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Rechts­schutz­ver­si­che­rung muss im Zu­stim­mungs­ver­fah­ren den Rechts­an­walt ei­nes schwer­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mers be­zah­len.

An­trag auf Zu­stim­mung zur Kün­di­gung ist "in­di­vi­du­ell an­ge­droh­te Kün­di­gung des Ar­beits­ver­hält­nis­ses" - Ver­si­che­rung muss Rechts­schutz ge­ben: Bun­des­ge­richts­hof, Be­schluss vom 02.06.2010, IV ZR 241/09
28.12.2010. Ei­ne Rechts­schutz­ver­si­che­rung ist grund­sätz­lich ei­ne ef­fek­ti­ve Me­tho­de, das Kos­ten­ri­si­ko von Rechts­strei­tig­kei­ten über­schau­bar zu hal­ten. Doch Ver­si­che­run­gen sind nicht zu­letzt pro­fit­ori­en­tier­te Un­ter­neh­men und ha­ben da­her In­ter­es­se dar­an, ih­re Aus­ga­ben auf das Not­wen­di­ge zu be­gren­zen. Lan­ge Zeit wei­ger­ten sich da­her viel­fach, bei ei­ner vom Ar­beit­ge­ber an­ge­droh­ten Kün­di­gung ei­nen Ver­si­che­rungs­fall an­zu­neh­men.

Sie be­rie­fen sich da­bei auf ih­re All­ge­mei­nen Rechts­schutz­be­din­gun­gen (ARB), laut de­nen der Rechts­schutz­fall ab dem Zeit­punkt ein­tritt, in dem der Ver­si­che­rungs­neh­mer (al­so im Ar­beits-Rechts­schutz der Ar­beit­neh­mer) oder ein an­de­rer (d.h. der Ar­beit­ge­ber) ein Ver­stoß ge­gen Rechts­pflich­ten oder Rechts­vor­schrif­ten be­gan­gen hat oder be­gan­gen ha­ben soll. Wäh­rend ei­ne rechts­wid­ri­ge Kün­di­gung zwei­fel­los ein Rechts­ver­stoß ist, stell­ten sich die Ver­si­che­run­gen auf den Stand­punkt, die blo­ße An­kün­di­gung ei­ner Kün­di­gung sei ei­ne rei­ne Ab­sichts­er­klä­rung und wür­de die Rechts­po­si­ti­on des Ar­beit­neh­mers noch nicht be­ein­träch­ti­gen.

Dem er­teil­te der Bun­des­ge­richts­hof (BGH) En­de 2008 ei­ne end­gül­ti­ge Ab­sa­ge und nahm ei­nen Rechts­schutz­fall auch bei ei­ner ernst­haft an­ge­droh­ten Kün­di­gung an (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell 08/118: Bei an­ge­droh­ter Kün­di­gung müs­sen Rechts­schutz­ver­si­che­run­gen den Rechts­an­walt des Ar­beit­neh­mers be­zah­len.).

Ei­ne Rei­he von Ver­si­che­run­gen se­hen aber ab­ge­se­hen da­von in ih­ren ARB für den Ar­beits-Rechts­schutz auch aus­drück­lich vor, dass "be­reits ei­ne in­di­vi­du­ell an­ge­droh­te Kün­di­gung des Ar­beits­ver­hält­nis­ses" als Rechts­schutz­fall gilt.

Ei­ne Rechts­schutz­ver­si­che­rung warf in die­sem Zu­sam­men­hang die Fra­ge auf, ab wann bei der Kün­di­gung ei­nes schwer­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mers von ei­ner "in­di­vi­du­el­len An­dro­hung" aus­ge­gan­gen wer­den muss. Hin­ter­grund ist der in § 85 ff. So­zi­al­ge­setz­buch Neun­tes Buch (SGB IX) ge­re­gel­te Son­der-Kün­di­gungs­schutz für schwer­be­hin­der­te Men­schen. Vor­ge­se­hen ist hier, dass der Ar­beit­ge­ber nur kün­di­gen darf, wenn das In­te­gra­ti­ons­amt vor­her an­trags­ge­mäß zu­ge­stimmt hat. Im Rah­men die­ses so ge­nann­ten Zu­stim­mungs­ver­fah­rens soll das Amt auf ei­ne güt­li­che Ei­ni­gung hin­wir­ken (§ 87 Abs. 3 SGB IX). Un­ter an­de­rem wird da­bei der Be­trof­fe­ne an­ge­hört und er­fährt da­durch in al­ler Re­gel erst­mals von der mög­li­cher­wei­se be­vor­ste­hen­den Kün­di­gung.

Da sich hier ei­ne Rei­he so­zi­al- und ar­beits­recht­li­cher Fra­gen, bei­spiels­wei­se zu Sperr­zei­ten beim Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld I oder dem ge­nau­en In­halt ei­nes Auf­he­bungs­ver­tra­ges, stel­len, liegt die Be­auf­tra­gung ei­nes spe­zia­li­sier­ten Rechts­an­walts na­he. Die Ver­si­che­rung hielt dies je­doch - ähn­lich wie frü­her bei an­ge­droh­ten Kün­di­gun­gen - für ver­früht.

Es kam zu ei­nem Rechts­streit, der zu­nächst in Mün­chen aus­ge­tra­gen wur­de. So­wohl das Amts­ge­richt Mün­chen (Ur­teil vom 16.05.2008, 171 C 20871/07) als auch das Land­ge­richt Mün­chen I (Ur­teil vom 12.11.2009, 31 S 10228/08) ga­ben dem kla­gen­den schwer­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mer Recht und nah­men ei­nen Rechts­schutz­fall an. Als die Ver­si­che­rung ge­gen die Ent­schei­dung des Land­ge­richts Re­vi­si­on ein­leg­te, in­for­mier­te der BGH die Par­tei­en in ei­nem Be­schluss dar­über, dass er sei­nen Vor­in­stan­zen zu­stim­me und be­ab­sich­ti­ge, die Re­vi­si­on zu­rück­zu­wei­sen (BGH, Be­schluss vom 02.06.2010, IV ZR 241/09). Dar­auf­hin nahm die Ver­si­che­rung die Re­vi­si­on zu­rück, wo­durch die Ent­schei­dung des Land­ge­richts rechts­kräf­tig wur­de.

Fa­zit: Zwar hat die Ver­si­che­rung durch die Rück­nah­me der Re­vi­si­on ver­hin­dert, dass ei­ne letzt­in­stanz­li­che Ent­schei­dung in der von ihr auf­ge­wor­fe­nen Fra­ge ge­trof­fen wur­de. Doch dürf­te auch so durch den deut­li­chen Hin­weis des Bun­des­ge­richts­hofs klar sein, dass schwer­be­hin­der­te Ar­beit­neh­mer be­reits wäh­rend ei­nes Zu­stim­mungs­ver­fah­rens an­walt­li­che Hil­fe auf Kos­ten ih­rer Rechts­schutz­ver­si­che­rung in An­spruch neh­men dür­fen.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 2. August 2016

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