Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Arbeitsrecht aktuell
Jahr

Eh­ren­amt und Ar­beits­ver­trag

Ei­ne eh­ren­amt­lich tä­ti­ge Te­le­fon­seel­sor­ge­rin ist kei­ne Ar­beit­neh­mer und hat da­her kei­nen Kün­di­gungs­schutz: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 29.08.2012, 10 AZR 499/11

30.08.2012. Vie­le für die Ge­sell­schaft wich­ti­ge Auf­ga­ben kön­nen nur er­le­digt wer­den, weil es en­ga­gier­te Men­schen gibt, die für ih­re Leis­tun­gen kein Geld ha­ben wol­len, son­dern die­se Leis­tun­gen oh­ne Ge­gen­leis­tung bzw. eh­ren­amt­lich er­brin­gen. Die wich­tigs­ten Tä­tig­keits­fel­der eh­ren­amt­lich en­ga­gier­ter Bür­ge­rin­nen und Bür­ger sind die Be­treu­ung von Kin­dern so­wie die Pfle­ge al­ter und kran­ker Men­schen. Aber auch El­tern­ver­tre­ter in der Schu­le, Schöf­fen bei Ge­richt oder Be­triebs­rä­te ar­bei­ten eh­ren­amt­lich.

Weil Eh­ren­amt­li­che für ih­re Leis­tun­gen kein Geld be­kom­men und auch kein Geld ha­ben wol­len, sind sie nicht auf der Grund­la­ge ei­nes Ar­beits­ver­trags tä­tig. Denn Ar­beits­ver­trä­ge sind ei­ne spe­zi­el­le Form von Dienst­ver­trä­gen, und Dienst­ver­trä­ge wie­der­um sind Aus­tausch­ver­trä­ge: Der Dienst­ver­pflich­te­te bzw. Ar­beit­neh­mer "macht es für Geld", d.h. er ar­bei­tet um des Loh­nes wil­len.

Al­ler­dings kann man sich fra­gen, ob die­se Rechts­grund­sät­ze auch heu­te noch rich­tig sind. Wenn die Er­werbs­tä­tig­keit vie­ler jun­ger Men­schen aus ei­ner jah­re­lan­gen Ab­fol­ge von Prak­ti­kums­ver­hält­nis­sen be­steht und vie­le Po­li­ti­ker eh­ren­amt­li­ches En­ga­ge­ment im­mer lau­ter und deut­li­cher "ein­for­dern", kann man über­le­gen, den recht­li­chen Schutz von Ar­beit­neh­mern auf eh­ren­amt­lich tä­ti­ge Men­schen aus­zu­wei­ten. Sol­chen Über­le­gun­gen hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) mit ei­nem Ur­teil vom gest­ri­gen Ta­ge ei­ne Ab­sa­ge er­teilt: BAG, Ur­teil vom 29.08.2012, 10 AZR 499/11.

Sind ehrenamtlich tätige Bürgerinnen und Bürger Arbeitnehmer?

Wer Ar­beit­neh­mer ist, kann so­zia­le und ma­te­ri­el­le Si­cher­heit be­an­spru­chen. Ar­beit­neh­mer ha­ben bei Krank­heit An­spruch auf Ent­gelt­fort­zah­lung (§ 3 Ent­gelt­fort­zah­lungs­ge­setz - Ent­gFG) und sie können ei­nen be­zahl­ten Er­ho­lungs­ur­laub ver­lan­gen (§ 1 Bun­des­ur­laubs­ge­setz - BUrlG). Außer­dem ge­nießen sie nor­ma­ler­wei­se Kündi­gungs­schutz auf der Grund­la­ge des Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes (KSchG).

Ar­beit­neh­mer sind prak­tisch im­mer auch "Beschäftig­te" im Sin­ne des So­zi­al­ver­si­che­rungs­rechts und da­her in al­len fünf Zwei­gen der So­zi­al­ver­si­che­rung (Ren­ten­ver­si­che­rung, Kran­ken­ver­si­che­rung, Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung, Pfle­ge­ver­si­che­rung, Un­fall­ver­si­che­rung) ver­si­chert.

Im Un­ter­schied da­zu sind eh­ren­amt­lich täti­ge Men­schen nur in der ge­setz­li­chen Un­fall­ver­si­che­rung geschützt. Wer da­her als El­tern­ver­tre­ter auf dem Weg zu ei­ner abend­li­chen Schul­kon­fe­renz oder wer als eh­ren­amt­li­cher Rich­ter auf dem Weg zum Ar­beits­ge­richt ei­nen Un­fall er­lei­det und ver­letzt wird, kann Leis­tun­gen der ge­setz­li­chen Un­fall­ver­si­che­rung ver­lan­gen.

Das wars dann aber auch. Wei­te­re Ab­si­che­run­gen der eh­ren­amt­li­chen Tätig­keit sind ge­setz­lich nicht vor­ge­se­hen. Denn die Si­che­rung des Lohn­an­spruchs bei Krank­heit und Ur­laub er­gibt kei­nen Sinn, wenn es von vorn­her­ein kei­nen Lohn­an­spruch gibt. Und auch der Be­triebs­rat hat sich um eh­ren­amt­li­che Kräfte nicht zu kümmern (§ 5 Abs.2 Nr.3 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz - Be­trVG).

Zu über­le­gen ist al­ler­dings, ob Eh­ren­amt­li­che nicht viel­leicht (als ei­ne Art un­ty­pi­sche Ar­beit­neh­mer) Kündi­gungs­schutz in An­spruch neh­men können. Denn wer lan­ge Zeit re­gelmäßig eh­ren­amt­lich ar­bei­tet, stellt sich dar­auf ein und kann er­war­ten, dass ihm nicht von heu­te auf mor­gen der Stuhl vor die Tür ge­setzt wird.

Der Streitfall: Ehrenamtliche Telefonseelsorgerin wird entlassen und erhebt Kündigungsschutzklage

In dem vom BAG ent­schie­de­nen Fall strit­ten ein Träger der Te­le­fon­seel­sor­ge und ei­ne dort eh­ren­amt­lich täti­ge Seel­sor­ge­rin um den Fort­be­stand ih­res Ver­trags­verhält­nis­ses.

Der Träger der Te­le­fon­seel­sor­ge un­ter­hielt ei­ne Be­triebsstätte, in der ein haupt­amt­li­cher und et­wa fünf­zig eh­ren­amt­li­che Mit­ar­bei­ter den Seel­sor­ge­dienst ver­rich­te­ten. Nach der Dienst­ord­nung wur­de von den eh­ren­amt­li­chen Kräften er­war­tet, dass die­se sich re­gelmäßig am Dienst be­tei­li­gen, und zwar min­des­tens zehn St­un­den pro Mo­nat. Je­weils im Vor­mo­nat leg­te der Träger der Te­le­fon­seel­sor­ge ei­nen Dienst­plan für den nächs­ten Mo­nat aus, in den sich die eh­ren­amt­li­chen Mit­ar­bei­ter ein­tra­gen muss­ten.

Die Kläge­rin war auf der Grund­la­ge ei­nes schrift­lich fest­ge­hal­te­nen Ver­trags („Be­auf­tra­gung“) seit dem April 2002 als eh­ren­amt­li­che Te­le­fon­seel­sor­ge­rin für zehn St­un­den im Mo­nat tätig. Dafür er­hielt sie kei­nen Lohn, son­dern nur ei­nen Un­kos­ten­er­satz von 30,00 EUR pro Mo­nat. Am 22.01.2010 wur­de die Kläge­rin münd­lich von ih­rem Dienst ent­bun­den.

Das ließ sie sich nicht ge­fal­len. Sie zog vor das Ar­beits­ge­richt Chem­nitz und er­hob Kündi­gungs­schutz­kla­ge. Mit die­ser Kla­ge hat­te sie we­der vor dem Ar­beits­ge­richt Chem­nitz (Ur­teil vom 18.06.2010, 5 Ca 429/10) noch vor dem Säch­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Er­folg (Säch­si­sches LAG, Ur­teil vom 20.05.2011, 3 Sa 579/10).

BAG: Durch die Ausübung ehrenamtlicher Tätigkeit wird kein Arbeitsverhältnis begründet

Auch das BAG ent­schied ge­gen die Seel­sor­ge­rin, denn zwi­schen ihr und dem Träger der Te­le­fon­seel­sor­ge be­stand kein Ar­beits­verhält­nis, so das BAG. Zur Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mit­tei­lung des BAG:

Es ist recht­lich zulässig, so das BAG, sich per Ver­trag zur Leis­tung von Diens­ten zu ver­pflich­ten, oh­ne dass der an­de­re Ver­trags­part­ner dafür Geld be­zah­len muss. Dies gilt je­den­falls dann,

  • wenn ein Ar­beits­lohn - wie das für eh­ren­amt­li­che Tätig­kei­ten ty­pisch ist - nicht zu er­war­ten ist, und
  • wenn kein "Miss­brauch" vor­liegt.

Denn Eh­renämter die­nen nicht der Si­che­rung oder Bes­se­rung der wirt­schaft­li­chen Exis­tenz, so das BAG. Sie sind "Aus­druck ei­ner in­ne­ren Hal­tung ge­genüber Be­lan­gen des Ge­mein­wohls und den Sor­gen und Nöten an­de­rer Men­schen".

Und da im Streit­fall auch kein An­halts­punkt dafür be­stand, dass der Auf­trag­ge­ber zwin­gen­de ar­beits­recht­li­che Schutz­vor­schrif­ten um­ge­hen woll­te, war die ver­trag­li­che Ver­ein­ba­rung zwi­schen der Seel­sor­ge­rin und dem Träger recht­lich in Ord­nung.

Fa­zit: Es mag sein, dass eh­ren­amt­lich täti­ge Bürge­rin­nen und Bürger bei ih­rer Tätig­keit Wei­sun­gen be­fol­gen müssen, doch führt al­lein dies noch nicht zu ei­ner so­zia­len Abhängig­keit, wie sie für ein Ar­beits­verhält­nis ty­pisch ist. Denn Ar­beit­neh­mer wer­den durch die Wei­sungs­abhängig­keit be­las­tet, weil sie auf den Ver­dienst aus dem Ar­beits­verhält­nis an­ge­wie­sen sind. Sie können im Nor­mal­fall nicht ein­fach "hin­schmeißen". Die­se wirt­schaft­li­che und da­mit persönli­che Un­abhängig­keit hat aber der­je­ni­ge, der von vorn­her­ein kein Geld ver­langt. Und auch zeit­lich ge­se­hen ist sein Eh­ren­amt meist ei­ne Ne­bentätig­keit.

Dem­ent­spre­chend wer­den Eh­ren­amt­li­che auch durch ei­ne Kündi­gung nicht so be­las­tet, wie dies bei Ar­beit­neh­mern der Fall ist. Denn da sie mit ih­rem Eh­ren­amt von vorn­her­ein kein Geld ver­die­nen, führt ei­ne Kündi­gung auch nicht zu wirt­schaft­li­chen Ein­bußen. Und auch ei­ne eh­ren­amt­li­che An­schluss-"Beschäfti­gung" wird man leich­ter fin­den als ein gekündig­ter Ar­beit­neh­mer ei­ne neue be­zahl­te An­stel­lung.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das BAG sei­ne Ent­schei­dungs­gründe veröffent­licht. Das vollständig be­gründe­te Ur­teil des BAG fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 3. März 2016

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin

Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

E-Mail: berlin@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main

Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

E-Mail: frankfurt@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg

Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

E-Mail: hamburg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover

Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

E-Mail: hannover@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln

Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

E-mail: koeln@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München

Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

E-Mail: muenchen@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg

Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

E-Mail: nuernberg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart

Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

E-Mail: stuttgart@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

 

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2017:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880