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Frist­lo­se Kün­di­gung we­gen fort­ge­setz­ten Ar­beits­zeit­be­trugs

Auch das Ver­hal­ten nach der Tat kann für die Wirk­sam­keit der frist­lo­sen Kün­di­gung wich­tig sein: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 01.12.2011, 2 Sa 2015/11 und 2 Sa 2300/11

13.01.2012. Möch­te der Ar­beit­ge­ber ei­ne au­ßer­or­dent­li­che frist­los Kün­di­gung aus­spre­chen, d.h. das Ar­beits­ver­hält­nis oh­ne Be­ach­tung der an sich gel­ten­den Kün­di­gungs­frist be­en­den, braucht er da­zu ge­mäß § 626 Abs. 1 Bür­ger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) ei­nen "wich­ti­gen Grund". Ein sol­cher Grund liegt vor, wenn der Ar­beit­neh­mer sei­ne Pflich­ten so mas­siv ver­letzt hat, dass ei­nem "ver­nünf­ti­gen" Ar­beit­ge­ber der Ab­lauf der Kün­di­gungs­frist im All­ge­mei­nen nicht zu­ge­mu­tet wer­den kann, al­so z.B. wenn der Ar­beit­neh­mer ei­nen Dieb­stahl oder ei­nen Be­trug zu Las­ten des Ar­beit­ge­bers be­gan­gen hat.

Seit dem Ur­teil des BAG in dem Fall der Ber­li­ner Kas­sie­re­rin Bar­ba­ra („Em­me­ly“) Em­me hat sich die An­wen­dung die­ser Grund­sät­ze durch die Ge­rich­te ge­än­dert. Denn seit die­sem Ur­teil (BAG, Ur­teil vom 10.06.2010, 2 AZR 541/09 - wir be­rich­te­ten zu­letzt in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/136 Em­me­ly ar­bei­tet wie­der als Kas­sie­re­rin) be­ach­ten die Ar­beits- und Lan­des­ar­beits­ge­rich­te stär­ker als bis­her, dass ein im All­ge­mei­nen zur frist­lo­sen Kün­di­gung aus­rei­chen­der Pflicht­ver­stoß ei­ne sol­che har­te Re­ak­ti­on des Ar­beit­ge­bers nicht im­mer recht­fer­tigt. Da­zu müs­sen die bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen im Ein­zel­fall "er­geb­nis­of­fen" ab­ge­wo­gen wer­den.

Die In­ter­es­sen­ab­wä­gung und da­mit der Streit um die Wirk­sam­keit der Kün­di­gung kön­nen pro Ar­beit­neh­mer aus­ge­hen, wenn das Ar­beits­ver­hält­nis lan­ge be­stan­den hat, wenn der Ar­beit­neh­mer bis­lang kei­ne ein­schlä­gi­gen Ver­feh­lun­gen be­gan­gen, wenn die der Kün­di­gung zu­grun­de­lie­gen­de Ver­feh­lung den Cha­rak­ter ei­nes "ein­ma­li­gen Aus­rut­schers" hat und/oder wenn der Ar­beit­neh­mer den von ihm be­gan­ge­nen Pflicht­ver­stoß ehr­lich zu­ge­ge­ben hat. Aber kann auch ein be­harr­li­ches Leug­nen des Pflicht­ver­sto­ßes zu­las­ten des Ar­beit­neh­mers ins Ge­wicht fal­len?

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg meint "ja": Ur­teil vom 01.12.2011, 2 Sa 2015/11, 2 Sa 2300/11. Das ist seit dem Em­me­ly-Ur­teil des BAG nicht mehr so ganz klar wie frü­her, weil das BAG in sei­ner für die Kas­sie­re­rin Bar­ba­ra Em­me er­gan­ge­nen Ent­schei­dung be­ton­te, dass die (mehr­fach als un­rich­tig ent­larv­ten) Äu­ße­run­gen der Frau Em­me im Kün­di­gungs­schutz­pro­zess bei der Be­ur­tei­lung der Wirk­sam­keit der Kün­di­gung kei­ne Rol­le spie­len durf­ten. So weit so rich­tig, denn zum Zeip­tunkt des Kün­di­gungs­schutz­pro­zes­ses ist die Kün­di­gung ja be­reits aus­ge­spro­chen.

Aber wenn der Ar­beit­neh­mer im Vor­feld der Kün­di­gung, d.h. wäh­rend der Sach­ver­halts­auf­klä­rung durch den Ar­beit­ge­ber, die­sen mehr­fach be­lügt und den Pflicht­ver­stoß leug­net, kann die­se Un­ehr­lich­keit bei der Ent­schei­dung über die Kün­di­gung zu sei­nen Las­ten be­rück­sich­tigt wer­den. So je­den­falls das LAG Ber­lin-Bran­den­burg in sei­nem ak­tu­el­len Ur­teil. Des­sen bei­den Leit­sät­ze lau­ten:

"1. Nach der lang­jäh­ri­gen Recht­spre­chung des 2. Se­nats des BAG (vgl. noch BAG vom 24.11.2005 - 2 AZR 39/05 - NZA 2006, 484) kann das Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers nach Be­ge­hung ei­ner Pflicht­wid­rig­keit, aber vor Aus­spruch der Kün­di­gung ("Nach-Tat-Ver­hal­ten") in die In­ter­es­sen­ab­wä­gung ein­be­zo­gen wer­den und sich ggf. zu Las­ten des Ar­beit­neh­mers aus­wir­ken, wenn die­ser bei­spiels­wei­se die Pflicht­wid­rig­keit be­harr­lich leug­net und ge­gen­über dem Ar­beit­ge­ber mehr­fach die Un­wahr­heit sagt.

2. An die­ser - das Pro­gno­se­prin­zip be­to­nen­den - Recht­spre­chung ist un­ge­ach­tet der Ent­schei­dung des 2. Se­nats vom 10.6.2010 2 AZR 541/09 - NZA 2010, 1227) fest­zu­hal­ten, auch wenn der Se­nat dort al­lei­ne das "Pro­zess"-Ver­hal­ten der Ar­beit­neh­me­rin wür­digt."

Ge­klagt hat­te ein Kraft­fah­rer, der ei­nen län­ge­ren Tank­stel­len­auf­ent­halt auf sei­nem Ar­beits­zet­tel nicht als Pau­se ver­merkt hat­te, ob­wohl er zu­vor ein­schlä­gig ab­ge­mahnt wor­den war. Bei der Be­wer­tung der an­schlie­ßen­den frist­lo­sen ver­hal­tens­be­ding­ten Kün­di­gung we­gen Ar­beits­zeit­be­tru­ges wer­te­te es das LAG als be­son­ders schwer­wie­gend, dass der Klä­ger bei ei­nem Per­so­nal­ge­spräch die Pau­se zu­nächst ge­leug­net hat­te. Erst nach­dem er mit ei­nem Zeu­gen kon­fron­tiert wor­den war, räum­te er sein Ver­hal­ten ein, ver­such­te sich aber selbst dann noch we­nig glaub­wür­dig mit "Ma­gen­pro­ble­men" her­aus­zu­re­den.

Auf der Grund­la­ge die­ser Ent­schei­dung kommt es künf­tig ent­schei­dend dar­auf an, wie sich Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer im Vor­feld ei­ner frist­lo­sen Kün­di­gung, d.h. bei der Sach­ver­halts­auf­klä­rung ver­hal­ten: Er­mit­telt der Ar­beit­ge­ber den Sach­ver­halt nicht rich­tig und spricht ei­ne frist­lo­se Ver­dachts­kün­di­gung auf der Grund­la­ge un­rich­ti­ger Ver­däch­ti­gun­gen aus, ist die Kün­di­gung un­wirk­sam. Gibt er sich aber Mü­he bei der Sach­ver­halts­auf­klä­rung und be­fragt den Ar­beit­neh­mer gründ­lich, mög­li­cher­wei­se auch mehr­fach, und tischt der Ar­beit­neh­mer ei­ne lü­gen­haf­te Aus­re­de nach der an­de­ren auf, ist die Kün­di­gung mit ho­her Wahr­schein­lich­keit wirk­sam.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 24. August 2016

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