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Grob feh­ler­haf­te So­zi­al­aus­wahl bei Ver­gleich von Mit­ar­bei­tern mit Vor­ge­setz­ten

Stellt der Ar­beit­ge­ber bei der So­zi­al­aus­wahl Vor­ge­setz­te und de­ren Mit­ar­bei­ter ne­ben­ein­an­der, ist die So­zi­al­aus­wahl un­rich­tig: Hes­si­sches Lan­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 22.01.2009, 14 Sa 1173/08

27.07.2009. Das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) hat in ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil klar­ge­stellt, dass es grob feh­ler­haft im Sin­ne von § 1 Abs.5 Kün­di­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) ist, wenn der Ar­beit­ge­ber bei ei­ner So­zi­al­aus­wahl al­le ge­werb­li­chen Ar­beit­neh­mer als mitei­an­der ver­gleich­bar be­ur­teilt, d.h. Ar­beit­neh­mer mit Vor­ge­setz­ten­funk­ti­on und de­ren Mit­ar­bei­ter als ein­heit­li­che Grup­pe ver­gleich­ba­rer Ar­beit­neh­mer be­han­delt.

Die­se gro­be Feh­ler­haf­tig­keit der So­zi­al­aus­wahl wird noch ge­stei­gert, wenn der Ar­beit­ge­ber im nächs­ten Schritt die Vor­ge­setz­ten aus der So­zi­al­aus­wahl wie­der her­aus­nimmt und sich da­zu auf be­rech­tig­te be­trieb­li­che Be­dürf­nis­se be­ruft, die ei­ner So­zi­al­aus­wahl an­geb­lich ent­ge­gen­ste­hen sol­len.

Al­lein mit der Vor­ge­setz­ten­stel­lung kann die Her­aus­nah­me aus dem Kreis der ver­gleich­ba­ren Ar­beit­neh­mer bzw. aus der So­zi­al­aus­wahl un­ter sol­chen Um­stän­den nicht be­grün­det wer­den: Hes­si­sches LAG, Ur­teil vom 22.01.2009, 14 Sa 1173/08.

Können bei einem Interessenausgleich mit Namensliste Vorgesetzte und deren Mitarbeiter als grundsätzlich vergleichbar bewertet werden?

Will der Ar­beit­ge­ber ei­ne be­stimm­te An­zahl von Ar­beit­neh­mern aus be­trieb­li­chen Gründen kündi­gen und gibt es mehr „Kündi­gungs­kan­di­da­ten“ als weg­fal­len­de Ar­beitsplätze, so muss er bei der Aus­wahl der zu kündi­gen­den Ar­beit­neh­mer so­zia­le Ge­sichts­punk­te berück­sich­ti­gen.

Die nach § 1 Abs.3 Kündi­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) zu berück­sich­ti­gen­den so­zia­len Ge­sichts­punk­te sind

  • die Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit,
  • das Le­bens­al­ter,
  • et­wai­ge Un­ter­halts­pflich­ten so­wie
  • ei­ne et­wai­ge Schwer­be­hin­de­rung.

Die Pflicht zur So­zi­al­aus­wahl be­steht nur bei An­wend­bar­keit des KSchG auf das Ar­beits­verhält­nis des gekündig­ten Ar­beit­neh­mers, was ei­ne Min­dest­größe des Be­triebs (mehr als zehn Ar­beit­neh­mer) und ei­ne Min­dest­dau­er des Ar­beits­verhält­nis­ses (mehr als sechs Mo­na­te) vor­aus­setzt.

Wer­den be­triebs­be­ding­ten Kündi­gun­gen in­fol­ge ei­ner Be­triebsände­rung im Sin­ne von § 111 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) vor­ge­nom­men, be­steht die Möglich­keit, dass sich Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat im Rah­men ei­nes In­ter­es­sen­aus­gleichs auf ei­ne na­ment­li­che Be­zeich­nung der zu kündi­gen­den Ar­beit­neh­mer ei­ni­gen, Man spricht hier von ei­nem „In­ter­es­sen­aus­gleich mit Na­mens­lis­te“.

Sind die zu kündi­gen­den Ar­beit­neh­mer in ei­ner sol­chen Na­mens­lis­te ge­nannt, so wird gemäß § 1 Abs. 5 Satz 1 KSchG ver­mu­tet, dass die Kündi­gung durch drin­gen­de be­trieb­li­che Er­for­der­nis­se im Sin­ne von § 1 Abs. 2 KSchG be­dingt ist.

Außer­dem wird die So­zi­al­aus­wahl nur auf gro­be Feh­ler­haf­tig­keit über­prüft (§ 1 Abs. 5 Satz 2 KSchG).

Im Er­geb­nis nimmt ei­ne In­ter­es­sen­aus­gleich mit Na­mens­lis­te den gekündig­ten Ar­beit­neh­mer da­her ei­nen er­heb­li­chen Teil ih­res an­sons­ten be­ste­hen­den Kündi­gungs­schut­zes (wo­zu sich der Be­triebs­rat in al­ler Re­gel nur ge­gen Erhöhung der So­zi­al­plan­ab­fin­dung be­reit erklären wird).

Da die So­zi­al­aus­wahl bei Be­ste­hen ei­ner Na­mens­lis­te gemäß § 1 Abs. 5 Satz 2 KSchG nur auf gro­be Feh­ler­haf­tig­keit über­prüft wer­den kann, ha­ben Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat bei der Er­stel­lung ei­ner sol­chen Na­mens­lis­te - und da­mit bei der Aus­wahl der zu kündi­gen­den Ar­beit­neh­mer un­ter Berück­sich­ti­gung so­zia­ler Ge­sichts­punk­te - ei­nen wei­ten Er­mes­sens­spiel­raum.

Frag­lich ist, ob der Er­mes­sens­spiel­raum der Be­triebs­par­tei­en bei der Aus­ar­bei­tung ei­ner Na­mens­lis­te so weit geht, dass sie Vor­ge­setz­te und de­ren Mit­ar­bei­ter als ei­ne ein­heit­li­che Grup­pe von „Kündi­gungs­kan­di­da­ten“ be­han­deln können, um im nächs­ten Schritt die Vor­ge­setz­ten - auf­grund des be­trieb­li­chen In­ter­es­ses an ih­rer wei­te­ren Beschäfti­gung - wie­der aus der So­zi­al­aus­wahl her­aus­zu­neh­men.

Mit die­ser Fra­ge be­fasst sich ein Ur­teil des Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) vom 22.1.2009 (14 Sa 11 73/08).

Der Streitfall: Bei einem Interessenausgleich mit Namensliste werden alle gewerblichen Arbeitnehmer als vergleichbar angesehen, die Abteilungs- und die Gruppeleiter dann aber herausgenommen

Der kla­gen­de Ar­beit­neh­mer war seit mehr als zehn Jah­ren bei dem be­klag­ten Ar­beit­ge­ber, ei­nem me­tall­ver­ar­bei­ten­den Be­trieb mit et­wa 570 Ar­beit­neh­mer, als In­dus­trie­me­cha­ni­ker tätig.

Der Ar­beit­ge­ber plan­te ei­ne Re­du­zie­rung des Per­so­nal­be­stan­des und ver­ein­bar­te mit dem Be­triebs­rat ei­nen In­ter­es­sens­aus­gleich, der die Kündi­gung von 65 Ar­beit­neh­mern vor­sah, und ei­nen So­zi­al­plan. Außer­dem wur­de ei­ni­ge Ta­ge später ei­ne Na­mens­lis­te mit den zu kündi­gen­den Ar­beit­neh­mern er­stellt.

Bei der So­zi­al­aus­wahl und da­mit bei der Er­stel­lung der Na­mens­lis­te ging man so vor, dass man zunächst al­le ge­werb­li­chen Ar­beit­neh­mer in den Aus­wahl­kreis der ver­gleich­ba­ren Mit­ar­bei­ter ein­be­zog, um im nächs­ten Schritt 54 Ar­beit­neh­mer aus dem Kreis der „Kündi­gungs­kan­di­da­ten“ bzw. aus der So­zi­al­aus­wahl wie­der her­aus­zu­neh­men, da de­ren wei­te­re Beschäfti­gung an­geb­lich im be­rech­tig­ten be­trieb­li­chen In­ter­es­se gemäß § 1 Abs.3 Satz 2 KSchG lag. Begüns­tigt von die­ser Her­aus­nah­me aus der So­zi­al­aus­wahl wa­ren u.a. die Ab­tei­lungs- und die Grup­pe­lei­ter.

In der Fol­ge kündig­te der Ar­beit­ge­ber dem Kläger aus be­trieb­li­chen Gründen, der dar­auf­hin vor das Ar­beits­ge­richt Kas­sel zog und Kündi­gungs­schutz­kla­ge er­hob. Auf­grund des Be­ste­hens ei­ner Na­mens­lis­te wand­te er ge­gen die Kündi­gung ein, dass die So­zi­al­aus­wahl grob feh­ler­haft sei.

Das Ar­beits­ge­richt Kas­sel gab der Kla­ge statt und stell­te da­her die Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung fest (Ur­teil vom 13.05.2008, 6 Ca 548/07).

Zur Be­gründung ver­weist das Ar­beits­ge­richt dar­auf, dass die Na­mens­lis­te zeit­lich nach dem In­ter­es­sens­aus­gleich er­stellt wur­de. Da In­ter­es­sen­aus­gleich und Na­mens­lis­te nach An­sicht des Ge­richts in­fol­ge­des­sen kei­ne „ein­heit­li­che“ Ur­kun­de bil­de­ten, löste die Na­mens­lis­te nicht die für den Ar­beit­ge­ber güns­ti­gen Rechts­fol­gen des § 1 Abs. 5 KSchG aus.

Da­her prüfte das Ar­beits­ge­richt die So­zi­al­aus­wahl nicht nur auf „gro­be“ Feh­ler­haf­tig­keit und kam zu dem Er­geb­nis, dass die So­zi­al­aus­wahl nicht in Ord­nung war. Ge­gen die­ses Ur­teil leg­te der Ar­beit­ge­ber Be­ru­fung ein.

Hessisches LAG: Werden Vorgesetzte und Mitarbeiter als eine einheitliche Gruppe miteinander vergleichbarer Arbeitnehmer behandelt, können die Vorgesetzten nicht im nächsten Schritt wieder von der Sozialauswahl ausgenommen werden

Auch das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt be­wer­te­te die Kündi­gung als un­wirk­sam, al­ler­dings mit ei­ner an­de­ren Be­gründung.

Nach An­sicht des LAG wur­de die Na­mens­lis­te zwar Be­stand­teil des In­ter­es­sens­aus­gleichs. Die Kündi­gung be­ruh­te sei­ner Mei­nung nach aber auf ei­ner grob feh­ler­haft durch­geführ­ten So­zi­al­aus­wahl und war aus die­sem Grun­de - trotz Vor­lie­gens ei­ner Na­mens­lis­te - un­wirk­sam.

Zunächst be­an­stan­det das LAG, dass der Ar­beit­ge­ber al­le ge­werb­li­chen Ar­beit­neh­mer, d.h. die Vor­ge­setz­ten wie die ih­nen un­ter­stell­ten Mit­ar­bei­ter, als mit­ein­an­der ver­gleich­bar an­sah und da­her den Kläger mit ei­ni­gen von die­sem be­nann­ten Ab­tei­lungs­lei­tern ver­glich. Ein sol­ches Vor­ge­hen wi­der­spricht nach An­sicht des LAG den all­ge­mei­nen an­er­kann­ten Re­geln der So­zi­al­aus­wahl so of­fen­sicht­lich, dass man von ei­ner gro­ben Feh­ler­haf­tig­keit der So­zi­al­aus­wahl aus­ge­hen müsse.

Aber selbst dann, wenn man zu­guns­ten des Ar­beit­ge­bers da­von aus­ge­hen würde, dass die­ses Vor­ge­hen (noch) nicht grob feh­ler­haft war, so war das Vor­ge­hen des Ar­beit­ge­bers nach An­sicht des LAG wi­dersprüchlich, da er im nächs­ten Schritt die Ab­tei­lungs­lei­ter aus der So­zi­al­aus­wahl her­aus­ge­nom­men und dies al­lein mit ih­rer Vor­ge­setz­ten­funk­ti­on be­gründet hat­te. Hier hätte der Ar­beit­ge­ber nähe­re Umstände in be­zug auf die ein­zel­nen Vor­ge­setz­ten berück­sich­ti­gen müssen.

Zwar zwei­fel­te das LAG nicht dar­an, dass Ab­tei­lungs­lei­ter als Vor­ge­setz­te auch künf­tig in dem Be­trieb des Ar­beit­ge­bers benötigt würden. Das be­trieb­li­che In­ter­es­se an ih­rer wei­te­ren Beschäfti­gung er­ge­be sich je­doch nicht be­reits aus ih­rer Vor­ge­setz­ten­funk­ti­on. Viel­mehr hätte der Ar­beit­ge­ber hier An­zahl und Qua­li­fi­ka­ti­on der nicht gekündig­ten Ab­tei­lungs­lei­ter berück­sich­ti­gen müssen. Da­zu hat­te der Ar­beit­ge­ber aber nichts vor­ge­tra­gen.

Fa­zit: Die So­zi­al­aus­wahl schei­ter­te hier an ih­rer Wi­dersprüchlich­keit. Spielt nämlich die Vor­ge­setz­ten­funk­ti­on zunächst kei­ne Rol­le, in­dem Vor­ge­setz­te wie Mit­ar­bei­ter als ei­ne ein­heit­li­che Grup­pe mit­ein­an­der ver­gleich­ba­rer Ar­beit­neh­mer be­han­delt wer­den, so ist die bloße Vor­ge­setz­ten­funk­ti­on kein aus­rei­chen­der Grund dafür sein, die Vor­ge­setz­ten im nächs­ten Schritt wie­der von der So­zi­al­aus­wahl aus­zu­neh­men.

Auf­grund der Tat­sa­che, dass die ach­te Kam­mer des Hes­si­schen LAG in ei­nem Par­al­lel­fall zu­guns­ten des Ar­beit­ge­bers ent­schie­den hat­te (Hes­si­sches LAG, Ur­teil vom 19.11.2008, 8 Sa 722/08), ließ des LAG die Re­vi­si­on zum Bun­des­ar­beits­ge­richt zu.

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Letzte Überarbeitung: 6. Juli 2016

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