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Aus­schluss­fris­ten und Re­gress­for­de­run­gen bei ärzt­li­chen Kunst­feh­lern

Der Re­gress- bzw. Frei­stel­lungs­an­spruch ei­nes an­ge­stell­ten Arz­tes kann durch Aus­schluss­fris­ten un­ter­ge­hen: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 25.06.2009, 8 AZR 236/08

09.07.2009. An­ge­stell­te Kli­nik­ärz­te ha­ben ei­nen An­spruch ge­gen ih­ren Ar­beit­ge­ber, d.h. ge­gen den Kli­nik­be­trei­ber, auf Frei­stel­lung von Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen, die aus ei­nem ärzt­li­chen Kunst­feh­ler re­sul­tie­ren.

Al­ler­dings kön­nen die­se Frei­stel­lungs­an­sprü­che ar­beits­ver­trag­li­chen Aus­schluss­fris­ten un­ter­lie­gen, und dann muss man sie in­ner­halb der Aus­schluss­frist gel­tend ma­chen, da sie an­dern­falls ver­fal­len.

In ei­nem ak­tu­el­len Fall hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) klar­ge­stellt, wann ei­ne sol­che Aus­schluss­frist be­ginnt: BAG, Ur­teil vom 25.06.2009, 8 AZR 236/08.

Ausschlussfristen: viel anspruchsvernichtendes Potential in einer Klausel

Schädigt ein Ar­beit­neh­mer bei der Ausübung sei­nes Diens­tes vorsätz­lich oder fahrlässig ei­ne nicht zum Be­trieb gehören­de Per­son (ei­nen „Drit­ten“), muss er die­ser Per­son Scha­dens­er­satz und ge­ge­be­nen­falls Schmer­zens­geld leis­ten. Fährt da­her z.B. ein an­ge­stell­ter Kraft­fah­rer während ei­ner Dienst­fahrt ei­nen Rad­fah­rer um, führt dies zur Haf­tung des Ar­beit­neh­mers ge­genüber dem Rad­fah­rer.

Da man so­mit als Ar­beit­neh­mer, je­den­falls bei „gefähr­li­chen“ Ar­bei­ten, im­mer mit ei­nem Bein in der zi­vil­recht­li­chen Haf­tung steht, kann man vom Ar­beit­ge­ber nach der Recht­spre­chung in den meis­ten Fällen „Frei­stel­lung“ von der Er­satz­pflicht ver­lan­gen.

Die­sen ge­setz­lich nicht ge­re­gel­ten An­spruch be­gründet die Recht­spre­chung da­mit, dass es Sa­che des Ar­beit­ge­bers ist, die Ar­bei­ten so zu or­ga­ni­sie­ren, dass Ge­fah­ren möglichst ge­ring ge­hal­ten wer­den; außer­dem kann sich der Ar­beit­ge­ber ge­gen Scha­dens­er­satz­ansprüche Drit­ter ver­si­chern. Da­her muss der Ar­beit­ge­ber in al­ler Re­gel ei­nen Teil des vom Ar­beit­neh­mer ver­ur­sach­ten Scha­dens tra­gen. Wie hoch der Ar­beit­ge­ber­an­teil ist, hängt vom Grad des Ver­schul­dens des Ar­beit­neh­mers ab. Nur bei Vor­satz oder gro­ber Fahrlässig­keit müssen Ar­beit­neh­mer den Scha­den al­lein tra­gen.

In vie­len Ar­beits­verträgen und Ta­rif­verträgen fin­den sich al­ler­dings Aus­schluss­fris­ten. Da­nach müssen bei­de Ver­trags­par­tei­en Ansprüche in­ner­halb ei­ner oft sehr kur­zen Frist ge­genüber der an­de­ren Par­tei gel­tend ma­chen, wo­bei meist schrift­li­che Gel­tend­ma­chung vor­ge­schrie­ben ist. Wer die Aus­schluss­frist nicht einhält, wird mit dem Un­ter­gang sei­nes An­spruchs be­straft. Für den Be­ginn die­ser Frist wird nor­ma­ler­wei­se auf die Fällig­keit des An­spru­ches ab­ge­stellt, d.h. auf den Zeit­punkt, in dem der An­spruch erst­mals gel­tend ge­macht wer­den kann. Aus­schluss­fris­ten er­fas­sen auch Ansprüche des Ar­beit­neh­mers auf Frei­stel­lung von der Haf­tung ge­genüber Drit­ten.

Im Ein­zel­fall kann man darüber strei­ten, wann ein An­spruch fällig wird und wann da­her die Aus­schluss­frist zu lau­fen be­ginnt. Mit die­ser Fra­ge be­fasst sich ein BAG-Ur­teil vom 25.06.2009 (8 AZR 236/08), das wie­der ein­mal das er­heb­li­che an­spruchs­ver­nich­ten­de Po­ten­ti­al von Aus­schluss­fris­ten ver­deut­licht.

Der Fall: Schwerer Fehler bei einer Entbindung führt zu hohen Schadensersatzforderungen

Der kla­gen­de Ar­beit­neh­mer war als lei­ten­der Arzt in ei­ner Frau­en­kli­nik an­ge­stellt. Die Par­tei­en hat­ten ver­ein­bart, dass der Arzt über die nach der Recht­spre­chung an­er­kann­ten Grundsätze der Scha­dens­tei­lung hin­aus auch bei grob­fahrlässig ver­ur­sach­ten Scha­densfällen in vol­lem Um­fang Frei­stel­lung ver­lan­gen kann. Außer­dem galt ei­ne ver­trag­li­che Aus­schluss­frist, nach der Ansprüche in­ner­halb von sechs Mo­na­ten nach Fällig­keit ge­genüber der an­de­ren Ver­trags­par­tei schrift­lich gel­tend zu ma­chen sind.

Auf­grund ei­nes schwer­wie­gen­den Feh­lers bei der Ent­bin­dung kam es zur Ge­burt ei­nes schwerst­be­hin­der­ten Kin­des. Die Mut­ter des Kin­des zog dar­auf­hin vor Ge­richt und be­lang­te den Arzt und die Frau­en­kli­nik auf Scha­dens­er­satz und Schmer­zens­geld. Das Ober­lan­des­ge­richt (OLG) als letz­te In­stanz be­wer­te­te das Ge­sche­hen als fahrlässi­gen Be­hand­lungs­feh­ler und ver­ur­teil­te Arzt und Kli­nik zur Zah­lung ei­ner er­heb­li­chen Geld­sum­me.

Arzt und Frau­en­kli­nik wur­den da­bei als „Ge­samt­schuld­ner“ ver­ur­teilt. In ei­nem sol­chen Fall kann sich der An­spruchs­in­ha­ber aus­su­chen, von wem er das Geld for­dern möch­te. Die Re­vi­si­on hat­te das OLG nicht zu­ge­las­sen. Die ge­setz­li­che Frist für ei­ne hier­ge­gen mögli­che Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de ließ der Arzt ver­strei­chen, so dass das Ur­teil rechts­kräftig wur­de.

Sie­ben Mo­na­te später for­der­te der Rechts­an­walt des Arz­tes die Kli­nik auf, den Arzt vollständig von den Scha­dens­er­satz­for­de­run­gen, zu de­nen er ver­ur­teilt wor­den war, frei­zu­stel­len. Dies ver­wei­ger­te der Ar­beit­ge­ber, so dass der Arzt er­neut vor Ge­richt stand, und zwar dies­mal als Kläger vor dem Ar­beits­ge­richt.

Das Ar­beits­ge­richt wies die Kla­ge des Arz­tes ab, weil er die Frei­stel­lung von den Re­gress­for­de­run­gen nach Ab­lauf der Aus­schluss­frist ge­stellt hat­te. Dies sah das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Bre­men (Ur­teil vom 07.11.2007, 2 Sa 29/06) an­ders. Der An­spruch auf Scha­dens­er­satz der Pa­ti­en­tin, so das LAG, war noch gar nicht fällig. Denn auch wenn das Ur­teil des Ober­lan­des­ge­richts sie­ben Mo­na­te vor­her rechts­kräftig ge­wor­den war, stand noch nicht fest, ob die geschädig­te Pa­ti­en­ten den Arzt oder die Kli­nik in An­spruch neh­men würde. Nur dann, wenn die Pa­ti­en­tin den Arzt „in An­spruch nimmt“, hat er ei­nen An­spruch auf Frei­stel­lung, vor­her tritt al­so auch kei­ne Fällig­keit ein. So je­den­falls die Ar­gu­men­ta­ti­on des LAG Bre­men.

BAG: Ausschlussfrist für die Geltendmachung eines Freistellungsanspruchs gegen den Arbeitgeber um zwei Wochen überschritten

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt war an­de­rer An­sicht und ent­schied ge­gen den kla­gen­den Arzt. Nach sei­ner Auf­fas­sung wur­de der An­spruch auf Frei­stel­lung nämlich be­reits mit Rechts­kraft des OLG-Ur­teils fällig, weil zu die­sem Zeit­punkt ver­bind­lich fest­stand, dass die Pa­ti­en­ten den Arzt in An­spruch neh­men konn­te. Da­mit war die sechs­mo­na­ti­ge Aus­schluss­frist schon ver­stri­chen, als der Rechts­an­walt des Arz­tes die Frei­stel­lung ge­genüber der Frau­en­kli­nik for­der­te.

Fa­zit: Aus­schluss­fris­ten wer­den von Ar­beit­neh­mern (und auch von Rechts­anwälten) oft über­se­hen. Die­se Ge­fahr be­steht um so mehr, wenn Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­ge­ber im Scha­dens­fall als ge­mein­sam Ver­klag­te zunächst auf der­sel­ben Sei­te ste­hen. Dann gerät leicht in Ver­ges­sen­heit, dass je­der Scha­dens­fall nicht nur Haf­tungs­ansprüchen im Außen­verhält­nis zum geschädig­ten Drit­ten auslöst, son­dern auch ar­beits­recht­li­che Ansprüche zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer, nämlich den An­spruch des Ar­beit­neh­mers auf Frei­stel­lung.

Geht die­ser An­spruch durch ei­ne Aus­schluss­frist un­ter, be­steht für Ku­lanz des Ar­beit­ge­bers in der Re­gel kein Spiel­raum, da die­ser zu­meist ei­ne GmbH oder Ak­ti­en­ge­sell­schaft ist und die Lei­tungs­or­ga­ne da­her zur Wah­rung der Rech­te der von ih­nen ver­tre­te­nen Ge­sell­schaft ge­setz­lich ver­pflich­tet sind. Letzt­lich ist im vor­lie­gen­den Fall der Rechts­an­walt hier der „Dum­me“, d.h. er (bzw. sei­ne Haft­pflicht­ver­si­che­rung) wird den Geld­beu­tel auf­ma­chen müssen.

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Letzte Überarbeitung: 4. Dezember 2014

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