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Ur­laubs­ab­gel­tung oh­ne Be­fris­tung zum 31. De­zem­ber

Ur­laubs­ab­gel­tung bis zur Ver­jäh­rung: Ar­beit­neh­mer müs­sen Ur­laubs­ab­gel­tung nicht im Ur­laubs­jahr ver­lan­gen: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 19.06.2012, 9 AZR 652/10
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20.06.2012. Der Ur­laubs­an­spruch geht nach dem Bun­des­ur­laubs­ge­setz (BUrlG) er­satz­los un­ter, wenn der Ur­laub nicht im lau­fen­den Ka­len­der­jahr, d.h. bis zum 31. De­zem­ber ge­nom­men wur­de. Ei­ne Über­tra­gung des Ur­laubs auf die ers­ten drei Mo­na­te des Fol­ge­jah­res ist ei­ne Aus­nah­me, die nach § 7 Abs.3 BUrlG vor­aus­setzt, dass "drin­gen­de be­trieb­li­che oder in der Per­son des Ar­beit­neh­mers lie­gen­de Grün­de" dies recht­fer­ti­gen.

Aber gilt der ge­seztz­li­che Ver­fall des Ur­laubs zum 31. De­zem­ber auch für den An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung, d.h. auch dann, wenn das Ar­beits­ver­hält­nis vor dem 31. De­zem­ber be­en­det wur­de? Nach der lan­ge Jah­re be­ste­hen­den Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) lau­te­te die Ant­wort ja, denn der An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung, d.h. auf Be­zah­lung von Ur­laub, den der Ar­beit­neh­mer we­gen der Be­en­di­gung des Ar­beits­ver­hält­nis­ses nicht mehr neh­men konn­te, war nach die­ser Recht­spre­chung ein Er­satz ("Sur­ro­gat") des Ur­laubs­an­spruchs.

Aus die­ser Be­trach­tungs­wei­se, der "Sur­ro­ga­ti­ons­theo­rie", folg­te nach der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung, dass Ar­beit­neh­mer ih­re Ur­laubs­ab­gel­tung eben­so wie ih­ren Ur­laub im lau­fen­den Ur­laubs­jahr ein­for­dern muss­ten, d.h. vor dem 31. De­zem­ber. Rich­tig über­zeu­gend war die­se Par­al­le­le von Ur­laub und Ur­laubs­ab­gel­tung nie. Ges­tern hat das BAG die Sur­ro­ga­ti­ons­theo­rie of­fi­zi­ell auf­ge­ge­ben: BAG, Ur­teil vom 19.06.2012, 9 AZR 652/10.

Urlaubsabgeltung als Surrogat des Urlaubsanspruchs?

Es spricht auf den ers­ten Blick ei­ni­ges dafür, die for­ma­len bzw. ter­min­li­chen Vor­schrif­ten, die für den Ur­laub gel­ten, auch auf die Ur­laubs­ab­gel­tung an­zu­wen­den.

Denn durch die­se Gleich­be­hand­lung von Ur­laub und Ur­laubs­ab­gel­tung soll ver­hin­dert wer­den, dass sich der Ar­beit­neh­mer in­fol­ge der Be­en­di­gung sei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses bes­ser oder schlech­ter steht, als er sich stünde, wenn das Ar­beits­verhält­nis wei­ter fort­ge­setzt wor­den wäre. Vor al­lem soll der Ar­beit­neh­mer nur dann Geld für sei­nen Ur­laubs­an­spruch er­hal­ten, wenn die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses die ein­zi­ge Ur­sa­che dafür ist, dass der Ur­laub nicht in Na­tur ge­nom­men wer­den konn­te.

Die­se hin­ter der Sur­ro­ga­ti­ons­theo­rie ste­hen­de Ziel­set­zung kann die Sur­ro­ga­ti­ons­theo­rie letzt­lich nicht aus­rei­chend stützen, denn gut ge­meint ist noch nicht gut.

So ist z.B. klar, dass es bei ei­ner Be­en­di­gung zum 31. März kei­ne Ur­laubs­ab­gel­tung für an­geb­li­che Rest­ur­laubs­ansprüche aus dem Vor­jahr gibt, wenn die ge­setz­li­chen Über­tra­gungs­vor­aus­set­zun­gen nicht vor­lie­gen: Wur­de der Ur­laub nicht gemäß § 7 Abs.3 BUrlG auf das Fol­ge­jahr über­tra­gen, d.h. gab es dafür kei­ne "drin­gen­den be­trieb­li­chen oder in der Per­son des Ar­beit­neh­mers lie­gen­den Gründe", dann gibt es auch kei­ne Ur­laubs­ab­gel­tung für die­sen (nicht be­ste­hen­den) Rest­ur­laub. Um dies zu be­gründen, braucht man aber kei­ne "Sur­ro­ga­ti­ons­theo­rie".

Wirk­lich zum Zu­ge kam die Sur­ro­ga­ti­ons­theo­rie vor al­lem, um da­mit selt­sa­me ju­ris­ti­sche Mei­nun­gen zu be­gründen. So z.B. die Mei­nung, der Ar­beit­neh­mer müsse sei­nen Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch auch nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses (!) eben­so wie den ei­gent­li­chen Ur­laubs­an­spruch spätes­tens bis zum 31. De­zem­ber gel­tend ma­chen, da er sonst - wie der Ur­laub selbst - zum Jah­res­en­de ver­fal­le. Mit sol­chen oder ähn­li­chen Kon­se­quen­zen führ­te die Sur­ro­ga­ti­ons­theo­rie in der Ver­gan­gen­heit im­mer wie­der da­zu, dass Ar­beit­neh­mer ih­re Ansprüche auf Ur­laubs­ab­gel­tung ver­lo­ren.

Im Streit: Urlaubsabgeltung nach vorherigem Kündigungsschutzprozess

Im Streit­fall ging es um ei­nen Ar­beit­neh­mer, des­sen Ar­beits­verhält­nis von An­fang Ja­nu­ar bis En­de Ju­li 2008 dau­er­te. Der End­ter­min stell­te sich erst in­fol­ge ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge her­aus, nach­dem das Ar­beits­ge­richt mit Ur­teil vom 27.11.2008 fest­ge­stellt hat­te, dass das Ar­beits­verhält­nis durch ei­ne ar­beit­ge­ber­sei­ti­ge Kündi­gung zum 31.07.2008 ge­en­det hat­te.

Im No­vem­ber 2008 stan­den dem Ar­beit­neh­mer noch 16 Ta­ge Ur­laub zu. Ur­laubs­ab­gel­tung für die­se 16 Ta­ge ver­lang­te er aber erst­mals mit ei­nem Schrei­ben vom 06.01.2009, d.h. nach dem Jah­res­wech­sel.

Der Ar­beit­ge­ber wei­ger­te sich, die­sen Ur­laub ab­zu­gel­ten. Das Ar­beits­ge­richt wies die Kla­ge ab, und auch das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) ent­schied in der Be­ru­fungs­in­stanz ge­gen den Ar­beit­neh­mer (LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 25.03.2010, 14 Sa 2333/09).

Grund­la­ge die­ser Ent­schei­dun­gen war die Sur­ro­ga­ti­ons­theo­rie: Da der Ar­beit­neh­mer die Ur­laubs­ab­gel­tung nicht vor dem 31.12.2008 ver­langt hat­te, war die Ur­laubs­ab­gel­tung eben­so un­ter­ge­gan­gen wie der Ur­laubs­an­spruch selbst, der ja auch zum Jah­res­en­de ver­fal­len wäre, wenn ihn der Ar­beit­neh­mer nicht recht­zei­tig ver­langt hätte.

BAG: Arbeitnehmer müssen Urlaubsabgeltung nicht im Urlaubsjahr verlangen

Das BAG hob die Ur­tei­le der Vor­in­stan­zen auf und ent­schied für den Ar­beit­neh­mer. In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mit­tei­lung des BAG heißt es zur Be­gründung, dass der ge­setz­li­che Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch "als rei­ner Geld­an­spruch" nicht dem Fris­ten­re­gime des Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes un­ter­steht. Der Ar­beit­neh­mer muss­te des­halb die Ab­gel­tung sei­nes Ur­laubs nicht im Ur­laubs­jahr 2008 ver­lan­gen.

Hin­ter­grund die­ser Ände­rung der Recht­spre­chung ist die seit An­fang 2009 gel­ten­de Recht­spre­chung zum The­ma Ur­laub und Krank­heit. Denn die­ser Recht­spre­chung zu­fol­ge können langjährig er­krank­te Ar­beit­neh­mer für die Jah­re ih­rer Krank­heit den nicht ge­nom­me­nen Ur­laub an­sam­meln, der da­her von Jahr zu Jahr anwächst. Die­ser an­ge­sam­mel­te Ur­laub ist bei ei­ner Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ab­zu­gel­ten, doch un­ter­liegt die­ser Ab­gel­tungs­an­spruch ar­beits- und ta­rif­ver­trag­li­chen Aus­schluss­fris­ten. Das wie­der­um setzt vor­aus, dass der Ab­gel­tungs­an­spruch kein Sur­ro­gat des Ur­laubs­an­spruchs ist (denn als sol­cher könn­ten Aus­schluss­fris­ten auf ihn nicht an­ge­wandt wer­den), son­dern ein gewöhn­li­cher Geld­an­spruch.

Und ein sol­cher "gewöhn­li­cher Geld­an­spruch" ist der Ab­gel­tungs­an­spruch jetzt bei al­len Ar­beit­neh­mern. Denn sach­li­che Gründe dafür, war­um für ei­nen ar­beitsfähi­gen Ar­beit­neh­mer nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses an­de­re Re­geln für den Ver­fall des Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruchs gel­ten sol­len als für ei­nen ar­beits­unfähi­gen Ar­beit­neh­mer, be­ste­hen nicht, so das BAG zu­recht. Dem­nach hat das BAG die Sur­ro­gats­theo­rie kom­plett auf­ge­ge­ben.

Fa­zit: Ur­laubs­recht ist kom­pli­ziert - und das bleibt es auch wei­ter­hin, trotz die­ser BAG-Ent­schei­dung. Dass der Ar­beit­neh­mer hier im Streit­fall ge­won­nen hat, heißt nicht, dass sich gekündig­te Ar­beit­neh­mer während ei­ner lau­fen­den Kündi­gungs­schutz­kla­ge nun nicht mehr um das The­ma Ur­laub und Ur­laubs­ab­gel­tung kümmern müss­ten. Wer z.B. nach ei­ner En­de No­vem­ber erklärten (un­wirk­sa­men) frist­lo­sen Kündi­gung ne­ben ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge nicht so­fort Ur­laub ver­langt, ver­liert sei­nen Ur­laubs­an­spruch für das Jahr der Kündi­gung auch wei­ter­hin, d.h. hier hilft die geänder­te BAG-Recht­spre­chung nicht.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ur­teils­gründe veröffent­licht. Das vollständig be­gründe­te Ur­teil fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 30. Oktober 2014

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