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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Arbeitslosengeld
   
Gericht: Landessozialgericht Baden-Württemberg
Akten­zeichen: L 8 AL 3082/06
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 15.09.2006
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Sozialgericht Freiburg, Urteil vom 12.05.2006, S 3 AL 2495/05
   

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg

L 8 AL 3082/06 S

3 AL 2495/05

 

Im Na­men des Vol­kes

Ur­teil

 

Der 8. Se­nat des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Ba­den-Würt­tem­berg in Stutt­gart hat oh­ne münd­li­che Ver­hand­lung am 15.09.2006 für Recht er­kannt:

Die Be­ru­fung der Kläge­rin ge­gen das Ur­teil des So­zi­al­ge­richts Frei­burg vom 12. Mai 2006 wird zurück­ge­wie­sen.

Außer­ge­richt­li­che Kos­ten sind auch im Be­ru­fungs­ver­fah­ren nicht zu er­stat­ten. Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

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Tat­be­stand

Zwi­schen den Be­tei­lig­ten ist die Höhe des Be­mes­sungs­ent­gelts zur Be­rech­nung des Ar­beits­lo­sen­gel­des strei­tig.

Die am 1970 ge­bo­re­ne Kläge­rin, die kei­nen Be­ruf er­lern­te, war zu­letzt vom 01.09.1997 bis 03.04.2005 bei der H. K. Ma­nage­ment GmbH in B. als As­sis­ten­tin der Geschäfts­lei­tung an­ge­stellt. Ih­re wöchent­li­che Ar­beits­zeit be­trug 40 St­un­den. In der Zeit von Ju­ni 1998 bis Ju­li 1999 be­trug ihr mo­nat­li­ches Brut­to­ge­halt 2.454,20 €. Im No­vem­ber 1998 er­hielt sie außer­dem ein Weih­nachts­geld in Höhe von 2.454,20 €. Bei­trags­pflich­ti­ges Ar­beits­ent­gelt wur­de der Kläge­rin bis 31.07.1999 ge­zahlt. Nach der Ge­burt ih­rer am 12.09.1999 und 03.04.2002 ge­bo­re­nen Kin­der be­zog sie vom 01.08. bis 07.11.1999 und vom 16.02. bis 29.05.2002 Mut­ter­schafts­geld, und nach dem Be­zug von Mut­ter­schafts­geld be­fand sich die Kläge­rin je­weils im Er­zie­hungs­ur­laub bzw. in El­tern­zeit bis 02.04.2005, er­hielt aber auf­grund des Ein­kom­mens ih­res Ehe­man­nes kein Er­zie­hungs­geld. Am 29.03.2005 schloss sie mit ih­rer Ar­beit­ge­be­rin ei­nen Auf­he­bungs­ver­trag. Da­nach en­de­te das Ar­beits­verhält­nis mit Ab­lauf des 03.04.2005. Der Grund für den Ab­schluss die­ser Ver­ein­ba­rung war der Um­stand, dass das Ar­beits­verhält­nis der Kläge­rin als As­sis­ten­tin der Geschäfts­leis­tung hin­sicht­lich der Ar­beits­zei­ten ein ho­hes Maß an Fle­xi­bi­lität er­for­der­te und die Kläge­rin sich im Hin­blick auf die Be­treu­ung und Er­zie­hung ih­rer bei­den Kin­der nicht mehr in der La­ge sah, ih­re Tätig­keit mit der ge­for­der­ten und er­war­te­ten Fle­xi­bi­lität fort­zu­set­zen. Von Ja­nu­ar 2000 bis min­des­tens März 2005 er­ziel­te die Kläge­rin außer­dem aus ei­ner ge­ringfügi­gen Beschäfti­gung für die Ma­nage­ment GmbH bei ei­ner wöchent­li­chen Ar­beits­zeit von 5 St­un­den ein mo­nat­li­ches Brut­to­ent­gelt in Höhe von 325,00 €. Bei die­ser Ne­bentätig­keit war sie nicht als As­sis­ten­tin der Geschäfts­lei­tung ein­ge­setzt, son­dern mit der Er­fas­sung von Da­ten be­traut. Seit 06.03.2006 ist die Kläge­rin bei der Stadt B. als Schul­se­kretärin beschäftigt.

Am 10.03.2005 mel­de­te sich die Kläge­rin mit Wir­kung zum 12.04.2005 ar­beits­los. Mit Be­scheid vom 20.04.2005 be­wil­lig­te die Be­klag­te Ar­beits­lo­sen­geld ab 12.04.2005 für 360 Ta­ge. Da­ge­gen leg­te die Kläge­rin am 12.05.2005 Wi­der­spruch ein und trug zur Be­gründung vor, mit dem für die Be­rech­nung des Ar­beits­lo­sen­gel­des zu­grun­de ge­leg­ten Be­mes­sungs­ent­gelt sei sie nicht ein­ver­stan­den. Vor ih­rer Er­zie­hungs­zeit ha­be sie ein weit­aus höhe­res Ar­beits­ent­gelt er­zielt als

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das nun zu­grun­de ge­leg­te Ar­beits­ent­gelt. Sie hal­te es da­her nicht für rechtmäßig, an­hand von Qua­li­fi­ka­ti­ons­stu­fen ein fik­ti­ves Ent­gelt zu­grun­de zu le­gen. We­gen ih­rer zwei Kin­der sei sie vier Jah­re und sechs Mo­na­te im Er­zie­hungs­ur­laub ge­we­sen. Dem­nach sei sie mehr als drei Jah­re nicht be­rufstätig ge­we­sen. Gemäß der neu­en Re­ge­lung wer­de ihr des­we­gen nicht ihr tatsäch­li­cher Ver­dienst für das Ar­beits­lo­sen­geld zu­grun­de ge­legt, son­dern sie wer­de nun in ei­ne Qua­li­fi­ka­ti­ons­stu­fe auf­grund ih­rer Aus­bil­dung ein­ge­stuft. Dies sei für sie un­be­greif­lich, denn sie ha­be es ge­schafft, sich oh­ne Ab­itur oder gar ei­nem Stu­di­um als As­sis­ten­tin der Geschäfts­lei­tung zu qua­li­fi­zie­ren. Hierfür ha­be sie sehr viel ar­bei­ten müssen und dem­ent­spre­chend ha­be sie auch mehr So­zi­al­beiträge und Steu­ern ab­geführt.

Mit Wi­der­spruchs­be­scheid vom 30.05.2005 wur­de der Wi­der­spruch der Kläge­rin zurück­ge­wie­sen. Zur Be­gründung wur­de aus­geführt, der Be­mes­sungs­rah­men um­fas­se die Zeit vom 01.04.2003 bis 11.04.2005. In die­sem Zeit­raum lägen bei der Kläge­rin kei­ne Ent­gel­tab­rech­nungs­zeiträume mit min­des­tens 150 Ta­gen vor, so dass nach § 132 So­zi­al­ge­setz­buch Drit­tes Buch (SGB III) das Be­mes­sungs­ent­gelt fik­tiv fest­zu­set­zen sei. Die Kläge­rin gehöre der Qua­li­fi­ka­ti­ons­grup­pe 3 für Fach­kräfte an. Das Be­mes­sungs­ent­gelt be­tra­ge da­her täglich 64,40 € (28.980,00 € ge­teilt durch 450). Ent­spre­chend den Ein­tra­gun­gen in der Steu­er­kar­te (Steu­er­klas­se und ge­ge­be­nen­falls Kin­der­frei­beträge) be­ste­he ein An­spruch auf Ar­beits­lo­sen­geld nach dem erhöhten Leis­tungs­satz (mit Kind) in Höhe von täglich 21,69 € (§ 129 SGB III). Ei­ne Be­mes­sung nach dem frühe­ren Ar­beits­ent­gelt der Kläge­rin las­se die ge­ge­be­ne Rechts­la­ge nicht zu.

Am 21.06.2005 er­hob die Kläge­rin Kla­ge zum So­zi­al­ge­richt Frei­burg (SG) mit dem Be­geh­ren, ihr Ar­beits­lo­sen­geld auf der Grund­la­ge ei­nes jähr­li­chen Brut­to­ent­gelts von 37.324,29 €, hilfs­wei­se Ar­beits­lo­sen­geld auf der Grund­la­ge ei­ner Ein­stu­fung in die Qua­li­fi­ka­ti­ons­grup­pe 2 gemäß § 132 Abs. 2 Satz 2 Nr. 2 SGB III zu gewähren. Zur Be­gründung mach­te sie gel­tend, ein fik­ti­ves Be­mes­sungs­ent­gelt sei nicht an­zu­wen­den, weil sie auch im Er­zie­hungs­ur­laub wei­ter­ge­ar­bei­tet ha­be, wenn auch nur ge­ringfügig. Nach § 130 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 SGB III müsse für das Be­mes­sungs­ent­gelt die Un­ter­bre­chungs­zeit außer Be­tracht blei­ben. Im Übri­gen müss­te berück­sich­tigt wer­den, dass sie ober­halb ih­rer Aus­bil­dungs­qua­li­fi­ka­ti­on be­rufstätig ge­we­sen sei.

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Mit Ur­teil vom 12.05.2006 wies das SG die Kla­ge mit der Be­gründung ab, das Be­mes­sungs­ent­gelt der Kläge­rin müsse fik­tiv be­rech­net wer­den. Die Mut­ter­schafts­pau­se könne nicht außer Be­tracht blei­ben. § 130 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 SGB III se­he dies nur vor, wenn we­gen der Be­treu­ung und Er­zie­hung ei­nes Kin­des das Ar­beits­ent­gelt oder die wöchent­li­che Ar­beits­zeit ge­min­dert wer­de. Dies gel­te nach dem Ge­set­zes­wort­laut nicht für den Fall, dass die Ar­beit ganz auf­ge­ge­ben wer­de. Denn da­mit sei die im Be­mes­sungs­ent­gelt zum Aus­druck kom­men­de Ver­knüpfung mit dem letz­ten Ar­beits­verhält­nis völlig auf­ge­ho­ben. Dies gel­te auch, wenn in ge­ringfügi­gem Um­fang wei­ter­ge­ar­bei­tet wer­de, wie dies bei der Kläge­rin ab 01.01.2000 der Fall ge­we­sen sei. Denn die ge­ringfügi­ge Er­werbstätig­keit wer­de aus dem Sys­tem der Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung völlig her­aus­ge­nom­men und wie ei­ne Nichter­werbstätig­keit be­han­delt. Das er­ge­be sich aus der Re­ge­lung der Ver­si­che­rungs­pflicht in § 27 Abs. 2 Satz 1 SGB III i.V.m. § 8 SGB IV. Die dem­nach vor­zu­neh­men­de fik­ti­ve Ein­stu­fung nach § 132 Abs. 2 SGB III ha­be die Be­klag­te kor­rekt vor­ge­nom­men. Bei die­ser Ein­stu­fung spie­le die letz­te Tätig­keit, al­so auch die Tat­sa­che, dass die Kläge­rin über ih­rer Be­rufs­qua­li­fi­ka­ti­on ge­ar­bei­tet ha­be, kei­ne Rol­le, son­dern es kom­me nur auf die Aus­bil­dung an. Die Kläge­rin ha­be da­her nicht in die Qua­li­fi­ka­ti­ons­stu­fe 2 (Fach­schul­ab­schluss) ein­ge­stuft wer­den können, weil sie den ent­spre­chen­den Be­rufs­ab­schluss nicht be­sit­ze.

Ge­gen das der Kläge­rin am 18.05.2006 zu­ge­stell­te Ur­teil hat die Kläge­rin am 19.06.2006 (Mon­tag) Be­ru­fung ein­ge­legt. Sie ver­folgt ihr Be­geh­ren wei­ter und trägt ergänzend vor, die Vor­schrift des § 130 Abs. 2 Nr. 3 SGB III müsse auch bei ei­ner ge­ringfügi­gen Beschäfti­gung ein­grei­fen, denn auch die­se sei ein Teil­zeit­ar­beits­verhält­nis und rechts­po­li­tisch erwünscht, da da­durch eben­falls die Ein­bin­dung in den Ar­beits­pro­zess während der Kin­der­be­treu­ung an­ge­strebt und er­reicht wer­de. Das Ge­setz ver­lan­ge aus­drück­lich nicht die Fortführung ei­ner ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen Beschäfti­gung. Zu­dem sei ei­gent­li­cher Ge­set­zes­zweck, auf der Grund­la­ge des Art. 6 Abs. 4 GG Nach­tei­le und Dis­kri­mi­nie­run­gen von Müttern im Zu­sam­men­hang mit dem Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld zu ver­hin­dern. Die­sem Ge­set­zes­zweck würde es zu­wi­der­lau­fen, wenn - wie vor­lie­gend - das Ar­beits­lo­sen­geld fik­tiv gemäß § 132 SGB III und so­mit ge­rin­ger be­mes­sen wer­den dürf­te.

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Die Kläge­rin stellt den An­trag,

das Ur­teil des So­zi­al­ge­richts Frei­burg vom 12. Mai 2006 auf­zu­he­ben und die Be­klag­te un­ter Abände­rung des Be­schei­des vom 20. April 2005 in der Ge­stalt des Wi­der­spruchs­be­schei­des vom 30. Mai 2005 zu ver­ur­tei­len, ihr vom 12. April 2005 bis 5. März 2006 höhe­res Ar­beits­lo­sen­geld nach ei­nem Be­mes­sungs­ent­gelt von 37.324,29 € jähr­lich zu gewähren.

Die Be­klag­te be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Sie hält das an­ge­foch­te­ne Ur­teil für zu­tref­fend.

Die Be­tei­lig­ten ha­ben ihr Ein­verständ­nis zu ei­ner Ent­schei­dung oh­ne münd­li­che Ver­hand­lung erklärt.

We­gen wei­te­rer Ein­zel­hei­ten des Sach­ver­halts und des Vor­brin­gens der Be­tei­lig­ten wird auf den In­halt der Ver­wal­tungs­ak­ten der Be­klag­ten, der Ak­ten des SG Frei­burg und der Se­nats­ak­ten Be­zug ge­nom­men.

 

Ent­schei­dungs­gründe

Die gemäß § 151 So­zi­al­ge­richts­ge­setz (SGG) form- und frist­ge­recht ein­ge­leg­te Be­ru­fung der Kläge­rin, über die der Se­nat mit dem Ein­verständ­nis der Be­tei­lig­ten gemäß § 124 Abs. 2 SGG oh­ne münd­li­che Ver­hand­lung ent­schei­det, ist gemäß §§ 143, 144 SGG zulässig, in der Sa­che je­doch nicht be­gründet.

Zu Recht hat das SG mit dem an­ge­foch­te­nen Ur­teil vom 12.05.2006 die Kla­ge ab­ge­wie­sen, da

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Kläge­rin steht ein An­spruch auf Zu­grun­de­le­gung ei­nes Be­mes­sungs­ent­gelts von 37.324,29 €, was dem Brut­to­ar­beits­ent­gelt aus dem Zeit­raum vom Ju­li 1999 bis Ju­ni 1998 ent­spricht, nicht zu. Denn die­ser Ab­rech­nungs­zeit­raum von Ju­ni 1998 bis Ju­li 1999 liegt mehr als vier Jah­re für das ab April 2005 zu gewähren­de Ar­beits­lo­sen­geld zurück und kann nicht berück­sich­tigt wer­den.

Das Ar­beits­lo­sen­geld beträgt nach § 129 SGB III für Ar­beits­lo­se, die min­des­tens ein Kind ha­ben, 67 Pro­zent des pau­scha­lier­ten Net­to­ent­gelts (Leis­tungs­ent­gelt), das sich aus dem Brut­to­ent­gelt er­gibt, das der Ar­beits­lo­se im Be­mes­sungs­zeit­raum er­zielt hat (Be­mes­sungs­ent­gelt). Der Be­mes­sungs­zeit­raum um­fasst nach § 130 Abs. 1 SGB III in der ab 01.01.2005 gel­ten­den Fas­sung des Art. 1 Nr. 71 des Ge­set­zes vom 23.12.2003 (BGBl I S. 2848) die beim Aus­schei­den des Ar­beits­lo­sen aus dem je­wei­li­gen Beschäfti­gungs­verhält­nis ab­ge­rech­ne­ten Ent­gel­tab­rech­nungs­zeiträume der ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen Beschäfti­gun­gen im Be­mes­sungs­rah­men. Der Be­mes­sungs­rah­men um­fasst ein Jahr, er en­det mit dem letz­ten Tag des letz­ten Ver­si­che­rungs­pflicht­verhält­nis­ses (§ 130 Abs. 1 Satz 2 SGB III). Nach § 130 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 SGB III wird der Be­mes­sungs­rah­men auf zwei Jah­re er­wei­tert, wenn der Be­mes­sungs­zeit­raum we­ni­ger als 150 Ta­ge mit An­spruch auf Ar­beits­ent­gelt enthält. Kann ein Be­mes­sungs­zeit­raum von min­des­tens 150 Ta­gen mit An­spruch auf Ar­beits­ent­gelt in­ner­halb des auf zwei Jah­re er­wei­ter­ten Be­mes­sungs­rah­mens nicht fest­ge­stellt wer­den, ist als Be­mes­sungs­ent­gelt ein fik­ti­ves Ar­beits­ent­gelt zu­grun­de zu le­gen (§ 132 Abs. 1 SGB III in der ab 01.01.2005 gel­ten­den Fas­sung des Art. 1 Nr. 71 des Ge­set­zes vom 23.12.2003).

Für die Ent­schei­dung des Rechts­streits ist u.a. von Be­deu­tung, wie der Be­griff des Ver­si­che­rungs­pflicht­verhält­nis­ses in § 130 Abs. 1 S. 2 SGB III zu ver­ste­hen ist. Nach An­sicht des Se­nats ist maßge­bend die Be­griffs­be­stim­mung in § 24 SGB III. In ei­nem Ver­si­che­rungs­pflicht­verhält­nis ste­hen da­nach nicht nur Per­so­nen, die ver­si­che­rungs­pflich­tig beschäftigt iSd § 25 Abs. 1 S. 1 SGB III sind, son­dern auch Per­so­nen, die aus sons­ti­gen Gründen gemäß § 26 SGB III ver­si­che­rungs­pflich­tig sind. Der End­zeit­punkt für die Rück­rech­nung des einjähri­gen Be­mes­sungs­rah­mens ist da­her im vor­lie­gen­den Fall der 02.04.2005. An die­sem Tag en­de­te die sich aus § 26 Abs. 2a SGB III er­ge­ben­de Ver­si­che­rungs­pflicht der Kläge­rin we­gen der Er­zie­hung ei­nes Kin­des, wel­ches das drit­te Le­bens­jahr noch nicht voll­endet hat. In dem da­nach gel­ten­den Be­mes­sungs­rah­men vom 03.04.2004 bis 02.04.2005 hat die Kläge­rin je­doch kei­ne ver­si­che­rungs­pflich­ti­ge Beschäfti­gung aus­geübt, so­dass kei­ne aus ei­nem Beschäfti­gungs­verhält­nis ab­ge­rech­ne­ten Ent­e­gel­tab­rech­nungs­zeiträume vor­lie­gen und da­mit

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auch kei­ne 150 Ta­ge mit An­spruch auf Ar­beits­ent­gelt. Da­mit er­wei­tert sich der Be­mes­sungs­rah­men gemäß § 130 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 SGB III um ein Jahr auf den Zeit­raum vom 03.04.2003 bis zum 02.04.2005. Auch die­ser er­wei­ter­te Be­mes­sungs­rah­men enthält kei­ne 150 Ta­ge mit An­spruch auf Ar­beits­ent­gelt. Die Be­klag­te hat des­halb der Be­mes­sung des Ar­beits­lo­sen­gel­des zu Recht ein fik­ti­ves Ar­beits­ent­gelt zu­grun­de ge­legt.

Der An­sicht der Kläge­rin, dass der Be­mes­sungs­rah­men um die Zei­ten ih­res Er­zie­hungs­ur­laubs, bzw. der Zei­ten, in de­nen sie Er­zie­hungs­geld nur we­gen der Berück­sich­ti­gung von Ein­kom­men nicht be­zo­gen hat (§ 130 Abs. 2 S. 1 Nr. 3 SGB III), er­wei­tert wer­den muss, ver­mag sich der Se­nat nicht an­zu­sch­ließen. Die­se Zei­ten blei­ben nach § 130 Abs. 2 S. 1 SGB III nur bei der Er­mitt­lung des Be­mes­sungs­zeit­raums, nicht aber bei der Er­mitt­lung des Be­mes­sungs­rah­mens außer Be­tracht. Die­se Zei­ten sind kei­ne sog Auf­schub­zei­ten, die zu ei­ner Er­wei­te­rung des Be­mes­sungs­rah­mens führen. Viel­mehr soll durch das Außer-Acht-Las­sen die­ser Zei­ten ver­hin­dert wer­den, dass ein ge­rin­ges Ent­gelt aus aty­pi­schen Beschäfti­gungs­verhält­nis­sen in­ner­halb des Be­mes­sungs­rah­mens zu ei­nem ge­rin­ge­ren Be­mes­sungs­ent­gelt führt.

Un­abhängig da­von lie­gen Zei­ten i.S.v. § 130 Abs. 2 S. 1 SGB III bei der Kläge­rin gar nicht vor. Da der Be­mes­sungs­zeit­raum nach § 130 Abs. 1 S. 1 SGB III nur Zei­ten ei­ner ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen Beschäfti­gung um­fasst, muss es sich bei den Zei­ten, die bei der Er­mitt­lung des Be­mes­sungs­zeit­raums - aus­nahms­wei­se - außer Be­tracht blei­ben, um Zei­ten han­deln, die oh­ne die Re­ge­lung in § 130 Abs. 2 SGB III bei der Er­mitt­lung des Be­mes­sungs­zeit­raums zu berück­sich­ti­gen wären, al­so um Zei­ten ei­ner ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen Beschäfti­gung. § 130 Abs. 2 SGB III trifft da­mit Son­der­re­ge­lun­gen für Zei­ten, in de­nen der Ar­beits­lo­se ver­si­che­rungs­pflich­tig beschäftigt war, je­doch aus un­ter­schied­li­chen Gründen ein ge­rin­ge­res Ent­gelt er­zielt hat, das bei nach­fol­gen­der Ar­beits­lo­sig­keit nicht der Er­mitt­lung des Be­mes­sungs­ent­gelts für das Ar­beits­lo­sen­geld zu­grun­de ge­legt wer­den soll. Die Kläge­rin stand zwar auch in der Zeit vom 03.04.2003 bis zum 03.04.2005 in ei­nem Ar­beits­verhält­nis bei ih­rer frühe­ren Ar­beit­ge­be­rin, aber nicht in ei­nem ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen Beschäfti­gungs­verhält­nis. Bei der von der Kläge­rin aus­geübten Tätig­keit im Be­reich der Da­ten­er­fas­sung han­del­te es um ei­ne ge­ringfügi­ge und da­mit ver­si­che­rungs­freie Beschäfti­gung (§ 27 Abs. 2 S. 1 SGB III iVm § 8 Abs. 1 Nr. 1 SGB IV).

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Für die Fest­set­zung des fik­ti­ven Ar­beits­ent­gelts ist der Ar­beits­lo­se der Qua­li­fi­ka­ti­ons­grup­pe zu­zu­ord­nen, die der be­ruf­li­chen Qua­li­fi­ka­ti­on ent­spricht, die für die Beschäfti­gung er­for­der­lich ist, auf die die Agen­tur für Ar­beit die Ver­mitt­lungs­bemühun­gen für den Ar­beits­lo­sen in ers­ter Li­nie zu er­stre­cken hat (§ 132 Abs. 2 S. 1 SGB III). Da­bei ist zu­grun­de zu le­gen für Beschäfti­gun­gen, die ei­nen Fach­schul­ab­schluss, den Nach­weis über ei­ne ab­ge­schlos­se­ne Qua­li­fi­ka­ti­on als Meis­ter oder ei­nen Ab­schluss in ei­ner ver­gleich­ba­ren Ein­rich­tung er­for­dern (Qua­li­fi­ka­ti­ons­stu­fe 2), ein Ar­beits­ent­gelt in Höhe von ei­nem Drei­hun­dert­sech­zig­s­tel der Be­zugs­größe und für sol­che Beschäfti­gun­gen, die ei­ne ab­ge­schlos­se­ne Be­rufs­aus­bil­dung in ei­nem Aus­bil­dungs­be­ruf er­for­dern (Qua­li­fi­ka­ti­ons­grup­pe 3), ein Ar­beits­ent­gelt in Höhe von ei­nem Vier­hun­dertfünf­zig­s­tel der Be­zugs­größe (§ 132 Abs. 2 S. 2 Nr. 2 und 2 SGB III).

Die von der Be­klag­ten vor­ge­nom­me­ne Zu­ord­nung in die Qua­li­fi­ka­ti­ons­stu­fe 3 ist nach An­sicht des Se­nats nicht zu be­an­stan­den. Die Kläge­rin hat kei­nen Be­ruf er­lernt und wäre da­her, gin­ge es al­lein nach der for­ma­len Be­rufs­aus­bil­dung, so­gar nur der Qua­li­fi­ka­ti­ons­stu­fe 4 (§ 132 Abs. 2 S. 2 Nr. 4 SGB III) zu­zu­ord­nen. Die Be­klag­te hat dem Um­stand, dass die Kläge­rin zu­letzt als As­sis­ten­tin der Geschäfts­lei­tung ei­ne an­spruchs­vol­le Tätig­keit ver­rich­tet hat, durch ei­ne Zu­ord­nung in die Qua­li­fi­ka­ti­ons­stu­fe 3 Rech­nung ge­tra­gen. Ei­ne höhe­re Ein­stu­fung kommt nicht in Be­tracht, da die Tätig­keit der Kläge­rin als As­sis­ten­tin der Geschäfts­lei­tung nicht nur durch be­son­de­re Kennt­nis­se, son­dern auch durch ein be­son­de­res Ver­trau­ens­verhält­nis zur kon­kre­ten Geschäfts­lei­tung ge­kenn­zeich­net war. Im Übri­gen hat die Kläge­rin beim Ab­schluss ih­res Auf­he­bungs­ver­tra­ges ein­geräumt, dass sie nicht mehr so fle­xi­bel ist wie früher, so­dass ei­ne Ver­mitt­lung als As­sis­ten­tin der Geschäfts­lei­tung oder in ver­gleich­ba­re Po­si­tio­nen von vorn­her­ein aus­schied.

Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 193 SGG.

Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen. Die Fra­ge, wie der Be­griff des Ver­si­che­rungs­pflicht­verhält­nis­ses in § 130 Abs. 1 S. 2 SGB III zu ver­ste­hen ist und wie der Be­mes­sungs­rah­men bei Vor­lie­gen von Zei­ten der Kin­der­er­zie­hung (§ 26 Abs. 2a SGB III) zu be­stim­men ist, hat grundsätz­li­che Be­deu­tung.

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