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Ta­rif­ein­heits­ge­setz ver­fas­sungs­ge­mäß

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) weist ver­fas­sungs­recht­li­che Ein­wän­de ge­gen das um­strit­te­ne Ta­rif­ein­heits­ge­setz im We­sent­li­chen zu­rück: Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Ur­teil vom 11.07.2017, 1 BvR 1571/15, 1 BvR 1588/15, 1 BvR 2883/15, 1 BvR 1043/16, 1 BvR 1477/16/15

11.07.2017. Durch das Ge­setz zur Ta­rif­ein­heit (Ta­rif­ein­heits­ge­setz) vom 03.07.2015 (BGBl. I S. 1130), das am 10.07.2015 in Kraft ge­tre­ten ist, hat der Ge­setz­ge­ber ei­ne neue Vor­schrift in das Ta­rif­ver­trags­ge­setz (TVG) ein­ge­fügt, näm­lich § 4a TVG. Die­se Re­ge­lung soll das Prin­zip „ein Be­trieb, ein Ta­rif­ver­trag“ durch­set­zen (Grund­satz der Ta­rif­ein­heit).

Sie rich­tet sich da­mit ge­gen die „auf­müp­fi­ge“ Ta­rif­pra­xis klei­ner Be­rufs­grup­pen­ge­werk­schaf­ten wie z.B. der Lok­füh­rer­ge­werk­schaft GDL, der Ärz­te­ge­werk­schaft Mar­bur­ger Bund oder der Pi­lo­ten­ver­ei­ni­gung Cock­pit (wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 15/032 Ge­setz­ent­wurf zur Ta­rif­ein­heit, Ar­beits­recht ak­tu­ell: 15/132 um­strit­te­nes Ge­setz zur Ta­rif­ein­heit pas­siert den Bun­des­tag). Denn da in­fol­ge von § 4 Abs.2 Satz 2 TVG in ei­nem Be­trieb nur der Ta­rif­ver­trag der mit­glie­der­stärks­ten Ge­werk­schaft zur An­wen­dung kom­men soll, wird den Be­rufs­ge­werk­schaf­ten durch die Neu­re­ge­lung das Was­ser ab­ge­gra­ben.

Heu­te hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) die ge­gen das Ta­rif­ein­heits­ge­setz ge­rich­te­ten Ver­fas­sungs­be­schwer­den der oben ge­nann­ten Be­rufs­grup­pen­ge­werk­schaf­ten im We­sent­li­chen zu­rück­ge­wie­sen. Nach An­sicht des Ers­ten BVerfG-Se­nats ist das Ta­rif­ein­heits­ge­setz im Kern ver­fas­sungs­ge­mäß: BVerfG, Ur­teil vom 11.07.2017, 1 BvR 1571/15, 1 BvR 1588/15, 1 BvR 2883/15, 1 BvR 1043/16, 1 BvR 1477/16.

Tarifpluralität oder Tarifeinheit?

Gemäß § 4 Abs.1 TVG gel­ten die In­halts­nor­men ei­nes Ta­rif­ver­trags un­mit­tel­bar und zwin­gend für Ge­werk­schafts­mit­glie­der, wenn auch der Ar­beit­ge­ber ta­rif­ge­bun­den ist. Wer z.B. als Kran­ken­schwes­ter Mit­glied der Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di ist, kann von ei­nem ta­rif­ge­bun­de­nen Kran­ken­haus­träger Be­zah­lung nach den je­weils ak­tu­el­len ver.di-Ta­rif­verträgen ver­lan­gen. Das gilt auch für den Kran­ken­haus­arzt, der Mit­glied des Mar­bur­ger Bun­des ist, nur dass er Be­zah­lung nach den vom Mar­bur­ger Bund ab­ge­schlos­se­nen Ta­rif­verträgen ver­lan­gen kann.

Die­ses Ne­ben­ein­an­der ver­schie­de­ner Ta­rif­verträge wäre kein The­ma, wenn die ver.di-Ta­rif­verträge nicht eben­falls Ta­riflöhne für Kran­ken­hausärz­te vor­se­hen würden. Da sie das aber tun, muss die Kran­ken­haus­ver­wal­tung bei der Ar­beit­neh­mer­grup­pe der Ärz­te zwei ver­schie­de­ne Ta­rif­verträge par­al­lel an­wen­den.

Das wie­der­um ist zwar kein prak­ti­sches Pro­blem, denn vie­le Ar­beit­ge­ber kom­men mit der ab­rech­nungs­tech­ni­schen Auf­spal­tung von Be­leg­schaf­ten in Stamm­kräfte und Leih­ar­beit­neh­mer pri­ma zu­recht, aber es ist ein po­li­ti­scher Zank­ap­fel, weil die eta­blier­ten, im Deut­schen Ge­werk­schafts­bund (DGB) zu­sam­men­ge­schlos­se­nen Ge­werk­schaf­ten und die ih­nen na­he­ste­hen­de SPD die Kon­kur­renz klei­ner und ag­gres­si­ver Spar­ten­ge­werk­schaf­ten nicht mögen.

Nach jah­re­lan­gen Dis­kus­sio­nen hat­ten sich SPD und DGB im Som­mer 2015 mit ih­rer For­de­rung durch­ge­setzt, der Ta­rifp­lu­ra­lität in­ner­halb ei­nes Be­trie­bes ein En­de zu ma­chen. Statt­des­sen soll künf­tig das Prin­zip "Ein Be­trieb, ein Ta­rif­ver­trag" zur An­wen­dung kom­men, d.h. der Grund­satz der Ta­rif­ein­heit. Er ist in § 4a Abs.2 Satz 2 TVG fest­ge­schrie­ben. Die­se Vor­schrift lau­tet:

"So­weit sich die Gel­tungs­be­rei­che nicht in­halts­glei­cher Ta­rif­verträge ver­schie­de­ner Ge­werk­schaf­ten über­schnei­den (kol­li­die­ren­de Ta­rif­verträge), sind im Be­trieb nur die Rechts­nor­men des Ta­rif­ver­trags der­je­ni­gen Ge­werk­schaft an­wend­bar, die zum Zeit­punkt des Ab­schlus­ses des zu­letzt ab­ge­schlos­se­nen kol­li­die­ren­den Ta­rif­ver­trags im Be­trieb die meis­ten in ei­nem Ar­beits­verhält­nis ste­hen­den Mit­glie­der hat."

Mit die­ser ge­setz­li­chen Re­ge­lung hat sich der Ge­setz­ge­ber zu­gleich auch ge­gen ei­ne Ände­rung der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) aus­ge­spro­chen. Denn das BAG hat­te im Jah­re 2010 aus­drück­lich klar­ge­stellt, dass es ge­gen die An­wen­dung meh­re­rer, für die­sel­ben Ar­beit­neh­mer­grup­pen gel­ten­den Ta­rif­verträge im sel­ben Be­trieb kei­ne recht­li­chen Einwände (mehr) hat (BAG, Be­schluss vom 27.01.2010, 4 AZR 549/08 (A), und BAG, Be­schluss vom 23.06.2010, 10 AS 3/10, wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/134 Ab­schied vom Grund­satz der Ta­rif­ein­heit). Im Un­ter­schied zu § 4a Abs.2 Satz 2 TVG kam es nach der al­ten BAG-Recht­spre­chung aber nicht auf die be­trieb­li­chen Mehr­heits­verhält­nis­se an, son­dern auf die Fra­ge, wel­cher Ta­rif­ver­trag der spe­zi­el­le­re ist, d.h. die um­fang­rei­che­ren und ge­naue­ren Re­ge­lun­gen für den je­wei­li­gen Be­trieb enthält.

Ist der Grundsatz der Tarifeinheit mit der Verfassung vereinbar, d.h. mit der Koalitionsfreiheit der kleinen Spartengewerkschaften?

Auf­grund der Kol­li­si­ons­re­gel des § 4a Abs.2 Satz 2 TVG ist den Ta­rif­verträgen der klei­nen Be­rufs­grup­pen­ge­werk­schaf­ten ein trau­ri­ges Da­sein im Ab­la­ge­fach be­schie­den. Denn ei­ne Bran­chen­ge­werk­schaft wie die ver.di, die in ei­nem Kran­ken­haus nicht nur die Ärz­te, son­dern auch die Pfle­ge- und Rei­ni­gungs­kräfte, die Ver­wal­tungs­mit­ar­bei­ter und das Küchen­per­so­nal or­ga­ni­siert, hat prak­tisch im­mer mehr Mit­glie­der im Kran­ken­haus­be­trieb hin­ter sich als der Mar­bur­ger Bund, der ja nur die Ärz­te­schaft ver­tritt.

Hier fragt sich, ob § 4a Abs.2 Satz 2 TVG mit Art.9 Abs.3 Grund­ge­setz (GG) ver­ein­bar ist, d.h. mit der Ko­ali­ti­ons­frei­heit der klei­nen Ge­werk­schaf­ten. Die Ko­ali­ti­ons­frei­heit gibt nämlich al­len Ar­beit­neh­mern und nicht nur den Mit­glie­dern großer Bran­chen­ge­werk­schaf­ten das Recht, durch ihr ge­werk­schaft­li­ches En­ga­ge­ment die Ar­beits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen mit­zu­ge­stal­ten. Fal­len die Ta­rif­verträge klei­ne­rer Be­rufs­grup­pen­ge­werk­schaf­ten aber § 4a Abs.2 Satz 2 TVG zum Op­fer, bleibt von die­sem Grund­recht nur noch we­nig übrig.

Zwar dürfen Spar­ten­ge­werk­schaf­ten trotz § 4a Abs.2 Satz 2 TVG für ih­re Ta­rif­for­de­run­gen im Prin­zip wei­ter­hin zum Streik auf­ru­fen, doch ist nicht aus­ge­schlos­sen, dass Ar­beits­ge­rich­te im Ein­zel­fall Streiks für un­zulässig erklären, falls von vorn­her­ein klar ist, dass der Ta­rif­ver­trag der Spar­ten­ge­werk­schaft dem Ta­rif­ein­heits­prin­zip zum Op­fer fal­len wird. Vor al­lem aber wäre ein sol­cher Streik aus Ar­beit­neh­mer­sicht we­nig sinn­voll. Denn wo­zu soll man dem Streik­auf­ruf ei­ner "Ge­werk­schaft" fol­gen, die vom Ge­setz für ta­rif­unmündig erklärt wird und da­her nur Pa­pier­korb-Ta­rif­verträge ab­sch­ließen kann?

Und lang­fris­tig fragt sich dann auch, wo­zu man ei­gent­lich Ge­werk­schafts­beiträge zah­len soll, um Mit­glied­schaft ei­ner ta­rif­recht­lich weit­ge­hend kalt­ge­stell­ten Ge­werk­schaft zu sein.

BVerfG: Das Tarifeinheitsgesetz greift zwar erheblich in das Koalitionsgrundrecht der kleinen Gewerkschaften ein, ist aber im Großen und Ganzen verhältnismäßig

Mit der Ent­schei­dung vom heu­ti­gen Ta­ge hat der Ers­te BVerfG-Se­nat prak­tisch al­le ju­ris­ti­schen Einwände ge­gen das Ta­rif­ein­heits­ge­setz bzw. ge­gen § 4a Abs.2 Satz 2 TVG vom Tisch ge­wischt.

Denn der Ge­setz­ge­ber, so das BVerfG, ver­folgt mit § 4a Abs.2 Satz 2 TVG ein le­gi­ti­mes Ziel, nämlich die Ver­ein­heit­li­chung der Ar­beit­neh­mer­for­de­run­gen im Fal­le meh­re­rer an Ta­rif­ver­hand­lun­gen be­tei­lig­ter Ge­werk­schaf­ten (Ur­teil, Rn.153). An die­ser Stel­le über­nimmt das Ur­teil weit­ge­hend un­kri­tisch die po­li­ti­sche „Ver­kau­fe“ von Mi­nis­te­rin Nah­les:

„Zweck der an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen ist es, An­rei­ze für ein ko­or­di­nier­tes und ko­ope­ra­ti­ves Vor­ge­hen der Ar­beit­neh­mer­sei­te in Ta­rif­ver­hand­lun­gen zu set­zen und so Ta­rif­kol­li­sio­nen zu ver­mei­den (vgl. BT­Drucks 18/4062, S. 9). Da­mit will der Ge­setz­ge­ber die Aus­gangs­be­din­gun­gen für im Ta­rif­ver­trags­sys­tem funk­tio­nie­ren­de Ta­rif­ver­hand­lun­gen si­chern, wel­che er spe­zi­fisch gefähr­det sieht, wenn es auf­grund der Aus­nut­zung be­trieb­li­cher Schlüssel­po­si­tio­nen auf Ar­beit­neh­mer­sei­te zur Ta­rif­kol­li­si­on im Be­trieb kommt.“ (Ur­teil, Rn.153)

Ist das zu lösen­de „Pro­blem“ erst ein­mal in der Wei­se be­schrie­ben, dass die Ta­rifp­lu­ra­lität als sol­che ein ge­sell­schaft­li­ches Übel sei, liegt die ein­zig denk­ba­re "Lösung" auf der Hand, nämlich ih­re Ab­schaf­fung zu­guns­ten des Prin­zips der Ta­rif­ein­heit. Es ist da­her nicht über­ra­schend, dass das BVerfG der Mei­nung ist, dass die um­strit­te­ne ge­setz­li­che Re­ge­lung auch ei­ner Über­prüfung am Grund­satz der Er­for­der­lich­keit standhält (Ur­teil, Rn.162).

An die­ser Stel­le hätte es na­he­ge­le­gen, die of­fi­zi­el­len ge­setz­ge­be­ri­schen Ziel­set­zun­gen kri­tisch zu hin­ter­fra­gen. Im­mer­hin hält das Ur­teil selbst (Rn.9) zu­tref­fend fest, dass die um­strit­te­ne Ge­set­zesände­rung ursprüng­lich auf ei­ne (vorüber­ge­hen­de) ge­mein­sa­me Initia­ti­ve des DGB und der Bun­des­ver­ei­ni­gung Deut­scher Ar­beit­ge­ber­verbände (BDA) zurück­geht (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/114 BDA-DGB-Ge­set­zes­in­itia­ti­ve zur Ta­rif­ein­heit be­en­det).

Vor dem Hin­ter­grund die­ser ziem­lich dreis­ten ko­ali­ti­ons­po­li­ti­schen Kar­tell­bil­dung und an­ge­sichts der er­heb­li­chen Grund­rechts­ein­grif­fe zu­las­ten klei­ne­rer Ge­werk­schaf­ten hätte sich die Fra­ge auf­ge­drängt, ob die Li­be­ra­li­sie­rung der BAG-Recht­spre­chung zur Ta­rifp­lu­ra­lität im Jah­re 2010 ne­ga­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf die Ta­rif- und Ar­beits­kampf­pra­xis hat­te und/oder wel­che kon­kre­ten ne­ga­ti­ven Fol­gen für die Zu­kunft ei­gent­lich zu befürch­ten sein sol­len. Statt die­ser kri­ti­schen Fra­gen an die Adres­se des Ge­setz­ge­bers liest man in dem Ur­teil (Rn.165):

„Der Ein­wand, tatsächlich sei die Ta­rif­au­to­no­mie durch Ta­rif­kol­li­sio­nen nicht gefähr­det und ei­ne Re­ge­lung da­her nicht er­for­der­lich, greift ver­fas­sungs­recht­lich nicht durch. Der Ge­setz­ge­ber ist nicht dar­auf be­schränkt, ge­gen be­reits ein­ge­tre­te­ne Funk­ti­onsstörun­gen vor­zu­ge­hen, son­dern verfügt auch mit Blick auf dro­hen­de Funk­ti­onsstörun­gen über ei­nen Einschätzungs­spiel­raum (...).“

Sch­ließlich ist das BVerfG auch der Mei­nung, dass die um­strit­te­ne Re­ge­lung des § 4a TVG bei Abwägung von Ein­griffs­zie­len und Grund­rechts­be­ein­träch­ti­gun­gen im We­sent­li­chen zu­mut­bar ist. Für die Zu­mut­bar­keit bzw. Verhält­nismäßig­keit der Re­ge­lung spricht ins­be­son­de­re, so die Karls­ru­her Rich­ter, dass die Min­der­heits­ge­werk­schaft das ge­setz­li­che Recht hat, den von der Mehr­heits­ge­werk­schaft ab­ge­schlos­se­nen Ta­rif­ver­trag im ei­ge­nen Na­men zu­sam­men mit der Ar­beit­ge­ber­sei­te „nach­zu­zeich­nen“ (§ 4a Abs.4 TVG).

Verfassungsrechtlich gebotener Korrekturbedarf der Regelung zur Tarifeinheit

Ob­wohl das Ta­rif­ein­heits­ge­setz im Kern ver­fas­sungs­gemäß ist, folgt das BVerfG dann aber doch in ei­nem Punkt den Ar­gu­men­ten der Be­schwer­deführer: Die vom Ge­setz­ge­ber be­ab­sich­tig­te Un­ter­ord­nung an­geb­lich ego­is­ti­scher „Funk­ti­ons­eli­ten“ un­ter die Bran­chen-Ta­rif­po­li­tik großer DGB-Ge­werk­schaf­ten lässt in der der­zei­ti­gen Ge­set­zes­fas­sung kei­nen Min­der­hei­ten­schutz er­ken­nen (Ur­teil, Rn.204):

„Der Ge­setz­ge­ber hat kei­ne Vor­keh­run­gen ge­trof­fen, die klei­ne­re Be­rufs­grup­pen in ei­nem Be­trieb da­vor schützen, der An­wen­dung ei­nes Ta­rif­ver­trags aus­ge­setzt zu wer­den, der un­ter Be­din­gun­gen aus­ge­han­delt wur­de, in de­nen ih­re In­ter­es­sen struk­tu­rell nicht zur Gel­tung kom­men konn­ten. So kann sich nach § 4a Abs. 2 TVG et­wa auch der Ta­rif­ver­trag ei­ner Bran­chen­ge­werk­schaft durch­set­zen, in der die Be­rufs­grup­pe, de­ren Ta­rif­ver­trag im Be­trieb ver­drängt wird, nur mar­gi­nal oder über­haupt nicht ver­tre­ten ist. (...) Das Ziel des Ge­setz­ge­bers, ei­nen fai­ren Aus­gleich zu fördern, wird nicht er­reicht, wenn ein­zel­ne Be­rufs­grup­pen über­g­an­gen würden. Ei­ne Ver­drängung des Ta­rif­ver­trags, den die­se ab­ge­schlos­sen ha­ben, wäre dann man­gels hin­rei­chen­der Aus­gleichsmöglich­keit bei der Nach­zeich­nung mit dem Schutz der Ko­ali­ti­ons­frei­heit aus Art. 9 Abs. 3 GG nicht ver­ein­bar.“

Hier muss der Ge­setz­ge­ber nach­bes­sern, wo­bei er bis En­de 2018 Zeit hat. Für die Über­g­angs­zeit bleibt die um­strit­te­ne ge­setz­li­che Re­ge­lung in Gel­tung, muss al­ler­dings in ver­fas­sungs­kon­for­mer Wei­se von den Ar­beits­ge­rich­ten aus­ge­legt wer­den, d.h. zu­guns­ten der klei­nen Spar­ten­ge­werk­schaf­ten (Ur­teil, Rn.215).

„Die teil­wei­se Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des § 4a TVG führt nicht zu des­sen Nich­ti­gerklärung, son­dern nur zur Fest­stel­lung sei­ner Un­ver­ein­bar­keit mit dem Grund­ge­setz. Bis zu ei­ner Neu­re­ge­lung darf die Vor­schrift mit der Maßga­be an­ge­wen­det wer­den, dass ei­ne Ver­drängungs­wir­kung nach § 4a Abs. 2 Satz 2 TVG nur in Be­tracht kommt, wenn plau­si­bel dar­ge­legt wer­den kann, dass die Mehr­heits­ge­werk­schaft die In­ter­es­sen der Be­rufs­grup­pen, de­ren Ta­rif­ver­trag ver­drängt wird, ernst­haft und wirk­sam in ih­rem Ta­rif­ver­trag berück­sich­tigt hat. Da­von ist für die Dau­er der Fort­gel­tung der Re­ge­lung in der Über­g­angs­zeit bis zu ei­ner Neu­re­ge­lung durch den Ge­setz­ge­ber ins­be­son­de­re aus­zu­ge­hen, wenn die­se Be­rufs­grup­pen in ei­nem be­stimm­ten Min­dest­maß in der Ge­werk­schaft or­ga­ni­siert sind, de­ren Ta­rif­ver­trag dann An­wen­dung fin­det, oder wenn die­sen Be­rufs­grup­pen in der Sat­zung der Ge­werk­schaft ein hin­rei­chen­der Ein­fluss auf die für sie re­le­van­ten ta­rif­po­li­ti­schen Ver­bands­ent­schei­dun­gen ein­geräumt ist. Dies näher zu be­ur­tei­len, ob­liegt den Fach­ge­rich­ten.“

Bis zu ei­ner ge­setz­li­chen Nach­bes­se­rung müssen die Ar­beits­ge­rich­te § 4a TVG dem­zu­fol­ge in sei­ner jet­zi­gen (nicht kor­rek­ten) Fas­sung zwar an­wen­den, müssen da­bei aber die Ko­ali­ti­ons­frei­heit der klei­nen Ge­werk­schaf­ten möglichst weit­ge­hend zur Gel­tung zu brin­gen. Da­zu heißt es wei­ter in dem Ur­teil (Rn.172)

„Auch un­ter Berück­sich­ti­gung des ho­hen Ge­wichts der mit dem Ta­rif­ein­heits­ge­setz ver­folg­ten Zie­le er­wei­sen sich die­se Be­las­tun­gen in der Ge­samt­abwägung nur dann als zu­mut­bar, wenn ih­nen durch ei­ne re­strik­ti­ve Aus­le­gung der Ver­drängungs­re­ge­lung und ih­rer ver­fah­rens­recht­li­chen Ein­bin­dung Schärfen ge­nom­men wer­den.“

Wie das im Ein­zel­nen ge­hen soll, überlässt das BVerfG zwar den Ar­beits­ge­rich­ten, gibt ih­nen aber doch ei­ni­ge kon­kre­te Hin­wei­se (Ur­teil, Rn.187). So wäre der Ver­lust „lang­fris­tig an­ge­leg­ter, die Le­bens­pla­nung der Beschäftig­ten berühren­der Ansprüche aus dem Min­der­heits­ta­rif­ver­trag“ in­fol­ge der Ver­drängung durch ein Ta­rif­ver­trag der Mehr­heits­ge­werk­schaft für die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer un­zu­mut­bar und da­her ei­ne Ver­let­zung von Art.9 Abs.3 GG. Da­bei denkt das BVerfG an ta­rif­li­che Re­ge­lun­gen zur be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung, zur Le­bens­ar­beits­zeit und an Unkünd­bar­keits­vor­schrif­ten. Auch hier aber wird so­fort ei­ne we­sent­li­che Ein­schränkung mit­ge­lie­fert, denn bei der Fra­ge der Zu­mut­bar­keit kommt es auch dar­auf an, ob der Ta­rif­ver­trag der Mehr­heits­ge­werk­schaft ver­gleich­ba­re Leis­tun­gen enthält.

Fazit: Erzwungene Ruhe im Arbeitnehmerlager ist wichtiger als Grundrechts- und Minderheitenschutz

Das Ur­teil des BVerfG ist in­kon­se­quent und kann da­her nicht über­zeu­gen.

Wenn man dem Ge­setz­ge­ber schon (wie hier im Ur­teil) zu­ge­steht, auf nur gefühlt-künf­tig-mögli­che Be­ein­träch­ti­gun­gen der Funk­ti­onsfähig­keit der Ta­rif­au­to­no­mie mit har­schen Grund­rechts­be­schränkun­gen zu re­agie­ren (Ur­teil, Rn.157), dann ist es nicht fol­ge­rich­tig, die­sen po­li­tisch ne­bulösen Ziel­set­zun­gen des Ge­setz­ge­bers bei der Güter­abwägung zwi­schen Ein­griffs­zie­len und Ein­griffs­kos­ten (auf Sei­ten der Be­rufs­ge­werk­schaf­ten) ei­ne "er­heb­li­che Be­deu­tung" (Ur­teil, Rn.171) bei­zu­mes­sen. Dass der Ge­setz­ge­ber mit der ge­setz­li­chen Fest­schrei­bung der Ta­rif­ein­heit an­geb­lich "ge­wich­ti­ge Zie­le ge­ra­de auch im In­ter­es­se der Funk­ti­onsfähig­keit der Ta­rif­au­to­no­mie" (Ur­teil, Rn.166) ver­folgt, hat das Ver­fas­sungs­ge­richt nicht kon­kret fest­ge­stellt, son­dern statt­des­sen po­li­ti­sche Sprech­bla­sen der Bun­des­re­gie­rung (Ur­teil, Rn.153) für ba­re Münze ge­nom­men und ergänzend auf die Einschätzungs- und Ge­stal­tungs­spielräume des Ge­setz­ge­bers ver­wie­sen (Ur­teil, Rn.157, 165).

In­fol­ge­des­sen hat das Ge­richt kei­ne er­kenn­ba­re Abwägungs­ent­schei­dung vor­ge­nom­men, d.h. es hat die Pro­por­tio­na­lität (die Verhält­nismäßig­keit im en­ge­ren Sin­ne) der um­strit­te­nen Neu­re­ge­lung gar nicht kon­kret mit Blick auf die Zie­le (wel­che?) des Ge­setz­ge­bers ge­prüft.

Da auch das BVerfG die Schwe­re des Grund­rechts­ein­griffs auf Sei­ten der Spar­ten­ge­werk­schaf­ten zu­recht be­tont (Ur­teil, Rn.167-170), hätte es bei der Güter­abwägung zu dem Er­geb­nis kom­men müssen, dass die (ex­trem gra­vie­ren­den) Grund­rechts­be­ein­träch­ti­gen auf Sei­ten der Spar­ten­ge­werk­schaf­ten außer Verhält­nis zu dem (kaum vor­han­de­nen) Ge­wicht der ge­setz­ge­be­ri­schen Zie­le ste­hen. Von der Ko­ali­ti­ons­frei­heit der Spar­ten­ge­werk­schaf­ten bleibt kaum et­was übrig, wenn das ge­setz­li­che Ta­rif­recht es ver­hin­dert, dass ih­re Ta­rif­verträge auf ih­re Mit­glie­der an­ge­wandt wer­den. Das Ge­setz de­gra­diert klei­ne Be­rufs­ge­werk­schaf­ten zu so­zi­al­po­li­ti­schen De­bat­tier­klubs. Dem da­mit ver­bun­de­nen Ex­trem­ver­lust an Grund­rechts­sub­stanz steht in der Waag­scha­le der ge­setz­ge­be­ri­schen Ziel­set­zun­gen (Ur­teil, Rn.153) ge­genüber, dass man denk­ba­ren (!) künf­ti­gen (!) Be­ein­träch­ti­gun­gen ir­gend­ei­nes "Funk­tio­nie­rens" der Ta­rif­au­to­no­mie ent­ge­gen­steu­ern möch­te.

Wenn ein so ra­bia­tes Vor­ge­he­hen des Ge­setz­ge­bers ge­gen po­li­tisch miss­lie­bi­ge Min­der­hei­ten verhält­nismäßig wäre, wären Grund­rech­te we­nig wert. Das BVerfG hat die Chan­ce ver­tan, dem ko­ali­ti­ons­po­li­ti­schen Es­ta­blish­ment deut­lich zu ma­chen, dass ge­werk­schaft­li­cher und ta­rif­li­cher Plu­ra­lis­mus kein Miss­stand, son­dern Aus­druck der von Art.9 Abs.3 GG ga­ran­tier­ten frei­heit­li­chen Ar­beits­ver­fas­sung ist. Es ist be­dau­er­lich, dass sich die (zu­tref­fen­den) ju­ris­ti­schen Be­wer­tun­gen der Rich­ter Ba­er und Pau­lus bei der Ent­schei­dung des Se­nats nicht durch­set­zen konn­ten. Im­mer­hin lie­gen sie in Ge­stalt ei­ner ab­wei­chen­den Stel­lung­nah­me zu dem BVerfG-Ur­teil vor.

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Letzte Überarbeitung: 17. Juli 2017

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