei­nen wich­ti­gen Grund dafür zu ha­ben.

Das ist ins­be­son­de­re dann der Fall,

  • wenn der Ar­beit­neh­mer sein Beschäfti­gungs­verhält­nis gelöst hat (et­wa durch den Aus­spruch ei­ner Ei­genkündi­gung), oder
  • wenn er durch ein ar­beits­ver­trags­wid­ri­ges Ver­hal­ten An­lass für die Lösung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses ge­ge­ben hat oder
  • wenn er an ei­ner Be­en­di­gung des Beschäfti­gungs­verhält­nis mit­wirkt (et­wa durch Ab­schluss ei­nes Auf­he­bungs­ver­tra­ges),

und wenn er durch sol­che Ver­hal­tens­wei­sen die Ar­beits­lo­sig­keit zu­min­dest grob fahrlässig her­bei­geführt hat.

Frag­lich ist, ob auch der Ab­schluss ei­nes ge­richt­li­chen Ab­fin­dungs­ver­gleichs in ei­nem Kündi­gungs­schutz­pro­zess, d.h. nach vor­he­ri­ger Kündi­gung sei­tens des Ar­beit­ge­bers, ein „ver­si­che­rungs­wid­ri­ges Ver­hal­ten“ mit Sperr­zeit­fol­ge dar­stellt.

Der Streitfall: Tariflich unkündbarer Arbeitnehmer wird außerordentlich aus betrieblichen Gründen gekündigt und schließt vor Gericht einen Abfindungsvergleich

In dem vom BSG ent­schie­de­nen Fall konn­te der Ar­beit­ge­ber nach ei­nem auf das Ar­beits­verhält­nis an­zu­wen­den­den Ta­rif­ver­trag nur aus wich­ti­gem Grund kündi­gen. Von die­ser Möglich­keit mach­te der Ar­beit­ge­ber Ge­brauch, in­dem er dem Kläger außer­or­dent­lich mit so­zia­ler Aus­lauf­frist kündig­te.

Hier­ge­gen er­hob der Kläger Kündi­gungs­schutz­kla­ge vor dem Ar­beits­ge­richt. Der Rechts­streit wur­de durch ei­nen Ver­gleich er­le­digt, dem­zu­fol­ge das Ar­beits­verhält­nis auf­grund der Kündi­gung en­den und der Ar­beit­neh­mer für den Ver­lust des Ar­beits­plat­zes ei­ne Ab­fin­dung in Höhe von 95.000,00 DM er­hal­ten soll­te.

In der Fol­ge be­an­trag­te der Kläger bei der be­klag­ten Agen­tur für Ar­beit Ar­beits­lo­sen­geld. Die­se be­wil­lig­te dem Kläger Ar­beits­lo­sen­geld, al­ler­dings un­ter Berück­sich­ti­gung ei­ner Sperr­zeit we­gen Ar­beits­auf­ga­be. Hier­ge­gen er­hob der Ar­beit­neh­mer nach er­folg­lo­sem Wi­der­spruch Kla­ge vor dem So­zi­al­ge­richt. Das So­zi­al­ge­richt wies die Kla­ge ab.

Dem­ge­genüber gab das Lan­des­so­zi­al­ge­richt (LSG) dem Kläger recht und ver­ur­teil­te die Agen­tur für Ar­beit zur Zah­lung von (wei­te­rem) Ar­beits­lo­sen­geld, und zwar mit der Be­gründung, dass ei­ne Sperr­zeit nicht ein­ge­tre­ten sei.

Der Kläger ha­be nämlich, so das LSG, sein Beschäfti­gungs­verhält­nis nicht im Sin­ne des § 144 Abs. 1 Nr. 1 SGB III (heu­te: § 159 Abs. 1 Satz 2 Nr.1 SGB III) „gelöst“. Die ver­gleichs­wei­se Ver­ein­ba­rung mit dem Ar­beit­ge­ber sei nämlich im Rah­men ei­nes Kündi­gungs­schutz­pro­zes­ses und zu­dem auf Vor­schlag des Ar­beits­ge­richts ge­trof­fen wor­den.

Die Ar­beits­agen­tur leg­te ge­gen die­se Ent­schei­dung Re­vi­si­on zum BSG ein.

BSG: Ein arbeitsgerichtlicher Abfindungsvergleich führt in aller Regel nicht zur Sperrzeit

Das BSG hob die Ent­schei­dung der Vor­in­stanz auf und ver­wies den Recht­streit an die­se zurück. Zur Be­gründung heißt es:

Zwar ha­be der Kläger durch den ar­beits­ge­richt­li­chen Ver­gleich sein Beschäfti­gungs­verhält­nis im Sin­ne des § 144 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 SGB III (heu­te: § 159 Abs.1 Satz 2 Nr.1 SGB III) „gelöst“. Es stel­le sich je­doch die Fra­ge, ob er dafür ei­nen „wich­ti­gen Grund“ gemäß § 144 Abs.1 Satz 1 SGB III (heu­te: § 159 Abs.1 Satz 1 SGB III) ge­habt ha­be.

Ei­nen sol­chen „wich­ti­gen Grund“ hält das BSG in Fällen der vor­lie­gen­den Art (Ab­fin­dungs­ver­gleich im Kündi­gungs­schutz­pro­zess) im All­ge­mei­nen für ge­ge­ben: Es könne ei­nem Ar­beit­neh­mer re­gelmäßig nicht vor­ge­hal­ten wer­den, wenn er ge­gen ei­ne Kündi­gung ge­richt­lich vor­ge­he und so­dann im ar­beits­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren die Kla­ge zurück­neh­me oder ei­nen Ver­gleich schließe.

Ein ge­richt­li­cher Ver­gleich, der die Ar­beits­lo­sig­keit nicht zu ei­nem frühe­ren Zeit­punkt her­beiführe, löst da­her im All­ge­mei­nen kei­ne Sperr­zeit aus, so das BSG.

An­ders als das LSG be­tont das BSG al­ler­dings, dass ein ar­beits­ge­richt­li­cher Ver­gleich sperr­zeit­recht­lich nicht ge­ne­rell pri­vi­le­giert sei. Die Umstände, un­ter de­nen ein sol­cher Ver­gleich zu­stan­de ge­kom­men sei, müss­ten da­her ge­prüft wer­den. In Fällen, in de­nen An­halts­punk­te für ein Um­ge­hungs­geschäft vor­lie­gen, könne dies zur Sperr­zeit führen.

Da die Vor­in­stanz kei­ne Fest­stel­lun­gen da­zu ge­trof­fen hat­te, ob im kon­kre­ten Fall An­halts­punk­te für ein Um­ge­hungs­geschäft vor­ge­le­gen hat­ten, hob das BSG das Ur­teil des LSG auf und ver­wies den Rechts­streit zur wei­te­ren Aufklärung des Sach­ver­hal­tes zurück.

Fa­zit: Führt der Ar­beit­neh­mer ei­nen Kündi­gungs­schutz­pro­zess und be­en­det die­sen durch Ab­fin­dungs­ver­gleich, ist er vor ei­ner Sperr­zeit prak­tisch hin­rei­chend geschützt. Zwar ist ei­ne Sperr­zeit nicht von vorn­her­ein bzw. in al­len Fällen aus­ge­schlos­sen (so die Mei­nung des LSG), aber doch im Re­gel­fall bzw. im­mer dann, wenn kein Um­ge­hungs­geschäft vor­liegt.

Dem ent­spricht auch die gel­ten­de Durchführungs­an­wei­sung Sperr­zeit der Bun­des­agen­tur für Ar­beit (Stand Ok­to­ber 2007). Die­se enthält in Rn. 144.19 („ar­beits­ge­richt­li­cher Ver­gleich“) die schlich­te Fest­stel­lung: „Ein ar­beits­ge­richt­li­cher Ver­gleich kann ei­ne Sperr­zeit nicht auslösen.“

 

Letzte Überarbeitung: 1. März 2015

Bewertung: BSG: Kei­ne Sperr­zeit nach Kün­di­gung und Ab­fin­dungs­ver­gleich 5.0 von 5 Sternen (3 Bewertungen)

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