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BAG: Kei­ne Pflicht zu Ge­spräch über Ver­trags­än­de­rung

Ar­beit­ge­ber kön­nen Ar­beit­neh­mer nicht an­wei­sen, Ge­sprä­che über Ver­trags­än­de­run­gen zu füh­ren: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 23.06.2009, 2 AZR 606/08

29.06.2009. Möch­te der Ar­beit­ge­ber vom Ar­beit­neh­mer ei­ne Ver­trags­än­de­rung, die zu­las­ten des Ar­beit­neh­mers geht, muss er mit ihm re­den.

Was aber, wenn der Ar­beit­neh­mer sol­che Ge­sprä­che nicht füh­ren will? Kann der Ar­beit­ge­ber den Ar­beit­neh­mer dann per Di­rek­ti­ons­recht da­zu an­wei­sen, an sol­chen Ge­sprä­che teil­zu­neh­men?

Nein, kann er nicht. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat ein Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Nie­der­sach­sen vom Ju­ni 2008 (Ur­teil vom 03.06.2008, 3 Sa 1041/07) be­stä­tigt, dem zu­fol­ge Ar­beit­neh­mer nicht da­zu ver­pflich­tet sind, auf Wei­sung des Ar­beit­ge­bers Ge­sprä­che über ei­ne Än­de­rung des Ar­beits­ver­trags zu füh­ren: BAG, Ur­teil vom 23.06.2009, 2 AZR 606/08.

Kann der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer die Weisung erteilen, mit ihm über Vertragsänderungen zu verhandeln?

Ar­beit­neh­mer wer­den oft zu Per­so­nal­gesprächen „ge­be­ten“, da der Ar­beit­ge­ber hofft, auf die­sem We­ge ei­ne von ihm gewünsch­te Ver­tragsände­rung durch­set­zen zu können. Recht­lich fragwürdig sind sol­che Auf­for­de­run­gen zu Ver­trags­ver­hand­lun­gen, wenn der Ar­beit­ge­ber auf sein Di­rek­ti­ons- oder Wei­sungs­recht hin­weist, d.h. auf dem Stand­punkt steht, der Ar­beit­neh­mer sei zu Gesprächen über ei­ne Ver­tragsände­rung ver­pflich­tet.

Wenn sol­che Gespräche - zu­min­dest ne­ben­her - der Durchführung des Ar­beits­verhält­nis­ses die­nen, d.h. die Auf­ga­ben des Ar­beit­neh­mers oder sein Ver­hal­ten im Be­trieb be­tref­fen, kann der Ar­beit­ge­ber vom Ar­beit­neh­mer die Teil­nah­me am Gespräch ver­lan­gen. Im­mer­hin hat er gemäß § 106 Ge­wer­be­ord­nung (Ge­wO) das Recht, In­halt, Ort und Zeit der Ar­beits­leis­tung nach sei­nem Er­mes­sen näher zu be­stim­men und auch Fra­gen der Ord­nung und des Ver­hal­tens der Ar­beit­neh­mer im Be­trieb auf die­sem We­ge, d.h. ein­sei­tig fest­zu­le­gen.

Frag­lich ist je­doch, ob das auch dann noch gilt, wenn die vom Ar­beit­ge­ber an­ge­ord­ne­te Un­ter­re­dung aus­sch­ließlich die Ver­tragsände­rung zum In­halt hat. Darüber hat­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) mit Ur­teil vom 23.06.2009 (2 AZR 606/08) zu ent­schei­den.

Im Streit: Kirchliche Einrichtung möchte mit Arbeitnehmerinnen über Lohnreduzierung reden und verlangt unter Hinweis auf das Weisungsrecht die Teilnahme an solchen Gesprächen

Die kla­gen­de Ar­beit­neh­me­rin war seit 1982 zunächst im öffent­li­chen Dienst und später auf­grund ent­spre­chen­der Verände­run­gen auf der Ar­beit­ge­ber­sei­te bei ei­ner zur Dia­ko­nie gehören­den Ein­rich­tung als Al­ten­pfle­ge­rin tätig. Auf das Ar­beits­verhält­nis war auf­grund ar­beits­ver­trag­li­cher Be­zug­nah­me der Bun­des­an­ge­stell­ten­ta­rif­ver­trag (BAT) - Bund und Länder - in der je­weils gülti­gen Fas­sung an­zu­wen­den.

En­de 2006 trat der Ar­beit­ge­ber an die Kläge­rin her­an und bat auf­grund wirt­schaft­li­cher Pro­ble­me um ihr Ein­verständ­nis zu ei­ner Ver­tragsände­rung des In­halts, dass das gemäß den BAT-Re­ge­lun­gen zu zah­len­de Weih­nachts­geld gekürzt würde. Die­sem An­sin­nen wi­der­setz­te sich die Ar­beit­neh­me­rin, die dar­auf­hin zu ei­nem of­fi­zi­el­len Per­so­nal­gespräch für den 13.11.2006 ge­la­den wur­de. Die­ses woll­te sie nicht, wie vom Ar­beit­ge­ber gewünscht, al­lein bzw. als Ein­zel­gespräch führen, son­dern nur zu­sam­men mit ih­ren eben­falls be­trof­fe­nen Kol­le­gen.

Dar­auf­hin er­teil­te ihr der Ar­beit­ge­ber ihr ei­ne Ab­mah­nung, da sie durch die Ver­wei­ge­rung des Ein­zel­gesprächs ge­gen ih­re Dienst­pflich­ten ver­s­toßen und die ar­beits­ver­trag­lich ge­schul­de­te Leis­tung ver­wei­gert ha­be.

Die Ar­beit­neh­me­rin zog vor Ge­richt und be­gehr­te die Ent­fer­nung der Ab­mah­nung aus der Per­so­nal­ak­te. Das in der ers­ten In­stanz zuständi­ge Ar­beits­ge­richt Han­no­ver wies die Kla­ge ab (Ur­teil vom 11.05.2007, 1 Ca 82/07), wo­hin­ge­gen das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Nie­der­sach­sen der Kläge­rin recht gab (Ur­teil vom 03.06.2008, 3 Sa 1041/07). Nähe­re Ein­zel­hei­ten zum Sach­ver­halt und zur Ent­schei­dung des LAG Nie­der­sach­sen fin­den Sie un­ter Ar­beits­recht ak­tu­ell: 08/091 Kei­ne Ver­trags­pflicht zum Führen von Ver­trags­ver­hand­lun­gen.

BAG: Arbeitgeber können Arbeitnehmer nicht anweisen, Gespräche über Vertragsänderungen zu führen

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt bestätig­te die Ent­schei­dung des LAG Nie­der­sach­sen, d.h. es wies die Re­vi­si­on des be­klag­ten Ar­beit­ge­bers zurück.

Zur Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mit­tei­lung des BAG, dass die Kläge­rin zur Teil­nah­me an dem Per­so­nal­gespräch vom 13.11.2006 nicht ver­pflich­tet ge­we­sen sei. Die Wei­sung des Ar­beit­ge­bers, an die­sem Gespräch teil­zu­neh­men, be­traf nämlich nach An­sicht des BAG kei­nen der von § 106 Ge­wO ge­nann­ten Ge­genstände des dem Ar­beit­ge­ber zu­ste­hen­den Wei­sungs­rechts. We­der war die Ar­beits­leis­tung der Kläge­rin noch Ord­nung oder Ver­hal­ten im Be­trieb be­trof­fen. Es ging viel­mehr aus­sch­ließlich ei­ne von der Be­klag­ten gewünsch­te Ände­rung des Ar­beits­ver­trags.

Fa­zit: Der Ar­beit­neh­mer ist frei in sei­ner Ent­schei­dung darüber, ob er ei­ner vom Ar­beit­ge­ber gewünsch­ten Ände­rung des Ar­beits­ver­trags zu­stim­men möch­te oder nicht. Die­se Frei­heit hat ei­ne zeit­li­che Vor­wir­kung, d.h. der Ar­beit­neh­mer ist auch frei in der Ent­schei­dung darüber, ob er sol­che die Ver­tragsände­rung be­tref­fen­den Gespräche mit sei­nem Ar­beit­ge­ber über­haupt führen möch­te. Ein Recht, sol­che Gespräche ein­sei­tig per Di­rek­ti­ons- bzw. Wei­sungs­recht an­zu­ord­nen, hat der Ar­beit­ge­ber nicht.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 5. November 2016

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