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Dis­kri­mi­nie­rung durch kirch­li­che Ar­beit­ge­ber

Ein dia­ko­ni­scher Ar­beit­ge­ber darf für Re­fe­ren­ten­stel­len ei­ne Iden­ti­fi­ka­ti­on mit ihm und dem Chris­ten­tum for­dern: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 28.05.2014, 4 Sa 157/14 und 4 Sa 238/14

11.06.2014. En­de letz­ten Jah­res ver­ur­teil­te das Ar­beits­ge­richt Ber­lin ei­ne dia­ko­ni­sche Ein­rich­tung zur Gel­dent­schä­di­gung we­gen re­li­gi­ons­be­ding­ter Dis­kri­mi­nie­rung, weil sie ei­ne Re­fe­ren­ten­stel­le nur an christ­li­che Be­wer­ber ver­ge­ben woll­te (Ur­teil vom 18.12.2013, 54 Ca 6322/13 wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/011 Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on bei der Dia­ko­nie).

Letz­te Wo­che ent­schied das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg an­ders­her­um und wies die Kla­ge ab, weil kirch­li­che Ar­beit­ge­ber die Be­set­zung von Re­fe­ren­ten­stel­len von der Zu­ge­hö­rig­keit zu ei­ner christ­li­chen Kir­che ab­hän­gig ma­chen kön­nen.

Ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung der Be­wer­be­rin aus re­li­giö­sen Grün­den lag da­her aus Sicht des LAG nicht vor: LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 28.05.2014, 4 Sa 157/14 und 4 Sa 238/14.

In welchen Fällen können kirchliche Arbeitgeber von Stellenbewerber verlangen, Kirchenmitglied zu sein?

Dis­kri­mi­nie­run­gen im Er­werbs­le­ben aus Gründen der Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung sind ge­setz­lich ver­bo­ten. Das er­gibt sich aus dem All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG).

So müssen Ar­beitsplätze gemäß § 11 AGG un­ter Ver­mei­dung von re­li­giösen Dis­kri­mi­nie­run­gen aus­ge­schrie­ben wer­den, und Ar­beit­ge­ber dürfen die Aus­wahl zwi­schen gleich gut ge­eig­ne­ten Be­wer­bern nicht da­von abhängig ma­chen, wel­cher Re­li­gi­on der Be­wer­ber an­gehört (§ 2 Abs.1 Nr.3 AGG).

Das Ver­bot der Un­gleich­be­hand­lung aus Gründen der Re­li­gi­on gilt aber nicht oh­ne Aus­nah­men. Denn wenn die Re­li­gi­on we­gen der Art der aus­zuüben­den Tätig­keit oder der Be­din­gun­gen ih­rer Ausübung ei­ne "we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung" ist, ist es gemäß § 8 Abs.1 AGG zulässig, Stel­len­be­wer­bern we­gen ih­rer Re­li­gi­on un­ter­schied­lich zu be­han­deln: Wer als Pfar­rer oder Kir­chen­mu­si­ker ar­bei­ten möch­te, muss die pas­sen­de Re­li­gi­on ha­ben.

Wei­ter­ge­hend er­laubt § 9 AGG Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten und ih­ren ka­ri­ta­ti­ven Ein­rich­tun­gen, Stel­len­be­wer­ber je nach ih­rer Re­li­gi­on un­gleich zu be­han­deln, wenn die Re­li­gi­on "im Hin­blick auf ihr Selbst­be­stim­mungs­recht" oder "nach der Art der Tätig­keit" ei­ne "ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung" ist.

Der An­wen­dungs­be­reich die­ser Vor­schrift ist nicht ganz so klar de­fi­niert, denn wenn schon al­lein das "Selbst­be­stim­mungs­recht" der Kir­chen Grund dafür sein kann, die Re­li­gi­on zu ei­ner "ge­recht­fer­tig­ten" An­for­de­rung zu er­he­ben, dann könn­ten die Kir­chen letzt­lich be­lie­big darüber ent­schei­den, wel­che Stel­len sie ger­ne mit Ar­beit­neh­mern be­set­zen wol­len, die die "rich­ti­ge" Re­li­gi­on ha­ben, und bei wel­chen Stel­len dies kei­ne Rol­le spie­len soll.

Im Streit: Stelle eines wissenschaftlichen Referenten, der für die Diakonie einen Bericht zum Thema Antirassismus erstellen soll

In dem Ber­li­ner Streit­fall such­te ei­ne dia­ko­ni­sche Ein­rich­tung ei­nen wis­sen­schaft­lich qua­li­fi­zier­ten Re­fe­ren­ten, um ei­nen un­abhängi­gen Be­richt zur Um­set­zung der An­ti­ras­sis­mus­kon­ven­ti­on der Ver­ein­ten Na­tio­nen durch Deutsch­land er­stel­len zu las­sen.

In der Stel­len­aus­schrei­bung wur­den die mit der Stel­le ver­bun­de­nen Auf­ga­ben so um­schrie­ben:

  • "Be­glei­tung des Pro­zes­ses zur Staa­ten­be­richt­er­stat­tung 2012 bis 2014
  • Er­ar­bei­tung des Par­al­lel­be­richts zum deut­schen Staa­ten­be­richt so­wie von Stel­lung­nah­men und Fach­beiträgen
  • Pro­jekt­be­zo­ge­ne Ver­tre­tung der Dia­ko­nie Deutsch­land ge­genüber der Po­li­tik, der Öffent­lich­keit und Men­sch­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen so­wie Mit­ar­beit in Gre­mi­en
  • In­for­ma­ti­on und Ko­or­di­na­ti­on des Mei­nungs­bil­dungs­pro­zes­ses im Ver­bands­be­reich
  • Or­ga­ni­sa­ti­on, Ver­wal­tung und Sach­be­richt­er­stat­tung zum Ar­beits­be­reich"

Ge­sucht wur­den Be­wer­ber mit ab­ge­schlos­se­nen Hoch­schul­stu­di­um der Rechts­wis­sen­schaf­ten oder mit "ver­gleich­ba­rer" Qua­li­fi­ka­ti­on, die fun­dier­te Kennt­nis­se im Völker­recht und in der An­ti­ras­sis­mus­ar­beit be­sit­zen.

Wei­te­re Vor­aus­set­zung war laut Stel­len­aus­schrei­bung die Mit­glied­schaft in ei­ner evan­ge­li­schen Kir­che oder ei­ner Kir­che, die der Ar­beits­ge­mein­schaft Christ­li­cher Kir­chen (ACK) an­gehört.

Ei­ne kon­fes­si­ons­lo­se So­zi­alpädago­gin wur­de nicht zum Vor­stel­lungs­gespräch ein­ge­la­den und er­hielt ei­ne Ab­sa­ge, wor­auf­hin sie auf Gel­dentschädi­gung gemäß § 15 Abs.2 AGG klag­te und vor dem Ar­beits­ge­richt Ber­lin Er­folg hat­te (Ur­teil vom 18.12.2013, 54 Ca 6322/13, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/011 Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on bei der Dia­ko­nie).

Ar­gu­ment des Ar­beits­ge­richts: Die Re­fe­ren­tentätig­keit zie­le "nicht un­mit­tel­bar auf die Ver­mitt­lung, Verkündung und prak­ti­schen Um­set­zung der Re­li­gi­on". Da­her sei die "Übe­rein­stim­mung mit dem evan­ge­li­schen Welt­bild" zwar "nütz­lich", aber ei­ne Kir­chen­zu­gehörig­keit nicht we­sent­lich und er­for­der­lich für die Stel­le.

LAG Berlin-Brandenburg: Ein diakonischer Arbeitgeber darf für akademische Referentenstellen eine Identifikation mit ihm und mit dem Christentum fordern

Das LAG Ber­lin-Bran­den­burg war hier an­de­rer An­sicht und wies die Kla­ge ab. Die ver­klag­te dia­ko­ni­sche Ein­rich­tung war hier im Streit­fall be­rech­tigt, die Re­fe­ren­ten­stel­le von der Mit­glied­schaft in ei­ner christ­li­chen Kir­che abhängig zu ma­chen, so das LAG. Zur Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des LAG:

Die Schlech­ter­stel­lung der Be­wer­be­rin war we­gen des kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­rechts (Art.140 Grund­ge­setz - GG) nach § 9 AGG ge­recht­fer­tigt, so das LAG. Auch aus dem Eu­ro­pa­recht er­gibt sich nach An­sicht der Ber­li­ner Rich­ter nichts an­de­res, denn der Sta­tus, den die Kir­chen in den EU-Mit­glieds­staa­ten ge­nießen, wird durch das Eu­ro­pa­recht an­er­kannt. Hier ver­weist das LAG auf Art.17 Abs.1 des Ver­trags über die Ar­beits­wei­se der Eu­ropäischen Uni­on (AEUV).

Fa­zit: Für die Rechts­auf­fas­sung des LAG spricht, dass mit der aus­ge­schrie­be­nen Stel­le die Auf­ga­be ver­bun­den sein soll­te, die "Dia­ko­nie Deutsch­land" ge­genüber der Po­li­tik, der Öffent­lich­keit und Men­sch­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen so­wie Mit­ar­beit in Gre­mi­en zu ver­tre­ten. Die Re­präsen­ta­ti­on ei­nes kirch­li­chen Ar­beit­ge­bers nach außen hin ist aber schon ein sach­lich nach­voll­zieh­ba­rer Grund, die Mit­glied­schaft in ei­ner christ­li­chen Kir­che zur Ein­stel­lungs­be­din­gung zu ma­chen.

Ob die Kläge­rin über­haupt für die Stel­le aus­rei­chend qua­li­fi­ziert war, ließ das LAG of­fen, denn aus sei­ner Sicht lag oh­ne­hin kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung vor. So ganz selbst­verständ­lich ist das aber nicht. Denn ob ein So­zi­alpädago­gik­stu­di­um mit ei­nem "ab­ge­schlos­se­nen Hoch­schul­stu­di­um der Rechts­wis­sen­schaf­ten" ver­gleich­bar ist, ins­be­son­de­re wenn außer­dem "fun­dier­te Kennt­nis­se im Völker­recht" ver­langt wer­den, ist zwei­fel­haft.

Da das LAG die Re­vi­si­on zum Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) zu­ge­las­sen hat, wer­den wohl demnächst die Er­fur­ter Rich­ter das letz­te Wort über den Fall spre­chen.

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe veröffent­licht. Das vollständig ab­ge­fass­te Ur­teil fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 8. April 2016

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