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Be­triebs­rat - Kün­di­gung: Frist­lo­se Kün­di­gung ei­nes Be­triebs­rats we­gen Ab­hö­rens ei­ner Aus­schuss­sit­zung

Lausch­an­griff auf ei­ne Sit­zung des Be­triebs­aus­schus­ses recht­fer­tigt nicht un­be­dingt die frist­lo­se Kün­di­gung ei­nes Be­triebs­rats­mit­glieds: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 09.09.2011, 17 Sa 16/11

05.10.2011. Soll ein Be­triebs­rat bzw. Be­triebs­rats­mit­glied die frist­lo­se Kün­di­gung aus ver­hal­tens­be­ding­ten Grün­den er­hal­ten, wird über die Wirk­sam­keit ei­ner sol­chen Kün­di­gung prak­tisch im­mer vor­ab ge­richt­lich ge­strit­ten.

Denn meist ver­wei­gert der Be­triebs­rat, d.h. das Gre­mi­um, die nach dem Ge­setz er­for­der­li­che Zu­stim­mung zu ei­ner sol­chen Kün­di­gung ei­nes sei­ner Mit­glie­der, und dann muss der Ar­beit­ge­ber die ge­richt­li­che Er­set­zung der Zu­stim­mung er­strei­ten.

Auch bei Be­triebs­rä­ten kann der Ver­dacht ei­ner Straf­tat ein Grund für ei­ne frist­lo­se Kün­di­gung sein. Al­ler­dings recht­fer­tigt ein rechts­wid­ri­ger Lausch­an­griff auf Be­triebs­rats­kol­le­gen nicht oh­ne wei­te­res die au­ßer­or­dent­li­chen Kün­di­gung ei­nes Be­triebs­rats: Lan­des­ar­beits­ge­richt, Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 09.09.2011, 17 Sa 16/11.

Kündigung eines Betriebsrats - nur im Ausnahmefall möglich

Be­triebs­rats­mit­glie­der ha­ben ei­nen stärke­ren Kündi­gungs­schutz als nor­ma­le Ar­beit­neh­mer: Ei­ne or­dent­li­che be­triebs­be­ding­te Kündi­gung ist nur aus­nahms­wei­se möglich, nämlich bei ei­ner Be­triebs­sch­ließung oder Ab­tei­lungs­sch­ließung (§ 15 Abs.4 und Abs.5 Kündi­gungs­schutz­ge­setz - KSchG).

Für al­le an­de­ren Kündi­gun­gen braucht der Ar­beit­ge­ber ei­nen wich­ti­gen Grund im Sin­ne von § 626 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB), d.h. er kann nur außer­or­dent­lich kündi­gen, und er braucht für ei­ne sol­che (außer­or­dent­li­che) Kündi­gung die vor­he­ri­ge Zu­stim­mung des Be­triebs­rats als Gre­mi­um (§§ 15 Abs.1 KSchG, 103 Abs.1 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz - Be­trVG).

Wird ein Be­triebs­rat bzw. Be­triebs­rats­mit­glied frist­los gekündigt, be­ruft sich der Ar­beit­ge­ber meist auf Pflicht­verstöße, d.h. er spricht ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung aus. Dann muss der Pflicht­ver­s­toß wie bei ei­ner außer­or­dent­li­chen Kündi­gung ei­nes „nor­ma­len“ Ar­beit­neh­mers so schwer wie­gen, dass der Ar­beit­ge­ber "auf ei­nen Schlag" das Ver­trau­en in den gekündig­ten Be­triebs­rat ver­lo­ren hat.

Ein vom Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ba­den-Würt­tem­berg ent­schie­de­ner Streit zeigt, dass auch ein rechts­wid­ri­ger Lausch­an­griff auf an­de­re Be­triebs­rats­mit­glie­der nicht im­mer die frist­lo­se Kündi­gung ei­nes Be­triebs­rats­mit­glieds recht­fer­tigt (Ur­teil vom 09.09.2011, 17 Sa 16/11).

Heimliches Mithörenlassen einer Betriebsausschuss-Sitzung rechtfertigt nicht immer die fristlose Kündigung eines Betriebsratsmitglieds

Beim Kauf­haus Bre­u­nin­ger in Stutt­gart hat­te der Be­triebs­rat ei­nen Be­triebs­aus­schuss ge­bil­det. Während ei­ner Sit­zung des Be­triebs­auss­schus­ses soll ei­ne Be­triebsrätin es außen­ste­hen­den Per­so­nen per Han­dy ermöglicht ha­ben, die Gespräche in der Be­triebs­aus­schuss-Sit­zung heim­lich mit­an­zuhören. Da­mit hätte sie nicht nur das all­ge­mei­ne Persönlich­keits­recht der An­we­sen­den ver­letzt, son­dern sich so­gar straf­bar ge­macht (§ 201 Straf­ge­setz­buch - StGB, § 119 Abs.2 Nr.2 Be­trVG).

We­gen die­ses an­geb­li­chen Lausch­an­griffs (bzw. des ent­spre­chen­den Ver­dachts) kündig­te das Kauf­haus - mit Zu­stim­mung des Be­triebs­ra­tes - das zwan­zig Jah­re be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis außer­or­dent­lich frist­los. Da­ge­gen er­hob die Be­triebsrätin Kündi­gungs­schutz­kla­ge und hat­te da­mit vor dem Ar­beits­ge­richt Stutt­gart (Ur­teil vom 26.01.2011, 28 Ca 7333/10) und in der Be­ru­fung vor dem LAG Ba­den-Würt­tem­berg Er­folg (LAG Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 09.09.2011, 17 Sa 16/11). Denn hier hätte an­stel­le ei­ner Kündi­gung auch ei­ne Ab­mah­nung als Re­ak­ti­on aus­ge­reicht, um künf­ti­ges Fehl­ver­hal­ten zu ver­hin­dern.

Da­bei ließen die Ge­rich­te of­fen, ob die Vorwürfe be­wie­sen wer­den konn­ten oder ob nur ein ent­spre­chen­der Ver­dacht vor­lag. Denn letzt­lich war die (an­geb­li­che) Abhörak­ti­on bzw. der (an­geb­li­che) Lausch­an­griff Fol­ge in­ter­ner Strei­tig­kei­ten im Be­triebs­rat. Des­halb muss­te der Ar­beit­ge­ber selbst dann, wenn die Vorwürfe zu­tref­fen soll­ten, im Ar­beits­verhält­nis selbst nicht mit ähn­li­chen Pflicht­ver­let­zun­gen rech­nen. Denn im­mer­hin war das Ar­beits­verhält­nis bis­her oh­ne Be­an­stan­dun­gen ver­lau­fen.

Fa­zit: Ein Be­triebs­rat bzw. ein Be­triebs­rats­mit­glied kann sich wie an­de­re Ar­beit­neh­mer auch auf die ak­tu­el­le Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) zu frist­lo­sen Kündi­gun­gen be­ru­fen (BAG, Ur­teil vom Ur­teil vom 10.06.2010, 2 AZR 541/09). Da­nach gilt:

Hat man sich durch jah­re­lan­ge be­an­stan­dungs­freie Ar­beit ein ent­spre­chen­des Ver­trau­en er­ar­bei­tet, wird die­ses Ver­trau­en nicht durch ei­nen ein­ma­li­gen und un­ty­pi­schen Aus­rut­scher völlig zerstört. Be­trifft das Fehl­ver­hal­ten darüber hin­aus so­gar in ers­ter Li­nie die Be­triebs­ratstätig­keit, ist ei­ne frist­lo­se Kündi­gung meist un­verhält­nismäßig.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 21. September 2016

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