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Ar­beits­zeug­nis: Wer hat die Be­weis­last?

Be­weis­last bei Scha­den durch schlech­tes oder feh­len­des Ar­beits­zeug­nis: Hes­si­sches Lan­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 31.03.2009, 13 Sa 1267/08

18.09.2009. Die Er­folgs­aus­sich­ten bei der ge­richt­li­chen Durch­set­zung von Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen we­gen ei­nes Zeug­nis­scha­dens sind nicht sehr hoch.

Aus­zu­schlie­ßen sind sich je­doch auch nicht, wie ein Fall zeigt, der kürz­lich vor dem Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) ver­han­delt wur­de, Hes­si­sches LAG, Ur­teil vom 31.03.2009, 13 Sa 1267/08.

Schadensersatz bei unzureichender Zeugniserteilung

Er­teilt der Ar­beit­ge­ber dem Ar­beit­neh­mer ent­ge­gen sei­ner ge­setz­li­chen Pflicht gemäß § 109 Ge­wer­be­ord­nung (Ge­wO) ein wahr­heits­wid­rig zu schlech­tes Zeug­nis oder kommt er mit der Zeug­nis­er­tei­lung in Ver­zug, muss er dem Ar­beit­neh­mer den da­durch ent­ste­hen­den Scha­den er­set­zen. Der Scha­den kann ins­be­son­de­re in dem Ver­dienst­aus­fall be­ste­hen, den der Ar­beit­neh­mer er­lei­det, weil er in­fol­ge des zu schlech­ten Zeug­nis­ses oder in­fol­ge der ver­späte­ten Zeug­nis­er­tei­lung ei­ne Ar­beits­stel­le nicht er­hal­ten hat. Grund­la­ge für den Scha­dens­er­satz­an­spruch ist ent­we­der ei­ne Ver­let­zung der Pflicht zur in­halt­lich kor­rek­ten Zeug­nis­er­tei­lung, d.h. § 280 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) oder der Schuld­ner­ver­zug (§ 286 BGB).

In der Pra­xis kommt es al­ler­dings sel­ten vor, dass Ex-Ar­beit­neh­mer ei­nen sol­chen Scha­dens­er­satz ver­lan­gen, und noch sel­te­ner ha­ben sie mit ei­nem sol­chen Be­geh­ren vor Ge­richt Er­folg. Ar­beit­ge­ber können sich da­her in der Re­gel bei Zeug­nis­strei­tig­kei­ten ent­spannt zurück­leh­nen. Dies liegt dar­an, dass die Be­weis­last für die Pflicht­ver­let­zung des Ar­beit­ge­bers und für den dar­aus ent­stan­de­nen Scha­den beim Ar­beit­neh­mer liegt: Er muss nämlich vor Ge­richt dar­le­gen und ggf. be­wei­sen, dass ein be­stimm­ter Ar­beit­ge­ber be­reit ge­we­sen ist, ihn zu ei­nem be­stimm­ten Ge­halt ein­zu­stel­len, dass es nicht zur Ein­stel­lung kam und dass die Nicht­ein­stel­lung die Fol­ge des feh­len­den oder man­gel­haf­ten Zeug­nis­ses war.

Im­mer­hin er­leich­tert § 252 Satz 2 BGB den Nach­weis des Ver­dienst­aus­falls, in­dem es dort heißt, dass die­ser be­reits dann als „ent­gan­gen“ an­zu­se­hen ist, wenn er nach dem gewöhn­li­chen Lauf der Din­ge oder nach den be­son­de­ren Umständen „mit Wahr­schein­lich­keit er­war­tet wer­den konn­te“. Trotz­dem ha­ben es Ar­beit­neh­mer schwer, wenn sie vor Ge­richt kon­kret be­le­gen sol­len, war­um ge­ra­de das schlech­te oder feh­len­de Zeug­nis der Grund dafür war, dass ih­nen ei­ne be­stimm­te Stel­le bzw. die mit ihr ver­bun­de­ne Vergütung ent­gan­gen ist.

Mit den Ein­zel­hei­ten der Dar­le­gungs- und Be­weis­last, die den Ex-Ar­beit­neh­mer bei ei­nem Pro­zess über ei­nen Zeug­nis­scha­den trifft, be­fass­te sich das Hes­si­sche LAG mit ei­nem Ur­teil vom 31.03.2009 (13 Sa 1267/08).

Bewerberin wird aufgrund eines unzureichenden Zeugnisses abgelehnt

Die Ar­beit­neh­me­rin war zehn Jah­re lang, vom 01.04.1998 bis zum 31.03.2007, bei dem be­klag­ten Ar­beit­ge­ber als Bank­an­ge­stell­te für zu­letzt 3.537,39 EUR brut­to im Mo­nat beschäftigt.

Die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zum 31.03.2007 war das Er­geb­nis ei­nes Kündi­gungs­schutz­pro­zes­ses, den die Par­tei­en En­de 2006 durch Ver­gleich be­en­de­ten. Dem Ver­gleich zu­fol­ge ver­pflich­te­te sich der Ar­beit­ge­ber zur Er­tei­lung ei­nes Zeug­nis­ses „mit gu­ter Leis­tungs- und Führungs­be­ur­tei­lung so­wie ei­ner Dan­kes- und Ver­ab­schie­dungs­klau­sel.“

Das vom Ar­beit­ge­ber so­dann mit Da­tum vom 31.03.2007 er­teil­te Zeug­nis be­schrieb nach An­sicht der Kläge­rin die von ihr aus­zuüben­den Tätig­kei­ten je­doch nicht aus­rei­chend und ent­sprach auch nicht der im Ver­gleich fest­ge­leg­ten Be­ur­tei­lung, wes­halb sie er­neut vor Ge­richt zog und die Be­rich­ti­gung des ihr er­teil­ten Zeug­nis­ses erstritt. Das Ar­beits­ge­richt gab ih­rer Zeug­nis­be­rich­ti­gungs­kla­ge in vol­lem Um­fang statt (Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main, Ur­teil vom 11.12.2007 8 Ca 5583/07).

Be­reits während des Zeug­nis­be­rich­ti­gungs­pro­zes­ses, nämlich mit Schrei­ben vom 14.11.2007, be­warb sich die Ar­beit­neh­me­rin bei ei­nem an­de­ren Ar­beit­ge­ber, der A GmbH, auf ei­ne Stel­le als As­sis­ten­tin der Geschäfts­lei­tung, wo­bei sie das ihr bis da­hin vor­lie­gen­de - schlech­te - Zeug­nis vor­leg­te. Der Geschäftsführer der A GmbH nahm un­ter dem Ein­druck des Zeug­nis­ses te­le­fo­nisch Kon­takt mit dem al­ten Ar­beit­ge­ber auf, um et­was über die Qua­li­fi­ka­ti­on der Ar­beit­neh­me­rin zu er­fah­ren. Bei die­ser Ge­le­gen­heit äußer­te sich der al­te Ar­beit­ge­ber nach­tei­lig über sie. Beim Geschäftsführer der A GmbH ent­stand der Ein­druck, es ha­be ei­nen Streit ge­ge­ben.

Dar­auf­hin er­hielt die Ar­beit­neh­me­rin ei­ne Ab­sa­ge der A GmbH, die in ei­nem kur­zen Schrei­ben be­gründet wur­de. Dar­in heißt es u.a.:
„Ihr Zeug­nis, ins­be­son­de­re der C in Frank­furt, zeigt lei­der ei­ne nicht aus­rei­chen­de Qua­li­fi­ka­ti­on; auf Nach­fra­ge wur­de Ih­nen nur ei­ne „Schul­no­te drei mi­nus“ er­teilt. Zu­dem wei­sen wir hin, dass das Zeug­nis er­heb­li­che Recht­schreib­feh­ler auf­weist. Un­se­re An­for­de­run­gen führ­ten so­mit zu ei­ner Ab­sa­ge. So­fern Sie ein wei­te­res qua­li­fi­zier­tes Zeug­nis vor­le­gen können, wer­den wir uns selbst­re­dend noch­mals mit ih­rer Be­wer­bung beschäfti­gen; da wir der­zeit ei­ne noch­ma­li­ge Er­wei­te­rung des Per­so­nals fo­kus­sie­ren.“

Die Ar­beit­neh­me­rin ver­lang­te da­her von ih­rem Ex-Ar­beit­ge­ber we­gen des schuld­haft zu schlecht bzw. zu spät er­teil­ten Zeug­nis­ses Scha­den­er­satz für sechs Wo­chen Ver­dienst­aus­fall in Höhe von 6.000,00 EUR. Da der Ex-Ar­beit­ge­ber nicht zah­len woll­te, ver­klag­te ihn die Ar­beit­neh­me­rin zum drit­ten Mal. Das Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main wies die Kla­ge ab, da die Ar­beit­neh­me­rin aus sei­ner Sicht nicht hat­te nach­wei­sen können, dass sie ge­ra­de we­gen des man­gel­haf­ten Zeug­nis­ses nicht ein­ge­stellt wur­de (Ur­teil vom 10.06.2008, 8 Ca 1588/08). Hier­ge­gen leg­te die Ar­beit­neh­me­rin Be­ru­fung zum Hes­si­schen LAG ein.

Hessisches LAG: Beweiserleichterungen zum Nachweis der Schadensverursachung

Das Hes­si­sches LAG hob das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Frank­furt auf und ver­ur­teil­te den be­klag­ten Ex-Ar­beit­ge­ber auf Zah­lung der strei­ti­gen 6.000,00 EUR Scha­dens­er­satz bzw. Ver­dienst­aus­fall.

Die Be­gründung stützt sich zum ei­nen auf ei­ne Be­weis­auf­nah­me vor dem LAG, in der der Geschäftsführer der A-GmbH nach den Gründen für die Ab­leh­nung der Kläge­rin be­fragt wur­de. Er erläuter­te, aus wel­chen Gründen er an der Kläge­rin in­ter­es­siert ge­we­sen war und bestätig­te noch­mals sei­ne be­reits schrift­lich ge­ge­be­ne Erklärung, dass es die schlech­te Be­wer­tung der Leis­tun­gen der Kläge­rin durch den Be­klag­ten war, die zu der Ent­schei­dung führ­te, die Kläge­rin nicht ein­zu­stel­len. Die Aus­sa­gen des Zeu­gen wur­den vom Ge­richt als glaub­haft be­wer­tet.

Vor die­sem Hin­ter­grund stützt sich das Ur­teil in recht­li­cher Hin­sicht dar­auf, dass der Ar­beit­neh­mer „zunächst nur An­halts­punk­te“ für sei­ne Be­haup­tung dar­le­gen und be­wei­sen müsse, es sei ge­ra­de we­gen der Nich­ter­tei­lung oder der Feh­ler­haf­tig­keit des Zeug­nis­ses nicht zur Ein­stel­lung ge­kom­men. Hier hält das Ge­richt „ei­ne ge­wis­se Wahr­schein­lich­keit des Ur­sa­chen­zu­sam­men­hangs“ für aus­rei­chend.

Ei­ne sol­che Wahr­schein­lich­keit ist nach An­sicht des LAG ge­ge­ben, wenn ei­ne dem Ar­beit­neh­mer er­teil­te schrift­li­che Ab­sa­ge un­ter an­de­rem mit Hin­weis auf das Zeug­nis be­gründet wird. Erst recht genügt die Wahr­schein­lich­keit ei­nes Ur­sa­chen­zu­sam­men­hangs zwi­schen schlech­tem Zeug­nis und Ver­dienst­aus­fall, so das Ge­richt, wenn der ehe­ma­li­ge Ar­beit­ge­ber das schlech­te Zeug­nis auf Nach­fra­ge des Ar­beit­ge­bers, bei dem sich der Ar­beit­neh­mer be­wor­ben hat, noch ein­mal un­ter­streicht bzw. bestätigt.

Das Fa­zit aus Ar­beit­neh­mer­sicht lau­tet, dass die ge­richt­li­che Durch­set­zung ei­nes Zeug­nis­scha­dens kei­nes­wegs aus­sichts­los ist - vor­aus­ge­setzt, der Ar­beit­neh­mer kann ei­ne schrift­li­che Erläute­rung der Ab­leh­nungs­gründe vor­le­gen, aus de­nen sich er­gibt, dass das vom Ar­beit­neh­mer vor­ge­leg­te schlech­te Zeug­nis (bzw. das Feh­len ei­nes Zeug­nis­ses) Grund für die Ab­leh­nung war. In ei­ner so kom­for­ta­blen Be­weis­si­tua­ti­on wer­den sich al­ler­dings nur we­ni­ge „Zeug­nis­geschädig­te“ be­fin­den, al­lein schon auf­grund der heu­te weit­ver­brei­te­ten Furcht vor Dis­kri­mi­nie­rungs­vorwürfen im Zu­sam­men­hang mit Neu­ein­stel­lun­gen.

Aus Ar­beit­ge­ber­sicht bestätigt die vor­lie­gen­de Ent­schei­dung des Hes­si­schen LAG noch­mals die Vor­sichts­maßre­gel, oh­ne trif­ti­gen Grund kei­ne von ei­ner durch­schnitt­li­chen Be­wer­tung (No­te drei) nach un­ten ab­wei­chen­de Be­wer­tung in ein Zeug­nis auf­zu­neh­men und nie auf te­le­fo­ni­sches Be­fra­gen durch ei­nen „Ar­beit­ge­ber­kol­le­gen“ die Leis­tun­gen des Ar­beit­neh­mers schlech­ter zu be­wer­ten als im er­teil­ten Zeug­nis be­schei­nigt. Am bes­ten hüllt sich der Ex-Ar­beit­ge­ber bei te­le­fo­ni­schen An­fra­gen zu den Leis­tun­gen sei­nes ehe­ma­li­gen Ar­beit­neh­mers in Schwei­gen und ver­weist auf das schrift­li­che Zeug­nis.

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Letzte Überarbeitung: 29. Juni 2016

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