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Ar­beits­recht­li­cher Son­der­weg der Kir­chen bleibt

Ver­fas­sungs­be­schwer­de der Ge­werk­schaft ver.di we­gen Streik­rechts­be­schrän­kun­gen im Kir­chen­ar­beits­recht schei­tert: Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Be­schluss vom 15.07.2015, 2 BVR 2292/13

09.09.2015. En­de 2012 hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­nem Grund­satz­ur­teil zum Streik­recht in kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen fest­ge­schrie­ben, dass das Kir­chen­ar­beits­recht nach wie vor Ta­rif­ver­trä­ge ver­mei­den kann (sog. drit­ter Weg) und dass da­her Streiks ge­gen kirch­li­che Ar­beit­ge­ber, die dem drit­ten Weg fol­gen, ver­bo­ten blei­ben (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/360 Streiks in kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen auch bei An­wen­dung des drit­ten Wegs)..

Al­ler­dings gilt das Streik­ver­bot im Kir­chen­ar­beits­recht nur, wenn die Ge­werk­schaf­ten stär­ker als bis­her in die kir­chen­in­ter­ne Fort­schrei­bung von Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en (AVR) ein­ge­bun­den sind. Dar­auf­hin ha­ben die Kir­chen "nach­ge­bes­sert" und den Ge­werk­schaf­ten ei­ne stär­ke­re Po­si­ti­on in ih­ren Ar­beits­ver­trags­kom­mis­sio­nen ein­ge­räumt.

Der Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft Ver.di war das zu we­nig, sie for­dert nach wie vor ein Streik­recht in kirch­li­che Ein­rich­tun­gen. Da­her leg­te sie Ver­fas­sungs­be­schwer­de ge­gen das o.g. BAG-Ur­teil ein. Da­mit ist vor kur­zem ge­schei­tert: BVerfG, Be­schluss vom 15.07.2015, 2 BVR 2292/13.

Dauerstreit zwischen Kirche und Gewerkschaften: Streikfreiheit vs. kirchliches Selbstbestimmungsrecht

Die in Art. 9 Abs. 3 Grund­ge­setz (GG) ga­ran­tier­te Ko­ali­ti­ons­frei­heit gibt Ge­werk­schaf­ten das Recht, die „Ar­beits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen“ frei von staat­li­cher Ein­fluss­nah­me zu re­geln. Und da Ta­rif­ver­hand­lun­gen oh­ne Streiks nicht funk­tio­nie­ren, ist auch die Streik­frei­heit durch das Ko­ali­ti­ons­grund­recht geschützt.

Was den Ge­werk­schaf­ten das Ko­ali­ti­ons­grund­recht ist, ist den Kir­chen ihr Selbst­be­stim­mungs­recht gemäß Art.140 GG in Ver­bin­dung mit Art.137 Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung (WRV). Die­se Vor­schrif­ten er­lau­ben es den Kir­chen, ih­re An­ge­le­gen­hei­ten selbst zu re­geln.  

Das kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht um­fasst auch das Recht zu ent­schei­den, ob die Rechts­be­zie­hun­gen zwi­schen Kir­che und Ar­beit­neh­mern

  • ein­sei­tig durch kirch­li­che Wei­sun­gen ge­re­gelt wer­den soll (sog. „ers­ter Weg“), oder ob
  • hier Ta­rif­verträge an­ge­wandt wer­den sol­len („zwei­ter Weg“), oder ob
  • hier Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en (AVR) gel­ten sol­len, die ähn­li­che Re­ge­lun­gen wie Ta­rif­verträge ent­hal­ten, aber von in­ner­kirch­li­chen Kom­mis­sio­nen oh­ne Ge­werk­schafts­be­tei­li­gung ge­schaf­fen wer­den („drit­ter Weg“).

Die ka­tho­li­schen Kir­che und die meis­ten evan­ge­li­schen Lan­des­kir­chen ha­ben sich für den drit­ten Weg ent­schie­den, d.h. sie und ih­re ka­ri­ta­ti­ven Ein­rich­tun­gen (Ca­ri­tas, Dia­ko­nie) wen­den AVR an. Da AVR nicht wie Ta­rif­verträge mit den Ge­werk­schaf­ten aus­ge­han­delt, son­dern von in­ner­kirch­li­chen Kom­mis­sio­nen fest­ge­schrie­ben wer­den, schließen sich Streik­recht und drit­ter Weg nach An­sicht der Kir­chen ge­gen­sei­tig aus.

Die­se Po­si­ti­on hat das BAG in sei­ner o.g. Grund­satz­ent­schei­dung vom No­vem­ber 2012 zwar ab­ge­seg­net, aber von ei­ni­gen Be­din­gun­gen abhängig ge­macht, die kirch­li­che Ar­beit­ge­ber zu­vor erfüllen müssen. Sie können sich letzt­lich vom Streik­recht frei­kau­fen, wenn sie die Ge­werk­schaf­ten stärker in die Ar­beit ih­rer ar­beits­recht­li­chen Kom­mis­sio­nen ein­bin­den (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/360 Streiks in kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen auch bei An­wen­dung des drit­ten Wegs).

Das Grundsatzurteil des BAG vom 20.11.2012: Streiks gegen kirchlichen Arbeitgeber sind auch bei Anwendung des dritten Wegs nicht immer unzulässig

Im Streit­fall hat­ten die Evan­ge­li­sche Kir­che von West­fa­len, die Evan­ge­lisch-lu­the­ri­sche Lan­des­kir­che Han­no­vers, de­ren Dia­ko­ni­sche Wer­ke und wei­te­re vier dia­ko­ni­sche Ein­rich­tun­gen so­wie ein Zu­sam­men­schluss meh­re­rer Dia­ko­ni­scher Wer­ke ge­gen die ver.di ge­klagt, weil die­se im Jahr 2009 ge­gen kirch­li­che Ein­rich­tun­gen Warn­streiks geführt hat­te.

Vor dem Ar­beits­ge­richt Bie­le­feld hat­te die Kla­ge der kirch­li­chen Ar­beit­ge­ber Er­folg (Ur­teil vom 03.03.2010, 3 Ca 2958/09), wo­hin­ge­gen sie vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm schei­ter­te, d.h. das LAG gab der ver.di Recht (LAG Hamm, Ur­teil vom 13.01.2011, 8 Sa 788/10).

Im Er­geb­nis schloss sich das BAG der Mei­nung des LAG Hamm an und wies die Re­vi­si­on der kirch­li­chen Kläger zurück, al­ler­dings mit ei­ner Be­gründung, die vom Streik­recht der Ge­werk­schaf­ten in kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen nicht viel übrig lässt. Denn wenn die Ge­werk­schaf­ten in das Ver­fah­ren der Ände­rung be­ste­hen­der und Schaf­fung neu­er AVR "or­ga­ni­sa­to­risch ein­ge­bun­den" wer­den und wenn dass das Ver­hand­lungs­er­geb­nis für die kirch­li­chen Ar­beit­ge­ber als Min­dest­ar­beits­be­din­gung ver­bind­lich ist, dann dürfen Ge­werk­schaf­ten kei­ne Streiks führen (BAG, Ur­teil vom 20.11.2012, 1 AZR 179/11).

Mit die­sem Ur­teil hat­te die ver.di zwar den Pro­zess ge­won­nen, doch ge­fiel ihr die Be­gründung des BAG nicht. Denn nach den Ent­schei­dungs­gründen des Ge­richts be­steht kein all­ge­mei­nes Streik­recht für die Ar­beit­neh­mer kirch­li­cher Ein­rich­tun­gen. Da­her zog die ver.di nach Karls­ru­he, um ge­gen die Be­gründung des BAG vor­zu­ge­hen.

Karlsruher Richter weisen Ver.di-Verfassungsbeschwerde zum Streikrecht in kirchlichen Einrichtungen als unzulässig zurück

Das BVerfG wies die Ver­fas­sungs­be­schwer­de als un­zulässig zurück.

Denn die ver.di war durch das Ur­teil des BAG gar nicht be­schwert, so die Ver­fas­sungs­rich­ter. Gemäß Art.93 Abs.1 Nr.4a GG und § 90 Abs.1 Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­ge­setz (BVerfGG) kann ei­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de aber nur von dem­je­ni­gen er­ho­ben wer­den, der be­haup­tet, durch ei­nen Akt der öffent­li­chen Ge­walt in sei­nen Grund­rech­ten oder grund­rechts­glei­chen Rech­ten ver­letzt zu sein. Fehlt es an ei­ner sol­chen "Be­schwer", ist ei­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zulässig.

Rich­tet sich ei­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de wie hier im Streit­fall ge­gen ei­ne ge­richt­li­che Ent­schei­dung, kann sich die Be­schwer im All­ge­mei­nen nur aus der Ur­teils­for­mel der mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de an­ge­grif­fe­nen Ent­schei­dung er­ge­ben. Die Ur­teils­for­mel (der "Te­nor") des BAG-Ur­teils vom No­vem­ber 2012 war für die ver.di aber güns­tig, denn das BAG wies ja die Re­vi­si­on der kla­gen­den Ar­beit­ge­ber ge­gen das klag­ab­wei­sen­de LAG-Ur­teil zurück, so dass die ver.di auf­grund des BAG-Ur­teils den Pro­zess in vol­lem Um­fang ge­won­nen hat­te.

Aus­nahms­wei­se kann nach der BVerfG-Recht­spre­chung ei­ne Be­schwer auch ein­mal aus den Ur­teils­gründen fol­gen, doch lag ein sol­cher Aus­nah­me­fall hier nicht vor.

Fa­zit: Der Streit um das Streik­recht in kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen ist durch das BAG-Ur­teil vom 20.11.2012 bis auf Wei­te­res ent­schie­den, doch hat das BVerfG hier­zu in der Sa­che selbst noch nichts ge­sagt. Will die ver.di die BAG-Recht­spre­chung zum Streik­ver­bot in kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen vom BVerfG über­prüfen las­sen, müss­te sie Ein­rich­tun­gen des drit­ten Wegs be­strei­ken, ob­wohl die­se Ein­rich­tun­gen die Ge­werk­schafts­rech­te gemäß dem o.g. BAG-Ur­teil seit En­de 2012 gestärkt ha­ben. Erst dann, wenn die ver.di mit Er­folg von den be­streik­ten Ar­beit­ge­bern ver­klagt wird und der ar­beits­ge­richt­li­che Rechts­weg aus­geschöpft ist, kann der Streit ums Streik­recht er­neut dem BVerfG vor­ge­legt wer­den.

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Letzte Überarbeitung: 12. April 2016

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