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Ta­rif­fä­hig­keit ei­ner Ge­werk­schaft be­stimmt sich nicht nach der Zahl der Ta­rif­ab­schlüs­se

Ei­ne neue Ge­werk­schaft muss von An­fang an nach­weis­lich so­zi­al mäch­tig sein - ab­ge­schlos­se­ne Ta­rif­ver­trä­ge ge­nü­gen nicht als Be­leg: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 05.10.2010, 1 ABR 88/09
22.03.2011. Je­der­mann und al­le Be­ru­fe ha­ben das grund­ge­setz­lich ge­schütz­te Recht, zur Wah­rung und För­de­rung der Ar­beits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen Ver­ei­ni­gun­gen zu bil­den (Art. 9 Abs. 3 Grund­ge­setz - GG). Die­se Ko­ali­ti­ons­frei­heit be­deu­tet je­doch noch nicht, dass die ge­bil­de­ten Ver­ei­ni­gun­gen auch Ta­rif­ver­trä­ge ab­schlie­ßen dür­fen. Dies ist Ge­werk­schaf­ten, Ar­beit­ge­bern und Ar­beit­ge­ber­ver­ei­ni­gun­gen vor­be­hal­ten (§ 2 Abs. 1 Ta­rif­ver­trags­ge­setz - TVG). Ge­setz­lich nicht ge­re­gelt ist, wann sich ei­ne Ar­beit­neh­mer­ko­ali­ti­on mit Fug und Recht "Ge­werk­schaft" nen­nen darf. Die­se Un­ter­schei­dung ist je­doch wich­tig, weil durch Ta­rif­ver­trä­ge teil­wei­se zu­las­ten von Ar­beit­neh­mern von ei­ner grund­sätz­lich ver­bind­li­chen ge­setz­li­chen Re­ge­lung ab­ge­wi­chen wer­den darf. Die durch Ta­rif­ver­trä­ge mög­li­che Ab­wei­chung vom Gleich­be­hand­lungs­ge­bot in der Leih­ar­beit ist hier­für ein be­kann­tes Bei­spiel.

Wel­che Min­dest­vor­aus­set­zun­gen ei­ne Ar­beit­neh­mer­ver­ei­ni­gung er­fül­len muss, um ta­rif­fä­hig zu sein, wur­de im we­sent­li­chen durch die Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) und des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (BVerfG) nä­her be­stimmt. Sie muss da­nach "so­zi­al mäch­tig", al­so durch­set­zungs­kräf­tig sein.

Das ist der Fall, wenn sie auf­grund ih­rer Mit­glie­der­stär­ke und Or­ga­ni­sa­ti­ons­stär­ke vom Geg­ner - al­so dem Ar­beit­ge­ber oder der Ar­beit­ge­ber­ver­ei­ni­gung - ernst ge­nom­men wer­den muss und nicht igno­riert wer­den kann. Im Kern kommt es hier dar­auf an, un­ab­hän­gig Ta­rif­ver­hand­lun­gen ein­lei­ten, durch­füh­ren und die Ein­hal­tung der ab­ge­schlos­se­nen Ta­rif­ver­trä­ge kon­trol­lie­ren zu kön­nen. Ver­hand­lun­gen sind nur sinn­voll mög­lich, wenn ge­nü­gend Druck auf­ge­baut wer­den kann. Letz­te­res ge­schieht üb­li­cher­wei­se durch Streiks und Streik­dro­hun­gen. Die "so­zia­le Macht" be­steht da­her dar­in, hier­für hin­rei­chend Mit­glie­der mo­bi­li­sie­ren zu kön­nen. Da die Ver­hand­lungs­be­reit­schaft des Ar­beit­ge­bers durch die mit dem Streik ver­bun­de­nen wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le ge­för­dert wer­den soll, müs­sen ent­we­der sehr vie­le Ar­beit­neh­mer oder we­gen ih­rer Spe­zia­li­sie­rung be­son­ders wich­ti­ge Ar­beit­neh­mer zur Teil­nah­me be­wegt wer­den.

Die Mit­glie­der tra­gen durch ih­re Bei­trä­ge und Spen­den auch zur Fi­nan­zie­rung der Ge­werk­schaft bei und sor­gen da­durch da­für, dass die­se vom Ta­rif­geg­ner und kon­kur­rie­ren­den Ar­beit­neh­mer­ver­ei­ni­gun­gen un­ab­hän­gig ist.

In ei­ner grund­le­gen­den Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts aus dem Jahr 2006, in der es um die Ta­rif­fä­hig­keit der Christ­li­chen Ge­werk­schaft Me­tall (CGM) ging, hat­te das Ge­richt auch auch ei­ne ak­ti­ve, lang­jäh­ri­ge Teil­nah­me am Ta­rif­ge­sche­hen in die Be­ur­tei­lung der Durch­set­zungs­fä­hig­keit mit ein­be­zo­gen (Be­schluss vom 28.03.2006, 1 ABR 58/04). Ei­ne nen­nens­wer­te An­zahl von ab­ge­schlos­se­nen Ta­rif­ver­trä­gen soll da­nach die or­ga­ni­sa­to­ri­sche Fä­hig­keit zu de­ren Vor­be­rei­tung und Ab­schluss in­di­zie­ren.

Die­sen As­pekt hat das BAG im Ok­to­ber 2010 an­läss­lich ei­nes Ver­fah­rens über die Ta­rif­fä­hig­keit der 2002 ge­grün­de­ten Ge­werk­schaft für Kunst­stoff­ge­wer­be und Holz­ver­ar­bei­tung (GKH) et­was ab­ge­schwächt bzw. klar­ge­stellt. Die ers­ten bei­den In­stan­zen (Ar­beits­ge­richt Pa­der­born, Be­schluss vom 14.03.2008, 2 BV 30/07 und Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm, Be­schluss vom 13.03.2009, 10 TaBV 89/08) hiel­ten die­se Ver­ei­ni­gung al­lein mit Hin­weis auf die rund 120 ab­ge­schlos­se­nen Ta­rif­ver­trä­ge für "so­zi­al mäch­tig" und da­mit ta­rif­fä­hig. Der Ver­fah­rens­geg­ner, die In­dus­trie­ge­werk­schaft Me­tall (IG Me­tall) hat­te hier­an je­doch wei­ter Zwei­fel, weil die Or­ga­ni­sa­ti­on der GKH durch Mit­glie­der ei­ner an­de­ren Ge­werk­schaft er­folg­te und Mit­glie­der­zah­len von der GKH nicht ver­öf­fent­licht wur­den. Ab­ge­se­hen da­von wa­ren vie­le der Ta­rif­ver­trä­ge nicht von ihr al­lein, son­dern in Ta­rif­ge­mein­schaft mit ei­ner an­de­ren Ge­werk­schaft ab­ge­schlos­sen wor­den.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt stell­te klar, dass bei ei­ner "noch jun­gen Ar­beit­neh­mer­ko­ali­ti­on" kurz nach der Grün­dung Ta­rif­ver­trä­ge kein In­diz für ih­re so­zia­le Mäch­tig­keit sind. Denn die Ta­rif­fä­hig­keit ei­ner Ar­beit­neh­mer­ko­ali­ti­on ent­steht nicht mit dem Ab­schluss von Ta­rif­ver­trä­gen, son­dern ist hier­für Wirk­sam­keits­vor­aus­set­zung. Sie muss da­her schon von An­fang an ein "ernst zu neh­men­der Geg­ner" ge­we­sen sein und nicht nur ei­ne vom Ar­beit­ge­ber dank­bar auf­ge­nom­me­ne Ge­le­gen­heit, von den ge­setz­li­chen Öff­nungs­klau­seln zu sei­nen Guns­ten Ge­brauch zu ma­chen.

Das BAG ent­schied über die Ta­rif­fä­hig­keit der GKH nicht so­fort selbst, son­dern ver­wies den Fall zu­rück an die Vor­in­stanz, da­mit die­se die nö­ti­gen Fest­stel­lun­gen zu Mit­glie­der­zah­len und or­ga­ni­sa­to­ri­schem Auf­bau tref­fen kann.

Fa­zit: Die Ent­schei­dung ist rich­tig, weil mit den dort ge­nann­ten Grund­sät­zen ver­hin­dert wird, dass sich "Pa­pier­ti­ger" bzw. "Phan­tom­ge­werk­schaf­ten" zum Nach­teil von Ar­beit­neh­mern eta­blie­ren. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat in die­sem Zu­sam­men­hang an­ge­deu­tet, dass die GKH nach den bis­he­ri­gen Fest­stel­lun­gen wohl nicht ta­rif­fä­hig ist. Es spricht da­her ei­ni­ges da­für, dass sie kei­ne "ech­te" Ge­werk­schaft ist. Die hier be­spro­che­ne Ent­schei­dung hat auch Aus­wir­kun­gen auf den Streit über die Ta­rif­fä­hig­keit der CG­ZP.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 6. Oktober 2016

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