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Kün­di­gung durch Be­triebs­über­neh­mer - Er­halt des Wi­der­spruchs­rechts auch oh­ne Kla­ge

Kün­di­gung nach Be­triebs­über­gang: kein Wi­der­spruchs­recht oh­ne Kün­di­gungs­schutz­kla­ge?: Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf, Ur­teil vom 27.05.2009, 7 Sa 443/07
23.10.2009. Im Fal­le ei­nes Be­triebs­über­gangs hat der Ar­beit­neh­mer das Recht, dem Über­gang sei­nes Ar­beits­ver­hält­nis­ses auf den Er­wer­ber - in­ner­halb ei­ner ge­wis­sen Frist - zu wi­der­spre­chen.

Ob er die­ses Wi­der­spruchs­recht al­ler­dings da­durch ver­wirkt, dass er ge­gen ei­ne Kün­di­gung durch den Er­wer­ber kei­ne Kün­di­gungs­schutz­kla­ge er­hebt, hat­te jetzt das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Düs­sel­dorf zu ent­schei­den, LAG Düs­sel­dorf, Ur­teil vom 27.05.2009, 7 Sa 443/07.

Betriebsübergang: Informationspflicht des Arbeitgebers

Wenn ein Be­trieb oder ein Be­triebs­teil von ei­nem Er­wer­ber über­nom­men wird (Be­triebsüber­gang), tritt der Er­wer­ber au­to­ma­tisch in die Ar­beits­verhält­nis­se der in dem be­trof­fe­nen Be­trieb bzw. Be­triebs­teil beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer gemäß § 613a Abs.1 Satz 1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) ein, d.h. der Er­wer­ber wird der neue Ar­beit­ge­ber, der die Ar­beit­neh­mer zu den Be­din­gun­gen ih­rer al­ten Ar­beits­verhält­nis­se wei­ter­beschäfti­gen muss.

Als Beschäftig­ter muss man ei­nem der­ar­ti­gen „Ver­kauf“ an ei­nen neu­en Ar­beit­ge­ber al­ler­dings nicht zu­stim­men. Des­halb gibt es das Recht, Wi­der­spruch hier­ge­gen ein­zu­le­gen. Das Ar­beits­verhält­nis geht dann ge­ra­de nicht auf den Er­wer­ber über, son­dern der Ar­beit­neh­mer bleibt bei dem al­ten Ar­beit­ge­ber.

Da­mit die Ar­beit­neh­mer be­ur­tei­len können, ob ein Wi­der­spruch ge­gen die Über­lei­tung des Ar­beits­verhält­nis­ses sinn­voll ist, müssen der Be­triebs­veräußerer oder der Er­wer­ber die Beschäftig­ten über Hin­ter­gründe und Kon­se­quen­zen des Be­triebsüber­gangs in­for­mie­ren. Dies ist im Ein­zel­nen in § 613a Abs.5 BGB fest­ge­legt und wur­de von der Recht­spre­chung in den letz­ten Jah­ren im­mer wei­ter präzi­siert und aus­ge­wei­tet.

Für den al­ten und den neu­en Ar­beit­ge­ber hat dies Kon­se­quen­zen: Ei­gent­lich hat der Ar­beit­neh­mer nur ei­nen Mo­nat Zeit ab Zu­gang des In­for­ma­ti­ons­schrei­bens, um Wi­der­spruch ein­zu­le­gen. Wenn die In­for­ma­ti­on je­doch un­rich­tig oder un­vollständig war, be­ginnt die­se Frist nicht zu lau­fen, so dass Ar­beit­neh­mer auch nach Jah­ren noch Wi­der­spruch ein­le­gen und so zum al­ten Ar­beit­ge­ber zurück­keh­ren können. Da­von wird vor al­lem dann Ge­brauch ge­macht, wenn der Er­wer­ber in­sol­vent wird.

Al­ler­dings be­grenzt die Recht­spre­chung die Möglich­keit ei­nes der­art späten Wi­der­spru­ches, in­dem sie in be­stimm­ten Kon­stel­la­tio­nen an­nimmt, dass der Wi­der­spruch ver­wirkt ist.

Dies ist zum Bei­spiel nach ei­nem kürz­lich vom Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ent­schie­de­nen Fall (Ur­teil vom 23.07.2009, 8 AZR 357/08) so, wenn der Ar­beit­neh­mer mit dem Er­wer­ber ei­nen Auf­he­bungs­ver­trag ab­sch­ließt. Da­durch zeigt der Ar­beit­neh­mer nämlich, dass sein Ar­beits­verhält­nis (endgültig) beim Er­wer­ber be­steht und zu­dem verfügt er durch die (frei­wil­li­ge) Be­en­di­gung über sein Ar­beits­verhält­nis. In die­sem Fall hat der Ar­beit­neh­mer nicht mehr die Möglich­keit, zu dem al­ten Ar­beit­ge­ber durch Wi­der­spruch zurück­zu­keh­ren.

Pro­ble­ma­tisch ist, ob der Ar­beit­neh­mer sein Wi­der­spruchs­recht auch dann ver­wirkt, wenn der Er­wer­ber ihm ei­ni­ge Mo­na­te nach dem Be­triebsüber­gang kündigt und der Ar­beit­neh­mer hier­ge­gen kei­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge er­hebt, die Kündi­gung al­so gemäß den Vor­schrif­ten des KSchG als wirk­sam an­zu­se­hen ist. Mit die­ser Fra­ge be­fasst sich ei­ne Ent­schei­dung des LAG Düssel­dorf (Ur­teil vom 27.05.2009, 7 Sa 443/07).

Widerspruch gegen den Übergang des Arbeitsverhältnisses nach Nicht-Erhebung einer Kündigungsschutzklage gegen die Betriebserwerberin

Im Ok­to­ber 2004 wur­de die kla­gen­de Ar­beit­neh­me­rin darüber in­for­miert, dass es in Kürze ei­nen Be­trieb­teilsüber­gang des Be­rei­ches, in dem sie beschäftigt war, auf ei­ne ge­gründe­te B. Pho­to GmbH ge­ben soll­te. Al­ler­dings war die­se In­for­ma­ti­on un­zu­rei­chend. Denn die kla­gen­de Ar­beit­neh­me­rin war nicht über die ge­mein­sa­me („ge­samt­schuld­ne­ri­sche“) Haf­tung der be­tei­lig­ten Ar­beit­ge­ber in­for­miert wor­den, die für die Be­ur­tei­lung der fi­nan­zi­el­len La­ge des „neu­en“ Un­ter­neh­mens von Be­deu­tung war.

Der Be­triebsüber­gang fand An­fang No­vem­ber 2004 statt, kurz dar­auf kündig­te die B-Pho­to GmbH der Kläge­rin, nämlich be­reits Mit­te De­zem­ber 2004 mit zwölf­mo­na­ti­ger Frist, d.h. zum 31.12.2005. Die Ar­beit­neh­me­rin leg­te ge­gen die Kündi­gung kei­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge ein.

Im Mai 2005 stell­te die B. Pho­to GmbH ei­nen In­sol­venz­an­trag. Dar­auf­hin wi­der­sprach die kla­gen­den Ar­beit­neh­me­rin der Über­lei­tung ih­res Ar­beits­verhält­nis­ses, um zu dem al­ten Ar­beit­ge­ber zurück­zu­keh­ren. Dies war un­gefähr ein hal­bes Jahr nach der un­rich­ti­gen In­for­ma­ti­on. Bis zum 31.10.2005 ar­bei­te­te die kla­gen­de Ar­beit­neh­me­rin wei­ter­hin für die B. Pho­to GmbH und er­hielt im An­schluss Ar­beits­lo­sen­geld.

Im Ja­nu­ar 2006 er­hob die Ar­beit­neh­me­rin Kla­ge ge­gen ih­ren al­ten Ar­beit­ge­ber. Sie for­der­te ihr an­geb­lich zu­ge­sag­te Zah­lun­gen und be­gehr­te die Fest­stel­lung, dass ihr Ar­beits­verhält­nis beim al­ten Ar­beit­ge­ber fort­be­stand. Das Ar­beits­ge­richt So­lin­gen hielt die be­gehr­ten Zah­lungs­ansprüche für un­be­gründet, gab aber dem Fest­stel­lungs­an­trag statt. Denn es hielt den Wi­der­spruch der Kläge­rin für wirk­sam und recht­zei­tig (Ur­teil vom 26.01.2007, 2 Ca122/06 lev). Da­ge­gen ging der be­klag­te Ar­beit­ge­ber in Be­ru­fung.

LAG Düsseldorf: Keine Verwirkung des Widerspruchsrechts durch Nichterhebung einer Kündigungsschutzklage

Das LAG gab der kla­gen­den Ar­beit­neh­me­rin Recht. Da­bei setzt es sich auch mit der ak­tu­el­len Recht­spre­chung des BAG kri­tisch aus­ein­an­der.

Das BAG geht in ei­ni­gen Ent­schei­dun­gen da­von aus, dass das Wi­der­spruchs­recht ver­wirkt ist, wenn der Ar­beit­neh­mer ge­gen ei­ne Kündi­gung nach Be­triebsüber­gang kei­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge er­hebt und wei­te­re Umstände hin­zu kom­men (so z.B. BAG, Ur­teil vom 24.7.2008, 8 AZR 175/07). Die­se „wei­te­ren Umständen“ lie­gen hier nicht vor, meint das LAG. Dies folgt nach An­sicht des LAG vor al­lem dar­aus, dass zwi­schen dem Be­triebsüber­gang im No­vem­ber 2004 und der Erklärung des Wi­der­spruchs im Ju­ni 2006 nicht sehr viel Zeit ver­stri­chen war.

An­ders als das BAG meint das LAG je­doch auch, dass ge­ne­rell das Wi­der­spruchs­recht ei­nes Ar­beit­neh­mers nicht da­durch ver­wirkt sein kann, dass der Ar­beit­neh­mer sich ge­gen ei­ne Kündi­gung durch den Er­wer­ber nach Be­triebsüber­gang nicht wehrt. Denn da­mit zeigt der Ar­beit­neh­mer ja ge­ra­de, dass er sein Ar­beits­verhält­nis mit dem Er­wer­ber nicht fortführen möch­te.

Das Ur­teil des LAG ist gut be­gründet und über­zeugt im Er­geb­nis. Folgt man der vom LAG nicht ge­teil­ten Auf­fas­sung, dass ein Ar­beit­neh­mer Kündi­gungs­schutz­kla­ge ge­gen ei­ne vom Er­wer­ber aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung er­he­ben muss, um sein Wi­der­spruchs­recht nicht zu ver­wir­ken, würde man von dem Ar­beit­neh­mer ei­ne in­ter­es­sen­wid­ri­ge Kla­ge ver­lan­gen.
Denn der Ar­beit­neh­mer müss­te auf die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis mit dem Er­wer­ber kla­gen, ob­wohl er sein Ar­beits­verhält­nis ja ge­ra­de mit dem al­ten Ar­beit­ge­ber fort­set­zen möch­te.

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Letzte Überarbeitung: 19. Oktober 2016

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