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Frist­lo­se Kün­di­gung we­gen Straf­an­zei­ge

Bei grund­lo­ser Straf­an­zei­ge kann der Ar­beit­ge­ber frist­los kün­di­gen: Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln, Ur­teil vom 02.02.2012, 6 Sa 304/11
09.05.2012. Spricht der Ar­beit­ge­ber we­gen ei­nes Pflicht­ver­sto­ßes ei­ne au­ßer­or­dent­li­che und frist­lo­se Kün­di­gung aus, braucht er da­für ei­nen "wich­ti­gen Grund" im Sin­ne von § 626 Bür­ger­li­ches Ge­setz­buch (BGB), der ihm die Fort­set­zung des Ar­beits­ver­hält­nis­ses un­zu­mut­bar macht - und sei es auch nur bis zum Ab­lauf der Kün­di­gungs­frist.

Ein sol­cher "wich­ti­ger Grund" kann für ei­ne frist­lo­se Kün­di­gung kann in ei­ner un­be­rech­tig­ten Straf­an­zei­ge des Ar­beit­neh­mers ge­gen den Ar­beit­ge­ber lie­gen. Ei­ne Kün­di­gung we­gen ei­ner Straf­an­zei­ge ist aber recht­lich hei­kel, weil man bei ei­ner Straf­an­zei­ge ja nie weiß, zu wel­chen Er­geb­nis­sen Po­li­zei und Staats­an­walt­schaft in­fol­ge ih­rer Er­mitt­lun­gen kom­men.

Die Er­geb­nis­of­fen­heit von Straf­ver­fah­ren ist aber kein Frei­brief für ein völ­lig grund­lo­ses „Whist­leb­lo­wing“, d.h. ein Ver­pfei­fen des Ar­beit­ge­bers. Stellt der Whist­leb­lo­wer ei­ne un­be­grün­de­te Straf­an­zei­ge, oh­ne vor­her ei­ne "in­ner­be­trieb­li­che Klä­rung" sei­nes Ver­dachts ver­sucht zu ha­ben, kann die Straf­an­zei­ge ei­ne frist­lo­se Kün­di­gung nach sich zie­hen, wie ein Fall des Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Köln zeigt: LAG Köln, Ur­teil vom 02.02.2012, 6 Sa 304/11.

Fristlose Kündigung wegen unbegründeter Strafanzeige oder Schutz des „Whistlenlowers“?

Manch­mal ha­ben Ar­beit­neh­mer An­halts­punk­te dafür, dass im Be­trieb Straf­ta­ten oder an­de­re schwer­wie­gen­de Rechts­verstöße be­gan­gen wer­den. An sich hat der Bürger hier die Möglich­keit der Straf­an­zei­ge, nur dass der Ar­beit­neh­mer nicht ir­gend­ein Bürger ist, son­dern als Ar­beit­neh­mer zur Rück­sicht­nah­me auf die In­ter­es­sen sei­nes Ar­beit­ge­bers ver­pflich­tet ist.

Im "Nor­mal­fall" ver­lan­gen die Ar­beits­ge­rich­te da­her vom Ar­beit­neh­mer, dass er sich um ei­ne "in­ner­be­trieb­li­che Klärung" bemüht. Nur wenn das er­folg­los bleibt oder von vorn­her­ein sinn­los wäre, darf er sei­nen Ar­beit­ge­ber bei außer­be­trieb­li­chen Stel­len "ver­pfei­fen" und z.B. ei­ne Straf­an­zei­ge er­stat­ten.

Außer­dem darf der Ar­beit­neh­mer nicht „leicht­fer­tig“ un­wah­re Be­haup­tun­gen auf­stel­len. Dar­in liegt ei­ne Ge­fahr für je­den "Whist­leb­lo­wer", denn aus Sicht des Ar­beit­ge­bers ist je­de Straf­an­zei­ge „leicht­fer­tig“, wenn das Straf­ver­fah­ren den Tat­ver­dacht nicht bestätigt. Und das ge­schieht oft, schon al­lein des­halb, weil die meis­ten Straf­ver­fah­ren ein­ge­stellt wer­den. Straf­an­zei­gen ge­gen den Ar­beit­ge­ber ha­ben da­her häufig ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung zur Fol­ge.

LAG Köln: Eine Strafanzeige ohne vorherige gründliche Prüfung der Vorwürfe kann eine Kündigung nach sich ziehen

Im Streit­fall ha­tet ein al­ko­ho­li­sier­ter Ju­gend­li­cher die Si­cher­heits­ein­rich­tung (den „Not­hahn“) ei­nes Bus­ses be­nutzt, um während der Fahrt die Tür zu öff­nen und den Bus zu ver­las­sen. Das en­de­te tödlich. Ein Bus­fah­rer des Un­ter­neh­mens teil­te der Staats­an­walt­schaft dar­auf­hin mit, der Jun­ge könn­te noch le­ben. Denn an­geb­lich soll ihm ein an­de­rer An­ge­stell­ter des Bus­un­ter­neh­mens mit­ge­teilt ha­ben, dass bei den Bus­sen ei­ne Schal­tung ent­fernt wor­den sei, die für ein au­to­ma­ti­sches Brem­sen ge­sorgt hätte. Ei­ne sol­che Schal­tung hat es aber nie ge­ge­ben, wie ein Sach­verständi­gen­gut­ach­ten und ein Blick in die Be­die­nungs­an­lei­tung des Bus­ses zeig­ten. Der Kol­le­ge, auf den sich der Whist­len­lo­wer be­ru­fen hat­te, be­stritt später sei­ne an­geb­li­chen In­for­ma­tio­nen.

Dar­auf­hin sprach der Ar­beit­ge­ber ei­ne frist­lo­se Kündi­gung so­wie ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung mit Aus­lauf­frist aus. Wärhend das Ar­beits­ge­richt Aa­chen die frist­lo­se Kündi­gung für wirk­sam hielt (Ur­teil vom 07.12.2010, 4 Ca 2873/10), schwäch­te das LAG Köln die­se Ent­schei­dung ab, hielt aber die außer­or­dent­li­che Kündi­gung mit Aus­lauf­frist für rech­tens. Denn der Bus­fah­rer hat­te nicht über­prüft, ob die ihm an­geb­lich zu­ge­tra­ge­nen In­for­ma­tio­nen rich­tig wa­ren. Nur sei­ner rund 22 Jah­re lan­gen Be­triebs­zu­gehörig­keit war es zu ver­dan­ken, dass der Ar­beit­ge­ber bei der Kündi­gung die or­dent­li­che Kündi­gungs­frist ein­hal­ten muss­te und kei­ne frist­lo­se Kündi­gung aus­spre­chen durf­te.

Fa­zit: Ei­ne Straf­an­zei­ge zieht in den meis­ten Fällen ei­ne frist­lo­se Kündi­gung nach sich, ge­gen die der Ar­beit­neh­mer sich dann später mit ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge weh­ren muss. Ob er vor Ge­richt als Sie­ger vom Platz geht, hängt da­von ab, wie sorgfältig die Straf­an­zei­ge vor­be­rei­tet wird. Hier soll­te man sich nie al­lein auf die Aus­sa­gen An­de­rer ver­las­sen, son­dern ob­jek­ti­ve Be­weis­mit­tel si­chern und den Ar­beit­ge­ber vor der Straf­an­zei­ge mit den Ver­dachts­mo­men­ten kon­fron­tie­ren.

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Letzte Überarbeitung: 23. August 2016

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