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Ar­beits­zeit­kon­to - Ver­rech­nung von Zeit­gut­ha­ben mit Mi­nus­stun­den

Kei­ne Ver­rech­nung von Zeit­gut­ha­ben auf ei­nem Ar­beits­kon­to oh­ne Rechts­grund­la­ge in ei­nem Ar­beits­ver­trag, ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung oder ei­nem Ta­rif­ver­trag: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 21.03.2012, 5 AZR 676/11

22.03.2012. Ar­beits­zeit­kon­ten er­mög­li­chen es dem Ar­beit­ge­ber, ei­nen schwan­ken­den Be­darf an der Ar­beits­leis­tung ih­rer Ar­beit­neh­mer aus­zu­glei­chen. Wird ein Ar­beits­zeit­kon­to ge­führt, ist dar­in fest­ge­hal­ten, in wel­chem Um­fang der Ar­beit­neh­mer sei­ne Ar­beits­pflicht er­füllt hat (Plus­stun­den) oder noch er­fül­len muss (Mi­nus­stun­den).

Der­ar­ti­ge Ar­beits­zeit­re­ge­lun­gen sind kom­pli­ziert, weil klar sein muss, wann Plus- und wann Mi­nus­stun­den an­fal­len, wie vie­le Plus- und wie­vie­le Mi­nus­stun­den Ar­beit­neh­mer an­häu­fen kön­nen und was bei ei­ner Be­en­di­gung des Ar­beits­ver­hält­nis­ses mit den St­un­den­gut­ha­ben bzw. den Mi­nus­stun­den ge­sche­hen soll.

Da Ar­beits­zeit­kon­ten für den Ar­beit­neh­mer die Ge­fahr von Mi­nus­stun­den mit sich brin­gen und sehr kom­pli­ziert sind, sind sie nur zu­läs­sig, wenn es da­für ei­ne recht­li­che Grund­la­ge gibt. Sie kann in ei­nem Ar­beits­ver­trag be­ste­hen, aber auch in ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung oder in ei­nem Ta­rif­ver­trag.

Gibt es kei­ne sol­che Grund­la­ge, kann der Ar­beit­ge­ber "Mi­nus­stun­den" nicht ver­rech­nen. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat in ei­ner ges­tern er­gan­ge­nen Ent­schei­dung deut­lich ge­macht, dass dies auch dann gilt, wenn sich ta­rif­ver­trag­li­che Ar­beits­zeit­re­ge­lun­gen än­dern und dies zu ei­ner län­ge­ren Ar­beits­ver­pflich­tung füh­ren, die der Ar­beit­ge­ber al­ler­dings nicht be­trieb­lich um­setzt.

Die da­durch an­fal­len­den "Mi­nus­stun­den" fal­len dem Ar­beit­ge­ber zur Last, d.h. er ist nur dann be­rech­tigt, sie mit ei­nem Ar­beits­zeit­kon­to-Gut­ha­ben zu ver­rech­nen, wenn der Ta­rif­ver­trag die­se Art von Mi­nus­stun­den und die Mög­lich­keit der Ver­rech­nung mit Gut­ha­ben­stun­den auch er­laubt: BAG, Ur­teil vom 21.03.2012, 5 AZR 676/11.

Ge­klagt hat­te ei­ne ta­rif­ver­trag­lich be­schäf­tig­te Brief­zu­stel­le­rin. Auf ihr Ar­beits­ver­hält­nis fan­den die für den Ar­beit­ge­ber gel­ten­den Ta­rif­ver­trä­ge An­wen­dung. Die­se Ta­rif­ver­trä­ge sa­hen vor, dass die Ar­beit­neh­mer in­ner­halb der Ar­beits­zeit Er­ho­lungs­zei­ten er­hal­ten, die in den Dienst­plä­nen zu be­zahl­ten Kurz­pau­sen zu­sam­men­ge­fasst sind. Au­ßer­dem war vor­ge­se­hen, dass die au­ßer­halb der dienst­plan­mä­ßi­gen Ar­beits­zeit ge­leis­te­te Über­stun­den auf ei­nem Ar­beits­zeit­kon­to fest­ge­hal­ten wer­den, und dass auch der Aus­gleich sol­cher Über­stun­den in dem Ar­beits­zeit­kon­to er­fasst wird.

Nach­dem am 01.04.2008 ein neu­er Ta­rif­ver­trag in Kraft trat, der die Er­ho­lungs­zei­ten zu­las­ten der Ar­beit­neh­mer kürz­te, setz­te der Ar­beit­ge­ber die­se Kür­zung zu­nächst für drei Mo­na­te in sei­nen Dienst­plä­nen nicht um, d.h. die Ar­beit­neh­mer ar­bei­te­te zu­nächst wie ge­wohnt wei­ter, näm­lich von April bis Ju­ni 2008. Rech­ne­risch ar­bei­te­te die Brief­zu­stel­le­rin da­her in die­sen drei Mo­na­ten 7,20 St­un­den zu we­nig.

Der Ar­beit­ge­ber kürz­te ihr da­her ein be­ste­hen­des Über­stun­den-Zeit­gut­ha­ben im Um­fang von 7,20 St­un­den, d.h. das Ar­beits­zeit­kon­to der Klä­ge­rin wies auf ein­mal 7,20 St­un­den we­ni­ger Gut­ha­ben­stun­den aus. Das be­grün­de­te der Ar­beit­ge­ber da­mit, dass die Brief­zu­stel­le­rin in der Zeit vom 01.04.2008 bis zum 30.06.2008 die ge­schul­de­te Ar­beits­zeit nicht voll­stän­dig er­bracht ha­be.

Das ließ sich die Brief­zu­stel­le­rin nicht ge­fal­len und zog vor Ge­richt mit dem Ziel, den Ar­beit­ge­ber zur Gut­schrift der ge­stri­che­nen St­un­den zu ver­ur­tei­len. Das Ar­beits­ge­richt Neu­rup­pin gab der Kla­ge statt (Ur­teil vom 14.09.2010, 2 Ca 1259/09) und auch das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg gab der Ar­beit­neh­me­rin recht (LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 03.03.2011, 5 Sa 2328/10). Die­se Ent­schei­dun­gen hat das BAG ges­tern be­stä­tigt und die Re­vi­si­on des Ar­beit­ge­bers zu­rück­ge­wie­sen.

Zur Be­grün­dung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG, dass we­der der Ta­rif­ver­trag noch ei­ne ein­schlä­gi­ge Be­triebs­ver­ein­ba­rung dem Ar­beit­ge­ber das Recht ga­ben, das Ar­beits­zeit­kon­to der Brief­zu­stel­le­rin mit Mi­nus­stun­den zu be­las­ten, die sich dar­aus er­ga­ben, dass der Ar­beit­ge­ber die zu sei­nen Guns­ten ge­än­der­te ta­rif­ver­trag­li­che Wo­chen­ar­beits­zeit in sei­nen Dienst­plä­nen nicht aus­schöpf­te.

Fa­zit: Mit die­ser Ent­schei­dung hat das BAG nicht nur das LAG Ber­lin-Bran­den­burg, son­dern auch das LAG Rhein­land-Pfalz be­stä­tigt, das eben­falls vor kur­zem klar­ge­stellt hat, dass Ar­beit­ge­ber oh­ne ta­rif­li­che oder be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Grund­la­ge kein Ar­beits­zeit­kon­to mit Mi­nus­stun­den füh­ren kön­nen (LAG Rhein­land-Pfalz, Ur­teil vom 15.11.2011, 3 Sa 493/11 - wir be­rich­te­ten dar­über in Ar­beits­recht ak­tu­ell 12/118: Mi­nus­stun­den nur bei Ar­beits­kon­to-Ver­ein­ba­rung).

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das BAG sei­ne Ent­schei­dungs­grün­de ver­öf­fent­licht. Das voll­stän­dig be­grün­de­te Ur­teil des BAG fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 9. Juni 2014

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