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EuGH kippt Al­ters­gren­ze 60 für Luft­han­sa-Pi­lo­ten

EuGH: Ta­rif­ver­trag­li­che Al­ters­gren­ze 60 für Pi­lo­ten der Deut­schen Luft­han­sa ist dis­kri­mi­nie­rend: Eu­ro­päi­scher Ge­richts­hof, Ur­teil vom 13.09.2011, C-447/09 (Prig­ge u.a.)
13.09.2011. Ta­rif­ver­trä­ge, de­nen zu­fol­ge Ar­beits­ver­hält­nis­se au­to­ma­tisch mit Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters en­den, sind seit Jah­ren recht­lich und ar­beits­markt­po­li­tisch um­strit­ten.

Nach ei­nem grund­le­gen­den Ur­teil des Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hofs (EuGH) vom 16.10.2007 (C-411/05 - Pa­la­ci­os de la Vil­la) und ei­nem wei­te­ren Ur­teil vom 12.10.2010 (C-45/09 - Ro­sen­bladt) be­steht für Ar­beit­neh­mer al­ler­dings kaum Hoff­nung, sich un­ter Be­ru­fung auf das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung ge­gen sol­che Zwangs­pen­sio­nie­run­gen recht­lich zu weh­ren.

Ent­spre­chend die­sem Trend hat­ten das Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main 2006 und da­nach das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) mit Ur­teil vom 15.10.2007 (17 Sa 809/07) die Kla­ge drei­er Luft­han­sa-Pi­lo­ten ab­ge­wie­sen, die ge­gen die ta­rif­ver­trag­lich fest­ge­leg­te Be­en­di­gung ih­rer Ar­beits­ver­hält­nis­se mit dem Er­rei­chen des 60. Le­bens­jah­res ge­klagt hat­ten. In drit­ter In­stanz hat­te dann das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) mit Be­schluss vom 17.06.2009 (7 AZR 112/08 (A)) die Ent­schei­dung ver­tagt und dem EuGH die Fra­ge vor­ge­legt, ob die Zwangs­ver­ren­tung von Pi­lo­ten mit 60 Jah­ren mit dem Eu­ro­pa­recht ver­ein­bar ist oder nicht.

Heu­te hat der EuGH ent­schie­den, und zwar zu­guns­ten der Pi­lo­ten. De­ren Pen­sio­nie­rung mit Al­ter 60 war dem­nach ei­ne un­zu­läs­si­ge Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters: EuGH, Ur­teil vom 13.09.2011, C-447/09 (Prig­ge u.a. gg. Deut­sche Luft­han­sa).

Altersgrenze 60 für Piloten - unzulässige Diskriminierung wegen des Alters?

Vie­le Ta­rif­verträge se­hen vor, dass Ar­beits­verhält­nis­se au­to­ma­tisch mit dem Ren­ten­ein­tritts­al­ter en­den, das heu­te (noch) bei 65 Jah­ren liegt. Wer oh­ne­hin in den Ru­he­stand tre­ten möch­te, kann da­mit le­ben. An­de­re Ar­beit­neh­mer be­wer­ten den un­ge­woll­ten Ver­lust ih­res Ar­beits­plat­zes al­lein auf­grund des Ren­ten­al­ters als ver­bo­te­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung.

Denn ei­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung liegt vor, wenn Ar­beit­neh­mer nur we­gen ih­res ju­gend­li­chen oder vor­gerück­ten Al­ters ungüns­ti­ger be­han­delt wer­den als älte­re oder jünge­re Kol­le­gen, oh­ne dass dies durch ei­ne „verhält­nismäßige“ Ver­fol­gung so­zi­al­po­li­ti­scher Zie­le oder durch zwin­gen­de Si­cher­heits­gründe ge­recht­fer­tigt wäre.

Das er­gibt sich aus dem EU-Recht, v.a. aus der Richt­li­nie 2000/78/EG, und dem All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG), das die­se und an­de­re EU-Richt­li­ni­en um­setzt. Wie erwähnt, hält der EuGH ta­rif­li­che Al­ters­gren­zen im All­ge­mei­nen für zulässig. Al­ler­dings trifft die Al­ters­gren­ze Pi­lo­ten härter, da sie schon mit 60 aus­schei­den sol­len.

Ein Streitfall geht durch die Instanzen: Reinhard Prigge, Michael Fromm und Volker Lambach gg. Deutsche Lufthansa

Drei Pi­lo­ten der Deut­schen Luft­han­sa, Rein­hard Prig­ge, Mi­cha­el Fromm und Vol­ker Lam­bach, er­reich­ten im No­vem­ber 2006 bzw. im Lau­fe des Jah­res 2007 ihr 60. Le­bens­jahr, wor­auf­hin sich die Luft­han­sa un­ter Ver­weis auf ei­ne ta­rif­ver­trag­li­che Al­ter­sklau­sel auf den Stand­punkt stell­te, ih­re
Ar­beits­verhält­nis­se sei­en al­ters­be­dingt be­en­det.

Da­ge­gen klag­ten die Pi­lo­ten im Ok­to­ber 2006 vor dem Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main, das die Kla­ge ab­wies (Ur­teil vom 14.03.2007, 6 Ca 7405/06). Auch vor dem Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) hat­ten sie kei­nen Er­folg (Hes­si­sches LAG, Ur­teil vom 15.10.2007, 17 Sa 809/07 - wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell 07/79 Al­ters­gren­ze von 60 Jah­ren bei Luft­hans­a­pi­lo­ten ist rech­tens). Ar­beits­ge­richt und LAG hiel­ten die ta­rif­li­che Al­ters­gren­ze für zulässig.

Dar­auf­hin hat­te das BAG im Jah­re 2009 über den Fall zu ent­schei­den und be­zwei­fel­te, ob sei­ne bis­he­ri­ge Recht­spre­chung zur ta­rif­li­chen Al­ters­gren­ze von 60 Jah­ren bei Pi­lo­ten mit dem Eu­ro­pa­recht ver­ein­bar ist. Das BAG leg­te die­se Fra­ge da­her dem EuGH vor (Be­schluss vom 17.06.2009, 7 AZR 112/08 (A) - wir be­rich­te­ten darüber in: Ar­beits­recht ak­tu­ell 09/118 Ist die Zwangs­ver­ren­tung von Pi­lo­ten mit 60 Jah­ren doch eu­ro­pa­rechts­wid­rig?).

Nach­dem der EuGH-Ge­ne­ral­an­walt Vil­lalón die strei­ti­ge Ta­rif­re­ge­lung in sei­nen Schluss­anträgen vom 19.05.2011, C-447/09 als dis­kri­mi­nie­rend be­wer­tet hat­te, war zu er­war­ten, dass der EuGH eben­falls in die­sem Sin­ne, d.h. zu­guns­ten der Pi­lo­ten ent­schei­den würde (ei­nen Be­wer­tung der Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts fin­den Sie in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/124 Al­ters­gren­ze 60 für Pi­lo­ten im Ta­rif­ver­trag ist dis­kri­mi­nie­rend).

EuGH: Tarifliche Altersgrenze für Piloten ist eine verbotene Altersdiskriminierung

In die­sem Sin­ne hat der EuGH heu­te tatsächlich ent­schie­den (Ur­teil vom 13.09.2011, Rs. C-447/09, Prig­ge u.a. gg. Deut­sche Luft­han­sa). Zur Be­gründung heißt es in dem Ur­teil:

Die in der Richt­li­nie 2000/78/EG vor­ge­se­he­ne Aus­nah­me vom Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung, die für Re­ge­lun­gen im In­ter­es­se der „öffent­li­chen Si­cher­heit“ gilt (Art. 2 Abs. 5), gilt hier nicht. Denn dann müss­te der Staat selbst tätig wer­den und dürf­te die Re­ge­lung ei­ner so wich­ti­gen Fra­ge nicht den Ta­rif­par­tei­en über­las­sen.

Die ta­rif­li­che Al­ters­gren­ze ist auch nicht durch Art. 4 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG ge­recht­fer­tigt, da ein Al­ter un­ter 60 Jah­ren kei­ne „we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung“ für die Ar­beit ei­nes Pi­lo­ten dar­stellt. Denn so­wohl deut­sche als auch in­ter­na­tio­na­le Re­geln er­lau­ben es Ver­kehrspi­lo­ten, bis zum 65. Le­bens­jahr zu ar­bei­ten.

So­mit kann die strei­ti­ge Ta­rif­vor­schrift nur auf Art. 6 der Richt­li­nie 2000/78/EG als Recht­fer­ti­gungs­grund gestützt wer­den, der al­ters­be­ding­te Schlech­ter­stel­lun­gen er­laubt, wenn sie ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen und durch ein le­gi­ti­mes Ziel ge­recht­fer­tigt sind.

Hier aber meint der EuGH, dass als „le­gi­ti­me Zie­le“ für ei­ne Zwangs­pen­sio­nie­rung im Sin­ne die­ser Vor­schrift nur beschäfti­gungs­po­li­ti­sche Zie­le her­an­ge­zo­gen wer­den können, nicht aber die öffent­li­che Si­cher­heit. Und das mögli­che beschäfti­gungs­po­li­ti­sche Ziel der Förde­rung jünge­rer Ar­beit­neh­mer er­laubt ei­ne ta­rif­li­che Zwangs­be­ren­tung von Pi­lo­ten im Al­ter von 60 Jah­ren nicht, da dies un­verhält­nismäßig wäre. Denn da Pi­lo­ten oh­ne­hin mit 65 Jah­ren nicht mehr ar­bei­ten dürfen, ist es ih­nen nicht zu­zu­mu­ten, auf im­mer­hin fünf vol­le Jah­re ih­res mögli­chen Be­rufs­le­bens zu ver­zich­ten.

Fa­zit: Pi­lo­ten müssen auf­grund in­ter­na­tio­na­ler Si­cher­heits­be­stim­mun­gen so oder so mit 65 Jah­ren aufhören. Die­se Gren­ze um sat­te fünf (!) Jah­re vor­zu­ver­la­gern, ist von der Re­ge­lungs­macht der Ta­rif­part­ner nicht mehr ge­deckt und den be­trof­fe­nen Pi­lo­ten nicht zu­zu­mu­ten. Die ta­rif­li­che Al­ters­gren­ze 60 verstößt da­her ge­gen das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung. Be­trof­fe­nen Pi­lo­ten ist zu ra­ten, ge­gen die von der Flug­ge­sell­schaft be­haup­te­te Auflösung ih­rer Ar­beits­verhält­nis­se mit Er­rei­chen der Al­ters­gren­ze 60 zu kla­gen.

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Letzte Überarbeitung: 21. September 2016

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