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Kün­di­gung we­gen An­zei­ge ge­gen den Ar­beit­ge­ber

Frist­lo­se Kün­di­gung ei­ner Haus­wirt­schaf­te­rin we­gen un­be­rech­tig­ter An­zei­ge ge­gen den Ar­beit­ge­ber rech­tens: Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln, Ur­teil vom 05.07.2012, 6 Sa 71/12
Europafahne

08.01.2013. "Hin­weis­ge­ber" oder "Whist­leb­lo­wer" sind Ar­beit­neh­mer, die ih­ren Ar­beit­ge­ber we­gen an­geb­li­cher Ge­set­zes­ver­stö­ßen oder an­geb­li­cher Straf­ta­ten bei Auf­sichts­be­hör­den, bei der Po­li­zei oder bei der Staats­an­walt­schaft an­zei­gen.

Hin­weis­ge­ber ris­kie­ren ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kün­di­gung. Denn die meis­ten Ar­beit­ge­ber be­trach­ten ein sol­ches Ver­pfei­fen als mas­si­ven Ver­trau­ens­bruch, und na­tür­lich sind die meis­ten Ar­beit­ge­ber fest da­von über­zeugt, dass die An­zei­ge völ­lig halt­los war.

Die Ar­beits­ge­rich­te müs­sen hier ei­nen Mit­tel­weg fin­den zwi­schen der Mei­nungs­frei­heit des Ar­beit­neh­mers und dem Schutz der be­rech­tig­ten In­ter­es­sen des Ar­beit­ge­bers. Sie ver­lan­gen da­her, dass Hin­weis­ge­ber vor ei­ner An­zei­ge zu­nächst ein­mal ver­su­chen, die über die Miss­stän­de inn­be­trieb­lich zu re­den, d.h. mit dem Ar­beit­ge­ber ei­ne Klä­rung von Ver­dachts­mo­men­ten und/oder ei­ne Be­sei­ti­gung der Miss­stän­de zu er­rei­chen.

An die­ser Recht­spre­chung der deut­schen Ar­beits­ge­rich­te hat sich auch durch das Hei­nisch-Ur­teil des Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te (EGMR) vom 21.07.2011 (28274/08) nichts ge­än­dert (wir be­rich­te­ten über die­se Ent­schei­dung in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/175 Ver­pfei­fen / Whist­leb­lo­wing oh­ne Ri­si­ko ei­ner Kün­di­gung?). Denn der EGMR hat­te da­mals zwar ei­ner pro­mi­nen­ten deut­schen Hin­weis­ge­be­rin, der Al­ten­pfle­ge­rin Bri­git­te Hei­nisch, recht ge­ge­ben, aber mit ei­ner Be­grün­dung, die die Hal­tung der deut­schen Ar­beits­ge­rich­te nicht wirk­lich in Fra­ge stellt.

Das zeigt ei­ne ak­tu­el­le Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Köln: LAG Köln, Ur­teil vom 05.07.2012, 6 Sa 71/12.

Wann dürfen Arbeitgeber einem Hinweisgeber wegen einer unbegründeter Anzeige kündigen?

Ha­ben Ar­beit­neh­mer An­halts­punk­te dafür, dass Ihr Ar­beit­ge­ber oder dass Ar­beits­kol­le­gen oder Vor­ge­setz­te Straf­ta­ten verüben, sind sie wie je­der Bürger da­zu be­rech­tigt, ei­ne Straf­an­zei­ge zu er­stat­ten, d.h. die Po­li­zei oder die Staats­an­walt­schaft zu in­for­mie­ren - je­den­falls im Prin­zip.

„Im Prin­zip“ heißt, dass Ar­beit­neh­mer zwar wie je­der Bürger in sol­chen Fällen das Recht zur Straf­an­zei­ge ha­ben, dass sie aber als Ar­beit­neh­mer zu­gleich auch da­zu ver­pflich­tet sind, Rück­sicht auf die geschäft­li­chen In­ter­es­sen und auf den gu­ten Ruf ih­res Ar­beit­ge­bers zu neh­men.

Da­her droht Ar­beit­neh­mern, die ih­ren Ar­beit­ge­ber "ver­pfei­fen", die frist­lo­se Kündi­gung, falls die Straf­an­zei­ge "leicht­fer­tig" er­stat­tet wur­de. Und leicht­fer­tig sind Straf­an­zei­gen, wenn der an­zei­gen­de Ar­beit­neh­mer nicht zu­vor ver­sucht hat, den Ver­dacht im Be­trieb zu klären. Nur in sel­te­nen Aus­nah­mefällen dürfen Ar­beit­neh­mer sich di­rekt, d.h. oh­ne ei­nen sol­chen inn­be­trieb­li­chen Klärungs­ver­such, an die zuständi­gen Behörden wen­den und ih­ren Ar­beit­ge­ber "ver­pfei­fen".

Außer­dem darf der Ar­beit­neh­mer nicht be­wusst un­wah­re Be­haup­tun­gen auf­stel­len. Das ver­steht sich ei­gent­lich von selbst, wird aber manch­mal von "be­lei­dig­ten" Ar­beit­neh­mern über­se­hen, wie die Ent­schei­dung des LAG Köln zeigt.

Der Fall des LAG Köln: Ordentlich gekündigte Haushälterin verpfeift ihre Arbeitgeber beim Jugendamt

Im Streit­fall hat­te ei­ne or­dent­li­che gekündig­te Haushälte­rin ge­genüber dem Ju­gend­amt be­haup­tet, ih­re Ar­beit­ge­ber, ein Ehe­paar mit zwei klei­nen Kin­dern, hätten ih­re Kin­der ver­nachlässigt bzw. ver­wahr­lo­sen las­sen. Wie sich später her­aus­stell­te, gab es von Ver­wahr­lo­sung kei­ne Spur.

Auf­grund die­ser An­zei­ge kündig­ten die Ehe­leu­te er­neut, dies­mal frist­los. Da­ge­gen die er­hob die gekündig­te Haushälte­rin Kündi­gungs­schutz­kla­ge und ver­trat die An­sicht, sie ha­be - nach Er­halt der or­dent­li­chen Kündi­gung - das Recht zu ei­ner In­for­ma­ti­on des Ju­gends­am­tes ge­habt.

Das Ju­gend­amt sei nicht die Staats­an­walt­schaft, son­dern sol­le klären, ob Missstände vorlägen. Es sei sinn­voll, bei über­las­te­ten El­tern das Ju­gend­amt ein­zu­schal­ten.

Kom­me das Amt zu dem Er­geb­nis, dass ei­ne Miss­hand­lung des Kin­des vor­lie­ge, so ha­be es ge­ge­be­nen­falls die Staats­an­walt­schaft ein­zu­schal­ten. Die bloße In­for­ma­ti­on des Ju­gend­am­tes stel­le noch kei­ne un­zulässi­ge Hand­lung zu Las­ten des Ar­beit­ge­bers dar, so die Haushälte­rin.

Von die­sen Rechts­an­sich­ten ließ sich das Ar­beits­ge­richt Aa­chen nicht über­zeu­gen und wies die Kündi­gungs­schutz­kla­ge ab (Ar­beits­ge­richt Aa­chen, Ur­teil vom 13.12.2011, 5 Ca 2681/11 d ).

LAG Köln: Das Heinisch-Urteil des EGMR hat die Rechtsgrundsätze der deutschen Gerichten "weiter präzisiert"

Auch das LAG Köln als Be­ru­fungs­ge­richt ent­schied ge­gen die Haushälte­rin, wo­bei es kurz zur der oben erwähn­ten Hei­nisch-Ent­schei­dung des EGMR Stel­lung nahm.

Mit die­sem Ur­teil hat der Men­schen­ge­richts­hof, so das LAG Köln, bestätigt, dass es in den Hin­weis­ge­ber-Fällen dar­auf an­kommt, die In­ter­es­sen der Be­tei­lig­ten ge­gen­ein­an­der ab­zuwägen. Da­bei kommt es nicht nur auf die durch Art.10 der Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on geschütz­te Mei­nungs­frei­heit des Hin­weis­ge­bers an und auf die In­ter­es­sen der All­ge­mein­heit an ei­ner Auf­de­ckung in­ner­be­trieb­li­cher Missstände an. Viel­mehr müssen die Ge­rich­te auch das be­rech­tig­te In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers im Au­ge be­hal­ten, nicht oh­ne vor­he­ri­ge in­nerb­trieb­li­che Klärungs­ver­su­che an­ge­zeigt zu wer­den.

Hier im Streit­fall sprach al­les ge­gen die Haushälte­rin, denn sie hat­te ih­ren Ar­beit­ge­ber völlig grund­los und oh­ne vor­he­ri­ge in­ner­be­trieb­li­chen Klärungs­ver­such ver­pfif­fen, und das nicht et­wa gutgläubig, son­dern als Re­ak­ti­on auf die zu­vor aus­ge­spro­che­ne or­dent­li­che Kündi­gung. Da­her wies das LAG ih­re Kla­ge zu­recht ab.

Fa­zit: Trotz des Hei­nisch-Ur­teils des EGMR hat ei­ne Straf­an­zei­ge in vie­len Fällen ei­ne frist­lo­se Kündi­gung zur Fol­ge, ge­gen die sich der Ar­beit­neh­mer mit ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge weh­ren muss. Ob er vor Ge­richt os­biegt oder nicht, hängt dann da­von ab, wie sorgfältig er sei­ne An­zei­ge vor­be­rei­tet hat­te. Oh­ne ei­nen in­ner­be­trieb­li­chen Klärungs­ver­such ha­ben Ar­beit­neh­mer hier kei­ne gu­ten Chan­cen.

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Letzte Überarbeitung: 30. September 2016

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