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Kün­di­gung we­gen fal­scher An­ga­be von Ar­beits­zei­ten

Do­ku­men­tiert ein Au­ßen­dienst­mit­ar­bei­ter Kun­den­be­su­che vor­sätz­lich un­rich­tig, kann ei­ne frist­lo­se Kün­di­gung ge­recht­fer­tigt sein: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 14.10.2016, 2 Sa 985/16
Krankheit, Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall, Tabletten, Medizin

18.07.2017. Vie­le Ar­beit­neh­mer müs­sen ih­re Ar­beits­zei­ten selbst do­ku­men­tie­ren, da der Ar­beit­ge­ber kei­ne ei­ge­nen Kon­troll­mög­lich­kei­ten hat. Das be­trifft vor al­lem Au­ßen­dienst­mit­ar­bei­ter wie z.B. Phar­ma­re­fe­ren­ten.

Sie müs­sen re­gel­mä­ßig die von ih­nen be­treu­ten nie­der­ge­las­se­nen Ärz­te auf­su­chen, um sie von den Vor­zü­gen der Prä­pa­ra­te ih­res Ar­beit­ge­bers zu über­zeu­gen. Da­bei ver­tei­len sog. Pra­xis­mus­ter, d.h. klei­ne­re Men­gen der be­wor­be­nen Me­di­ka­men­te, da­mit der Arzt sie an ge­eig­ne­te Pa­ti­en­ten wei­ter­ge­ben und so Er­fah­run­gen mit dem Prä­pa­rat sam­meln kann.

Phar­ma­re­fe­ren­ten, die Pra­xis­be­su­che in er­heb­li­chem Um­fang un­rich­tig do­ku­men­tie­ren, ris­kie­ren auch nach län­ge­rer Be­triebs­zu­ge­hö­rig­keit ei­ne frist­lo­se Kün­di­gung: LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 14.10.2016, 2 Sa 985/16.

Wo liegt die Grenze zwischen schlampiger Arbeitszeitdokumentation und Arbeitszeitbetrug?

Wer den Ar­beit­ge­ber vorsätz­lich über nicht ge­leis­te­te Ar­beits­zei­ten täuscht, be­geht ei­nen Ar­beits­zeit­be­trug und ris­kiert ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung auf der Grund­la­ge von § 626 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB). Denn der Ar­beit­ge­ber muss nur tatsächlich ge­leis­te­te Ar­beits­zei­ten be­zah­len, und wenn er über den Um­fang der ge­leis­te­ten Ar­beits­zeit getäuscht wird, soll er zu ei­ner nicht ge­recht­fer­tig­ten Ge­haltsüber­zah­lung ge­bracht wer­den. Ein sol­cher Be­trug oder Be­trugs­ver­such ist ein wich­ti­ger Grund im Sin­ne von § 626 Abs.1 BGB.

Da­her ris­kie­ren Ar­beit­neh­mer, die ih­re Ar­beits­zei­ten falsch do­ku­men­tie­ren, ei­ne außer­or­dent­li­che und frist­los aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung, denn der Ar­beit­ge­ber wird ih­nen in sol­chen Fällen Ar­beits­zeit­be­trug vor­hal­ten.

Die­ser Vor­wurf ist al­ler­dings nur dann be­rech­tigt, wenn hin­ter der feh­ler­haf­ten Do­ku­men­ta­ti­on von Ar­beits­zei­ten auch die Ab­sicht ei­ner Täuschung steht, d.h. wenn der Ar­beit­neh­mer den Ar­beit­ge­ber vorsätz­lich darüber täuschen will, dass er während der do­ku­men­tier­ten Zei­ten tatsächlich nicht ge­ar­bei­tet hat.

Bloße Schlam­pe­rei­en bei der Do­ku­men­ta­ti­on von Ar­beits­zei­ten stel­len da­her noch nicht un­be­dingt ei­nen Be­trug oder Be­trugs­ver­such dar. Denn wer un­ge­nau do­ku­men­tiert, schreibt an der ei­nen Stel­le viel­leicht zu viel ge­leis­te­te Ar­beits­stun­den auf, an der an­de­ren Stel­le da­ge­gen zu we­nig.

In ei­nem ak­tu­el­len Fall hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg deut­lich ge­macht, dass es auf die Ab­gren­zung von feh­ler­haf­ter Ar­beits­zeit­do­ku­men­ta­ti­on und vorsätz­li­chem Ar­beits­zeit­be­trug nicht un­be­dingt an­kommt. Denn wenn die Ar­beits­zeit­do­ku­men­ta­ti­on in er­heb­li­chem Um­fang und vorsätz­lich falsch aus­geführt wird, liegt be­reits hier­in ein wich­ti­ger Grund für ei­ne frist­lo­se Kündi­gung.

Der Streitfall: Pharmareferent im Außendienst schreibt bei langen Arbeitstagen nicht alle Praxisbesuche auf, um sich auf diese Weise ein „Polster“ zu verschaffen

Im Streit­fall war ein Phar­ma-Un­ter­neh­men auf Un­re­gelmäßig­kei­ten bei der Ar­beits­do­ku­men­ta­ti­on ei­nes sei­ner Phar­ma­re­fe­ren­ten ges­toßen und hat­te ihn dar­auf­hin durch ei­nen De­tek­tiv über­wa­chen las­sen. Der De­tek­tiv­be­richt er­brach­te An­halts­punk­te dafür, dass der Phar­ma­re­fe­rent an zwei auf­ein­an­der­fol­gen­den Ta­gen im Fe­bru­ar 2015 nicht in dem von ihm an­ge­ge­be­nen Um­fang ge­ar­bei­tet hat­te. An dem ers­ten die­ser bei­den Ta­ge hat­te er nur knapp sie­ben (statt wie do­ku­men­tiert zehn) St­un­den ge­ar­bei­tet, am Fol­ge­tag hat­te er sei­ne Woh­nung gar nicht ver­las­sen, al­ler­dings sie­ben Pra­xis­be­su­che an­ge­ge­ben.

Dar­auf­hin hörte das Phar­ma-Un­ter­neh­men sei­nen Außen­dienst­mit­ar­bei­ter zu den Ver­dachts­mo­men­ten an, der da­zu mit ei­nem An­walts­schrei­ben Stel­lung nahm. In der schrift­li­chen Stel­lung­nah­me heißt es:

„Mein Man­dant hat für den 06.02.2015 sie­ben Arzt­be­su­che ein­ge­tra­gen. Das sind Pra­xen, die er in der Tat be­sucht hat, al­ler­dings kann es sein, dass es nicht am 06.02.2015 war. Im Außen­dienst ist es seit Jah­ren gängi­ge Pra­xis, dass man sich so­zu­sa­gen ein Pols­ter zu­ge­legt hat von Mus­ter­an­for­de­run­gen, die man ein­set­zen kann für Ta­ge, an de­nen nicht die er­war­te­te Be­suchs­an­zahl er­reicht wird.“

Ei­ne Wo­che später sprach das Phar­ma-Un­ter­neh­men nach Anhörung des Be­triebs­rats gemäß § 102 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) ei­ne außer­or­dent­li­che und frist­lo­se Kündi­gung aus. Zum Zeit­punkt der Kündi­gung war der Phar­ma­re­fe­rent zwölf Jah­re beschäftigt. Zu­dem war er ge­genüber zwei Kin­dern un­ter­halts­pflich­tig.

Das Ar­beits­ge­richt Ber­lin wies die Kündi­gungs­schutz­kla­ge des Phar­ma­re­fe­ren­ten ab (Ur­teil vom 13.01.2016, 14 Ca 6324/15).

LAG Berlin-Brandenburg: Der vorsätzliche Verstoß gegen die Pflicht zur korrekten Arbeitszeitdokumentation kann eine fristlose Kündigung rechtfertigen

Das LAG wies die Be­ru­fung des Phar­ma­re­fe­ren­ten zurück.

Bei der Be­gründung stellt das Ge­richt zunächst klar, dass der Kläger un­strei­tig in er­heb­li­cher Wei­se ge­gen sei­ne Pflicht zur kor­rek­ten Ar­beits­zeit­do­ku­men­ta­ti­on ver­s­toßen hat­te. Dar­in al­lein sah das LAG ei­nen wich­ti­gen Grund für ei­ne außer­or­dent­li­che und frist­lo­se Kündi­gung. Auch die Abwägung der bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen ging im Streit­fall trotz der lan­gen Be­triebs­zu­gehörig­keit und der Un­ter­halts­pflich­ten des Klägers zu sei­nen Las­ten aus.

Da­bei spiel­te es für die Ent­schei­dung des LAG kei­ne Rol­le, ob der Kläger mit Täuschungs­ab­sicht ge­han­delt hat­te oder nicht. Ob das vom Kläger zu­ge­ge­be­ne Hin- und Her­schie­ben von Pra­xis­be­su­chen („Pols­ter“) ein Ar­beits­zeit­be­trug war oder nicht, ließ das Ge­richt letzt­lich of­fen.

Da­bei wies das LAG auch den Ein­wand des Klägers zurück, sei­ne Be­schat­tung durch ein De­tek­tivbüro ha­be sei­ne Persönlich­keits­rech­te ver­letzt, so dass sich der Ar­beit­ge­ber auf den De­tek­tiv­be­richt vor Ge­richt nicht ha­be stützen dürfen.

Denn der Kläger hat­te be­reits vor Aus­spruch der Kündi­gung den Kündi­gungs­sach­ver­halt, d.h. die vorsätz­lich fal­sche Do­ku­men­ta­ti­on von Ar­beits­zei­ten an zwei Ar­beits­ta­gen im Fe­bru­ar 2015, zu­ge­ge­ben und auch vor Ge­richt nicht be­strit­ten, so dass es vor Ge­richt nichts mehr zu be­wei­sen gab und mögli­che Be­weis­ver­wer­tungs­ver­bo­te kei­ne Rol­le spiel­ten.

Außer­dem hat­te das Phar­ma-Un­ter­neh­men das De­tek­tivbüro nicht ins Blaue hin­ein bzw. oh­ne sach­li­chen Grund be­auf­tragt. Da­her war der Kläger durch die Be­schat­tung in sei­nem Persönlich­keits­recht so oder so nicht ver­letzt wor­den.

Fa­zit: Bloße Schlam­pe­rei­en bei der Auf­zeich­nung von Ar­beits­zei­ten muss der Ar­beit­ge­ber zunächst ab­mah­nen, be­vor er im Wie­der­ho­lungs­fall ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung aus­spre­chen kann.

An­ders ist es aber dann, wenn ein Außen­dienst­mit­ar­bei­ter sei­ne Kun­den­be­su­che über länge­re Zeit hin­weg selbst­herr­lich nach Gutdünken „do­ku­men­tiert“, d.h. ei­ne zeit­na­he und ta­ges­ge­naue Zeit Do­ku­men­ta­ti­on gar nicht erst ver­sucht. In ei­nem sol­chen Fall kann man von ei­ner Do­ku­men­ta­ti­on nicht wirk­lich spre­chen, so dass der Ar­beit­ge­ber zur frist­lo­sen Kündi­gung be­rech­tigt ist.

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Letzte Überarbeitung: 25. Juli 2017

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