Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Arbeitsrecht aktuell
Jahr

Frist­lo­se Kün­di­gung we­gen Ba­ga­tell­dieb­stahls?

Ei­ni­gung auf Zah­lung ei­ner Ab­fin­dung im Kon­stan­zer Maul­ta­schen­fall: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg, 9 Sa 75/09
31.03.2010. In Ar­beits­recht ak­tu­ell 09/202 be­rich­te­ten wir über ei­ne Ent­schei­dung des Ar­beits­ge­richts Lör­rach (Ur­teil vom 16.10.2009, 4 Ca 248/09), das die frist­lo­se Kün­di­gung ei­ner lang­jäh­rig be­schäf­tig­ten Al­ten­pfle­ge­rin we­gen des Dieb­stahls von sechs Maul­ta­schen für ge­recht­fer­tigt hielt.

Die­ser Fall ge­hört zu ei­ner Rei­he von be­kannt ge­wor­de­nen (frist­lo­sen) Kün­di­gun­gen we­gen Ba­ga­tell­dieb­stäh­len, die in die Kri­tik ge­ra­ten sind.

In der Be­ru­fungs­in­stanz vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ba­den-Würt­tem­berg (9 Sa 75/09) ha­ben die Par­tei­en jetzt ei­nen Ver­gleich ge­schlos­sen und die Al­ten­pfle­ge­rin er­hält ei­ne Ab­fin­dung.

Kündigung wegen Bagatelldiebstahls

Seit dem Fall der Kas­sie­re­rin „Em­me­ly“, die ent­las­sen wur­de, weil sie ei­nen Pfand­bon im Wert von 1,30 EUR ein­ge­steckt hat­te (wir be­rich­te­ten über den Fall Em­me­ly un­ter an­de­rem in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/028 Frist­lo­se Kündi­gung we­gen 1,30 EUR bestätigt), sind so ge­nann­te „Ba­ga­tellkündi­gun­gen“ in die Kri­tik ge­ra­ten, d.h. (außer­or­dent­li­che) Kündi­gun­gen, die we­gen des Dieb­stahls von Sa­chen mit ge­rin­gen Wert aus­ge­spro­chen wer­den.

Ge­rich­te ent­schei­den hier häufig ge­gen die Ar­beit­neh­mer mit dem Ar­gu­ment, dass auch der Dieb­stahl ge­ring­wer­ti­ger Sa­chen ei­ne Straf­tat und da­mit er­heb­li­che Pflicht­ver­let­zung dar­stellt und das Ver­trau­en des Ar­beit­ge­bers in den Ar­beit­neh­mer da­durch zerstört ist.

Zu Recht sind die Ar­beits­ge­rich­te da­bei dem Vor­schlag bis­her nicht ge­folgt, der­ar­ti­gen Kündi­gun­gen durch Einführung ei­ner so ge­nann­ten Ge­ringfügig­keits­gren­ze, un­ter­halb de­rer ei­ne Kündi­gung ge­ne­rell nicht zulässig sein soll, ei­nen Rie­gel vor­zu­schie­ben.

Denn da­bei wird über­se­hen, dass die Recht­fer­ti­gung ei­ner Kündi­gung stark von den Umständen des Ein­zel­falls abhängt, und da­zu eben nicht nur der Wert ei­ner dem Ar­beit­ge­ber gehören­den und vom Ar­beit­neh­mer ge­stoh­le­nen Sa­che gehört. Pau­scha­le Aus­sa­gen, ab wann ei­nem Ar­beit­ge­ber die Wei­ter­beschäfti­gung ei­nes Ar­beit­neh­mers nicht mehr zu­zu­mu­ten sind, sind des­halb we­nig zielführend.

Al­ler­dings ten­dier­ten die Ge­rich­te bis­her oft zur um­ge­kehr­ten Pau­scha­li­sie­rung: Bei Ba­ga­tell­diebstählen wur­de die frist­lo­se Kündi­gung für wirk­sam er­ach­tet, un­abhängig da­von, wie lan­ge der Ar­beit­neh­mer schon be­an­stan­dungs­los für den Ar­beit­ge­ber tätig ge­we­sen war.

Dies er­scheint in der Tat un­verhält­nismäßig. Zu­mal sich die be­son­de­re Ver­trau­ens­po­si­ti­on des Ar­beit­neh­mers, die für die Be­rech­ti­gung ei­ner Kündi­gung we­gen ei­nes „Ba­ga­tell­dieb­stahls“ in die­sen Fällen oft her­an­ge­zo­gen wur­de, im Ge­gen­zug kaum in der durch­schnitt­li­chen Vergütung der frag­li­chen Ar­beit­neh­mer, et­wa der ei­nes Kas­sie­rers, wi­der­spie­gelt. Die­se feh­len­de In­ter­es­sen­abwägung fin­det sich in den Ent­schei­dun­gen der Ge­rich­te bei der Be­ge­hung an­de­rer nicht so gra­vie­ren­der Straf­ta­ten, et­wa Be­lei­di­gun­gen, nicht.

Zu­dem nah­men ei­ni­ge Ar­beit­ge­ber die Rechts­la­ge zum An­lass, je­de „Ver­wer­tung“ ih­res Ei­gen­tums als Dieb­stahls und da­mit frist­lo­sen Kündi­gungs­grund her­an­zu­zie­hen, ob­wohl ei­ne Straf­tat in den be­sag­ten Fällen oft schon des­halb zwei­fel­haft war, weil oh­ne aus­drück­li­che ge­gen­tei­li­ge An­wei­sung des Ar­beit­ge­bers von des­sen Ein­verständ­nis aus­ge­gan­gen wer­den konn­te, so et­wa im Fall des Ar­beit­neh­mers, der sein Han­dy im Be­trieb des Ar­beit­ge­bers auf­ge­la­den hat­te und dem der Ar­beit­ge­ber we­gen der da­durch ver­ur­sach­ten Strom­kos­ten im Cent­be­reich kündig­te (die Kündi­gung al­ler­dings später zurück­nahm), wir be­rich­te­ten über die­sen Fall in Ar­beits­recht ak­tu­ell 09/160 "Kündi­gung we­gen Han­dy­auf­la­dens zurück­ge­nom­men: Ar­beits­ge­richt Ober­hau­sen, 4 Ca 1228/09".

In der letz­ten Zeit scheint sich die Recht­spre­chung je­doch zu wan­deln. Zu­neh­mend neh­men Ge­rich­te die In­ter­es­sen­abwägung wie­der ernst und hal­ten Kündi­gun­gen we­gen ei­nes Ba­ga­tell­dieb­stahls nicht mehr oh­ne wei­te­res für wirk­sam.

Auch das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg deu­te­te jetzt an, in ei­nem Ba­ga­tell­dieb­stahls­fall zu­guns­ten der Ar­beit­neh­me­rin ent­schei­den zu wol­len, den das Ar­beits­ge­richt Lörrach noch zu­un­guns­ten des Ar­beit­neh­mers ent­schei­den hat­te (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell 09/202: Frist­lo­se Kündi­gung we­gen Dieb­stahls von sechs Maul­ta­schen).

Der Konstanzer Maultaschenfall

In dem zu­grun­de lie­gen­den Fall war ei­ner 58jähri­ge Al­ten­pfle­ge­rin, die seit En­de 1992 in dem Al­ten­heim des be­klag­ten Ar­beit­ge­bers tätig ge­we­sen war, frist­los gekündigt wor­den, weil sie sechs vom Es­sen der Be­woh­ner übrig ge­blie­be­ne Maul­ta­schen im Wert von 2 bis 3 EUR mit­ge­nom­men ha­ben soll­te, ob­wohl es bei dem Ar­beit­ge­ber das ihr be­kann­te Ver­bot gab, das übrig ge­blie­be­ne Es­sen zu ver­wer­ten.

Das Ar­beits­ge­richt Lörrach (Ur­teil vom 16.10.2009, 4 Ca 248/09) sah in dem Ver­hal­ten der Ar­beit­neh­me­rin ei­nen außer­or­dent­li­chen Kündi­gungs­grund, weil trotz des ge­rin­gen Werts der Maul­ta­schen durch den Dieb­stahl das Ver­trau­en des Ar­beit­ge­bers in die Al­ten­pfle­ge­rin zerstört sei. Ent­schei­dend für das Ge­richt war hier­bei auch, dass die Al­ten­pfle­ge­rin ver­sucht hat­te, ihr Vor­ge­hen im Nach­hin­ein zu ba­ga­tel­li­sie­ren.

Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg deutet Unwirksamkeit der Kündigung an

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg deu­te­te jetzt an, die frist­lo­se Kündi­gung für un­wirk­sam zu hal­ten, wie die Frank­fur­ter All­ge­mei­ne be­rich­tet (FAZ, 31.03.2010 „42.500 EUR Ab­fin­dung im Maul­ta­schen­fall“). Zwar sei auch der Dieb­stahl ge­ring­wer­ti­ger Sa­chen „an sich“ ein Kündi­gungs­grund, es müss­ten aber die Umstände des Ein­zel­falls um­fas­sen ge­prüft wer­den, so das Ge­richt. Das Al­ter der Kläge­rin, die lan­ge Be­triebs­zu­gehörig­keit und die Tat­sa­che, dass dem Ar­beit­ge­ber kein mess­ba­rer Scha­den ent­stan­den war, spricht nach Auf­fas­sung des LAG ge­gen die Wirk­sam­keit der Kündi­gung.

Ar­beit­ge­ber und Al­ten­pfle­ge­rin ha­ben dar­auf­hin ei­nen (wi­der­ruf­li­chen) Ver­gleich ge­schlos­sen, dem zu­fol­ge das Ar­beits­verhält­nis frist­ge­recht zum 31.12.2009 ge­en­det hat und die Al­ten­pfle­ge­rin ei­ne Ab­fin­dung in Höhe von 25.000 EUR erhält. Da der Ar­beit­ge­ber mit Aus­spruch der frist­lo­sen Kündi­gung der Al­ten­pfle­ge­rin die Beschäfti­gung ver­wei­ger­te und sich des­halb seit­dem bis zum 31.12.2009 in An­nah­me­ver­zug be­fand, zahlt er zu­dem rück­wir­kend für die­sen Zeit­raum die Vergütung in Höhe von ins­ge­samt 17.500 EUR.

Fa­zit: Zu Recht nimmt das LAG die In­ter­es­sen­abwägung ernst und deu­tet an, im Fall ei­nes Schei­terns der gütli­chen Ei­ni­gung zu­guns­ten der Al­ten­pfle­ge­rin zu ent­schei­den.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 16. September 2016

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Autorenprofil

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: berlin@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main
Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

E-Mail: frankfurt@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg
Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: hamburg@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover
Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: hannover@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln
Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

E-mail: koeln@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München
Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

Ansprechpartner:
Rechts­an­wältin Nora Schu­bert

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt

E-Mail: muenchen@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg
Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

Ansprechpartner:
Rechts­an­wältin Nora Schu­bert

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: nuernberg@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart
Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

E-Mail: stuttgart@hensche.de



 

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880