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Streik kann auch in dia­ko­ni­schen Ein­rich­tun­gen zu­läs­sig sein

Wen­den kirch­li­che Ar­beit­ge­ber Ta­rif­ver­trä­ge an, kön­nen sie auch be­streikt wer­den: Ar­beits­ge­richt Ham­burg, Ur­teil vom 01.09.2010, 28 Ca 105/10
16.12.2010. Mit Streiks wol­len Ar­beit­neh­mer den be­streik­ten Ar­beit­ge­ber oder den hin­ter ihm ste­hen­den Ar­beit­ge­ber­ver­band zu ta­rif­li­chen Zu­ge­ständ­nis­sen be­we­gen. Die­se Ziel­set­zung von Streiks er­gibt kei­nen rech­ten Sinn, wenn kirch­li­che Ar­beit­ge­ber be­streikt wer­den, die sich bei der Aus­ge­stal­tung der Rechts­be­zie­hun­gen zu ih­ren Ar­beit­neh­mern für Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en (AVR) (sog. drit­ter Weg) und nicht für Ta­rif­ver­trä­ge (sog. zwei­ter Weg) ent­schie­den ha­ben. Al­ler­dings könn­ten Streiks dann zu­läs­sig sein, wenn kirch­li­che Ein­rich­tun­gen be­streikt wer­den, die Ta­rif­ver­trä­ge an­wen­den.

Ob hier die Ta­rif­au­to­no­mie oder aber das grund­ge­setz­lich ge­schütz­te kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht den Vor­rang hat, hat vor kur­zem das Ar­beits­ge­richt Ham­burg ent­schie­den: Ar­beits­ge­richt Ham­burg, Ur­teil vom 01.09.2010, 28 Ca 105/10.

Streikfreiheit und kirchliches Selbstbestimmungsrecht

Streiks die­nen dem Ziel, durch ge­mein­sa­me Ar­beits­nie­der­le­gung den be­streik­ten Ar­beit­ge­ber oder den hin­ter ihm ste­hen­den Ar­beit­ge­ber­ver­band zu ta­rif­li­chen Zu­geständ­nis­sen zu be­we­gen. Streiks sind da­her in Deutsch­land (an­ders als in an­de­ren Ländern) nur un­ter be­stimm­ten Umständen er­laubt, nämlich als Mit­tel zum Zweck der ta­rif­ver­trag­li­chen Ei­ni­gung. In die­sem Um­fang sind sie an­de­rer­seits aber auch grund­recht­lich ab­ge­si­chert, und zwar als Teil­as­pekt der in Art. 9 Abs. 3 Grund­ge­setz (GG) ga­ran­tier­ten Ko­ali­ti­ons­frei­heit. Sie gewährt Ge­werk­schaf­ten und Ar­beit­ge­ber­verbänden das Recht, die „Ar­beits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen“ frei von staat­li­cher Ein­fluss­nah­me zu re­geln. Und da die Ar­beit­ge­ber­sei­te die Ge­werk­schaf­ten oh­ne die recht­li­che Möglich­keit des Streiks nicht als ei­nen gleich­ge­wich­ti­gen Ver­hand­lungs­part­ner ernst­neh­men würde, ist auch die Streik­frei­heit im Rah­men von Ta­rif­ver­hand­lun­gen als Teil des Ko­ali­ti­ons­grund­rechts von Art. 9 Abs. 3 GG mit geschützt.

Die­se ju­ris­ti­sche Be­gründung des Streiks­rechts aus dem Ko­ali­ti­ons­grund­recht der Ar­beit­neh­mer bzw. aus der Ta­rif­ver­trags­frei­heit hat die Kon­se­quenz, dass Ar­beit­neh­mer nicht ein­fach strei­ken dürfen, wann im­mer sie wol­len. Streiks sind recht­lich nur zulässig, wenn ei­ne Ge­werk­schaft zum Streik auf­ge­ru­fen hat, und zwar im Rah­men ei­nes Ta­rif­kon­flikts, denn das Ziel des Streiks muss im­mer ei­ne Ta­rif­ei­ni­gung sein. Außer­dem muss das von der Ge­werk­schaft ver­folg­te Ta­rif­ziel zulässig sein, die aus bis­he­ri­gen Ta­rif­verträgen fol­gen­de Frie­dens­pflicht darf nicht mehr be­ste­hen und die Ge­werk­schaft muss vor ei­nem Streik zu­min­dest ein­mal oh­ne Er­folg mit der Ge­gen­sei­te ver­han­delt ha­ben, d.h. ein Streik darf nicht "vom Zaun ge­bro­chen" wer­den. Sch­ließlich dürfen Streiks nicht im Ein­zel­fall „un­verhält­nismäßig“ sein.

Zu den o.g. Schran­ken des Streik­rechts gehört mögli­cher­wei­se auch, dass kirch­li­che Ein­rich­tun­gen ganz all­ge­mein nicht be­streikt wer­den dürfen. Dies je­den­falls ist die Sicht der Kir­chen, die da­zu auf ihr kirch­li­ches Selbst­be­stim­mungs­recht po­chen. Mit die­sem Recht soll es un­ver­ein­bar sein, wenn Kir­chen bzw. ih­re Ein­rich­tun­gen von Ge­werk­schaf­ten be­streikt wer­den dürf­ten. Da­zu kann man auf Art. 140 GG in Verb. mit Art. 137 Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung (WRV) ver­wei­sen. Die­se Grund­rech­te se­hen vor, dass Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten ih­re An­ge­le­gen­hei­ten selbständig ord­nen und ih­re Ämter oh­ne Mit­wir­kung des Staa­tes ver­lei­hen. Auf­grund die­ser Ver­fas­sungs­be­stim­mun­gen können die Kir­chen in Deutsch­land selbst ent­schei­den, ob sie die Rechts­be­zie­hun­gen zu ih­ren Ar­beit­neh­mern

  • ein­sei­tig durch kirch­li­che Wei­sun­gen (sog. „ers­ter Weg“) re­geln wol­len oder
  • durch (ech­te) Ta­rif­verträge, die mit Ge­werk­schaf­ten aus­ge­han­delt wer­den („zwei­ter Weg“) oder schließlich
  • durch Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en (AVR), die ähn­li­che Re­ge­lun­gen wie Ta­rif­verträge ent­hal­ten, aber von in­ner­kirch­li­chen Kom­mis­sio­nen oh­ne Ge­werk­schafts­be­tei­li­gung ge­schaf­fen wer­den („drit­ter Weg“).

Die Kir­chen in Deutsch­land leh­nen zwar den „ers­ten Weg“ all­ge­mein ab, sind aber bei der Wahl zwi­schen dem zwei­ten und dem drit­ten Weg nicht so klar fest­ge­legt. Zwar re­geln die Ein­rich­tun­gen der ka­tho­li­schen Kir­che und der (ka­tho­li­schen) Ca­ri­tas so­wie die meis­ten evan­ge­li­schen Lan­des­kir­chen und ih­re Dia­ko­ni­schen Wer­ke die Ar­beits­be­din­gun­gen durch Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en (AVR) und prak­ti­zie­ren da­mit den drit­ten Weg. Al­ler­dings schert hier ei­ne Min­der­heit von evan­ge­li­schen Lan­des­kir­chen bzw. Dia­ko­ni­schen Wer­ken aus, in­dem sie Ta­rif­verträge an­wen­den. Die­se Ta­rif­verträge ha­ben sie wie ganz „nor­ma­le“ Ar­beit­ge­ber mit Ge­werk­schaf­ten ab­ge­schlos­sen.

Vor die­sem recht­li­chen Hin­ter­grund sind Streiks ge­genüber kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen nach der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung je­den­falls dann un­zulässig, wenn (!) sich die­se Ein­rich­tun­gen für den drit­ten Weg ent­schie­den ha­ben und dem­gemäß AVR an­wen­den (so Ar­beits­ge­richt Bie­le­feld, Ur­teil vom 03.03.2010, 3 Ca 2958/09 - Rn.101). Denn Streiks hätten kei­nen Sinn, wenn Ta­rif­verträge oh­ne­hin auf­grund der Wahl des drit­ten Wegs aus­ge­schlos­sen sind. Recht­lich bis­her nicht klar ent­schie­den und da­her um­strit­ten ist aber die Fra­ge, ob die Ge­werk­schaf­ten kirch­li­che Ein­rich­tun­gen auch dann nicht be­strei­ken dürfen, wenn sich die be­streik­te kirch­li­che Ein­rich­tung für den zwei­ten Weg bzw. für die An­wen­dung von Ta­rif­verträgen ent­schie­den hat. Zu die­ser Fra­ge muss­te vor kur­zem das Ar­beits­ge­richt Ham­burg Stel­lung neh­men (Ur­teil vom 01.09.2010, 28 Ca 105/10).

Der Fall des Arbeitsgerichts Hamburg: Streiks im "Weinberg des Herrn"

In Nordeutsch­land ver­tritt der "Ver­band kirch­li­cher und dia­ko­ni­scher An­stel­lungs­träger Nord­el­bi­en (VK­DA-NEK)" die ar­beits­recht­li­chen In­ter­es­sen der in ihm or­ga­ni­sier­ten zur evan­ge­li­schen Kir­che gehören­den Ar­beit­ge­ber. Da die im VK­DA-NEK or­ga­ni­sier­ten Ar­beit­ge­ber den zwei­ten Weg prak­ti­zie­ren, gehört es zu den Auf­ga­ben des Ver­ban­des, durch Ta­rif­verträge ein­heit­li­che Ar­beits­be­din­gun­gen in der nord­el­bi­schen Lan­des­kir­che und ih­rer Dia­ko­nie zu fördern. Mit­glie­der des VK­DA-NEK sind ne­ben der ver­fass­ten Kir­che die lan­des­kirch­li­chen Dia­ko­ni­schen Wer­ke.

Die Ärz­te­ge­werk­schaft Mar­bur­ger Bund (MB) ver­han­del­te seit 2007 mit dem VK­DA-NEK über ei­nen Ärz­te­ta­rif­ver­trag. Nach­dem man da­mit über Jah­re hin­weg nicht vor­an­kam, or­ga­ni­sier­te der MB im Au­gust 2009 ei­nen Warn­streik.

Der VK­DA-NEK zog dar­auf­hin vor Ge­richt und ver­klag­te den MB auf Un­ter­las­sung von Streiks. Zur Be­gründung ar­gu­men­tier­te der VK­DA-NEK, dass der in den Mit­glieds­ein­rich­tun­gen prak­ti­zier­te christ­li­che Dienst am Nächs­ten nicht zum Zwe­cke der kampf­wei­sen Durch­set­zung ge­werk­schaft­li­cher For­de­run­gen aus­ge­setzt wer­den könne. Denn der Ge­dan­ke der christ­li­chen Dienst­ge­mein­schaft, so der VK­DA-NEK, prägt die Ar­beit in den Ein­rich­tun­gen sei­ner Mit­glie­der. Al­le ar­bei­te­ten ge­mein­schaft­lich „im Wein­berg des Herrn“.

Arbeitsgericht Hamburg: Wenden kirchliche Einrichtungen Tarifverträge an, dürfen sie auch bestreikt werden

Das Ar­beits­ge­richt Ham­burg ent­schied zu­guns­ten der Ärz­te­ge­werk­schaft und wies die Kla­ge ab. Denn das Streik­recht der Ge­werk­schaft, so das Ge­richt, war im vor­lie­gen­den Streit­fall höher zu be­wer­ten als das Selbst­be­stim­mungs­recht der Kir­chen bzw. des VK­DA-NEK und sei­ner Ein­rich­tun­gen.

Zur Be­gründung ver­weist das Ar­beits­ge­richt im We­sent­li­chen dar­auf, dass es hier um die Rechtmäßig­keit ei­nes Streiks ging, von dem kirch­li­che Ein­rich­tun­gen be­trof­fen wa­ren, die sich für das Re­ge­lungs­in­stru­ment des Ta­rif­ver­trags und da­mit für den zwei­ten Weg ent­schie­den hat­ten. Mit die­ser Grund­ent­schei­dung ak­zep­tier­ten der VK­DA-NEK bzw. sei­ne Ein­rich­tun­gen das Ta­rif­ver­trags­sys­tem. Die­ses aber ist, so das Ar­beits­ge­richt Ham­burg, „grundsätz­lich ge­prägt vom Ar­beits­kampf“. Außer­dem können sich im Rah­men des Ta­rif­sys­tems bei­de Ta­rif­par­tei­en auf Art. 9 Abs. 3 GG bzw. auf die Ko­ali­ti­ons­frei­heit und die Ta­rif­au­to­no­mie be­ru­fen. Mit der Ent­schei­dung für den zwei­ten Weg nah­men der VK­DA-NEK und sei­ne Ein­rich­tun­gen dem­zu­fol­ge auch Grund­rech­te in An­spruch, die sie sonst, d.h. bei An­wen­dung des drit­ten Wegs, nicht hätten. Dass der VK­DA-NEK aus re­li­giösen Gründen frei­wil­lig auf ei­nen Teil der Ko­ali­ti­ons­frei­heit ver­zich­te­te, in­dem er Aus­sper­run­gen als Ar­beit­ge­ber-Kampf­maßnah­me ab­lehn­te, hat nach An­sicht des Ar­beits­ge­richts nicht zur Fol­ge, dass die Ar­beit­neh­mer­sei­te ih­rer­seits kein Streik­recht hätte.

Auch die Be­ru­fung auf das Sch­lich­tungs­ver­fah­ren, das der VK­DA-NEK der Ge­werks­haft an­ge­bo­ten hat­te, über­zeug­te das Ar­beits­ge­richt Ham­burg nicht. Denn ein durch Zwangs­sch­lich­tung er­ziel­ter Ta­rif­ver­trag ist auf­grund der star­ken Rol­le des Sch­lich­ters nicht mit ei­nem frei und da­mit un­ter Ein­schluss von Streik­dro­hun­gen ver­ein­bar­ten Ta­rif­ver­trag gleich­zu­stel­len.

Fa­zit: Im Er­geb­nis ist dem Ar­beits­ge­richt Ham­burg zu­zu­stim­men. Bei der Re­ge­lung von Ar­beits­be­zie­hun­gen geht es nicht nur und auch nicht in ers­ter Li­nie um re­li­giöse Fra­gen, son­dern primär um welt­li­che Din­ge. Hier ha­ben kirch­li­che Ein­rich­tun­gen die freie Wahl, wel­che Art der recht­li­chen Re­gu­lie­rung sie an­wen­den wol­len. Ent­schei­den sie sich frei­wil­lig für das Ta­rif­ver­trags­sys­tem, wäre es wi­dersprüchlich, sich Streik­maßnah­men ge­ne­rell zu ver­bit­ten. Wenn das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ham­burg im wei­te­ren In­stan­zen­zug bestätigt wer­den soll­te, steht fest, dass es Ge­werk­schaf­ten nicht all­ge­mein ver­bo­ten ist, die Mit­glieds­ein­rich­tun­gen ei­nes kirch­li­chen Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des zu be­strei­ken. Viel­mehr sind Ar­beitskämp­fe auch "im Wein­berg des Herrn" er­laubt, wenn sich der be­streik­te kirch­li­che Ar­beit­ge­ber sei­ner­seits für den Ta­rif­ver­trag als Re­ge­lungs­in­stru­ment bzw. für den zwei­ten Weg ent­schie­den hat. Sieht ein Grund­la­gen­ta­rif­ver­trag vor, dass Ar­beitskämp­fe ge­ne­rell un­zulässig sind, muss dem die Ge­werk­schaft erst ein­mal zu­stim­men, d.h. bis zu ei­ner sol­chen Zu­stim­mung sind Streiks nicht all­ge­mein aus­ge­schlos­sen.

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Letzte Überarbeitung: 30. September 2015

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