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Ver­set­zung von Ar­beit­neh­mern nach Still­le­gung des Be­triebs

Kein Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 08.12.2009, 1 ABR 41/09
12.04.2010. Das Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats in so­zia­len, per­so­nel­len und wirt­schaft­li­chen An­ge­le­gen­hei­ten en­det nicht voll­stän­dig mit der Schlie­ßung des Be­triebs. Der Be­triebs­rat hat in die­sem Fall noch ein Rest­man­dat, al­ler­dings mit be­schränk­ten Mit­be­stim­mungs­rech­ten. Mit­be­stim­men darf der Be­triebs­rat näm­lich nur noch bei An­ge­le­gen­hei­ten, die im Zu­sam­men­hang mit dem Be­triebs­un­ter­gang ste­hen.

Um die Reich­wei­te die­ser Mit­be­stim­mungs­rech­te im Fall ei­ner Ver­set­zung von Ar­beit­neh­mern nach ei­ner Be­triebs­still­le­gung geht es in der vor­lie­gen­den Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG): BAG, Be­schluss vom 08.12.2009, 1 ABR 41/09.

Stilllegung des Betriebs und Mitbestimmungsrecht des Betriebsrats

Hat der Ar­beit­ge­ber sei­nen Be­trieb still­ge­legt, oder geht der Be­trieb auf an­de­re Art un­ter, so müss­te ei­gent­lich auch das Be­triebs­rats­amt en­den. Denn es gibt dann kei­nen Be­trieb mehr, in dem und für den Mit­be­stim­mung aus­geübt wer­den könn­te. Al­ler­dings entstünde da­durch ei­ne Mit­be­stim­mungslücke. Be­triebs­stil­le­gung be­deu­tet zwar, dass die „Pro­duk­ti­ons­ge­mein­schaft zwi­schen Ar­beit­neh­mern und Ar­beit­ge­ber endgültig auf­gelöst ist“, aber auch da­nach kann es Ent­schei­dun­gen des ursprüng­li­chen Ar­beit­ge­bers ge­ben, an de­nen der Be­triebs­rat im In­ter­es­se der Be­trof­fe­nen zu be­tei­li­gen ist.

Ist et­wa anläss­lich der Still­le­gung ein So­zi­al­plan ver­ein­bart wor­den, so kann sich des­sen Ab­wick­lung oh­ne wei­te­res länger hin­zie­hen als die Auflösung des Be­trie­bes.

Um die mögli­chen Lücken zu schließen, hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt früh ein so­ge­nann­tes „Rest­man­dat“ des Be­trie­brats ent­wi­ckelt. Die­se Recht­spre­chung hat die Rot-Grüne Ko­ali­ti­on während ih­rer ers­ten Amts­zeit auf­ge­nom­men und in § 21b Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) fest­ge­schrie­ben.

Der Be­triebs­rat bleibt nach Still­le­gung im Amt, so­lan­ge es zur Wahr­neh­mung der da­mit zu­sam­menhängen­den Mit­wir­kungs- und Mit­be­stim­mungs­rech­te nötig ist. § 21b Be­trVG be­deu­tet ei­ne zeit­li­che Aus­wei­tung bei in­halt­li­cher Ein­schränkung des Be­triebs­rats-Man­dats. Denn der Be­triebs­rat kann nicht mehr al­le vom Be­trVG vor­ge­se­he­nen Rech­te wahr­neh­men, son­dern eben nur die, die sich im Zu­sam­men­hang mit dem Be­triebs­un­ter­gang er­ge­ben.

Im We­sent­li­chen han­delt es sich da­bei wie an­ge­deu­tet um die Ver­hand­lun­gen zum Ab­schluss und die Durchführung von In­ter­es­sen­aus­gleich und So­zi­al­plan nach den §§ 111, 112 Be­trVG.

Dar­auf be­schränkt ist das Mit­be­stim­mungs­recht al­ler­dings nicht not­wen­di­ger­wei­se. Viel­mehr ist für je­des in Fra­ge kom­men­de Mit­wir­kungs- und Mit­be­stim­mungs­recht, wie et­wa bei per­so­nel­len Ein­zel­maßnah­men (§ 99 Be­trVG) ein­zeln zu be­ur­tei­len, ob es im Zu­sam­men­hang mit dem Be­triebs­un­ter­gang steht.

So mag et­wa der Ar­beit­ge­ber nach Still­le­gung Ar­beit­neh­mer in an­de­re Be­trie­be des Un­ter­neh­mens über­neh­men, ih­nen ge­ge­be­nen­falls auch ge­gen ih­ren Wil­len be­stimm­te Ar­beitsplätze zu­wei­sen. Es stellt sich dann die Fra­ge, ob dar­in Ver­set­zun­gen nach den §§ 95 Abs. 3, 99 Abs. 1 Be­trVG lie­gen, und wenn ja, ob sie auch im Rah­men des Rest­man­da­tes zu­stim­mungs­pflich­tig sind.

Mit die­ser Fra­ge ber­fasst sich die vor­lie­gen­de Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (Be­schluss vom 08.12.2009, 1 ABR 41/09).

Der Fall des Bundesarbeitsgerichts: Nach Betriebsschließung versetzt Arbeitgeber Beschäftigte ohne Beteiligung des Betriebsrats

Die Be­tei­lig­ten strit­ten über das Be­tei­li­gungs­recht bei Ver­set­zun­gen von Ar­beit­neh­mern nach ei­ner Be­triebs­stil­le­gung.

Die Ar­beit­ge­be­rin war Post­dienst­leis­te­rin. Im Jah­re 2001 löste sie im Rah­men von Um­struk­tu­rie­rungs­maßnah­men ih­re Ser­vice-Nie­der­las­sung "Im­mo­bi­li­en“ auf. Der Be­triebs­rat ver­wei­ger­te sei­ne Zu­stim­mung zur Ver­set­zung der be­trof­fe­nen et­wa 150 Ar­beit­neh­mer in an­de­re Be­trie­be des Un­ter­neh­mens. Ei­ne Rei­he der Ar­beit­neh­mer klag­te dar­auf­hin er­folg­reich ge­gen ih­ren Ein­satz in an­de­ren Be­trie­ben. Nach­dem in der Fol­ge­zeit in ei­nem So­zi­al­plan die Über­lei­tung der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer un­ter be­stimm­ten Zu­mut­bar­keits­kri­te­ri­en fest­ge­legt wor­den war, er­such­te die Ar­beit­ge­be­rin den Be­triebs­rat er­neut um Zu­stim­mung zur Ver­set­zung der 150 Ar­beit­neh­mer. Der Be­triebs­rat ver­wei­ger­te sei­ne Zu­stim­mung in 74 Fällen we­gen Ver­s­toßes ge­gen den So­zi­al­plan. Die Ar­beit­ge­be­rin stell­te dar­auf­hin beim Ar­beits­ge­richt den An­trag, die Zu­stim­mung des Be­triebs­rats zu er­set­zen.

So­wohl das Ar­beits­ge­richt Saarbrücken als auch das Lan­des­ar­beits­ge­richt Saar­land gin­gen da­von aus, dass der Be­triebs­rat ein Mit­be­stim­mungs­recht hat­te. Al­ler­dings war das Ar­beits­ge­richt der Auf­fas­sung, dass die Zu­stim­mung des Be­triebs­rats zur Ver­set­zung als er­teilt galt, weil er der Zu­stim­mung nicht recht­zei­tig wi­der­spro­chen hat­te. Das von Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat dar­auf­hin an­ge­ru­fe­ne LAG trenn­te die Ver­fah­ren und ver­han­del­te für je­den der 74 Ar­beit­neh­mer ge­son­dert. Im hier be­spro­che­nen Fall ver­trat das LAG die Auf­fas­sung, dass die Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung des Be­triebs­rats un­be­rech­tigt ge­we­sen war und er­setz­te die Zu­stim­mung des­halb (Be­schluss vom 19.11.2008, 2 TaBV 7/08). Im Er­geb­nis un­ter­lag der Be­triebs­rat al­so in bei­den In­stan­zen.

Bundesarbeitsgericht: Kein Mitbestimmungsrecht des Betriebsrats bei Versetzung von Arbeitnehmern nach Betriebsschließung

Auch vor dem BAG un­ter­lag der Be­triebs­rat, al­ler­dings mit ei­ner ganz an­de­ren Be­gründung. Denn es be­stand nach An­sicht des BAG bezüglich der Ver­set­zung der Ar­beit­neh­mer von vorn­her­ein kein Be­tei­li­gungs­recht des Be­triebs­rats im Rah­men sei­nes Rest­man­dats.

Um zu klären, ob der Be­triebs­rat auch im Rah­men sei­nes Rest­man­dats sei­ne Zu­stim­mung zu ei­ner Ver­set­zung ge­ben muss, erläuter­te das BAG ausführ­lich Sinn und Zweck des ent­spre­chen­den Mit­be­stim­mungs­rechts aus den §§ 95 Abs. 3, 99 Be­trVG. Die­ses soll in ers­ter Li­nie die Be­leg­schaft ei­nes Be­trie­bes schützen. Wird nämlich ein Mit­ar­bei­ter aus dem Be­trieb „her­aus­ver­setzt“, so be­ste­he die Ge­fahr der Über­las­tung für die ver­blei­ben­de Be­leg­schaft.

Zu­dem liegt in ei­ner Ver­set­zung im Nor­mal­fall ei­ne Aus­wah­l­ent­schei­dung zwi­schen meh­re­ren Ar­beit­neh­mern, die für sie in Fra­ge kämen. Auch die In­ter­es­sen de­rer die da­bei nicht berück­sich­tigt wur­den, soll § 99 Abs. 1 Be­trVG si­chern. Nicht zu­letzt soll der Be­triebs­rat die In­ter­es­sen des ver­setz­ten Ar­beit­neh­mers ver­tre­ten. Ist er nicht ein­ver­stan­den, und be­nach­tei­ligt die Ver­set­zung den Ar­beit­neh­mer oh­ne recht­fer­ti­gen­den Grund, kann der Be­triebs­rat die Zu­stim­mung ver­wei­gern (§ 99 Abs. 2 Nr. 4).

All die­se Zwe­cke recht­fer­ti­gen es nach An­sicht des BAG nicht, dem Be­triebs­rat das Mit­be­stim­mungs­recht auch nach ei­ner Be­triebs­still­le­gung im Rah­men sei­nes Rest­man­da­tes zu­zu­ge­ste­hen.

Ei­ne ver­blei­ben­de Be­leg­schaft, de­ren In­ter­es­sen zu wah­ren wären, gibt es nämlich nach der Still­le­gung nicht mehr. Auch ei­ne Aus­wah­l­ent­schei­dung tref­fe der Ar­beit­ge­ber nicht, denn von der Zu­wei­sung ei­nes neu­en Ar­beits­be­rei­ches sei­en al­le Ar­beit­neh­mer be­trof­fen, de­ren Ar­beits­verhält­nis im Zeit­punkt der Still­le­gung noch be­ste­he.

Die In­di­vi­dual­in­ter­es­sen der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer sei­en schließlich aus­rei­chend da­durch ge­wahrt, dass der Be­triebs­rat im Fal­le ei­ner Still­le­gung ei­nen So­zi­al­plan ab­sch­ließen könne. In die­sem können nämlich Be­din­gun­gen, et­wa Zu­mut­bar­keits­kri­te­ri­en fach­li­cher und persönli­cher Art, für ei­nen Tätig­keits­wech­sel fest­ge­legt wer­den. Zu­dem ge­he ei­ne Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung im Fal­le der Ver­set­zung nach Be­triebs­stil­le­gung oh­ne­hin ins Lee­re. Denn ihr Ziel, den Ar­beit­neh­mer im Be­trieb zu be­las­sen, könne nicht mehr er­reicht wer­den, eben weil der Be­trieb nicht mehr be­steht.

Fa­zit: Die Ent­schei­dung be­deu­tet nicht, dass Ar­beit­neh­mer nach ei­ner Be­triebs­still­le­gung Ver­set­zun­gen schutz­los aus­ge­lie­fert sind. Die Be­din­gun­gen für ei­ne Ver­set­zung kann der Be­triebs­rat mit dem Ar­beit­ge­ber in In­ter­es­sen­aus­gleichs- und So­zi­al­plan­ver­hand­lun­gen fest­le­gen.

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Letzte Überarbeitung: 2. Januar 2014

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