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Al­ters­gren­ze von 60 Jah­ren bei Luft­hans­a­pi­lo­ten ist rech­tens

Die drei Luft­hans­a­pi­lo­ten Prig­ge, Fromm und Lam­bach un­ter­lie­gen auch in der zwei­ten In­stanz: Hes­si­sches LAG, Ur­teil vom 15.10.2007, 17 Sa 809/07

20.11.2007. Ei­gent­lich soll­te man mei­nen, dass Ar­beit­neh­mer auf­grund des in Deutsch­land seit 2006 ge­setz­lich fest­ge­schrie­be­nen Ver­bots ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters nicht mehr so oh­ne wei­te­res auf­grund ta­rif­li­cher oder ar­beits­ver­trag­li­cher Al­ters­gren­zen ge­gen ih­ren Wil­len "in die Ren­te ge­schickt" wer­den dür­fen.

Prak­tisch weht der Wind aber der­zeit in die an­de­re Rich­tung. Die ak­tu­el­le Recht­spre­chung der Ar­beits­ge­rich­te seg­net "Zwangs­pen­sio­nie­run­gen" im­mer öf­ter ab, da sie die da­für an­ge­führ­ten "Sach­grün­de" und da­mit die Zwangs­be­ren­tung selbst als ge­set­zes­kon­form be­wer­tet.

Auf die­ser Li­nie liegt ei­ne ak­tu­el­le Ent­schei­dung des Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG), das die für Luft­han­sa-Pi­lo­ten gel­ten­de Al­ters­gren­ze von 60 Jah­ren für rech­tens er­klärt hat: Hes­si­sches LAG, Ur­teil vom 15.10.2007, 17 Sa 809/07.

Sind Berufspiloten mit 60 zu alt für ihren Beruf, und wenn ja, warum?

Die Richt­li­nie 2000/78 ver­bie­tet Dis­kri­mi­nie­run­gen von Er­werbstäti­gen, ins­be­son­de­re Ar­beit­neh­mern, we­gen be­stimm­ter persönli­cher Merk­ma­le wie et­wa des Ge­schlechts, der re­li­giösen Über­zeu­gung oder des Al­ters.

Die­ses Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot wur­de durch das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) in das deut­sche Recht über­nom­men.

So­wohl die Richt­li­nie 2000/78 (Art.6 Abs.1 der Richt­li­nie) als auch das AGG (§ 10 AGG) er­lau­ben al­ler­dings Schlech­ter­stel­lun­gen we­gen des Al­ters, wenn sie „ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen“ sind und durch ein „le­gi­ti­mes Ziel“ wie et­wa die Beschäfti­gungsförde­rung ge­recht­fer­tigt sind; außer­dem müssen die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels „an­ge­mes­sen und er­for­der­lich“ sein.

Der­zeit sehr um­strit­ten ist, ob die ta­rif- oder ar­beits­ver­trag­li­che Be­fris­tung von Ar­beits­verhält­nis­sen, d.h. de­ren au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung mit Er­rei­chen ei­nes be­stimm­ten Al­ters – meist: des Ren­ten­ein­tritts­al­ters - ei­ne recht­lich ver­bo­te­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung dar­stellt oder nicht. Hierüber hat­te das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) in ei­nem Ur­teil vom 15.10.2007 (17 Sa 809/07) zu ent­schei­den.

Drei streitlustige Lufthansapiloten wollen es wissen: Reinhard Prigge, Michael Fromm und Volker Lambach klagen gegen ihre Pensionierung

Drei bei der Luft­han­sa an­ge­stell­te Pi­lo­ten im Al­ter von knapp über 60 Jah­ren er­hiel­ten von der Luft­han­sa un­ter Ver­weis auf ei­ne ta­rif­li­che Al­ters­gren­ze, die – un­strei­tig – auf die Ar­beits­verhält­nis­se An­wen­dung fin­det, die Mit­tei­lung, dass ihr Ar­beits­verhält­nis al­ters­be­dingt mit Ab­lauf des Mo­nats­en­de, in dem die Pi­lo­ten das sech­zigs­te Le­bens­jah­res er­reich­ten.

Die dem zu­grun­de­lie­gen­de ta­rif­ver­trag­li­che Be­fris­tungs­norm ist in § 19 Abs.1 des Man­tel­ta­rif­ver­trags Nr.5a für das Cock­pit­per­so­nal bei der Luft­han­sa AG ent­hal­ten.

Ge­gen die­se auf­grund von Be­fris­tung ein­tre­ten­de Be­en­di­gung ih­rer Ar­beits­verhält­nis­se er­ho­ben die drei Pi­lo­ten im Rah­men ei­nes ein­heit­li­chen Ver­fah­rens Kla­ge vor dem Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main und be­an­trag­ten fest­zu­stel­len, dass ih­re Ar­beits­verhält­nis­se nicht auf­grund der o.g. ta­rif­li­chen Be­fris­tungs­vor­schrift ge­en­det ha­ben.

Das Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main wies die Kla­ge mit Ur­teil vom 13.03.2007 (6 Ca 7405/06) zurück, wor­auf­hin die Kläger Be­ru­fung zum Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­leg­ten.

Hessisches LAG: Die Altersgrenze von 60 Jahren bei Lufthansapiloten ist rechtens

Das LAG hat wie be­reits das Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main ge­gen die Pi­lo­ten ent­schie­den, d.h. es hielt die ta­rif­li­che Be­fris­tung der Ar­beits­verträge für rech­tens. Außer­dem ließ es die Ein­le­gung der Re­vi­si­on zum Bun­des­ar­beits­ge­richt zu.

Da die Ur­teils­gründe der­zeit noch nicht in schrift­li­cher Form vor­lie­gen, kann man über die vom LAG ge­ge­be­ne Be­gründung nur so­viel sa­gen, dass sich das Ge­richt von den we­sent­li­chen recht­li­chen Ar­gu­men­ten der Kläger of­fen­bar nicht über­zeu­gen ließ.

Das zen­tra­le Ar­gu­ment der Pi­lo­ten lau­te­te, dass die in der Ver­trags­be­en­di­gung lie­gen­de Schlech­ter­stel­lung nicht durch Art.6 Abs.1 der Richt­li­nie 2000/78 bzw. durch § 10 AGG ge­recht­fer­tigt sei, da ei­ne mögli­che al­ters­be­ding­te Ver­min­de­rung der Leis­tungsfähig­keit auch durch re­gelmäßige Ge­sund­heitsüber­prüfun­gen, d.h. durch ein we­ni­ger ein­schnei­den­des Mit­tel aus­ge­schlos­sen wer­den könne.

Dem­ge­genüber hat­te aber be­reits das Ar­beits­ge­richt Frank­furt dar­auf hin­ge­wie­sen, dass das ge­ne­rel­le Aus­schei­den von über 60jähri­gen Pi­lo­ten ge­genüber Ge­sund­heits­checks das si­che­re­re Mit­tel sei, d.h. dass Ge­sund­heits­checks eben nicht eben­so ge­eig­net zur Ab­wehr von Si­cher­heits­ri­si­ken wie ei­ne ge­ne­rel­le Al­ters­gren­ze sei­en.

Die Verhält­nismäßig­keit im en­ge­ren Sin­ne (Zu­mut­bar­keit) hat­te das Ar­beits­ge­richt mit Blick auf die im­men­sen Ge­fah­ren des Luft­ver­kehrs be­jaht. Of­fen­bar woll­te auch das LAG an die­sem Punkt der Ar­gu­men­ta­ti­on der Pi­lo­ten nicht fol­gen.

Ein wei­te­res Ar­gu­ment der Pi­lo­ten ziel­te dar­auf, dass an­de­re Flug­ge­sell­schaf­ten Pi­lo­ten auch im Al­ter von über 60 Jah­ren, d.h. bis zur Al­ters­gren­ze von 65 Jah­ren beschäfti­gen würden. Die­ses Ar­gu­ment ist aber von vorn­her­ein nicht über­zeu­gend, da die­se Hand­ha­bung ja mögli­cher­wei­se mit zu ho­hen Ri­si­ken für den Flug­ver­kehr ver­bun­den ist.

Auf­grund der Tat­sa­che, dass zufälli­ger­wei­se ei­nen Tag nach dem Pi­lo­ten­ur­teil des Hes­si­schen LAG auch der EuGH zu der Fra­ge der Zulässig­keit recht­li­cher Al­ters­gren­zen - und zwar in ei­nem ar­beit­neh­mer­un­freund­li­chen Sin­ne - ent­schie­den hat (EuGH, Ur­teil vom 16.10.2007, C-411/05 - Pa­la­ci­os de la Vil­la), dürf­ten die Pro­zess­aus­sich­ten der drei Luft­hans­a­pi­lo­ten in ei­nem mögli­chen Re­vi­si­ons­ver­fah­ren vor dem BAG der­zeit eher schlecht ste­hen.

Fa­zit: Es scheint der­zeit, als könn­te man das The­ma Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung im Zu­sam­men­hang mit dem The­ma Zwangs­pen­sio­nie­rung - je­den­falls ju­ris­tisch - zu den Ak­ten le­gen, da Schlech­ter­stel­lun­gen we­gen des Al­ters durch ei­nen au­to­ma­tisch mit ei­nem be­stimm­ten Al­ter ein­tre­ten­den Job­ver­lust auf­grund der ak­tu­el­len Recht­spre­chung durch al­le mögli­chen Gründe „ge­recht­fer­tigt“ sein könn­ten, so dass das all­ge­mei­ne Ver­bot selbst im Er­geb­nis leer läuft.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) als Re­vi­si­ons­ge­richt über den Fall ent­schie­den und - nach ei­ner Vor­la­ge zum Eu­ropäischen Ge­richts­hof - der Re­vi­si­on statt­ge­ge­ben. In­for­ma­tio­nen zu dem BAG-Ur­teil fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 11. April 2016

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