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An­spruch auf Bo­nus bei In­sol­venz

Scha­den­er­satz we­gen un­ter­las­se­ner Ziel­ver­ein­ba­rung ist kein Mas­se­an­spruch, son­dern nur In­sol­venz­for­de­rung: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 14.11.2012, 10 AZR 793/11

07.02.2013. Vie­le Ar­beits­ver­trä­ge ent­hal­ten Klau­seln über Ziel­ver­ein­ba­run­gen.

Dar­in ist fest­ge­legt, dass Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer ge­mein­sam Jah­res­zie­le fest­le­gen, die der Ar­beit­neh­mer er­rei­chen muss. Und je nach­dem, in wel­chem Um­fang der Ar­beit­neh­mer die­se Jah­res­zie­le dann er­reicht, er­hält er ei­nen mehr oder we­ni­ger gro­ßen Ziel­er­rei­chungs­bo­nus.

Voll­zieht der Ar­beit­ge­ber die­se ar­beits­ver­trag­li­che Re­ge­lung al­ler­dings nicht, d.h. legt er kei­ne Jah­res­zie­le fest, ob­wohl er es nach dem Ar­beits­ver­trag müss­te, ist der Ar­beit­neh­mer der Dum­me: Er weiß nicht, wel­che Zie­le für ihn gel­ten, d.h. ge­nau­er ge­sagt gel­ten für ein be­stimm­tes Ka­len­der- oder Ge­schäfts­jahr gar kei­ne Zie­le, weil sie eben nicht fest­ge­legt wur­den.

Dann hat der Ar­beit­neh­mer zwar kei­nen Bo­nus­an­spruch, aber im­mer­hin ei­nen An­spruch auf Scha­dens­er­satz. Nach ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) ist die­ser Scha­dens­er­satz­an­spruch al­ler­dings bei ei­ner In­sol­venz des Ar­beit­ge­bers we­nig wert, da er kein Mas­se­an­spruch ist, son­dern nur ei­ne ein­fa­che In­sol­venz­for­de­rung: BAG, Ur­teil vom 14.11.2012, 10 AZR 793/11.

Wie ist der Anspruch auf Schadensersatz wegen unterlassener Zielvereinbarung im Insolvenzfall gesichert?

Voll­zieht der Ar­beit­ge­ber ei­ne ar­beits­ver­trag­lich­Pflicht über die jähr­lich im­mer wie­der fest­zu­le­gen­de Ziel­ver­ein­ba­rung nicht, macht er sich scha­dens­er­satz­pflich­tig. Das hat das BAG schon En­de 2007 ent­schie­den (BAG, Ur­teil vom 12.12.2007, 10 AZR 97/07- wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 08/008 Bo­nus­zah­lung bei un­ter­las­se­ner Ziel­ver­ein­ba­rung).

Denn er hat ei­ne Pflicht zur ge­mein­sa­men Ver­hand­lung und Fest­le­gung im­mer neu­er ak­tu­el­ler Zie­le. Da­her können al­te Zie­le aus ver­gan­ge­nen Jah­ren nicht oh­ne wei­te­res im­mer wei­ter fort­ge­schrie­ben wer­den, wenn das den Ar­beit­neh­mer un­an­ge­mes­sen be­nach­tei­ligt (BAG, Ur­teil vom 12.05.2010, 10 AZR 390/09- wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/187 Ver­hand­lungs­pflicht bei Ziel­ver­ein­ba­rung).

Die­se Recht­spre­chung nützt dem Ar­beit­neh­mer aber bei ei­ner In­sol­venz des Ar­beit­ge­bers erst ein­mal nichts, denn dann fragt sich, wie der An­spruch des Ar­beit­neh­mers auf Scha­dens­er­satz ab­ge­si­chert ist, wenn das In­sol­venz­ver­fah­ren während des lau­fen­den Ka­len­der- oder Geschäfts­jah­res eröff­net wird. Hier gibt es zwei Be­trach­tungs­wei­sen:

Die für den Ar­beit­neh­mer güns­ti­ge Be­trach­tungs­wei­se be­sagt, dass der Ziel­er­rei­chungs-Bo­nus erst am En­de des Ka­len­der- oder Geschäfts­jah­res fällig wird, und da das In­sol­venz­ver­fah­ren dann schon eröff­net ist, kann der Ar­beit­neh­mer ei­nen Mas­se­an­spruch gemäß § 55 In­sol­venz­ord­nung ge­gen den Ver­wal­ter gel­tend ma­chen. Ein sol­cher An­spruch ist trotz der In­sol­venz wert­hal­tig, denn der Ver­wal­ter muss ihn vor­ab aus der Mas­se in vol­lem Um­fang erfüllen.

Die für den Ar­beit­neh­mer we­ni­ger güns­ti­ge Be­trach­tungs­wei­se lau­tet, dass der Ziel­er­rei­chungs-Bo­nus letzt­lich ein An­spruch auf Ar­beits­lohn ist, der Mo­nat für Mo­nat er­ar­bei­tet wird. Dann ist der Teil des Bo­nus nichts wert, der zeit­an­tei­lig ("pro ra­ta tem­po­ris") auf die Mo­na­te vor Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens entfällt, denn ein sol­cher An­spruch ist ei­ne sog. In­sol­venz­for­de­rung.

Und ei­ne In­sol­venz­for­de­rung kann der Ar­beit­neh­mer nur zur In­sol­venz­ta­bel­le an­mel­den. Dem­ent­spre­chend erhält er dann bei Be­en­di­gung des In­sol­venz­ver­fah­rens nur ei­nen klei­nen An­teil sei­ner For­de­rung, des­sen Höhe von der In­sol­venz­quo­te abhängt.

Der Fall des BAG: Senior Programm Manager verklagt Insolvenzverwalter auf Zahlung von Schadensersatz wegen unterlassener Zielvereinbarung

Der kla­gen­de Ar­beit­neh­mer, ein "Se­ni­or Di­rec­tor/Over­all Pro­gram Ma­na­ger" mit ei­nem Jah­res­ziel­ein­kom­men von 116.600 EUR brut­to, hat­te ne­ben sei­nem fes­ten Jah­res­ge­halt von 84.000 EUR An­spruch auf ei­nen Ziel­er­rei­chungs­bo­nus von 32.600 EUR pro Jahr. Der Bo­nus war al­ler­dings nur zu zah­len, wenn der Ma­na­ger die mit dem Ar­beit­ge­ber pro Geschäfts­jahr fest­zu­le­gen­den Zie­le zu ein­hun­dert Pro­zent er­reich­te. Das Geschäfts­jahr dau­er­te vom 01. Ok­to­ber bis zum 30. Sep­tem­ber des Fol­ge­jah­res.

Für das Geschäfts­jahr 2008/2009 leg­te der Ar­beit­ge­ber kei­ne Zie­le mehr fest, und am 01. April 2009 wur­de das In­sol­venz­ver­fah­ren über sein Vermögen eröff­net. Der Ma­na­ger ver­klag­te dar­auf­hin der In­sol­venz­ver­wal­ter auf Zah­lung des hälf­ti­gen Bo­nus, d.h. auf 16.300 EUR, und zwar für die Zeit vom 01. Ok­to­ber 2008 bis zum 31. März 2009.

Sei­ner An­sicht nach wa­ren Bo­nus­an­spruch und Scha­dens­er­satz­an­spruch erst nach In­sol­ven­zeröff­nung fällig ge­wor­den, nämlich nach Ab­lauf des Geschäfts­jah­res, d.h. am 30.09.2009. Der Ver­wal­ter mein­te da­ge­gen, es gin­ge hier um vor­insol­venz­li­che Zah­lungs­ansprüche, da mit dem strei­ti­gen Bo­nus (in Ge­stalt des Scha­dens­er­satz­an­spruchs) die Ar­beits­leis­tung vom 01. Ok­to­ber 2008 bis zum 31. März 2009 be­zahlt wer­den soll­te.

Das Ar­beits­ge­richt München wies die Kla­ge ab (Ur­teil vom 16.11.2010, 36 Ca 14709/09), wo­hin­ge­gen das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) München dem Ma­na­ger recht gab (Ur­teil vom 30.06.2011, 3 Sa 85/11). Die Be­gründung des LAG lau­te­te, dass der Bo­nus ja ei­ne vor­he­ri­ge Be­wer­tung der ge­sam­ten Ziel­er­rei­chung im Geschäfts­jahr vor­aus­set­ze, so dass auch der Scha­dens­er­satz­an­spruch erst nach Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens fällig wer­den konn­te. Ei­ne Zu­ord­nung des Bo­nus auf ein­zel­ne Mo­na­te vor Ver­fah­ren­seröff­nung sei nicht möglich, so das LAG.

BAG: Der Anspruch auf Schadenersatz wegen unterlassener Zielvereinbarung ist kein Masseanspruch, sondern nur Insolvenzforderung

Das BAG hob das LAG-Ur­teil auf und wies die Kla­ge ab.

Nach An­sicht des BAG lag ge­ra­de kei­ne Mas­se­ver­bind­lich­keit im Sin­ne von § 55 In­sO vor, da sich der strei­ti­ge An­spruch, so das BAG, auf die Mo­na­te Ok­to­ber 2008 bis März 2009 be­zog. Da­mit ver­lang­te der Kläger letzt­lich Be­zah­lung sei­ner Ar­beit, die er vor der Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens ge­leis­tet hat­tt.

Es gab nach An­sicht des BAG "kei­ne An­halts­punk­te dafür, dass es nach der Art der zu ver­ein­ba­ren­den Zie­le auf be­son­de­re Er­geb­nis­se oder Leis­tun­gen außer­halb die­ses Zeit­raums hätte an­kom­men können."

Der Ma­na­ger hat­te im Pro­zess kei­ne Tat­sa­chen vor­ge­tra­gen, die dafür spra­chen, dass der strei­ti­ge Bo­nus ent­ge­gen der Pro-ra­ta-tem­po­ris-Re­gel über­wie­gend erst in der zwei­ten Hälf­te des Geschäfts­jah­res ver­dient wor­den wäre. Dem­zu­fol­ge wäre der Bo­nus nicht erst nach Ab­schluss des Geschäfts­jah­res ent­stan­den, son­dern in je­dem ein­zel­nen Mo­nat ab Ok­to­ber 2008. Und die­se zeit­li­che Zu­ord­nung gilt dann auch für den Scha­dens­er­satz­an­spruch.

Fa­zit: Dass der Ar­beit­ge­ber den Ziel­er­rei­chungs­grad erst nach Ab­lauf des Ka­len­der- oder Geschäfts­jah­res er­mit­teln kann, ändert nichts dar­an, dass der Ar­beit­neh­mer den Zie­ler­ver­ein­ba­rungs-Bo­nus an­tei­lig in je­dem Mo­nat des bo­nus­re­le­van­ten Jah­res ver­dient. Mit ei­nem Zie­ler­ver­ein­ba­rungs-Bo­nus er­bringt der Ar­beit­ge­ber da­her die Ge­gen­leis­tung für die ent­spre­chend der Ziel­ver­ein­ba­rung ge­leis­te­te Ar­beit.

Dann ist aber auch ein Scha­dens­er­satz­an­spruch, der bei un­ter­blie­be­ner Ziel­ver­ein­ba­rung an die Stel­le des Zie­le­rei­chungs-Bo­nus tritt, im In­sol­venz­fall wie der ihm zu­grun­de lie­gen­de Bo­nus­an­spruch zu be­han­deln. Und das be­deu­tet, dass er dem Zeit­raum zu­zu­ord­nen ist, auf den sich der Zie­le­rei­chungs-Bo­nus bei kor­rek­ter Ziel­fest­le­gung be­zo­gen hätte.

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Letzte Überarbeitung: 5. August 2016

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